Europa unter christlichem Horizont

Ansprache von Erzbischof Dr. Henryk Muszyński beim Renovabis-Kongress (22. September)

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FREISING, 22. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache zum Thema Europa, die der Erzbischof von Gnesen, Dr. Henryk Muszyński, heute, Samstag, im Rahmen des 11. internationalen Kongresses von Renovabis gehalten hat.

Der 74 Jahre alte Metropolit plädierte mit Johannes Paul II. und Benedikt XVI. für ein „Europa des erneuerten Menschen, des bekehrten Christen, des auf europäischen Grundwerten gegründeten Humanismus“ aus.

Eine „von Wohlstand und Konsum geprägte Mentalität“ bedürfe dringend einer „Vertiefung der geistigen und ethischen Werte“, betonte Erzbischof Muszyński. „Wenn die elementaren materiellen Nöte befriedigt sind, stellt sich oft die Frage nach dem tieferen Sinn des menschlichen Lebens. Der Mensch lebt nicht von Brot allein (Mt 4,4).“

In Freising befassen sich mehr als 300 Menschen aus 27 Ländern mit dem Thema „Gesellschaft gestalten – Glauben entfalten. Christen in Mittel- und Osteuropa“.



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Der XI. Internationale Kongress in Freising soll nach der Ansage eine „Bestandaufnahme versuchen, was in den Ländern Mittel – und Osteuropa seit 1990 entstanden, und wie der Erneuerungsprozess in den einzelnen Ländern vorgegangen ist“.

Eine Zwischenbilanz im Rückblick und ein Blick in die Zukunft, bilden die doppelte Perspektive, aus der unser christliches Engagement, zur Überwindung der Herausforderungen und Mitgestaltung der Gesellschaft in der wir leben, verwurzelt ist. Europa wird dabei nicht statisch, als eine für allemal gegebene und abgeschlossene Realität, sondern vielmehr als eine dynamische, im Werden seiende Wirklichkeit, und vordergründlich nicht als Wirtschafts-, sondern vor allem als Geschichts-, Kultur- und Wertegemeinschaft verstanden. Bei einer solchen Auffassung wird ein doppeltes Merkmal Europas sichtbar: Nach 16 Jahren einer gemeinsamen Anstrengung zur Förderung des Integrationsprozesses von Ost und West, wird Europa trotz aller Unterschiede bereits als Einheit verstanden. Wenn man Europa als eine bestimmte Lebensform und Lebensweise in ihrer Ganzheit betrachtet das Ost-, Mittel- und Westeuropa umfasst, wird deutlich, dass diese „in Vielfalt vereinte Wirklichkeit“ auch nach ihren eigenen geistigen Quellen der Einheit nachforschen muss. Ein so komplexes zivilisatorisches Gebilde kann nicht zu einer Wirtschaftsgemeinschaft reduziert werden.

1. Die christlichen Quellen der europäischen Identität

Die geschichtlichen und kulturellen Quellgründe der europäischen Zivilisation sind vielfältig. Sie stammen aus Griechenland, der antiken römischen Welt, aus keltischen, germanischen, slawischen und finougrischen Völkern bis hin zu der jüdischen Kultur und der islamischen Welt. Doch niemand kann bestreiten, dass die zivilisatosche Einheit unseren Kontinent das Christentum gegeben hat. Fast 20 Jahrhunderte hat das Christentum das Bild und das Leben Europas geprägt, und die wesentlichen Merkmale der europäischen Identität bestimmt. Dazu gehört vor allem: die Würde des Menschen, die Untastbarkeit und Heiligkeit des menschlichen Lebens als Ebenbild Gottes (Vgl. Gen. 1,27), die Ehe als beständiger Bund zwischen Mann und Frau und Familie als Fundament der Gesellschaft, der Freiheitsbegriff der wesentlich durch Ga 5,14-15 geprägt ist, Gerechtigkeit und Liebe, die aufeinander zugeordnet sind, ferner die Trennung zwischen sacrum und profanum, die wesentlich zur Teilung der Bereiche zwischen weltlichen, zivilen, staatlichen und kirchlichen, religiösen und spirituellen geführt hat. Das Christentum hat eigene Sicht der Welt und des Menschen entwickelt, die heute ein grundlegender Beitrag bleibt – jenseits der Zerrissenheit, der Schwächen, ja sogar der Versäumnisse der Christen selbst. (1)

