„Es ist die Berufung in der Berufung"

Hospizhelfer erfüllen gerade in diesen Tagen eine verantwortungsvolle Aufgabe

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Michaela Koller

MÜNCHEN, 24. Dezember 2009 (ZENIT.org).- Gerade an den stillen Tagen um Weihnachten und Neujahr ist ihre Gegenwart besonders wichtig: die Ehrenamtlichen in der Hospiz-Bewegung, die wie das ganze Jahr über zu Schwerstkranken und Sterbenden gehen. Es wird viel vorausgesetzt, um Hospizhelfer werden zu können, ebenso viel wird ihnen abverlangt. Wer aber dabei bleibt, erzählt davon, was dabei alles zurückkommt.

Wenn sie getrockneten Lavendel riecht, kommt der Hospizhelferin Schwester Theresa Worobiej die Erinnerung an ihren ersten Patienten. „Nie wieder hat dieser Duft so gewirkt wie bei ihm. Er war zu schwach, darüber zu sprechen, aber ich merkte, wie stark er darauf reagierte", erzählt die dunkelhaarige Ordensfrau, die neben ihrer Arbeit in der Katholischen Mädchensozialarbeit ehrenamtlich den Christophorus Hospiz Verein in München unterstützt.

Der Schwerstkranke, der so vom Aroma der violetten Blüten angetan war, kam aus der Ukraine und sprach nur wenig Deutsch. Schwester Theresa ist in Polen aufgewachsen. Weil sie sich so wenigstens auf Russisch mit dem Patienten verständigen konnte, schickte sie die Einsatzleitung zu ihm, kaum dass sie die monatelange Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizhelferin abgeschlossen hatte.

Der Ukrainer war erst 50 Jahre alt, litt aber an Magenkrebs im Endstadium. Seit Monaten konnte der Mann nichts mehr essen. Genussvoll tastete er einmal mit der Zunge über seine Lippen, an denen nach einem Kuss seiner Frau eine Spur Schokolade kleben geblieben war. „Ich überlegte daraufhin, was ihm Freude bereiten könnte und brachte beim nächsten Besuch Lavendel mit", erinnert sich die Ordensfrau. Lebhaft blitzen beim Gespräch ihre dunkelbraunen, mandelförmigen Augen auf. „Die erste Begegnung war für mich erschreckend, der Ausdruck seiner Augen, diese Blässe."

In der Nacht nach ihrem ersten Hausbesuch sah Schwester Theresa den Leidenden im Traum vor sich, wachte erschrocken auf, völlig nassgeschwitzt. „Das war das einzige und letzte Mal, dass es mir so erging." Die 50-Jährige galt in der Jugendzeit als zu sensibel, konnte kein Blut sehen und hatte deshalb bald ihren Jungmädchentraum, Krankenschwester zu werden aufgegeben. Seit Beginn ihrer Hospizarbeit jedoch entdeckte sie, wie gut sie in der Natur das Erlebte aufarbeiten kann.

„Ich steige nie gleich in den Bus oder die U-Bahn, sondern gehe immer noch spazieren, egal bei welchem Wetter." Das tat sie auch, als ihr erster Patient starb. Sie sollte unmittelbar in dem Moment des Sterbens nicht dabei sein. Die Einsatzleitung wollte sie erst langsam an diese Herausforderung heranlassen. „Ich habe einfach eine Rose vor seine Tür gelegt." Als sie von seinem Tod erfuhr, lief sie einfach los. „Warum musste der Mann schon mit 50 Jahren sterben? Ich fragte Gott immer wieder, warum das sein musste."

Die Zwiesprache mit Gott ist ihre zweite Kraftquelle, neben der Bewegung im Grünen. Beides zusammen hilft ihr, die intensiven Erfahrungen während der drei, vier Stunden Besuchszeit in der Woche zu verarbeiten. Und die Zeit, die Schwester Theresa Schwerstkranken von ihrem Leben schenkt, vergeht manchmal unendlich langsam.

Da war der Hirntumorpatient, der einfach nur hilflos dalag, überhaupt nicht mehr sprach. Seine Mimik war dabei fast starr. „Erst habe ich ihn einfach nur beobachtet, mich ständig gefragt, ob er noch lebt", sagt die Hospizhelferin. „Eine Stunde dauerte eine Ewigkeit". Jeden Tag arbeite sie fast ausschließlich mit lebhaften jungen Mädchen. Der Kontrast zu dem Leblosen konnte größer nicht sein. Sie habe dann angefangen, Taizélieder zu singen, um sich und den Patienten zu beruhigen. „Es kostete so viel Kraft. Ich war nachher wackelig auf den Beinen."

