Eucharistie und Gemeinschaft

Interview mit Pater Richard Neuhaus, einem ehemaligen lutherischen Pastor, über die Eucharistie

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NEW YORK, 11. Februar 2005 (ZENIT.org).- Die im US-Wahlkampf geführten Diskussionen rund um den Kommunionsempfang von katholischen Politikern, die die Abtreibungspraxis befürwortet haben, wirft die Frage auf, welche Beziehung zwischen "Kommunion" als Gemeinschaft und "Kommunion" als Kommunionsempfang besteht. Dieser Frage ist Pater Richard John Neuhaus, Priester der Erzdiözese New York und Herausgeber von "First Things" nachgegangen.



Im Gespräch mit ZENIT spricht der ehemalige evangelische Pastor über die Rolle der Eucharistie in der Kirche, die Neuevangelisierung und die Ökumene. Besonders wichtig ist ihm, dass die Eucharistie Quelle der Gemeinschaft ist, zugleich aber auch die treue Gemeinschaft mit der Kirche voraussetzt.

-- Welche Rolle spielt die Eucharistie im Leben der Kirche?

--P. Neuhaus: Die Messe ist es, die die universale Kirche zusammenhält. Denn dort ist Christus wahrhaftig gegenwärtig, und er hält die ganze Kirche zusammen. Das ist theologisch wahr, aber auch soziologisch und psychologisch. Die Messe ist für jeden Katholiken einfach die definitive Erfahrung von Christus und seiner Kirche. Es ist, wie der Heilige Vater auf vielerlei Weisen erklärt hat: Wir haben keinen Aspekt im Leben der Kirche verstanden, wenn wir nicht die tiefe Verbindung zwischen ihr und Christus in der Eucharistie sehen. Die komplette Struktur der Kirche und das Bischofsamt in Gemeinschaft mit dem Amt Petri ist dazu da, dafür zu sorgen, dass das christliche Volk Christi Auftrag "Tut dies zu meinem Gedächtnis" erfüllen kann – von einer Generation zur nächsten, bis zur Wiederkunft unseres Herrn in Herrlichkeit.

-- Welche Rolle spielt die Eucharistie in der Neuevangelisierung?

--P. Neuhaus: Sie ist wichtiger als dass sie nur eine Rolle spielen würde. Liest man die Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia", so lernt man zum Besipiel, dass Evangelisierung und auch Neuevangelisierung von Eucharistie nicht zu trennen sind. Evangelisierung bedeutet nicht nur eine persönliche Entscheidung für Christus, sondern hat auch die Eingliederung in die eucharistische Gemeinschaft zur Folge, die die Kirche ist. Kardinal Ratzinger hat einmal etwas Anregendes gesagt, dass nämlich für Protestanten die Entscheidung für Christus und die Entscheidung für die Kirche zwei verschiedene Entscheidungen sind, wogegen für Katholiken beide Entscheidungen eine einzige sind. Weil die Eucharistie, wie der heilige Paulus sagt, "den Tod Christi verkündet, bis er wiederkommt", beinhaltet sie explizit die Verkündigung der Heilsbotschaft Christi, die in der Predigt weitergegeben wird. Meiner Erfahrung nach, und dass ist auch die Erfahrung vieler anderer, ist die katholische Predigt sehr schwach, ja sogar beschämend. Katholiken hören normalerweise keine großartigen Predigten, deshalb erwarten sie sich auch keine. Schwache Erwartungen in dieser Hinsicht bewirken aber natürlich auch schlampige Predigtbemühungen seitens der Priester.

Evangelisierung beinhaltet die ausdrückliche Verkündigung des neutestamentarischen "Kerygma" der Heilstaten Gottes durch Christus. Zu oft beziehen sich katholische Predigten auf vage "Werte des Evangeliums", die mehr oder weniger genauso viel oder wenig bedeuten wie die Ermahnung, wir sollen lieb sein. In der Messe ergänzen sich die Liturgie des Wortes und der Eucharistie, und zielen darauf ab, einander zu bekräftigen. Man kann natürlich ein guter und heiliger Priester sein, dabei aber ein völlig unwirksamer Prediger. Aber es kann und muss viel mehr dazu getan werden, damit die katholische Predigt besser wird, indem man sich daran erinnert, dass jede Eucharistie ein Aufruf zu Engagement und noch mehr Engagement, zu Bekehrung und Neubekehrung ist. In diesem Sinn ist jede Eucharistiefeier evangelisch.

-- Was sagen die verbreiteten liturgischen Missbräuche und die Kontroverse über Politiker, die trotz ihrer positiven Einstellung zur Abtreibung die Eucharistie empfangen, über das Verständnis aus, das man generell von der Eucharistie hat?