Die christliche Dimension der europäischen Kultur wird besonders sichtbar, wenn man sie im globalen Kontext mit zivilisatorischen Merkmalen anderer Kulturen vergleicht.

2. Inwieweit ist Europa heute noch christlich?

Statistisch ist Europa auch heute noch ein christliches Kontinent. Von den rund 520 Millionen Menschen in Europa (diesseits des Urals) sind etwa die Hälfte (225 Millionen – ca. 49%) Katholiken, 99 Millionen Orthodoxe (19%) und 83 Millionen Protestanten (16%), nur noch 83 Millionen (16%) Nichtchristen (darunter nur 4%) Atheisten und 18% Agnostiker. (2)

Inhaltlich ist die Antwort auf diese Frage keinesfalls weder einfach noch eindeutig. Der spanische Schriftsteller Salvatore de Madariagi in seinem Buch: „Das Porträt Europas“ antwortet folgendermaßen: Europa ist sowohl sokratisch, wie auch christlich, voll Verzweiflung einerseits und Glauben andererseits, voll Freiheit und Ordnung, sowie voll Vielfalt.(3) Die komplexe Lage ist augenscheinlich und hat sich sehr deutlich im Streit um die christlichen Grundwerte im Projekt der Europäischen Grundcharta geäußert.

Für das Christentum als Fundament der europäischen Identität und die christlichen Grundwerte im Sinne des offenen Humanismus haben sich eindeutig Johannes Paul II. und auch Benedikt XVI. eingesetzt. Von den zahlreichen Aussagen möchte ich nur an einige hier erinnern.

Bereits am 9.11.1982 sagte Johannes Paul II: Europäische Identität kann man ohne dem Christentum nicht verstehen, hier sind die gemeinsamen Wurzeln, aus denen die europäische Zivilisation des alten Kontinents entstammt und reift, ihre Dynamik, ihr Unternehmungsgeist, ihre konstruktive Expansion, in andere Worten, alles was seinen Ruhm ausmacht. (4)

Während des wissenschaftlichen Kongresses über die fundamentalen Werte der europäischen Grundkarta sagte Johannes Paul II unter anderem: Europa kann sein christliches Erbe nicht außer acht lassen, denn ein Grossteil dessen, was es im juridischen, künstlerischen, literarischen und philosophischen Bereich hervorgebracht hat, wurde von der Botschaft de Evangeliums geprägt... Das erfordert das geschichtliche Gedächtnis, aber besonders die Sendung Europas, das Solidarität und ohne Ausgrenzungen zu fördern und am Aufbau eines gerechten und dauerhaften Friedens in seinem Innern und in der ganzen Weit beizutragen..... Europa ist berufen, unterschiedliche kulturelle Traditionen zu verknüpfen, um einen Humanismus ins Leben zu rufen, in dem die Achtung der Rechte, die Solidarität, die Kreativität jedem Menschen die Möglichkeit geben, seine edelsten Bestrebungen zu verwirklichen. Anerkennung der Identität und sozialen Rolle der Kirchen...

