Ethik für das 21. Jahrhundert?

Religionsunterricht ist nicht nur in Berlin unersetzlich

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Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz



WÜRZBURG, 30. April 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Ein Ethik-Lehrbuch hat, dem Lehrplan entsprechend, auch die Ethik der Weltreligionen vorzustellen. Das sollte mit sachlicher Information und sogar mit einem Hinweis auf das Weiterwirken dieser Ethiken in den jeweiligen Kulturen, also der zeitübergreifenden Bedeutung und Verbindlichkeit solcher Ethiken, geschehen. Sieht man sich das genauer an, kann man zumindest an einem Leipziger Ethik-Lehrbuch, das offiziell vom Kultusministerium für Sachsen freigegeben wurde, das Staunen lernen. Die unsachliche und sogar (bewusst?) hämische Darstellung des Christentums in dem Buch „Fragen an das Leben“ der Klassen 7 und 8, also für 13- und 14-jährige, 2005 in erster Auflage erschienen, bringt es fertig, auf den ersten beiden Seiten der Information über das Christentum (2. 28, 29) sage und schreibe zehn massive Unwahrheiten und Verdrehungen zu liefern. Für diesen Text zeichnet ein Autorinnenduo verantwortlich: Barbara Brüning und Christine Grünberg, die beide offenbar unangefochten von Kenntnissen drauflos schreiben.

Hier die zehn Verfälschungen im O-Ton:

Unter der Überschrift „Jesus wird verehrt“ werden im ersten Absatz weder Geburts- noch Todesjahr mitgeteilt (wie bei den anderen Religionsstiftern!), sondern schlicht behauptet: „Ob Jesus... je gelebt hat, ist umstritten.“ Das entspricht Unterstellungen von anno dunnemals im 19. Jahrhundert, die in ihrer Unhistorizität niemand mehr ernst nimmt. Dass sich vom Geburtsjahr Jesu im übrigen die christliche bzw. heutige Zeitrechnung ableitet, kann gleich – wie praktisch – mit verschwiegen werden.

Als zweite Angabe folgt, er sei mit vier Brüdern und einigen Schwestern aufgewachsen; ein Vater findet keine Erwähnung. Dass hier die Aussage aller großen christlichen Konfessionen völlig außer acht gelassen wird, dass es dabei um eine geheimnisvolle Empfängnis Jesu vom Heiligen Geist geht; dass längst exegetische Erklärungen zu den „Brüdern und Schwestern Jesu“ vorliegen, da, wie bis heute im Vorderen Orient (übrigens auch in Russland) üblich, nahe Blutsverwandte (Vettern, Cousinen) als Geschwister bezeichnet werden; auch dass Jesus nach den Evangelien und nach der Überlieferung der einzige Sohn Marias ist, stört lernresistentes Unwissen nicht. Die zentrale Aussage des Christentums von Jesus als dem Sohn Gottes wird gleich gar nicht erwähnt.

Drittens: Eine Kurzangabe zu Johannes dem Täufer (gleich mit dem passenden Verweis auf „Gottes Zorngericht“) und der Taufe Jesu bezieht sich aus unerfindlichen Gründen auf Aussagen von Karl Jaspers!

Viertens: Als Zwischenfrage wird gestellt, welche Aufgabe ein Rabbiner habe. Offenbar soll Jesus als amtlicher Rabbiner verstanden werden. Der Unterschied zwischen Rabbi und Rabbiner ist sowieso unbekannt und soll es wohl auch bleiben.

Fünftens: Die via dolorosa, den Kreuzweg Jesu in Jerusalem, nennen die Verfasserinnen den „Kreuzzug Jesu“. Der Schüler soll wohl gleich im Hinterkopf festhalten, den Ursprung der Kreuzzugsidee direkt bei Jesus zu suchen.

Sechstens: Der Tod Jesu wurde gedeutet „als Lösegeld für das gefangene Volk Israels“. Das gefangene Volk Israels wird sich bedanken.