--P. Neuhaus: Die große Liturgiebewegung zu Beginn des 20. Jahrhundert, die Leute wie Henri de Lubac, Danielou, Virgil Michel und Martin Hellriegel anführten, wurde vom Zweiten Vatikanischen Konzil aufgenommen, aber viele der liturgischen "Reformen" nach dem Konzil radikal von den Ansichten dieser früheren Bewegung abgewichen sind. Das ist ein sehr großes Thema mit vielen Aspekten, aber das Schlüsselproblem ist glaube ich eine instrumentalisierte Sicht von Verehrung und Gottesdienst. Liturgie wurde psychologischen und soziologischen Kriterien unterworfen, die dem Wesen der Verehrung und des Gottesdienstes feindlich gegenüberstehen.

Die Verehrung Gottes will keinen anderen Zweck erfüllen als eben Verehrung Gottes sein. Und auch wenn die Gottesverehrung viele Früchte mit sich bringt, so verehren wir Gott nicht, um diese Dinge zu bekommen. Die einfache und radikale Wahrheit ist die: Wir verehren Gott, weil ihm Ehre gebührt.

Die angesprochene Liturgiebewegung hat verstanden, dass wir Gott "in der Pracht seiner Heiligkeit" anbeten sollen, wie es im Psalm 96 heißt. Das verpflichtet auf eine ästhetische Dimension der Liturgie, die eine würdevolle Sprache und ebensolche Gesten und Rituale verlangt sowie hervorragende musikalische Beiträge und Künste. Auf vielerlei Weise hat der katholische Gottesdienst nach dem Konzil an Halt verloren und ist verarmt. Heute verpflichten sich glücklicherweise immer mehr Liturgiestudenten und Pfarrer auf das, was als "Reform der Reform" bezeichnet wird. Dabei geht es nicht darum, zurückzugehen, sondern die große Vision der liturgischen Bewegung voranzubringen, die nur zeitweilig entgleist war.

Zur Diskussion über die katholischen Pro-Abtreibungs-Politiker und ihren Kommunionempfang will ich nur sagen: Ich hoffe, dass die begonnene Diskussion weitergehen wird. Dabei geht es ja nicht nur um Pro-Abtreibungs-Politiker. Es geht dabei auch um die viel tiefere Frage nach der Verbindung zwischen "Gemeinschaft" ("communio") und Kommunionsempfang ("communion").

Gut vorbereitet zu sein auf den Empfang der Eucharistie bedeutet mit der Kirche verbunden zu sein, mit ihr in Gemeinschaft zu stehen. Das bedeutet auch Treue zum kirchlichen Lehramt. Besonders in Amerika, in einem Land, in dem es eine Menge von christlichen Kirchen gibt, haben viele Katholiken die protestantische Haltung angenommen, nach der ihre Pfarre einfach die Religion ist, die sie sich gewählt haben. Die Pfarre ist aber die Zweigstelle der katholischen Kirche, viel mehr als zum Beispiel im Fall von McDonald's. Es wird auch oft angenommen, dass jeder ein "Recht" darauf hat, die heilige Eucharistie zu empfangen – genauso wie jeder das Recht hat, sich einen Big Mac zu kaufen. Das ist natürlich klarerweise eine große Entwertung der Eucharistie und auch der Gemeinschaft. In der Eucharistie empfangen wir Christus, und Christus empfängt uns in seinem Leib, der die Kirche ist.

Richtig vorbereitet zu sein, schließt das Bekennen all dessen mit ein, das in unserem Leben dieser "Gemeinschaft" mit Christus und seiner Kirche widerspricht oder sie befleckt, und dann den Empfang der Absolution. Leider ist das Sakrament der Versöhnung an vielen Orten außer Brauch gekommen, sicher nicht nur in den Vereinigten Staaten. Deshalb muss man hoffen, dass die Diskussionen um die Pro-Abtreibungs-Politiker zu einer viel umfassenderen Erneuerung in der katholischen Überzeugung und Praxis in Bezug auf die authentische "Gemeinschaft" wird.

-- Welche Rolle spielt die Eucharistie in der Ökumene? Bringt sie Katholiken und Nichtkatholiken zusammen? Welche theologischen Haupthindernisse gibt es, die es nicht zulassen, dass die Eucharistie wahre Quelle der Einheit sein kann?

--P. Neuhaus: Diese Fragen werden in "Ecclesia de Eucharistia" sehr gut behandelt. Wie das Konzil, die Päpste und besonders Johannes Paul II. wiederholt erklärt haben, ist das Engagement der Kirche in der Suche nach christlicher Einheit ein "unabänderbar". Ökumene ist nicht deshalb notwenig, damit man mit anderen Christen eins wird, sondern damit jene Einheit vollkommen wird, die bereits besteht. Wie das Konzil erklärt, stehen alle Getauften und an Jesus Christus Glaubenden in "einer gewissen aber unvollständigen Gemeinschaft" mit der katholischen Kirche. Die rettenden und heiligenden Gnaden, die auch außerhalb der Grenzen der katholischen Kirche gefunden werden können, streben letztlich auf die Einheit mit der katholischen Kirche hin.