Eine so gestaltete europäische Neuordnung muss aber, wenn sie wirklich der Förderung des wahren Gemeinwohls zuträglich sein will, jene Werte anerkennen und schützen, die das kostbarste Erbe des europäischen Humanismus sind, der Europa eine einzigartige Ausstrahlung in der Geschichte der Zivilisation jetzt und in Zukunft sichert. Diese Werte sind der charakteristischste intellektuelle und geistliche Beitrag, der die europäische Identität im Laufe der Jahrhunderte geformt hat, und sie gehören zum eigentlichen Kulturschatz dieses Erdteils.“
(5)

Nach dem Scheitern der Versuche, das christliche Erbe in die Präambel der Charta der Grundrechte einzutragen, und nach der Ablehnung dieses Vorschlags im Referendum dieses Grundgesetzes in Frankreich und Niederlanden, hat Benedikt XVI. seine Aussage im Vergleich zum Papst Johannes Paul II. noch verschärft. Die Ablehnung der christlichen Grundrechte gilt für ihn nicht nur als Apostasie von Gott, sondern auch von Europa sich selbst.

Aus Anlass des 50. Jahrestages der Römischen Verträge vom 25. März 1957 fragte der Papst unter anderem: Wie könnten sie (die europäische Regierungen) ein so wesentliches Element der europäischen Identität wie das Christentum ausschließen, mit dem sich eine große Mehrheit der Bürger weiterhin identifiziert? Ist es nicht Grund zur Überraschung, dass das heutige Europa einerseits danach strebt, sich als eine Wertegemeinschaft darzustellen, andererseits aber immer öfter zu bestreiten scheint, dass es universale und absolute Werte gibt? Führt diese einzigartige Form der Apostasie von sich selbst, noch bevor sie Apostasie ist, Europa vielleicht nicht dazu, an der eigenen Identität zu zweifeln? (6)

Die alltägliche Erfahrung zeigt, dass alle christlichen Grundwerte heute in Frage gestellt oder sogar durch eine Form des laizistischen Fundamentalismus bekämpft werden:

-- Die Untastbarkeit des menschlichen Lebens wird durch das Recht zur Schwangerschaftsabbruch, die Euthanasie und biogenetische Experimente in Frage gestellt und gefährdet,

-- die Würde des Menschen als Ebenbild Gottes durch Absolutisierung des Menschen als Mittelpunkt und Maß aller Werte ersetzt,

-- die Ehe zwischen Mann und Frau und eine beständige Familie durch gleichgeschlechtliche Partnerschaften vertreten,

-- die Freiheit mit Willkür verwechselt,

-- die objektiven moralischen Grundprinzipien durch rein subjektive, individuelle, nicht selten selbst erfundene egoistische Maßstäbe ersetzt („Was mir dient, ist gut!“),

-- das Sacrum mit dessen Gegensatz der Scheinheiligkeit verwechselt.

Die Herausforderungen des XXI. Jahrhunderts bestehen hauptsächlich in einer rein pragmatischer Haltung, dem moralischen Indiferentismus, Individualismus und Subjektivismus.

Papst Benedikt XVI warnte in der Antrittsrede seines Pontifikats vor einer Diktatur des Relativismus. Als ob man durch das demokratische Mehrheitsprinzip nicht nur gesellschaftliche, politische und ökonomische, sondern auch die Wahrheit und die moralischen Grundprinzipien bestimmen könnte. Papst Benedikt XVI warnte davor in festen Worten:

„Eine Gemeinschaft, die aufgebaut wird, ohne die echte Würde des Menschen zu achten, insofern sie vergisst, dass jede Person als Abbild Gottes geschaffen ist, gereicht am Ende niemandem zum Wohl. Deshalb scheint es immer unerlässlicher, dass sich Europa vor dieser heute so weit verbreiteten pragmatischen Haltung hüte, die den Kompromiss über die wesentlichen menschlichen Werte systematisch rechtfertigt, als handle es sich um die unvermeidliche Annahme eines vermeintlich kleineren Übels. Ein derartiger, als ausgewogen und realistisch präsentierter Pragmatismus ist im Grunde nicht so, gerade weil er jene Dimension der Werte und Ideale verneint, die der menschlichen Natur innewohnen. Wenn dann einem solchen Pragmatismus laizistische und relativistische Tendenzen und Strömungen eingepflanzt werden, verweigert man am Ende den Christen das Recht, sich als solche in die öffentliche Debatte einzubringen, oder es wird im besten Falle ihr Beitrag mit dem Vorwurf herabgesetzt, sie wollten unberechtigte Privilegien schützen. (7)

