Eucharistie ist das pulsierende Herz der Kirche

Ansprache von Benedikt XVI. vor dem Angelus am Fronleichnamsfest in Italien

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VATIKANSTADT, Montag, 27. Juni 2011 (ZENIT.org). – Als Gegenmittel  für die heutige individualistische Kultur bezeichnete Papst Benedikt das Sakrament der Eucharistie vor dem sonntäglichen Angelusgebet. An diesem Sonntag wurde in Italien wie auch in anderen Ländern das Fronleichnamsfest „Corpus Christi“ nachgefeiert. „Ohne die Eucharistie würde die Kirche einfach nicht existieren“, so der Papst.

Wir veröffentlichen die Ansprache in einer eigenen deutschen Übersetzung:

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Liebe Brüder und Schwestern,

heute wird in Italien und in anderen Ländern das Fest „Corpus Christi” gefeiert, das Fest der Eucharistie, des Sakramentes des Leibes und Blutes des Herrn, das er beim Letzten Abendmahl eingesetzt hat und das den kostbarsten Schatz der Kirche bildet. Die Eucharistie ist wie das pulsierende Herz, das dem ganzen mystischen Leib der Kirche Leben gibt: ein sozialer Organismus, der ganz auf der geistlichen, aber konkreten Verbindung mit Christus gründet. Wie der Apostel Paulus sagt: „Weil es nur ein Brot ist, sind wir, obwohl wir viele sind, ein einziger Leib; denn wir nehmen alle teil an dem einen Brot“ (1 Kor 10,17). Ohne die Eucharistie würde die Kirche einfach nicht existieren. Denn es ist die Eucharistie, die aus einer menschlichen Gemeinschaft ein Geheimnis der Gemeinschaft macht, die fähig ist, Gott in die Welt und die Welt zu Gott zu tragen. Der Heilige Geist, der das Brot und den Wein in Leib und Blut Christi verwandelt, verwandelt auch diejenigen, die ihn gläubig als Glieder des Leibes Christi empfangen, sodass die Kirche wirklich Sakrament der Einheit der Menschen mit Gott und untereinander ist.

In einer immer individualistischeren Kultur, welche die Kultur ist, in die wir in der abendländischen Gesellschaft eingebunden sind und die danach strebt, sich in der ganzen Welt auszubreiten, bildet die Eucharistie eine Art von „Gegenmittel“, das im Geist und in den Herzen der Gläubigen wirkt und in ihnen beständig die Logik der Gemeinschaft, des Dienstes, des Teilens, kurz die Logik des Evangeliums aussät. Die ersten Christen in Jerusalem waren ein sichtbares Zeichen dieses neuen Lebensstils, denn sie lebten in Geschwisterlichkeit und legten ihr Vermögen zusammen, damit niemand Not leiden musste (vgl. Apg 2,42-47). Woher kam dies alles? Von der Eucharistie, das heißt vom auferstandenen Christus, der wirklich unter seinen Jüngern gegenwärtig und mit der Kraft des Heiligen Geistes wirksam war. Und auch in den folgenden Generationen, durch die Jahrhunderte hindurch, hat die Kirche, trotz der menschlichen Grenzen und Fehler, es fortgesetzt, in der Welt eine Kraft der Gemeinschaft zu sein. Denken wir besonders an die schwierigsten Zeiten der Prüfung: Was bedeutete beispielsweise für die Länder, die totalitären Regimen unterworfen waren, die Möglichkeit, sich zur Sonntagsmesse zusammenzufinden! Dementsprechend sagten die antiken Märtyrer von Abitene: „Sine Dominico non possumus“ – ohne „Dominicum“, das heißt, ohne die sonntägliche Eucharistie können wir nicht leben. Das Vakuum jedoch, das durch die falsche Freiheit entstanden ist, kann gleichsam gefährlich sein, und dann ist die Gemeinschaft mit dem Leib Christi ein Heilmittel für den Verstand und den Willen, um die Freude an der Wahrheit und am Allgemeinwohl wiederzufinden.

Liebe Freunde, rufen wir die Jungfrau Maria an, die mein Vorgänger, der selige Johannes Paul II., eine „eucharistische Frau“ genannt hat (Ecclesia de Eucharistia, 53-58). Möge in ihrer Schule auch unser Leben vollständig „eucharistisch“ werden, offen für Gott und für die anderen, fähig, das Böse durch die Kraft der Liebe in Gutes zu verwandeln, darauf ausgerichtet, die Einheit, die Gemeinschaft, die Geschwisterlichkeit zu fördern.

Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Papst mit folgenden Worten:

Von Herzen heiße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher auf dem Petersplatz willkommen. Zugleich geht mein Gruß an die Gläubigen des Erzbistums Hamburg, die gestern die Seligsprechung der „Lübecker Märtyrer” gefeiert haben. Die katholischen Kapläne Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller sowie der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink haben mit ihrem gemeinsam getragenen Leiden im Gefängnis bis zu ihrer Hinrichtung im Jahre 1943 ein großartiges, geradezu ökumenisches Zeugnis der Menschlichkeit und der Hoffnung gegeben. Es ist beeindruckend, wie sie in ihren Kerkerzellen stets den Blick zum Himmel richteten. So schreibt Johannes Prassek: „Wie ist Gott so gut, dass er mir alle Furcht nimmt und die Freude und Sehnsucht schenkt". Lassen wir uns von ihrem Gottvertrauen anstecken und bringen wir das Evangelium der Liebe zu den Menschen unserer Zeit. Der Herr begleite euer Reden und euer Tun.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Dr. Edith Olk © Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]