Ethische Anstöße für das christliche Leben – neues Buch von Peter Schallenberg

Von Armin Schwibach

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WÜRZBURG, 29. September 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Guten Büchern kann es heute geschehen, dass ihnen durch die höhere Einsicht von Verlagen Titel zugewiesen werden, die ihre Qualität eher verbergen als sie sofort sichtbar werden zu lassen. Wie erginge es einem Kant heute, würde er es wagen, ein Buchprojekt mit dem Namen „Kritik der reinen Vernunft“ vorzulegen? Zumindest müsste da ein „heute“ hinzugefügt werden, oder ein „Denken für jeden“.



Christen wollen ernst machen

Ein ähnliches Schicksal scheint dem hochinteressanten und wirkungsvollen Buch Peter Schallenbergs zuteil geworden zu sein. Ethik für den Alltag? Gibt es eine Ethik für den Nicht-Alltag? Für die Freizeit? Oder will gesagt sein, dass das Ethische nicht in die hohen Gefilde der Spekulation abgesondert werden soll? Denn Ethik ist immer für den Alltag. Ethik ist eine solche nur dann, wenn sie für alle Tage ist. Gut sein und gut handeln ist nichts besonderes, kein Ausnahmezustand, keinem „Club der höheren Einsicht“ reservierte Befindlichkeit.

Es sei dahingestellt: Der Titel darf nicht von der inneren Qualität des Werkes ablenken. Mag er denjenigen anziehen, der sich ansonsten nicht mit diesen Problematiken beschäftigt, mag er den abstoßen, der sich an Meditations- oder Lebenshilfebücher erinnert fühlt: Das Wichtige ist, das Buch zu lesen, ja eingehend zu studieren.

Monsignore Peter Schallenberg, Professor für Moraltheologie und Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät Fulda, richtet sich in seinem Buch, das einer mehrjährigen Vortragstätigkeit entsprungen ist, direkt an sein Publikum und nimmt es mit auf eine intellektuelle und geistliche Reise durch das christliche Menschenbild, aus dessen Wurzeln heraus eine Ethik verständlich wird. Denn das Christentum ist keine Ethik oder gar Moraldoktrin. Ethik und Moralität sind „Abfallprodukt“ des im Glauben angenommenen Eingebundenseins in das offenbarte Heilsmysterium Gottes. So ist es kein Zufall, dass Schallenberg seinen gesammelten Anstrengungen als Glaubenserkenntnis ein elementares Glaubensbekenntnis des christlichen Dasein voranstellt: „Das Christentum will ernst machen und ernsthaft leben, dass es Gott wirklich gibt und er sich in Jesus Christus in menschlicher Person offenbart hat. Gott zeigt sich dem Menschen als ewige Liebe und bleibt gegenwärtig im Beten und Handeln der Kirche. Der Christ denkt und lebt aus dieser unerschütterlichen und doch zugleich angefochtenen Zuversicht. Im Licht des Ostermorgens hellt sich die Dämmerung des Alltags mit seinen vielfältigen Grauzonen auf. Zwielicht und Zweifel lichten sich. Der Christ gewinnt schrittweise Gewissheit über Gut und Böse, und, was vielleicht im alltäglichen Hindernislauf noch wichtiger ist, auch über Besseres und Schlechteres“.

Dieser von Schallenberg erhellte Glaube als Seinsbestimmung des Christen ist kein Zusatz neben anderem, keine unfertige Art des Wissens, aus dem sich dann ein im Wesen unfreies, weil gottbedingtes Handeln in der Welt ergäbe. Die Seinsform des neuen Geschöpfes ist etwas radikal Neues, nichts Gemachtes, das etwa dem Menschen allein unterstünde. Glauben heißt handeln. Glauben heißt ein Verhalten einzunehmen, das sich in seiner Substanz als ungeschuldet gegründetes Verhalten entdeckt.