Vom demographischen Standpunkt aus gipfeln all diese Herausforderungen im Geburtenrückgang, der Europa sterblich bedroht. Im Zusammenhang mit der Migration und dem starken Zuwachs der muslimischen Bevölkerung bedeutet das, dass die christliche Bevölkerung im alten Europa im Jahre 2050 eine Minderheit bilden wird.

3. Blick in die Zukunft – Europa zwischen Hoffnung und Enttäuschung

Nun, stellt sich die Frage: Welche Perspektiven für die Zukunft hat das Christentum in Europa in dieser Lage?

Erzbischof Józef Życiński fragt sogar: Hat das Christentum in einem pluralistischen Europa überhaupt noch eire Zukunft? (8) Seine Antwort lautet: Ja. Das Christentum hat in der Vergangenheit eine weitgehende Öffnung gegenüber anderen (griechisch-römisch) Kulturen nachgewiesen und viele ihrer Elemente assimiliert. Nach Arnold Toynbee besteht die derzeitige Krise darin, dass die Religion durch Technik, Nationalismen, Militarismen und letztlich durch den fundamentalistischen Laizismus ersetzt wurde. (9)

Eine offene und dynamische christliche Kultur, die nach dem Vorbild des hl. Paulus die moderne Areopage mit wesentlichen christlichen Werten wie Achtung und Würde jeden Menschen, Liebe statt Gewalt, wahre Freiheit, Versöhnung und Solidarität bereichert, kann und wird die pluralistische europäische Zivilisation weiter mitgestalten und kann sogar zur Überwindung der zivilisatorischen Krise wesentlich beitragen.

Treue gegenüber den Wurzeln des Christentums bedeutet kein Zurück zu der Christianitas des Mittelalters, sondern wie Johannes Paul II in Krakau deutlich gemacht hat: Treue bedeutet einen kreativen Rückblick und Vertiefung des geschichtlichen Erbes, neue Sensibilität gegenüber den Zeichen der Zeit (signa temporis), um den heutigen Herausforderungen gerecht zu werden. Treue bedeutet auch Sorge um die Entfaltung der einheimischen Kultur, die sie von Anfang an innehat. Treue gegenüber den geschichtlichen Wurzeln bedeutet vor allem die Fähigkeit ein organisches Bündnis zwischen den ewigen Werten, die sich so viele Male in der Geschichte bewährt haben und den Herausforderungen der heutigen Weit, zwischen Glaube und Kultur, zwischen dem Evangelium und dem Leben. (10)

Diesen Herausforderungen in der heutigen Welt gerecht zu werden, ist die Hauptaufgabe von uns Christen.

In seiner Ansprache an die Mitglieder des Kongresses der COMECE in Rom, am 24. März 2007, sagt Papst Benedikt XVI.: Werdet nicht müde, und verliert nicht den Mut! Ihr wisst: Ihr habt die Aufgabe, mit der Hilfe Gottes ein neues Europa zu bauen, das realistisch, aber nicht zynisch ist, reich an Idealen und fei von naiven Illusionen und sich an der ewigen und lebensspendenden Wahrheit des Evangeliums inspiriert. (11)

Diese Worte bilden ein Programm und schildern sehr konkret die Aufgaben von uns Christen in dem neuen Europa des XXI. Jahrhunderts. Kein Zweifel, der Papst glaubt, dass das Evangelium auch im XXI. Jahrhundert weiter die Christen in Europa inspirieren wird, ein pluralistisches Europa aktiv mitzugestalten und mit christlichen Grundwerten zu bewahren.

