Eugenik heute

Kleine Kinder und alte Menschen gleichermaßen gefährdet

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WASHINGTON, 7. Februar 2005 (ZENIT.org).- Zwei wichtige Gedenktage stellten im Januar die Gefährdung, der das menschliche Leben ausgesetzt sein kann, drastisch vor Augen: In Polen rief der 60. Jahrestag der Befreiung des Todeslagers Auschwitz die Grauen des Vernichtungsprogramms der Nationalsozialisten wieder ins Gedächtnis. Und in den Vereinigten Staaten waren es Veranstaltungen von Lebensschutz-Organisationen, die an die "Roe versus Wade"-Entscheidung des Obersten Gerichtshofs im Jahre 1973 erinnerten. Durch sie war Abtreibung während der gesamten Dauer einer Schwangerschaft legalisiert und zum Recht auf Privatsphäre erklärt worden.



“Zweiunddreißig Jahre danach hält das Übel, das der Prozess 'Roe versus Wade' eingeleitet hat, noch immer an. Das Vergießen unschuldigen Blutes besudelt weiterhin unsere Verfassung”, sagte Kardinal William Keeler am 23. Januar in seiner Predigt in der Basilika des "National Shrine of the Immaculate Conception" in Washington [das nordamerikanische Nationalheiligtum, das der unbefleckten Empfängnis Mariens geweiht ist, Anmerkung d. Red.]. "Angesichts der Vernichtung von mehr als vierzig Millionen ungeborenen Kindern darf unser Volk kein ruhiges Gewissen haben."

Die Vernichtung unschuldigen Lebens schreitet in unterschiedlichen Bereichen scheinbar unaufhaltsam voran: Nach einem BBC-Bericht vom 23. Januar hatten zum Beispiel holländische Ärzte zugegeben, seit 1997 insgesamt 22 unheilbar kranke Babys getötet zu haben. Keiner dieser Ärzte sei angeklagt worden, obwohl Euthanasie für Kinder in den Niederlanden gesetzlich verboten ist. Die Details zu diesen schrecklichen Tötungen habe eine im holländischen Ärztejournal veröffentlichte Studie ans Licht gebracht. Unter anderem soll darin über Babys berichtet werden, die an schwerer "Spina bifida" [Missbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks, Anm. d. Red.] litten. Die Erhebungen würden jedenfalls darauf schließen lassen, dass jährlich ungefähr 15 bis 20 behinderte Neugeborene von holländischen Ärzten getötet werden. Die meisten dieser Fälle würden jedoch nicht gemeldet.

Die holländische Praxis, deformierte Babys zu beseitigen, war auch Thema eines Artikels, der am 26. Dezember 2004 im Londoner “Telegraph” erschien. Eduard Verhagen, Chefarzt für Pädiatrie an der Universitätsklinik Groningen, verteidigte darin die holländische Methode und meinte, die Verabreichung von Gift an Kleinkinder sei eine “menschliche Alternative” zur Praxis, Kinder “zum Leiden zu zwingen”. Verhagen wies außerdem darauf hin, dass die holländische Regierung gerade dabei sei, Richtlinien zu formulieren, die den Ärzten die Euthanasie auch an Kleinkindern erlauben würden. Demgegenüber erklärte der ebenfalls zitierte katholische Bischof von Groningen Wim Eijk, dass der Staat kein Recht habe, Ärzte dazu zu ermächtigen, das Leben von Kleinkindern zu beenden, die ja nicht einmal ihrem eigenen Tod zustimmen könnten.

Euthanasie-Befürworter wollen "Leiden lindern"

"Das Vorhaben der Regierung ist ein darwinistischer Albtraum und ein schwerer Verstoß gegen die Gebote Gottes. Hier wird eine Grenze überschritten, die zu überschreiten bisher in jedem Gesetzbuch verboten war”, so der Sprecher von Bischof Eijk. In seiner Stellungnahme sprach er von einer schiefen Ebene, auf der es kein Anhalten geben würde: “Den Ärzten wird damit das Recht über Leben und Tod gegeben", erklärte er. Und dass sei nicht alles, denn bald werde auch "die Ausweitung dieses Rechtes auf alle Menschen" gefordert werden.