Glaube als Verhalten bringt notwendig das Nachdenken über die drei Sphären des menschlichen Seins und Handelns mit sich: Die Sphäre der Subjektivität und Individualität, die Sphäre der Gemeinschaftlichkeit und der Verantwortung in Staat und Gesellschaft sowie die Sphäre der Begegnung des „Durstes Gottes nach dem Durst des Menschen nach Ihm“ (Gregor von Nazianz). In drei Abschnitten des Buches geht Schallenberg diesen Dimensionen unter drei programmatischen, dem Alten Testament entnommenen Sätzen nach: „Adam, wo bist du?“: Der gefallene Mensch hat Gottes Gebot gebrochen. Er denkt über seine durch die Ursünde entstellten Ziele nach und muss sich so die Sinnfrage stellen. Dabei entdeckt er, dass er sich ohne Gott in seinem Sein nur als Rumpfwesen vorfindet. „Kain – wo ist dein Bruder Abel?“: Sozialethik und Gesellschaftslehre folgen dem Menschen als Gemeinschaftswesen, dass in Gerechtigkeit und Solidarität eine menschenwürdigere, weil gottwürdige Welt aufbauen. „Bedenke, was ich an dir getan habe!“: Der Weg des Menschen ist der Weg der Berufung zur Treue, des Sicheinlassens auf Gott als die größere Kraft, in der sich göttliches und menschliches Leben begegnen und im Raum der Heiligkeit zueinander kommen.

Im ersten Abschnitt setzt sich Schallenberg mit den Grundfesten einer christlich-philosophischen Anthropologie auseinander. Das christliche Menschenbild kommt für Schallenberg mit einer zentralen Frage zum Vorschein: „Wie kann menschliches Leben umfassend gelingen“? Deren umfassende Antwort, die der Sauerteig jeder weiterführenden Reflexion ist, lautet: „Nur dann glückt das Leben des Menschen, wenn er in Weisheit wirklich Gutes und scheinbar Gutes zu unterscheiden vermag“, was nur in Verbindung mit dem absolut Guten, das heißt mit Gott möglich ist. In dieser Perspektive behandelt Schallenberg die Seinsverfassung des Individuums, differenzierte ethische Positionen zwischen den christlichen Konfessionen, die Tugendlehre als Lehre von der Tugend als „ritterlicher Haltung“ und „edlem Ritterdienst“, der im Letzten Dienst am Heiligen und seinem Reich ist.

Bioethische Fragen, die ansonsten nur zu oft isoliert behandelt und eher in ein Regelsystem der ordentlichen Verwaltung des Möglichen eingereiht werden, stellt Schallenberg mit wissenschaftlicher Präzision und zwingender Logik in ihren ontologischen Kontext. Ein besonderes Verdienst hierbei besteht in der Vorstellung der zentralen Rolle des Naturrechts, das heißt einer normativen Rolle der Natur (ontologisch), die ohne die zu erarbeitende Leistung der Vernunft (transzendental) nicht auskommt.

Der vom Alltagspositivismus beherrschte Leser wird von Schallenberg auf den Weg hingewiesen, der das Wesen des abendländischen und christlichen Denkens ausdrückt: Wenn von Natur und Naturrecht die Rede ist, dann ist dies allein durch die Reflexion auf die Bedingung der Möglichkeit dieser Rede, das heißt die Vernunft (und somit das „Vernunftrecht“) möglich. Schallenberg gelingt es, oft inflationierte und zu leeren Worthülsen verkommene Begriffe wie „Person“, Würde“, „Freiheit“ in ihrer eigentlichen Wirksamkeit zum Leben kommen zu lassen.

Dabei kommt er nicht umhin, die Kultur der einer der Wahrheit müden Postmoderne einer „Kultur des Reifens des Menschen“ im augustinischen Sinne des Entstehens einer „Civitas Dei“ entgegenzusetzen. Mutvoll setzt Schallenberg als Zentrum eines kritischen Dialoges mit der Postmoderne die Wahrheit. Die Frage nach der Wahrheit, nach dem Guten und schließlich nach Gott können nicht voneinander losgelöst werden, will das Wesen des sinnvollen Lebens nicht verloren gehen und sich in der Jeweiligkeit der Beziehungen auflösen.