Nun stellt sich die Frage: Inwieweit sind die Erwartungen des Papstes realistisch, und was sind die Illusionen, denen wir unterliegen, und die Gefahren eines Zynismus, dem wir verfallen können?

Der bekannte amerikanische Schriftsteiler und Vatikanist Georg Weigel schildert in seinem Buch: „Der Kubus und die Kathedrale“ (12) drei verschiedene mögliche Modelle eines zukünftigen Europas.

Das erste mögliche Projekt ist ein Europa, so wie es in der Grundkarte von den führenden Politikern (Valery Giscard Esteing, Romano Prodi) dargestellt wird. Es ist das Europa eines wirtschaftlichen Wohlstandes, in dem die Grundrechte wie Schutz des menschlichen Lebens, Respekt des Rechts, Freiheit, Solidarität, Brüderlichkeit und Toleranz deklarativ gesichert sind. Das Hauptproblem, nämlich die Migration der muslimischen Bevölkerung (Südafrika, Türkei), wird den Erwartungen nach auf der Basis der „neutralen Weltanschauung“ dem Prozess der Säkularisierung unterliegen und sich dem laizistischen und pragmatischen, demokratischen Europa anpassen.

Inwieweit ist eine solche Vision realistisch? Wer genug Glauben hat, der glaube! Ein solches Projekt wirft mehr Fragen auf als es Antworten liefert. Vor allem wirtschaftlicher Aufschwung und Wohlstand, wenn er nicht zu Spannungen oder sogar zum Kampf führen soll, erfordert zugleich Aufwertung eines der Wohlstandsgesellschaft entsprechenden Ethos der Arbeit, denn Brüderlichkeit ohne Verankerung in Gott, dem Vater aller Menschen, kann zum revolutionären Aufruf, Solidarität ohne ethische Motive zum leeren Schlagwort, Freiheit ohne Wahrheit zu Willkür und Gerechtigkeit ohne Liebe zum höchsten Unrecht gegenüber anderen werden.

Vom soziologischen Standpunkt aus mehr als fraglich und ungewiss bleibt die demografische Zukunft Europas. Wenn der demografische Zuwachs der muslimischen Bevölkerung anhalten wird (und nichts deutet darauf, dass dieser Trend sich ändert), wird die muslimische Bevölkerung in Europa im Jahre 2050 die Mehrheit bilden. Die Türkei ist heute bereits ein demokratischer Staat, hat aber die ihr eigene muslimische Kultur und den dieser Kultur entsprechenden Lebensstil beibehalten. Nichts deutet darauf hin, dass der Laisierungsprozess in Europa im Wesentlichen anders verlaufen wird. Die Frage, inwieweit die islamische Kultur überhaupt in Stande ist, sich einer pluralistischen Gesellschaft anzupassen und die christlichen Grundwerte zu assimilieren, bleibt völlig offen.

Die zweite mögliche Option der europäischen Zukunft wird von Georg Weigel als Chaos bezeichnet. Der Ausgangspunkt zu einer solchen Überlegung liegt in der Überzeugung, dass der Prozess der Alterung Europas einerseits und der dynamische demografische Wachstum der muslimischen Bevölkerung in Europa anderseits irreversibel ist.

Nichts deutet heute darauf hin, dass dieser Prozess anders verlaufen wird. Man darf mit gutem Grund annehmen, dass die unterschiedlichen sozialen, politischen, kulturellen und auch religiösen Hintergründe der einzelner europäischen Staaten, eine sehr differenzierte wenn nicht direkt unterschiedliche Entwicklung in Bezug auf die muslimische Bevölkerung voraussetzen lassen. Es ist wohl kaum zu erwarten, dass die „Assimilierung“ der muslimischen Bevölkerung in der gleichen Art und Weise in England, Frankreich, Osterreich, Schweiz, Polen und Bulgarien verlaufen wird. Denkbar ist sicherlich auch ein organischer und friedlicher Assimilierungsprozess der muslimischen Migranten mit der – wie einige behaupten – postchristlichen Bevölkerung und Nachbarn in Europa. Dennoch scheint eine solche Entwicklung weniger wahrscheinlich.