Dennoch: Die harten Stunden laugen die Ordensfrau und ihre Kollegen nicht aus. „Ich bin viel reicher durch all diese Begegnungen", resümiert die zierliche und lebhafte Schwester. Viele der Schwerstkranken seien mitteilsam bis zum Schluss. Und Schwester Theresa ist für sie da und hört ihnen zu. Meist sind es Geschichten aus dem Leben der Kranken.

Beim Gedanken an die Gespräche lächelt sie, springt plötzlich auf und greift nach einer Strickpuppe, die an der Armlehne eines blauen Sessels lehnt. „Eine Patientin hat sie für mich gestrickt." Als die Frau noch ein letztes Mal vor dem Sterben ins Krankenhaus kam, brachte sie auch dem Stationspersonal kleine Geschenke mit. „Sie war nicht mehr mit sich beschäftigt", meint die Hospizhelferin heute.

Auf die Frage, wie sie überhaupt darauf gekommen sei, neben ihrer vom Ursulinenorden auferlegten beruflichen Verpflichtung auch noch ehrenamtlich aktiv zu werden, antwortet die studierte Theologin Schwester Theresa: „Es ist die Berufung in der Berufung." Grenzsituation übten auf sie einen besonderen Reiz aus, da sie gemerkt habe, dass sie damit gut umgehen könne. Ein Zeitungsartikel über die Eröffnung der Palliativstation der Barmherzigen Brüder 1991 in München-Nymphenburg habe sie schließlich auf die Idee gebracht, Hospizhelferin zu werden.

Da sie aber damals erst seit kurzer Zeit von Polen nach München gekommen war, vergingen noch weitere zehn Jahre, bis sie die für die Ehrenamtlichen verpflichtende Ausbildung mitmachte. Eine Bekannte der Ordensfrau war auf einer Palliativstation gestorben, als sie sich schließlich entschloss, beim Christophorus Hospiz Verein vorstellig zu werden. „Der Gedanke an diese Arbeit war während der vorausgegangenen zehn Jahre immer wieder in mir hochgekommen."

Es ist möglich, dass auch die spezifische Spiritualität ihrer Kongregation sie auf ihren Weg leitete: Sie gehört den „Ursulinen vom Herzen Jesu in Agonie" an, auch graue Ursulinen genannt, die täglich zur Todesstunde Jesu für die Sterbenden des Tages beten. „Mein Orden hat mich jedenfalls von Anfang an in meinem Vorhaben unterstützt", bestätigt Schwester Theresa.

Ohne diese wäre das Ehrenamt bloß ein schöner Wunsch geblieben: „Die Grund- und Aufbauseminare sind kostenpflichtig", sagt Sepp Raischl, der den Einsatz von rund 150 ehrenamtlichen Helfern beim Christophorus Hospiz Verein leitet. Die Seminare nach einem festen Curriculum sowie ein Entscheidungsvorgespräch sind genauso Voraussetzung für den Einsatz bei den Schwerstkranken wie ein Praktikum.

Mindestens ein halbes Jahr der vorbereitenden Auseinandersetzung geht dem Engagement voraus. „Wir fordern die Bewerber und prüfen die Motivation, Verfügbarkeit und Belastbarkeit", erklärt Raischl. „Nach all dem lernen wir die Helfer gut kennen und können so sehen, zu welchem Patienten sie jeweils passen oder ob die Bewerber schon eigene Verluste verarbeitet haben."

Durch die intensive Vorbereitung werde auch vermieden, dass sich aktive Sterbehelfer unter die Ehrenamtlichen mischten. „Zu dem Thema haben wir klare Positionen. Da müsste sich schon jemand gewaltig verstellen", sagt Raischl. „Die Helfer werden zudem nicht allein in die Familien geschickt. Es ist immer ein Hauptamtlicher dabei." Für jeden Platz hat der Verein drei Bewerber.

In einem schriftlichen Vertrag, der befristet ist, verpflichten sich die Ehrenamtlichen etwa, der Leitung mit ihren Beobachtungen während der allwöchentlichen Besuche zuzuarbeiten und sich über Praktisches auszutauschen. Sie werden darin auch zur regelmäßigen Supervision angehalten, was bedeutet, das Erlebte regelmäßig zusammen mit ausgebildeten Supervisoren aufzuarbeiten. „Das dient dem Schutz beider Seiten.", sagt Raischl. Das Gefühl eines Helfenden, ausgenützt zu werden, müsse ebenso vermieden werden, wie Allmachtsfantasien.

Auch Schwester Theresa kennt genau ihre Grenzen. Eine Patientin erwartete von ihr, deren Katzen zu pflegen. „Als ich dies ablehnte, sagte sie, ich brauche nicht mehr zu kommen." Im Unterschied zu ihrem ersten Patienten, dessen Wunsch sie buchstäblich von den Lippen ablas, konnte sie diese Frau nicht glücklich machen. Aber auch das hat sie schon lange verarbeitet, beim Spaziergang und beim Gebet.

Erstmals erschienen in KA + das zeichen 06/09