„Es ist wahr: Die Auferstehung Christi begründet unseren festen Glauben"

Katechese von Papst Benedikt XVI. in der Osterwoche

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ROM, 2. Mai 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz in der Osteroktav (15. April) in Castel Gandolfo gehalten hat.

„Es ist wahr: Die Auferstehung Christi begründet unseren festen Glauben und erleuchtet unsere ganze irdische Pilgerschaft, einschließlich des menschlichen Rätsels von Leid und Tod. Der Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Christus ist das Herzstück der ganzen Botschaft des Evangeliums, der zentrale Kern unseres Glaubensbekenntnisses."

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Liebe Brüder und Schwestern!

Die mittwochs stattfindende Generalaudienz ist heute von geistlicher Freude erfüllt, jener Freude, die kein Leiden und kein Schmerz auszulöschen vermag, weil es die Freude ist, die der Gewißheit entspringt, daß Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung endgültig über das Böse und den Tod triumphiert hat. »Christus ist auferstanden! Halleluja!«, singt die feiernde Kirche. Und diese festliche Atmosphäre, diese für Ostern bezeichnenden Gefühle halten nicht nur während dieser Woche – der Osterwoche – an, sondern breiten sich über die fünfzig Tage bis Pfingsten aus. Ja, wir können sagen: Das Ostergeheimnis umfängt den ganzen Bogen unseres Daseins.

In dieser Zeit des Kirchenjahres werden uns tatsächlich viele biblische Bezüge und Anregungen zur Meditation geboten, um die Bedeutung und den Wert von Ostern zu vertiefen. Die »Via Crucis«, der Kreuzweg, den wir in den drei österlichen Tagen mit Jesus bis zum Kalvarienberg gegangen sind und dabei sein schmerzvolles Leiden wiederaufleben ließen, ist in der feierlichen Osternacht zur trostreichen »Via Lucis«, zum Lichtweg, geworden. Von der Auferstehung her können wir sagen, daß dieser ganze Leidensweg ein Weg des Lichts und der geistlichen Wiedergeburt, des inneren Friedens und der unerschütterlichen Hoffnung ist. Nach den Tränen, nach dem Verlorensein vom Karfreitag, auf den die erwartungsvolle Stille des Karsamstags folgte, erklang am Morgen des »ersten Tages der Woche« kraftvoll die Verkündigung des Lebens, das über den Tod gesiegt hat: »Dux vitae mortuus/regnat vivus – des Lebens Fürst, der starb, herrscht nun lebend! « Die überwältigende Neuigkeit von der Auferstehung ist so bedeutungsvoll, daß die Kirche nicht aufhört, sie zu verkündigen, indem sie nach wie vor besonders jeden Sonntag an sie erinnert: Denn jeder Sonntag ist der »Tag des Herrn« und das wöchentliche Osterfest des Gottesvolkes. Um gleichsam dieses Heilsgeheimnis, das unser tägliches Leben betrifft, herauszustellen, nennen unsere östlichen Brüder in russischer Sprache den Sonntag »Tag der Auferstehung« (woskressenije).

Die Auferstehung des Jesus von Nazaret als wirkliches, historisches, von vielen glaubwürdigen Zeugen bestätigtes Ereignis zu verkünden ist daher grundlegend für unseren Glauben und für unser christliches Zeugnis. Dazu bekennen wir uns nachdrücklich, weil es auch in der heutigen Zeit nicht an Menschen fehlt, die versuchen, die Historizität zu leugnen, indem sie den Bericht des Evangeliums zu einem Mythos, zu einer »Vision« der Apostel verkürzen und alte, längst unhaltbar gewordene Theorien wieder aufgreifen und als neu und wissenschaftlich präsentieren. Gewiß war die Auferstehung für Jesus nicht eine einfache Rückkehr ins frühere Leben. Dann wäre sie nämlich eine Angelegenheit der Vergangenheit gewesen: Vor zweitausend Jahren ist einer auferstanden und in sein früheres Leben zurückgekehrt wie zum Beispiel Lazarus. Die Auferstehung Christi stellt sich in einer anderen Dimension dar: Sie ist der Übergang zu einer tiefgreifend neuen Dimension des Lebens, die auch uns betrifft, die die ganze Menschheitsfamilie, die Geschichte und das Universum miteinbezieht. Dieses Geschehen, das eine neue Dimension des Lebens, eine Öffnung dieser unserer Welt hin zum ewigen Leben eingeführt hat, hat das Leben der Augenzeugen verändert, wie die Berichte der Evangelien und die anderen neutestamentlichen Schriften beweisen; es ist eine Botschaft, die ganze Generationen von Männern und Frauen im Laufe der Jahrhunderte gläubig empfangen und nicht selten um den Preis ihres Blutes bezeugt haben, wußten sie doch, daß sie gerade so in diese neue Dimension des Lebens eintraten. Auch in diesem Jahr erschallt zu Ostern in jedem Winkel der Erde unverändert und immer wieder neu diese gute Nachricht: Der am Kreuz gestorbene Jesus ist auferstanden, lebt glorreich, weil er die Macht des Todes überwunden und den Menschen in eine neue Lebensgemeinschaft mit Gott und in Gott geführt hat. Das ist der Sieg von Ostern, unsere Rettung! Und daher können wir mit dem hl. Augustinus singen: »Die Auferstehung Christi ist unsere Hoffnung«, weil sie uns in eine neue Zukunft einführt.