Ein Mangel an sozialem Gleichgewicht, wo ein großer oder sogar der größte Teil einer alten Bevölkerung auf Kosten der jungen, dynamischen Gesellschaft lebt, wobei die Trennungslinie der sozialen, kulturellen, ethnischen und größtenteils auch religiösen gleicht, ist weniger wahrscheinlich. Es scheint, dass eine solche „Spaltung“ ohne tiefer moralische Motive unwiderruflich zu starken Konflikten führen muss.

Papst Benedikt XVI weist darauf hin, dass die demografische Entwicklung für die Zukunft Europas eine entscheidende Bedeutung haben wird: Unter dem demographischen Gesichtspunkt hingegen muss man leider feststellen, dass Europa anscheinend einen Weg eingeschlagen hat, der es zum Abschied von der Geschichte führen könnte. Das könnte nicht nur das wirtschaftliche Wachstum gefährden, sondern auch enorme Schwierigkeiten für den sozialen Zusammenhalt hervorrufen und vor allem einen gefährlichen Individualismus fördern, der die Folgen für die Zukunft nicht beachtet. Man könnte beinahe denken, dass Europa das Vertrauen in die eigene Zukunft verliert. (13) Ein Gleichgewicht könnte nur eine vertiefte ethische und religiöse Motivation schaffen, die in diesem Zusammenhang kaum zu erwarten ist.

Die dritte Alternative für Zukunft Europas heißt einfach neues Europa. Zwar wird diese Bezeichnung sehr oft gebraucht und auch missbraucht, doch in diesem Falle setzt sie eine gründliche Erneuerung des Menschen und auch eine qualitative Erneuerung der Christen und des Christentums als Voraussetzung und Begründung einer wahren und dauerhaften Erneuerung voraus.

Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben sich unermüdlich für ein solches Europa, das Europa des erneuerten Menschen, des bekehrten Christen, des auf europäischen Grundwerten gegründeten Humanismus engagiert. Die neue rechtliche Ordnung, die dem authentischen Gemeinwohl dient – sagte Johannes Paul II. zu den Vertretern des europäischen Kongresses –, muss die Werte anerkennen, verteidigen und hüten die das wertvollste Erbe des europäischen Humanismus darstellen. Dieser Humanismus garantierte in der Vergangenheit und garantiert bis heute Europa einen besonderen Platz in der Geschichte der Zivilisation jetzt und in Zukunft sichert. Diese Werte haben in den vergangenen Jahrhunderten die europäische Identität gestaltet. Es gehören dazu: die Würde des Menschen, die Heiligkeit der menschlichen Lebens, die zentrale Rolle der Familie, die auf der Ehe gegründet ist, Freiheit der Gedanken, des Wortes, der eigenen Überzeugung, das Bekenne der eigenen Religion, rechtlicher Schutz der Einzelnen und der Gruppen, Zusammenarbeit aller zum Gemeinwohl, politische Gewalt, die als Dienst aufgefasst wird. (14)

Die Tendenz zur Beseitigung der christlichen Werte ist sichtbar in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. In seiner Predigt zu Beginn des Konklaves sprach Kardinal Joseph Ratzinger von der „Diktatur des Relativismus“.

Dieser Prozess einer falsch verstandenen Säkularisierung gestützt durch so genannte axiologische Neutralität und einen starken Individualismus sowohl in Ost wie auch in West, berechtigt völlig zwei grundsätzliche, für die Zukunft Europas entscheidende Fragen:

Erstens: Kann die Politik ohne Gott Europas eine friedliche Zukunft sichern; gibt es eine Moral, die ohne jeglichen Bezug zur Transzendenz verbindliche und effektive Motive zum Aufbau eines Gemeinwohls verschiedener Völker, Kulturen und Religionen absichern kann?

