"Es ist nicht hinnehmbar, dass Tausende von Menschen weiterhin jeden Tag an Hunger sterben"

Brief von Papst Franziskus an den Präsidenten des "World Economic Forums"

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 624 klicks

Wir übernehmen im Wortlaut die offizielle deutsche Übersetzung des Briefes von Papst Franziskus an den Präsidenten des „World Economic Forums“ (WEF), Professor Klaus Schwab. Das Wirtschafstreffen beginnt morgen im schweizerischen Davos zum 44. Mal

***

An Professor Klaus Schwab
Präsident des World Economic Forums

Ich bin sehr dankbar für Ihre freundliche Einladung, mich an die Jahrestagung des World Economic Forums, das Ende dieses Monats wie gewohnt in Davos-Klosters stattfinden wird, zu wenden. Im Vertrauen darauf, dass die Tagung Gelegenheit bieten wird, um die Ursachen der Wirtschaftskrise, die die Welt in den letzten Jahren getroffen hat, eingehender zu betrachten, möchte ich einige Überlegungen vorstellen, in der Hoffnung, dass sie die Diskussionen des Forums bereichern und einen nützlichen Beitrag zu seiner wichtigen Arbeit leisten.

Wir leben in einer Zeit des bemerkenswerten Wandels und der beträchtlichen Fortschritte auf verschiedenen Gebieten, die wichtige Auswirkungen auf das Leben der Menschheit haben. In der Tat: „Lobenswert sind die Erfolge, die zum Wohl der Menschen beitragen, zum Beispiel auf dem Gebiet der Gesundheit, der Erziehung und der Kommunikation“ (Evangelii Gaudium, 52), neben vielen anderen Bereichen der menschlichen Tätigkeit. Außerdem müssen wir die fundamentale Rolle anerkennen, welche das moderne Unternehmertum beim Herbeiführen dieser Änderungen gespielt hat, indem es die gewaltigen Ressourcen der menschlichen Intelligenz gefördert und weiterentwickelt hat. Dennoch haben die erreichten Erfolge, selbst wenn sie für eine große Anzahl von Menschen Armut verringert haben, oft zu einer weitreichenden sozialen Ausgrenzung geführt. Tatsächlich erfährt der Großteil der Männer und Frauen unserer Zeit weiterhin tägliche Unsicherheit mit oft dramatischen Konsequenzen. 

Im Rahmen Ihres Treffens möchte ich die Bedeutung der unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Instanzen für die Förderung eines inklusiven Ansatzes, der die Würde jedes Menschen und das Allgemeinwohl berücksichtigt, betonen. Ich beziehe mich auf ein Anliegen, das in jede politische und wirtschaftliche Entscheidung einfließen sollte, das zuweilen jedoch kaum mehr als ein Nachsatz scheint. Diejenigen, die in diesen Bereichen arbeiten, haben eine klare Verantwortung gegenüber anderen, vor allem denjenigen, die am zerbrechlichsten, schwächsten und verwundbarsten sind. Es ist nicht hinnehmbar, dass Tausende von Menschen weiterhin jeden Tag an Hunger sterben, obwohl erhebliche Mengen an Nahrung verfügbar sind und oft einfach verschwendet werden. Ebenso können wir nicht anders, als bewegt zu sein von den vielen Flüchtlingen, die ein Mindestmaß an würdigen Lebensbedingungen suchen und nicht nur keine Gastfreundschaft erfahren, sondern auf ihrem oft unmenschlichen Weg auch oft auf tragische Weise zugrunde gehen. Ich weiß, dass diese Worte eindringlich und sogar dramatisch sind, aber sie wollen die Fähigkeit dieser Versammlung, eine Veränderung zu bewirken, sowohl bekräftigen als auch auf die Probe stellen. In der Tat können diejenigen, die ihre Fähigkeit zur Innovation und zur Verbesserung der Lebensbedingungen vieler Menschen durch ihren Einfallsreichtum und ihre fachliche Kompetenz bewiesen haben, noch einen weiteren Beitrag leisten, indem sie ihre Fähigkeiten in den Dienst derer stellen, die noch in extremer Armut leben.

Was wir brauchen, ist ein erneuerter, tiefgreifender und erweiterter Sinn für Verantwortung bei allen. „Die Tätigkeit eines Unternehmers ist eine edle Berufung, vorausgesetzt, dass er sich von einer umfassenderen Bedeutung des Lebens hinterfragen lässt“ (Evangelii Gaudium, 203). Solche Männer und Frauen sind in der Lage, dem Gemeinwohl effektiver zu dienen und die Güter dieser Welt für alle zugänglicher machen. Dennoch verlangt die Entwicklung der Gleichberechtigung mehr als Wirtschaftswachstum, obwohl sie es voraussetzt. Sie verlangt vor allem „eine transzendente Sicht der Person“ (Benedikt XVI, Caritas in Veritate, 11), denn: „Ohne die Aussicht auf ein ewiges Leben …(fehlt) dem menschlichen Fortschritt in dieser Welt der große Atem“ (ebd.). Sie erfordert auch Entscheidungen, Mechanismen und Prozesse, die darauf ausgerichtet sind, eine bessere Verteilung des Wohlstands, das Schaffen von Beschäftigungsmöglichkeiten und eine integrale Förderung der Armen, die über eine bloße Wohlfahrtsmentalität hinausgeht, herbeizuführen.

Ich bin überzeugt, dass durch eine solche Offenheit gegenüber dem Transzendenten eine neue politische und wirtschaftliche Mentalität Gestalt annehmen kann. Eine Mentalität, die in der Lage ist, sämtliche wirtschaftlichen und finanziellen Aktivitäten zu leiten, im Horizont eines ethischen Ansatzes, der wirklich menschengerecht ist.

Die internationale Geschäftswelt kann auf viele Männer und Frauen zählen, die große persönliche Ehrlichkeit und Integrität aufweisen, deren Arbeit inspiriert und geleitet wird von hohen Idealen der Fairness, Großzügigkeit und Sorge für die authentische Entwicklung der menschlichen Familie. Ich fordere Sie auf, auf diese großen menschlichen und moralischen Ressourcen zurückgreifen und diese Herausforderung mit Entschlossenheit und Weitsicht anzunehmen. Ohne natürlich die spezifischen wissenschaftlichen und fachlichen Anforderungen des jeweiligen Kontextes außer Acht zu lassen, bitte ich Sie sicherzustellen, dass Wohlstand der Menschheit dient, anstatt sie zu beherrschen.

Werter Herr Präsident und liebe Freunde,

ich hoffe, dass Sie diese kurze Wortmeldung als Zeichen meiner pastoralen Sorge sehen, sowie als konstruktive Unterstützung Ihrer Aktivitäten, damit diese immer edler und fruchtbarer sein mögen. Ich erneuere meine besten Wünsche für ein erfolgreiches Treffen und erbitte den göttlichen Segen für Sie und die TeilnehmerInnen des Forums, sowie für Ihre Familien und Ihre Arbeit.

Aus dem Vatikan, 17. Januar 2014

Franziscus