Es ist wahr: Die Auferstehung Christi begründet unseren festen Glauben und erleuchtet unsere ganze irdische Pilgerschaft, einschließlich des menschlichen Rätsels von Leid und Tod. Der Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Christus ist das Herzstück der ganzen Botschaft des Evangeliums, der zentrale Kern unseres Glaubensbekenntnisses. Eine wesentliche Aussage dieses Glaubensbekenntnisses können wir in einem bekannten Abschnitt bei Paulus im Ersten Brief an die Korinther (15,3–8) finden: Dort übermittelt der Apostel als Antwort an einige Mitglieder der Gemeinde von Korinth, die zwar die Auferstehung Jesu verkündeten, aber paradoxerweise die Auferstehung der Toten – unsere Hoffnung – leugneten, getreu das, was er – Paulus – von der ersten apostolischen Gemeinde über den Tod und die Auferstehung des Herrn empfangen hatte.

Er beginnt mit einer gleichsam endgültigen Aussage: »Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen?« (V. 1–2). Er fügt sogleich hinzu, er habe an sie das weitergegeben, was er selbst empfangen hatte. Darauf folgt die Perikope, die wir zu Beginn unserer Begegnung gehört haben. Der hl. Paulus weist uns vor allem auf den Tod Jesu hin und fügt in diesem so knappen Text zu der Nachricht, daß »Christus gestorben ist«, zwei ergänzende Bemerkungen hinzu. Die erste Hinzufügung lautet: Er ist gestorben »für unsere Sünden«; die zweite: »gemäß der Schrift« (V. 3). Dieser Ausdruck »gemäß der Schrift« setzt das Ereignis des Todes des Herrn in Beziehung zur Geschichte des alttestamentlichen Bundes Gottes mit seinem Volk und läßt uns verstehen, daß der Tod des Gottessohnes in das Gefüge der Heilsgeschichte hineingehört, ja macht uns begreiflich, daß diese Geschichte vom Tod Christi her ihre Logik und wahre Bedeutung erhält. Bis zu jenem Augenblick war der Tod Christi ein Rätsel geblieben, dessen Ausgang noch ungewiß war. Im Ostergeheimnis erfüllen sich die Worte der Schrift. Dies heißt: Dieser Tod, der »gemäß der Schrift« geschehen ist, ist ein Ereignis, das einen »logos«, eine Logik in sich trägt: Der Tod Christi bezeugt, daß das Wort Gottes bis ins Innerste »Fleisch«, menschliche »Geschichte«, geworden ist. Wie und warum das geschehen ist, erfaßt man aus dem zweiten Zusatz des hl. Paulus: Christus ist »für unsere Sünden« gestorben. Mit diesen Worten scheint der Paulustext die im Vierten Lied vom Gottesknecht enthaltene Prophezeiung des Jesaja wieder aufzunehmen (vgl. Jes 53,12). Der Gottesknecht – so heißt es in dem Lied – »hat sich selbst bis zum Tod entäußert«, hat »die Sünden von vielen« getragen und dadurch, daß er für die »Schuldigen« eintrat, konnte er das Geschenk der Versöhnung der Menschen untereinander und der Menschen mit Gott erwirken: Sein Tod ist also ein Tod, der dem Tod ein Ende macht; der Weg des Kreuzes führt zur Auferstehung.