Dass die Sorge über die möglichen Folgen einer weiteren Aufweichung der Gesetze zur Euthanasie berechtigt ist, wurde in einem Bericht des britischen Ärztejournals am 8. Januar bestätigt: Eine sich auf drei Jahre erstreckende Untersuchung, die von der Königlichen Holländischen Ärztevereinigung in Auftrag gegeben worden war, kam zu dem Ergebnis, dass Ärzte dazu berechtigt sein sollten, auch jenen gesunden Menschen zu helfen, die “am Leben leiden”.

Das Euthanasiegesetz stelle nicht ausdrücklich fest, dass ein Patient eine genau definierte körperliche oder psychische Krankheit haben muss, sondern lediglich, dass er “hoffnungslos und unerträglich leiden” muss, heißt es in dem Artikel. Demgegenüber habe jedoch der Oberste Gerichtshof des Landes im Jahr 2002 entschieden, dass ein Patient eine “klassifizierbare körperliche oder seelische Krankheit haben muss”. Mit der damaligen Entscheidung wurde auf die Anklage gegen einen Arzt reagiert, der einem 86-jährigen Patienten Sterbehilfe geleistet hatte. Der Patient sei, obwohl nicht krank, mit seinem körperlichen Verfall und seinem “hoffnungslosen” Dasein nicht fertig geworden, so die Begründung.

Jos Dijkhuis, emeritierter Professor für klinische Psychologie, der dazu die Untersuchungen geleitet hatte, gab folgendes Statement ab: “Wir sehen die Aufgabe eines Arztes darin, Leid zu lindern. Deshalb können wir solche Fälle nicht im Voraus ausschließen. Wir müssen jetzt schauen, ob wir eine Grenze ziehen können und wenn ja, wo.” Doch dem Bericht des Ärztejournals zufolge hätten Ärzte nicht genügend Sachkenntnisse, um diese Grenze allein ziehen zu können.

Auch Henk Jochemsen, Leiter des Lindeboom-Instituts für Ethik in der Medizin, das Euthanasie bekämpft, wird im besagten Artikel zitiert. Der Bericht lenke die Aufmerksamkeit auf gefährliche Entwicklungen, warnte Jochemsen. “Sollen wir als Ärztevereinigung zu den Menschen, die ihr Leben als sinnlos empfinden, sagen: 'Nun denn, besser ist, Sie treten ab'?“

Das "bestmögliche Kind"

Manche Äußerungen scheinen einer Mentalität zu entstammen, die an die furchtbaren Programme der Nazis zur Rassenhygiene erinnern lassen: “Wollen Sei ein Kind haben, dann sollten Sie alles tun, damit sie das bestmögliche haben”. Dieser Satz stammt von Julian Savulescu, Professor an der Oxford University und Professor am Murdoch Children’s Research Institute. Das Zitat ist am 16. November 2004 in einem Artikel der Zeitung “Age” erschienen. Savulescu habe Eltern dringend angeraten, sich der Gentechnologie zu bedienen, um das bestmögliche Kind bekommen zu können.

Nach dem Bericht prophezeite Savulescu während eines in Melbourne (Australien) gehaltenen Seminars, dass Eltern eines Tages in der Lage sein könnten, mit Hilfe dieser Methoden sogar charakteristische Verhaltensweisen und andere Merkmale auszuwählen. Er empfahl Eltern, jene Auswahl zu treffen, die ihrem Kind “die beste Chance” im Leben geben würde.

