Europas Erbe, Europas Zukunft? – Wo kommen wir her, wo wollen wir hin?

Vortrag von Erzbischof Edmond Farhat, Apostolischer Nuntius in Österreich

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AUGSBURG/WIEN, 26. April 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Vortrag, den der Apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Edmond Farhat, für den internationalen Kongress „Treffpunkt Weltkirche“ 2008 vorbereitet hat.

„Wenn sich Europa nicht auf seine christlichen Wurzeln besinnt, wird es seine Identität und seine Zukunft verlieren“, warnt darin der Erzbischof, der an der Großveranstaltung Mitte April in Augsburg selbst nicht teilnehmen konnte. Sein Text wurde deshalb vor dem Plenum verlesen.

 

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Eminenzen!
Exzellenzen!
Sehr geehrte Kongressteilnehmer!

Vor einigen Wochen (Ende März 2008) veröffentlichte der Leiter des päpstlichen Statistikamtes, Vittorio Formenti, im L’Osservatore Romano eine Studie, der zufolge weltweit die Anzahl der Muslime zum ersten Mal jene der Katholiken überstiegen hat: So habe es im Jahre 2006 weltweit 1,3 Milliarden Muslime gegeben, während sich die Anzahl der Katholiken auf 1,1 Milliarden reduzierte. Der Anteil der Katholiken an der Weltbevölkerung lag demnach bei 17,4 Prozent, während die Muslime auf 19,2 Prozent kamen. Der Leiter des päpstlichen Statistikamtes betonte jedoch, er könne nur für die Angaben der eigenen Kirche geradestehen, da die Ermittlung der Katholikenzahl systematisch mit Fragebögen über die Apostolischen Nuntiaturen in allen Kirchenbezirken der Welt durchgeführt werden.

Die Angabe von 1,3 Milliarden Muslimen beruht hingegen auf Schätzungen staatlicher Behörden in islamischen Ländern, die der UNO zur Verfügung gestellt werden. In vielen islamisch geprägten Ländern gilt jedoch die Regel, dass Neugeborene automatisch dem Islam zugerechnet werden. Dabei wird nicht darauf geachtet, dass es in diesen Ländern auch christliche und andere Minderheiten gibt.

Durch die fortschreitende Computerisierung und Digitalisierung dieser Länder kann es aber auch vorkommen, dass ein Christ, der seinen Pass erneuern will, plötzlich einen muslimischen Vornamen in seinem Dokument vorfindet und dadurch automatisch zur islamischen Glaubensgemeinschaft gezählt wird. In Ägypten gab es in den letzten Jahren mehrere solcher Vorfälle. Inzwischen reichten zwölf koptische Christen beim ägyptischen Höchstgericht eine Klage gegen diese Form von Einschränkung persönlicher Freiheit ein. Die Kopten gewannen den Prozess und durften sich wieder als Christen ausweisen. In ihrem Pass sollte jedoch weiterhin vermerkt sein, dass sie für eine Zeit lang der islamischen Glaubensgemeinschaft angehörten. Dadurch sind die Christen erst recht in ihrem eigenen Land gefährdet, da sie als Apostaten – d.h. als Abgefallene des Islams gelten. Die türkische Zeitung Hürriyet stellte diesen Fall hingegen als einen „Sieg der Religionsfreiheit in Ägypten“ dar. Dies ist jedoch so nicht ganz richtig, da es sich von vornherein um einen bewussten Fehler der Behörden handelt, der ganz gezielt begangen wird.

"Der Islam nimmt in Europa immer stärker zu"

Wir wollen uns jedoch hier nicht all zu lange mit fragwürdigen Statistiken aufhalten. Tatsache ist, dass der Islam in Europa immer stärker zunimmt und gläubige Muslime oft bereit sind, ihren Glauben mit großer Überzeugung in der Öffentlichkeit zu verteidigen. Dabei vertreten sie einen absoluten Wahrheitsanspruch, der jeden anderen Glauben, und somit auch den christlichen, in Frage stellt. Der Islam ist heute (neben der Forschung im Bereich der Humangenetik und den damit verbundenen ethischen Fragen) sicherlich eine der größten Herausforderungen für Europa. Die Frage ist: Wie gehen wir mit dieser Herausforderung um? Hat unsere westliche Zivilisation den Einwanderern aus islamischen Ländern nichts anderes zu bieten außer einen übertriebenen Materialismus und Konsumismus, wofür uns ein gläubiger Muslim mit Recht verachtet?

