Europa, Säkularismus und die Zukunft der Kirche

Vortrag von Kardinal Murphy-O'Connor in London

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LONDON, 6. Juni 2005 (ZENIT.org).- Führen die Katholiken ein Leben, das ihrem Glauben entspricht, dann gibt es Hoffnung für die Zukunft der Kirche in Europa. Das ist die Kernbotschaft des Erzbischofs von Westminster, Kardinal Cormac Murphy-O'Connor, der am 25. Mai in London einen Vortragszyklus zum Thema "Glaube an Europa?" mit einem zukunftsweisenden Referat abschloss.



Neben dem Kardinal hatten sich bei diesen Mittwochabend-Vorträgen in der Kathedrale von Westminster in den vergangenen Wochen Bob Geldof, Lord Patten, die irische Staatspräsidentin Mary McAleese, Jean Vanier sowie der Dominikanerpater Timothy Radcliffe zu Wort gemeldet.

Zu Beginn seines Vortrags erinnerte der 72-jährige Kardinal Murphy-O'Connor an die Eindrücke, die ihm bei der Bekanntgabe des neuen Nachfolgers des Apostels Petrus auf dem zum Bersten gefüllten Petersplatz in Rom durch den Kopf geschossen waren: Drei Wochen lang habe die Welt wie gebannt nach Rom geblickt, auf das Drama um den Tod von Papst Johannes Paul II. und die Wahl seines neuen Nachfolgers. "Was für Wunder hat der Herr in dieser Zeit gewirkt!", sagte der englische Kardinal. "Wir werden sie nicht so leicht vergessen." Angesichts dieser Ereignisse sei es auch kein Wunder, "dass sich unter den ersten öffentlichen Äußerungen" des neuen Papstes "jene Worte fanden, die wie ein Glockenschlag erschallt waren: 'Die Kirche lebt!'"

Mit der Wahl des neuen Papstes Benedikt XVI. "haben wir einen klugen und heiligen Hirten gewählt; einen Deutschen, der aus dem Kernland unseres alten Kontinents kommt, dessen Kultur mit dem Christentum durchtränkt ist wie kein zweites."

Außerdem sei der Name "Benedikt" gerade in der heutigen Zeit bedeutungsvoll, in der es um die Entscheidung über die Zukunft des Glaubens in Europa gehe. Mit der Regel des heiligen Benedikts, die während des Mittelalters große Bedeutung gehabt habe, sei im 18. Jahrhundert Papst Benedikt XIV. dem Skeptizismus und dem Rationalismus der Aufklärung mutig entgegengetreten. Benedikt XV. (1914-1922) sei danach ein großer Brückenbauer gewesen – "die leise, kaum vernommene Stimme des Erbarmens und Friedens in einem von Hass und Gewalt, Krieg und Revolution zerrissenen Kontinent".

Die Seele eines Kontinents

Die Vortragsreihe "Glaube an Europa?" sei nicht zuletzt als Antwort auf das nachsynodale Apostolische Schreiben "Ecclesia in Europa" (28. Juni 2003) von Papst Johannes Paul II. entstanden. Dieses Dokument ermahne alle Gläubigen, "uns wieder auf unsere Wurzeln zu besinnen und wieder das zu werden, was wir sind". Der Vorgänger von Benedikt XVI. habe das klare Bewusstsein besessen, dass Europa eine Seele habe, und zwar "eine vom christlichen Glauben durchdrungene Seele", und das trotz der vielen verschiedenen Elemente, die Europa ausmachten. Und Johannes Paul II. habe gewusst, dass "die Vernachlässigung dieser Seele unseren Kontinent ausdörren lässt – zum Schaden für alle".

Aus genau diesem Grund habe Johannes Paul II. "uns alle dazu ermahnt, in unserem Haus Inventur zu machen, die Kruzifixe abzustauben, für eine Zeitlang dem Lärm zu entfliehen und wieder auf die leise, kaum vernehmbare Stimme zu hören, die aus der Tiefe unserer europäischen Seelen kommt".

In diesem Zusammenhang erinnerte Kardinal Murphy-O'Connor auch an die ersten Worte der pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute, "Gaudium et spes" ("Freude und Hoffnung") des Zweiten Vatikanischen Konzils, die zugleich sein bischöflicher Wahlspruch sind: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi."

Die Aufgabe, sich diese Freuden und Hoffnungen in einem Europa zu Eigen zu machen, das immer mehr vom Säkularismus geprägt werde, sei eine große Herausforderung für die Kirchem, betonte der Kardinal. Dabei müsse man aber zwischen verschiedenen Formen von Säkularismus unterscheiden. Es gebe eine neutrale und eine aggressivere Form, die keine saubere Trennung des Zeitlichen und des Spirituellen gelten lasse und die der legitimen Präsenz der Kirche feindselig gegenüber stehe. Dieser aggressive Säkularismus bezwecke, "Gott und seine Kirche von der Gestaltung von Staat und Gesellschaft auszuschließen."