Im katholischen Verständnis ist das Ziel der Ökumene die "volle Gemeinschaft", und volle Gemeinschaft ist Einheit im Glauben, in den Sakramenten und im geistlichen Amt. In seiner Enzyklika über die Eucharistie warnt der Heilige Vater davor, sich bei den schwierigen Arbeiten in der Ökumene vorbeizuschummeln. Einige sind der Meinung, für uns alle, Katholiken wie Nichtkatholiken, wäre es sehr ökumenisch, wenn wir die Eucharistie zusammen feiern würden, und wenn wir das schon jetzt tun würden. Aber das, sagt der Heilige Vater, wäre die Niederlage des gesamten ökumenischen Unternehmens. Die Klärung unserer unterschiedlichen Ansichten kann nicht darin bestehen, so zu tun als machten die sehr wichtigen Unterschiede eben keinen Unterschied. Vielleicht würden wir dabei enden, zusammen zu kommunizieren, aber nichts hätte sich geändert, jeder würde anschließend wieder seine verschiedenen Wege gehen.

Nein, sagt der Heilige Vater dazu, geduldig und treu müssen wir die harte ökumenische Arbeit weiterverfolgen, deren Ziel die Einheit im Glauben, in den Sakramenten und im geistlichen Amt ist. Dies in der Hoffnung, eines Tages zum Ziel der vollen Gemeinschaft geführt zu werden. Das ist das unabänderbare Ziel, zu dem die katholische Kirche verpflichtet ist. Die volle christliche Einheit mag sehr entfernt scheinen. Einige sagen, es sei in einer eschatologischen Perspektive zu verstehen, was bedeuten würde, dass wir auf die das zweite Kommen des Herrn warten müssen. Was auch immer der Zeitplan Gottes sein mag, für uns ist es heute eine wichtige Aufgabe. Kardinal Ratzinger hat sicher Recht mit seiner Behauptung, dass Ökumene heute von vielen Enttäuschungen gekennzeichnet ist. Aber er hat ebenso Recht, wenn er sagt, dass wir für eine neue Initiative des Heiligen Geistes, die wir nicht vorhersehen oder steuern können, immer offen sein müssen.

Offen zu bleiben bedeutet unaufhörliches Engagement, Dialog, Gebet und Zusammenarbeit mit anderen Christen. Wenn wir Katholiken uns in der Eucharistie verbinden, dann sollte das mit einem sehnsüchtigen, ja schmerzhaften Bewusstsein geschehen, dass wir von den anderen getrennt sind, die mit uns in einer wahren aber unvollkommenen Gemeinschaft stehen, und im leidenschaftlichen Gebet für den Tag, der kommen wird, wenn wir alle in Treue zu unserem einzigen Herrn vereint um einen Altar versammelt sind.

-- Wie haben Sie die Eucharistie entdeckt, da sie doch Konvertit sind?

--P. Neuhaus: Ich war dreißig Jahre lang ein lutherischer Pastor, und die lutherische Tradition besitzt eine sehr ausgeprägte eucharistische Frömmigkeit, die aber auch sehr verschieden ist. Im 16. Jahrhundert konzentrierten sich die Konflikte zwischen Calvinisten und besonders Zwinglianern einerseits und den Lutheranern andererseits auf das beharrliche Festhalten der Lutheraner auf der Realpräsenz Christi in der Heiligen Kommunion. Also habe ich die Eucharistie nicht als Katholik "entdeckt". Als Katholik bin ich aber in die Fülle der eucharistischen Theologie und Frömmigkeit eingetreten, einschließlich des Messverständnisses als Vergegenwärtigung des Kreuzopfers Christi, ein Verständnis, das von den führenden Protestanten, einschließlich der Lutheraner, im 16. Jahrhundert abgelehnt wurde. Und natürlich hat es bei den Lutheranern nicht das apostolisch aufgebaute Amt gegeben, das für die katholische Kirche hinsichtlich der Eucharistie wesentlich ist.

-- Wie veränderte sich Ihre Wertschätzung für die Eucharistie nach Ihrer Konversion und nach ihrer Priesterweihe?

--P. Neuhaus: Ich habe bereits von der Eucharistie als Opfer gesprochen. Außerdem gibt es die tägliche Messfeier, wohingegen bei den Lutheranern das Abendmahl des Herrn meist nur an den Sonntagen, an vielen Orten sogar nur an einem Sonntag pro Monat gefeiert wird – oder noch weniger. Im Katholizismus gibt es dazu eine tiefe Wertschätzung der Eucharistie als Feier der Gemeinschaft mit allen Lebenden und Toten, die in Gemeinschaft zu Christus stehen. Wie wir in der Präfation der Liturgie sagen, "mit den Engeln und Erzengeln, den Thronen und Mächten und mit all den Scharen des himmlischen Heeres (...)".

Die Erkenntnis, dass wir hier auf Erden an einem ewigen, himmlischen Festmahl teilnehmen, übersteigt unser Fassungsvermögen so sehr, dass wir im Letzten nicht begreifen können, was in der Eucharistie wirklich passiert.