In der “Times” wurde am 5. Dezember gemeldet, dass Baronin Flather, Mitglied des Oberhauses und ehemalige Vorsitzende des Familienplanungsverbands (Family Planning Association) die Empfehlung ausgesprochen habe, die armen Leute sollten dafür sorgen, dass sie nicht so viele Kinder bekommen. Die Angehörige des britischen Hochadels ist inzwischen Direktorin von "Marie Stopes International", eine der größten Abtreibungskliniken Großbritanniens. Sie wurde beschuldigt, Verfechterin der Eugenik (Erbhygiene) zu sein.

In den Vereinigten Staaten breitet sich die Anwendung der Präimplantationsdiagnostik (PID) immer weiter aus. Die PID dient letzten Endes dazu, Embryonen mit genetischen Mängeln zu eliminieren. Aus einem Bericht des “Wall Street Journals” am 23. November 2004 geht hervor, dass die entsprechenden Behandlungen häufiger in Anspruch genommen werden, seitdem die Krankenversicherungen die hohen Kosten übernehmen. Eine PID-Behandlung könne zwischen 4.000 und 5.000 Dollar kosten, die begleitende Reagenzglasbefruchtung ungefähr 8000 Dollar.

"Behinderungen durch Züchtung eliminieren"

Über 1.500 Babys seien weltweit mit Hilfe von PID geboren worden, teilte Yury Verlinsky mit. Er ist Direktor des Instituts für reproduktive Genetik, eines Fruchtbarkeitslabors mit Klinik in Chicago. “Die PID breitet sich explosionsartig aus”, ist William Kearns überzeugt, der Direktor des Shady Grove Centers für PID in Rockville, Maryland.

Jenseits des Atlantiks, in Schottland, können Ehepaare möglicherweise bald eine PID im Rahmen des nationalen Gesundheitsprogramms (National Health Scheme) bekommen. Die Zeitung “Scotland on Sunday” berichtete in ihrer Ausgabe vom 19. Dezember 2004 von fünf PID-Babys, die unter ärztlicher Assistenz im Königlichen Krankenhaus zu Glasgow (Glasgow Royal Infirmary) zur Welt kamen. Das Krankenhaus habe staatliche Finanzförderung angefordert, um mehr Paare behandeln zu können. Diese Forderung rief Ian Murray, den schottischen Direktor der Organisation für den Schutz des Ungeborenen Kindes (Society for the Protection of the Unborn Child ) auf den Plan: “Wir sind absolut und grundsätzlich gegen dieses Verfahren, und wir finden es sehr traurig, dass die Glasgow Royal Infirmary öffentliche Gelder anfordert", erklärte der Schotte. "Das Verfahren hat keinen therapeutischen Wert und läuft auf Eugenik hinaus. Es nützt den behinderten Menschen überhaupt nicht, sondern es tötet Menschen, die Behinderungen haben. Vor sechzig Jahren haben wir die Naziärzte wegen ihrer Euthanasieprogramme verurteilt”, betont Murray. “Die genetische Präimplantationsdiagnostik ist um nichts besser.”

In einer Kolumne am 27. Dezember im “Scotsman” wies Katie Grant darauf hin, dass es bei der PID nicht um Heilung geht: “Die Krankheit wird beseitigt, aber nicht durch die Wiederherstellung des fehlerhaften Gens, sondern dadurch, dass man Embryonen herstellt und dann untersucht, wobei man kranke aussortiert und gesunde einpflanzt. Die Idee, Defekte durch Züchtung zu beseitigen, ist Eugenik pur. Und wir erweisen der Gesellschaft und uns einen schlechten Dienst, wenn wir zu Euphemismen greifen, nur weil wir wegen der negativen Assoziationen nervös sind, die man hat, wenn man an Hitler mit seinem Euthanasieprojekt in großem Stil denkt."

Die menschliche Erfindungsgabe zu nutzen, um den Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen, sei an sich ein sehr lobenswertes Ziel, gibt Grant zu. Aber, so fragt sie: “Ist es die Aufgabe des Menschen, sich erst zum Schöpfer und dann zum Henker aufzuschwingen?”