Die allsichtbare Konkretisierung eines anthropologischen Projekts erfolgt dann in einer gesellschaftswissenschaftlichen und sozialethischen Diskussion. Der Gehalt einer christlichen Soziallehre, der Hierarchie Mensch-Gott, das Verhältnis Staat-Kirche und Politik-Kirche, die kosmische Dimension der Kirche, die in der Person Christi sichtbar wird, der Liebesdienst der Kirche an den Menschen gehören zu dieser Auseinandersetzung.

Schallenberg lässt seinen Leser nicht los. Der Professor wird einem modernen, vom Relativismus der postmodernen Wahrheitsbeschneidung infizierten Menschen lästig. Mit klarer Kohärenz zwingt er sein Publikum, selbst zu denken, so dass es am Ende zur Frage kommt: Warum verwirklichen wir eigentlich nicht stets diese innere Logik, in der sich göttliches und menschliches Denken und Wirken begegnen?

Der letzte Abschnitt des Buches über die geistliche Dimension des Lebens wird zu einem Symbol dieses freundlichen Zwangs zum Mitgehen. Zu Stationen des Weges wird das Nachdenken über Verzicht und Lebensentscheidung sowie über die christliche Dimension des Todes und des Trauerns. Der Abschnitt und das Buch schließen mit einem wahren geistlichen Spaziergang durch die Heilige Stadt. Rom – es ist aus sprechenden Steinen errichtet. Die Geschichte des Abendlandes und des Christentums dringt aus seinem Tuffgestein und schimmert auf seinem Marmor wider. Die Antike, das lebendige Wasser aus der Vielzahl der römischen Brunnen, die dieses Wasser ausstellen und zum Bild des göttlichen Überflusses werden, der sich in den Menschen ergießt, die Kuppeln der Stadt, die das Alltägliche aufbrechen und den Menschen atmen lassen, die greifbare Gegenwart des christlichen Heilsmysteriums, die Verbindung eines Ortes mit dem persönlichen höchsten Glück – jeder Weg durch Rom, vom Vatikan über das Forum hin zu den Katakomben, jede Straße, jede Kirche, jeder Ort, der wegen seiner Weltbekanntheit zu einer „Sehenswürdigkeit“ zu verkommen droht, wird für Schallenberg ein Weg der geistlichen Einkehr im konkreten Leben.

„Läutere dein Leben“

„Omnia ad maiorem Dei gloriam – Alles zur größeren Ehre Gottes“, sagt der heilige Ignatius von Loyola. Das Buch, das mit einem Glaubensbekenntnis anhob, mit wissenschaftlicher Präzision und spekulativer Kraft durch die Wirklichkeiten der Welt und des Menschen führte, konnte eigentlich nur kniend vor dem Antlitz Christi und verliebt in den lebendigen Gott enden. Schallenberg folgt der Sehnsucht, die der heilige Gregor von Nazianz in einem seiner geistlichen Gedichte besang: „O meine Seele, eine Aufgabe ist dir zu eigen,/ eine große Aufgabe, so du willst./ Erforsche ernsthaft dich selbst,/ dein Sein, deine Bestimmung;/ woher du kommst und wo du dich niederlassen sollst;/ suche zu erkennen, ob Leben ist, was du lebst/ oder ob es da etwas mehr gibt./ O meine Seele, eine Aufgabe ist dir zu eigen,/ läutere daher dein Leben:/ betrachte bitte Gott und seine Geheimnisse,/ forsche dem nach, was vor diesem Kosmos war/ und was es für dich bedeutet,/ woher es kommt und welches seine Bestimmung sein wird./ Sieh hier deine Aufgabe,/ o meine Seele,/ läutere daher dein Leben“ (Carmina [historica] 2,1,78: PG 37,1425-1426).

[Peter Schallenberg: Jenseits des Paradieses. Ethische Anstöße für den Alltag. Aschendorff Verlag, Münster 2007, 144 Seiten, ISBN 978-3-402-11786-6, EUR 9,80; © Die Tagespost vom 29. September 2007]