Siebtens: Entsprechend ist mit dem Tod Jesu „das Volk frei von Gefangenschaft, (...) befreit von der Macht der Unterdrücker“. Hier sind wohl die Römer gemeint, die das aber gar nicht gemerkt haben und im Jahr 70 endgültig Israel vernichteten.

Achtens: „Nachdem Jesus am Kreuz gestorben war, so erzählt das vierte Evangelium, wurde er von den Toten wieder erweckt.“ Dass alle vier Evangelien das erzählen, ist wegen der unterlassenen Lektüre gar nicht aufgefallen (man/frau könnte die Bibel ja mal aufschlagen); vielleicht soll auch unterstellt werden, dass die anderen drei Evangelien etwas ganz Anderes erzählen.

Neuntens: Fazit: „Für viele ist die Auferstehung Jesu ein Mythos, das heißt eine unglaubliche Geschichte (...).“ Aufgabe: „Stellt andere Mythen aus der Bibel oder aus Märchenbüchern zusammen (...).“

Also die Bibel als Märchenbuch – daraus haben nun 2000 Jahre europäische Kultur, Kunst und Philosophie gelebt, und andere Kulturen integrieren gerade das „Märchenbuch“. Nicht aber die hellen Köpfe aus dem Ethik-Unterricht!

Zehntens als „Lesetipp“: „Als Literaturgrundlage könnt Ihr die Bücher „Märchen der Welt“ aus dem Eugen Diederichs Verlag München nehmen.“

Dies alles auf zwei Seiten. Nun rate mal, welche Religion am Dümmsten verkauft wird? Jawohl, richtig geraten.

Auch auf den folgenden Seiten wird mit wenigen Ausnahmen (über die allerdings in Einzelheiten auch ein Korrekturstift gehen müsste) ein Sammelsurium präsentiert. Auf Seite 39 wird bei „kirchlichen Verzweigungen“ unterschieden zwischen „Römische Kirche“, „Katholische Kirche“ und „Römisch-katholische Kirche“. Bei soviel Zweigen sieht man natürlich nur noch Urwald.

Die Fragezeichen reichen gar nicht, die man hinter andere Angaben auf S. 40 bis 43 machen müsste. Höhepunkt ist eine Hasspredigt auf S. 44f., die angeblich Bischof Kyrill von Alexandrien im 4. Jahrhundert gehalten haben soll; ein Autor dafür wird jedoch nicht angegeben. Einige Zitate: „Umgeben von der braunen Garde schlagstockbewaffneter Kuttenträger ...“, „Diese Mordnacht wird unvergessen bleiben (...) Judenpack ist in unsere Stadt eingefallen (...) Lasst uns ihre Synagogen ausräuchern, die Wohnstätten Satans niederbrennen, lasst uns die Christusmörder aus der Stadt vertreiben. Heute Abend wird Alexandria judenfrei sein. Unter brausendem Beifall...“ etc. Verwiesen wird unten auf Arnulf Zittelmann (richtig: Zitelmann), der 1996 ein Jugendbuch über Hypatia von Alexandria herausbrachte (natürlich „Lesetipp“). Im Kasten wird überflüssigerweise erklärt, was Fundamentalismus ist (übrigens nur hier, bei anderen Religionen entfällt das Problem.)

Auf der nächsten Seite werden das Diakonische Werk, Misereor und andere vorgestellt, mit Sozialstation, Fahrradwerkstatt und Seniorenclub. O wie so schön ausgewogen ist doch so ein Ethik-Lehrbuch, es sagt ja nicht nur Böses über das Christentum.

Der eigentliche Skandal besteht darin, dass ein solches Lehrbuch für den Unterricht freigegeben wird. Auf Anfrage der Rezensentin hieß es, Lehrbücher dieser Art würden vom Dresdner Comenius-Institut gegengelesen. Dann leider endgültig: Abschied vom Niveau, ehemaliges Reformationsland Sachsen!

[© Die Tagespost vom 23. April 2009]