Kardinal Murphy-O'Connor würdigte die bedeutenden Beiträge, die das säkulare Europa für die Entwicklung Europas geleistet habe, insbesondere auf den Gebieten von Wissenschaft, Erziehung und Technologie. Allerdings warnte er auch: "Wenn Europa versucht, Gott zu vergessen, und wenn es zudem nicht das Erbe der großen Werte seiner jüdisch-christlichen Tradition antritt, um mit Hilfe dieser Werte zu überleben, dann verfällt es in große Verzweiflung, weil es nicht über sich hinaus blickt." Deswegen bestehe einer der Hauptbeiträge, den die Kirche heute leisten könne, darin, als eine Art "Auffangbecken" der Tradition des Kontinents zu dienen und als solches Europa an seine christlichen Wurzeln und an Gott zu erinnern.

Durch Christi Tod und Auferstehung, so der Kardinal, werde Europa die Würde jeder menschlichen Person und die transzendente Bedeutung der menschlichen Beziehungen vor Augen gestellt. Diesem Mysterium des Lebens und Sterbens verdanke Europa seine Seele, sein Herz und seine wahre Berufung.

Christus verkünden

In seinem Vortrag zitierte Kardinal Murphy-O'Connor aus dem Buch "Wendepunkt für Europa?" von Joseph Kardinal Ratzinger aus dem Jahr 1994. Es sei lebenswichtig, schrieb damals der jetzige Papst, dass "die Kirche oder die Kirchen zuallererst wirklich sie selbst sind. Christen dürfen es nicht zulassen, dass sie zu einem bloßen Mittel degradiert werden, um in der Gesellschaft die Einhaltung der Moral zu gewährleisten, wie es der liberale Staat gerne haben möchte; erst recht sollten sie sich nicht mit der Nützlichkeit ihrer sozialen Leistungen rechtfertigen ... Was die Kirche unbedingt zuerst tun muss, was ihre ureigenste Aufgabe ist: Sie muss die Aufgabe erfüllen, auf der ihre Identität beruht, Gott bekannt zu machen und Sein Königreich zu verkünden."

Daher müsse es die vorrangige Aufgabe der Kirche sein, Jesus Christus zu verkünden, unterstrich der Kardinal. Und dieses Verkünden dürfe sich nicht auf reine Menschenweisheit gründen, "sondern auf den Heiligen Geist und auf seine Kraft".

Vor allem anderen müsse die Kirche Tod und Auferstehung Jesu Christi verkünden. Und von dort her müsse sie eine Antwort auf die "unzähligen Herausforderungen und Fragen der modernen Technologie und des heutigen Fortschritts geben können". Die Kirche müsse eine Vielfalt von Themen ansprechen, angefangen von der Sexualmoral bis zur Genetik, zu Fragen der ökonomischen Gerechtigkeit und des Weltfriedens. Wenn sie über diese Dinge lehre, müsse dies immer "eine Einladung zu echtem Glück und zu einer Jüngerschaft sein, die in dem verwurzelt ist, was authentische Liebe ist".

Das freie Tun und Walten der Europäer müsse der Solidarität verpflichtet sein. Man habe die Pflicht, bereit zu sein, "sich auf andere einzulassen und das eigene Leben nicht als Einzelgänger zu verbringen". Und dem technischen Fortschritt gegenüber sollte man auf der Hut sein. "Die Technologie muss unser Diener sein, sie darf uns nicht beherrschen. Wir müssen sie gemäß jenen Prioritäten gestalten, die Gott den Menschen vorgegeben hat, nicht nach Prioritäten, die die Technik uns vorgibt."

Die Tendenz zum Individualismus, die technischen Möglichkeiten und der moderne Lebensstil hätten zwar, so der Kardinal, eine größere Freiheit mit sich gebracht, aber auch die Gefahr, "dass wir unsere freien Entscheidungen verabsolutieren und auf diese Weise unser Gewissen zerstören".

Wahrhaft menschlich

Freiheit beginne mit dem Eingeständnis, dass Gott die Welt und einen jeden von uns geschaffen hat. Die Morallehre der Kirche sei daher "kein Handbuch mit Geboten und Verboten, auf das sie das säkulare Europa gerne reduzieren möchte, sondern vielmehr ein unschätzbarer Führer zum wahren Menschsein".

Es sei nötig, den Christen in Europa die Möglichkeiten zu bieten, Gemeinschaft zu erfahren, zusammen zu beten und sich gegenseitig zu stützen. Es sei ein Paradox, dass heute viele Menschen Religion für etwas Langweiliges hielten, wo sie sich doch – ganz im Gegenteil – mit unendlich spannenden Dingen befasse, wie sie Theater oder Film nur in den seltensten Fällen adäquat darstellen könnten.

Der Kardinal gab zu, dass sich die Kirche in Europa und besonders in Großbritannien in einer Krise befinde. Sie sei keine Krise des Zerfalls, sondern vielmehr der Unsicherheit, des Wandels und der Entwicklung. Genau dort müsse die Kirche die Menschen abholen uns sie vor eine echte Wahl stellen – "eine Wahl, in der es um das Heil geht: um Pilgerschaft oder Tod, Babel oder Pfingsten, Verzweiflung oder Glück".

Die Katholiken seien dazu berufen, alle Menschen dazu einzuladen, nach Heiligkeit zu streben und sich im Gebet Gott zuzuwenden. Wenn das getan werde, dürfe man für die Zukunft der Kirche in Europa zuversichtlich sein.