Kann eine demokratische Rechtsordnung, soziales, wirtschaftliches und auch politisches Leben ohne ethischern Ordnungsprinzip aufgebaut und realisiert werden?

Ohne diese Grundwerte hat jeder seine eigene Wahrheit, eigene moralische Prinzipien, und deshalb können die Menschen nicht zueinander finden.

Zweitens: Es gibt keine Zukunft ohne Hoffnung! Genügt die menschliche, zeitlich begrenzte und auf Wohltand ausgerichtete bessere Zukunft, um die existenziale Bedrohung vor der inneren Leere, dem Gefühl der Sinnlosigkeit und dem Nihilismus schützen?

In einem pluralistischen Europa gibt es keine einheitliche Antwort auf diese Frage. Europa ist nicht mehr Monolith. Letztlich geht alles auf die eine einzige Frage zurück: Wer bin ich als Mensch? Die christliche, auf der Bibel gegründete Anthropologie, erblickt die unveräußerliche Würde des Menschen als Ebenbild bzw. Abbild (gr. eikon) Gottes. Nach der atheistischen, beziehungsweise leicht abgeschwächten laizistischen Anthropologie ist der Mensch das einzige Maßstab und der alleinige wahre Bezugspunk aller Werte. Die Frage lautet: Sind wir in einer pluralistischen Gesellschaft für immer auf diesen Gegensatz auf entgegengesetzte oder sogar widersprüchliche Auffassungen des Menschen angewiesen, oder gibt es eine Möglichkeit, die zwei Auffassungen des Menschen inhaltlich zu vereinen?

Prof. Bronisław Geremek antwortet: Die erste Formel reflektiert ein Denken über den Menschen mit Bezug auf Gott und mit Gott. Die zweite Formel ist ein Denken ohne Gott aber nicht gegen Gott; Doch beide Formeln drücken gemeinsam die Würde der menschlichen Person aus. (15)

Es scheint, dass diese Behauptung unter der Voraussetzung, das das menschliche Leben die höchste irdische Wertschätzung hat, der Ausgangspunkt zu einer vertieften anthropologischen Forschung sein kann. Hiermit erhält der wahre, in echten christlichen Wurzeln verankerte europäische Humanismus auch einen festen personalistischen Grund, der zu einer gemeinsamen Handlung zum Gemeinwohl des Einzelnen und der Gesellschaft führen könnte.

Ein neuer Mensch, als einziges dauerhaftes Fundament eines neuen Europas erfordert eine Erneuerung der geistigen und ethischen Werte. Neue Herausforderungen, neue Anstrengungen und Initiativen. Ebenso ein vom Evangelium her inspiriertes Zeugnis des echten christlichen Lebens setzt eine Neuevangelisierung voraus, die die Spaltung und nicht selten den Widerspruch zwischen Glaube und Leben, zwischen der Religion und dem christlichen Zeugnis beheben kann.

Meiner Meinung nach, eine von Vorurteilen, Einschränkungen und Belastungen befreite Einschätzung, lassen sich bereits einige erfreuliche Zeichen einer solchen Erneuerung erblicken. Dazu gehren unter anderem zahlreiche informelle Gruppen und Bewegungen insbesondere der Jugendlichen, einige Zentren der geistigen Erneuerung (Taizé in Frankreich, Lednica in Polen) und auch die Weltjugendtage.

Eine von Wohlstand und Konsum geprägte Mentalität erfordert dringend eine Vertiefung der geistigen und ethischen Werte. Wenn die elementaren materiellen Nöte befriedigt sind, stellt sich oft die Frage nach dem tieferen Sinn des menschlichen Lebens. Der Mensch lebt nicht von Brot allein (Mt 4,4).