In den folgenden Versen verweilt Paulus dann bei der Auferstehung des Herrn. Er sagt, Christus »ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift«. Also wieder »gemäß der Schrift«! Viele Exegeten erkennen in der Formulierung: Christus »ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift« einen gewichtigen Hinweis auf das, was wir im Psalm 16 lesen, wo der Psalmist ausruft: »Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis; du läßt deinen Frommen das Grab nicht schauen« (V. 10). Das ist einer der Texte, die im Urchristentum häufig zitiert wurden, um den messianischen Charakter Jesu zu beweisen. Da nach jüdischer Auslegung die Verwesung nach dem dritten Tag einsetzte, erfüllte sich das Wort der Schrift in Jesus, der am dritten Tag aufersteht, also bevor die Verwesung einsetzt. Der hl. Paulus, der die Lehre der Apostel getreu überliefert, hebt hervor, daß der Sieg Christi über den Tod durch die schöpferische Macht des Wortes Gottes geschieht. Diese göttliche Macht weckt Hoffnung und Freude: Das ist letztendlich der befreiende Inhalt der österlichen Offenbarung. An Ostern offenbart Gott sich selbst und die Macht der dreifaltigen Liebe, die die zerstörerischen Kräfte des Bösen und des Todes vernichtet.

Liebe Brüder und Schwestern, lassen wir uns von der strahlenden Herrlichkeit des auferstandenen Herrn erleuchten! Empfangen wir ihn voll Glauben, und folgen wir hochherzig seinem Evangelium, wie es die privilegierten Zeugen seiner Auferstehung getan haben; wie es einige Jahre später der hl. Paulus getan hat, der auf dem Weg nach Damaskus dem göttlichen Meister auf außergewöhnliche Weise begegnet ist. Wir dürfen die Botschaft dieser Wahrheit, die das Leben aller verwandelt, nicht für uns allein behalten. Und so beten wir mit demütigem Vertrauen: »Jesus, durch deine Auferstehung von den Toten hast du unsere Auferstehung vorweggenommen, wir glauben an dich!« Ich möchte mit einem Ausruf schließen, den Silvanus vom Berge Athos gern wiederholte: »Freue dich, meine Seele. Es ist immer Ostern, weil der auferstandene Christus unsere Auferstehung ist!« Die Jungfrau Maria helfe uns, in uns und in unserer Umgebung diese Atmosphäre österlicher Freude zu pflegen, um in jeder Situation unseres Daseins Zeugen der göttlichen Liebe zu sein. Noch einmal Frohe Ostern euch allen!

Die Generalaudienz in der Osterwoche gibt mir Gelegenheit, mit euch über die Bedeutung der Auferstehung Christi nachzudenken. Ostern, das Fest der Auferstehung, ist das höchste Ereignis im Kirchenjahr. Fünfzig Tage lang feiert die Kirche die Osterzeit, und das ganze Jahr hindurch ist jeder Sonntag ein „kleines Osterfest“. Der heilige Paulus faßt den Kern unseres Glaubensbekenntnisses in drei Momenten zusammen: „Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tage auferweckt worden, gemäß der Schrift“ (1 Kor 15,3f). Die Auferstehung ist ein reales Ereignis, das von glaubwürdigen Zeugen überliefert wurde. Zugleich erfolgen diese Fakten „gemäß der Schrift“. Hier erfüllen sich also die Verheißungen, die dem Volk Israel über den Messias gegeben wurden. Das Heilsgeschehen trägt in sich ein Wort, eine Logik. Das Wort Gottes ist „Fleisch“, ist Geschichte eines Menschen geworden. Dieser Mensch macht durch seinen Tod dem Tod ein Ende. Seine Auferstehung ist nicht einfache Rückkehr ins frühere Leben, sie eröffnet vielmehr eine neue umfassende Dimension des Lebens, welche die ganze Menschheit mit ihrer Geschichte einbezieht. Der Sieg Christi über den Tod geschieht kraft der schöpferischen Macht des Wortes Gottes. An Ostern offenbart Gott die Macht seiner Liebe, die die zerstörerischen Kräfte des Bösen und des Todes vernichtet. Wenn wir in dieser Welt stets auch mit dem Leid konfrontiert sind, wird uns in der Gemeinschaft mit Christus schon jetzt der Weg zur Fülle des Lebens eröffnet.

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Ganz herzlich heiße ich alle Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache willkommen. Ich grüße heute besonders die Ständigen Diakone aus Münster und die Gruppe der Polizeiseelsorge Deutschland. Lassen wir uns von der österlichen Freude anstecken! Der auferstandene Christus versöhnte die Welt mit Gott, dem Schöpfer des Lebens. So wünschen wir uns alle, daß der Herr uns eine gesegnete Osterzeit schenken möge.

 

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