Auf einer islamischen Webseite (http://islamische-datenbank.de) findet man z.B. das Buch eines gläubigen Muslims zum Thema „Die Wahrheit“. Im Kapitel „Der Christ“ schreibt er: „Ich bin in einer christlichen Gesellschaft aufgewachsen und lebe noch in ihr, und dennoch bin ich keinem Christen begegnet. Und als Christen erkenne ich jedoch nur jene an, die ihren Glauben auch praktizieren.“ Und ein wenig später fragt er sich: „Wo ist die Kirche, die es besser wissen sollte, die den Glauben wieder gerade rückt? Die sagt, dass man an Jesus Leidenweg nicht gedenken sollte, indem man bunte Eier sucht oder einen lila Schmunzelhasen verspeist? Ich sehe diese Kirche nicht, die sich entschieden in der Öffentlichkeit gegen diese Missstände einsetzt.“

Auf derselben Webseite gibt Dr. Adil ibn Ash-Shaddi „10 Antworten“ auf die Regensburger-Rede von Papst Benedikt XVI. Er verweist im Punkt 6 auf die unbedingte Notwendigkeit für einen Moslem, „das Leben, den Besitz und die Würde“ vor Angriffen zu verteidigen. Was muss sich also ein gläubiger Moslem, der nach Europa kommt, über die westliche Zivilisation denken, wenn er hier mit einer Mentalität konfrontiert wird, die die Abtreibung befürwortet? Was muss in einem Moslem vorgehen, wenn er hier erfährt, dass Wissenschaftler im Namen der Forschungsfreiheit menschliche Embryonen zerstören oder sogar menschliches Erbgut mit einer tierischen Eizelle verschmelzen und daraus eine Chimäre klonen?

"Europa ist ethnisch auf dem Weg in den Untergang"


Papst Benedikt XVI. hat noch als Kardinal in seiner Rede vor dem römischen Senat im Jahre 2004 mit Sorge darauf hingewiesen, dass „Europa auf dem Höhepunkt seines Erfolges innerlich ausgehöhlt“ scheint. Kardinal Ratzinger konstatierte „neben diesem internen Schwinden tragender spiritueller Kräfte“ auch ein demographisches Problem und erklärte, dass „sich Europa auch ethnisch auf dem Weg in den Untergang“ befindet. „Die Kinder, die doch unsere Zukunft sind, werden als Bedrohung der Gegenwart, als Einschränkung unserer Lebensqualität angesehen.“ Gleichzeitig stellte der spätere Papst in dieser Rede auch ein „Wiedererwachen des Islams“ in Europa fest, das er sich u.a. auch daher erklärte, dass der Islam „seinen Anhängern eine lebensnahe, spirituelle Basis bieten kann“, während diese „dem alten Europa verloren gegangen zu sein“ scheint.

Kardinal Ratzinger hat in dieser Rede das eigentliche Kernproblem des Westens und damit des Christentums gegenüber dem Islam angesprochen: die innere Leere und Identitätslosigkeit der westlichen Kultur. Die Natur duldet jedoch kein Vakuum. Die europäische Gesellschaft braucht einen neuen Impuls, damit neue Generationen entstehen können. Die neuen Generationen können aber nur aus intakten Familien kommen. Die Familien bilden die Keimzellen des Staates, doch im Westen werden sie zu wenig vom Staat gefördert.

Während viele Moslems ihren Glauben mit klarer Überzeugung in der Öffentlichkeit vertreten, lassen sich die Christen immer mehr in die Privatsphäre abdrängen. Woher aber soll man von Jesus Christus hören, wenn niemand den Glauben an Gott vermittelt? Wie kann man mit dem Islam oder mit anderen Religionen in einen echten Dialog treten, wenn man seinen eigenen Glauben und seine eigene Kultur nicht mehr kennt? Ohne Glaubenswissen und religiöse Praxis kann es auch keine konstruktive Auseinandersetzung mit anderen Religionen und Gedankensystemen geben.

"Um eine christliche Bildung mit Demut bemühen"

Wenn sich Europa nicht auf seine christlichen Wurzeln besinnt, wird es seine Identität und seine Zukunft verlieren. Wir müssen uns um den christlichen Glauben und um eine christliche Bildung mit Demut, aber auch mit Überzeugung bemühen. Der alte griechische Weisheitsspruch „gnothi seauton“ („Erkenne dich selbst!“) gilt heute für die Europäer mehr denn je. Die Kirche ist in ihrem Selbstverständnis herausgefordert. Europa muss endlich aus seiner Oberflächlichkeit und Lethargie aufwachen und der inneren Leere wieder einen Inhalt geben, einen Inhalt voller Glauben und Wissen.

Ich ermutige Euch: schaut auf Christus, unser Heil und unsere Erlösung. Er ist das Lumen Gentium, ein Licht, das uns nicht blendet, sondern erleuchtet, nicht um „die wahre Religion“, sondern um die Wahrheit zu erkennen.
Die Zukunft hängt von uns ab. Wir haben die Verantwortung. Es liegt an uns, zu handeln und das zu retten, was das Christentum aufgebaut hat. Erinnern wir uns daran, was für einen Schatz uns Christus mit seiner frohen Botschaft anvertraut hat. Werden wir uns dieses Schatzes wieder neu bewusst. Aus diesem Reichtum können wir schöpfen. Und aus diesem Bewusstsein heraus können wir mutig mit dem Islam in Dialog treten.

[Von „Kirche in Not“ veröffentlichtes Original]