In seiner ersten Predigt auf dem Petersplatz erinnerte Papst Benedikt XVI: Es gibt nicht nur die Wüste der Armut, die Wüste des Hungers und des Durstes. Es gibt auch die Wüste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerstörten Liebe, und es gibt die Wüste des Gottesdunkels, der Entleerung der Seelen, die nicht mehr um die Würde und um den Weg des Menschen wissen. (16)

Diese Wüste der Verlassenheit, der geistigen Leere und Hoffnungslosigkeit kann die irdische Hoffnung nicht stillen und erfüllen: Das Vergessen Gottes hat zum Niedergang des Menschen geführt (...) Es wundert daher nicht, dass in diesem Kontext ein großer Freiraum für die Entwicklung des Nihilismus im philosophischen Bereich, des Relativismus im erkenntnistheoretischen und moralischen Bereich, des Pragmatismus und sogar des zynischen Hedonismus in der Gestaltung des Alltagslebens entstanden ist. Die europäische Kultur erweckt den Eindruck einer schweigenden Apostasie seitens des satten Menschen, der lebt, als ob es Gott nicht gäbe. (17)

Papst Benedikt XVI macht einen neuen Vorschlag für Europa: Wir wollen so leben als ob es Gott gäbe – veluti si Deus daretur. (18)

Das Risiko ist klein, und die Chance riesengroß. Wenn wir dieses Prinzip respektieren, werden wir anständige, ja gute Menschen sein, den anderen behilflich und darüber hinaus, wenn der Himmel nicht ganz leer ist, können wir noch zusätzlich das ewige Leben gewinnen.

In dieser Perspektive ist die Verkündigung von Jesu Christus, den auferstandenen als die Hoffnung der Herrlichkeit (Vgl. Kol 1,27). ... immer noch die neue Hoffnung der Kirche, der Menschheit und der Welt, die einzige wahre Hoffnung der Menschen und der Geschichte. Die Quelle der Hoffnung für Europa und die ganze Welt... in diesem Leben und über den Tod hinaus... weil nur in ihm und in keinem anderen ist das Heil (19).

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(1) H. Spieker, Die Identität Europas, in: Europa christlich gestalten, Katowice 2005, S. 25-26.
(2) Vgl. H. Spieker, ebenda, S.26.
(3) A. Dylus, Anzeichen der Alterung Europas, in: Europa christlich gestalten, S.74.
(4) Johannes Paul II, Akt europejski, Santiago de Compostello, 9.11.1982.
(5) Johannes Paul II, An die Teilnehmer der europäische Studientagung, Rom, 22-23.06.2002.
(6) Benedikt XVI, Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses der COMECE, 24.03.2007.
(7) Benedikt XVI, Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses der COMECE, 24.03.2007.
(8) Vgl. J. Życiński, Czy pluralistyczna Europa może być chrześcijańska? w: Chrześcijaństwo a jedność Europy, Lublin 2006, s.43-59.
(9) Vgl. J. Życiński, ebenda, S. 50.
(10) Johannes Paul II, Kraków-Balice, 10.06.1997.
(11) Benedikt XVI, Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses der COMECE, 24.03. 2007.
(12) Europa, die USA und Politik ohne Gott. New York 2005.
(13) Benedikt XVI, Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses der COMECE, 24.03.2007.
(14) Vgl. Johannes Paul II, Botschaft an die Mitlieder des europäischen Kongresses,20.06.2002.
(15) B. Geremek, Czy demokracja może być totalitarna, w: Scenariusz przyszłości, Gliwice 2006, S. 50.
(16) Benedikt XVI., Homilie zur Amtseinführung, 24.04.2005.
(17) Nachsynodales Apostolisches Schreiben von Papst Johannes Paul II, Ecclesia in Europa, Nr. 9.
(18) Vgl. Kard. J. Ratzinger, Europa Benedykta, Warszawa 2005, S. 33-34.
(19) Vgl. Apg, 4,12, Ecclesia in Europa, Nr. 18.

[Von den Veranstaltern zur Verfügung gestelltes Redemanuskript]