Europas zweite Aufklärung

Von Stephan Baier

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WÜRZBURG, 3. September 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Ein analytischer Blick – oft nicht gewagt, oft nicht gelungen – in den Nahen Osten müsste den aufgeklärten Europäer eigentlich nachhaltig verwirren. Hier tobten sich im vergangenen Säkulum die drei großen europäischen Ideologien des 19. Jahrhunderts aus, doch werden sie derzeit von einer Renaissance des politischen Islam wenn schon nicht weggespült, so doch zumindest begrenzt. Der aus Europa importierte Nationalismus stiftete im absterbenden Osmanischen Reich in Form der jungtürkischen Bewegung und in den Reformen Mustafa Kemal Atatürks riesiges Unheil und millionenfachen Tod. Er schuf in der Gestalt des arabischen Nationalismus neue Staaten und neue Grenzen. Der aus Europa importierte Sozialismus stabilisierte Diktaturen, verschmolz stellenweise mit autokratischen und andernorts mit islamistischen Zügen, denn der Islam besitzt ja eine ausgesprochen egalitäre Seite. Der aus Europa importierte ambivalente Liberalismus schließlich schliff einerseits einige Kanten der Gesellschaft ab, öffnete den Frauen, der Jugend, der gebildeten oder unternehmerisch talentierten Schicht neue Möglichkeiten, schillerte aber andererseits rasch in die Unmoral und Beliebigkeit hinein.



Der Orient – ob christlich, jüdisch oder muslimisch – bleibt tief religiös, und so konnte es nicht ausbleiben, dass der Nationalismus auf einen pan-islamischen Widerspruch stieß, der Sozialismus an der merkantilen Mentalität der Levante abprallte und der Liberalismus die Gegenbewegung eines islamischen Rigorismus provozierte.

Ganz anders in Europa, wo die Politik und die sie umlagernden Medien und Wissenschaften bis heute täglich das Gift der drei großen Ideologien des 19. Jahrhunderts einatmen: des Nationalismus, des Sozialismus und des Liberalismus. Kein Wunder, denn in Europa sind diese Ideologien nicht importiert worden, sondern aus weltanschaulich frei gewordenen Räumen entstanden und gewachsen. Das mittelalterliche Ordo-Denken konnte Schöpfungsordnung, Seinsordnung, Weltordnung und Lebensordnung noch in einer Zusammenschau denken – und Abweichungen als Häresie bekämpfen. Sie fand ihren Ausdruck in den patriarchalen (und natürlich komplementär auch matriarchalen) Autoritäten: Gott Vater im Himmel, der Heilige Vater in Rom, der König als Vater des Vaterlands, der Vater als König in seiner Familie.

Bis heute scheint den Europäern das Säkulare das Vernünftige

Mit der „fraternité“ (der nicht mehr christlich verstandenen Brüderlichkeit der Französischen Revolution) fielen die Autoritäten, mit der „liberté“ die Schranken, mit der „egalité“ die Verantwortlichkeiten. Wer hätte sich im aufgeklärten Europa den Ideologien des 19. Jahrhunderts mit ihrer konstruktiven wie destruktiven Energie denn entgegenstellen sollen? Die Kirchen vielleicht, denen die sich aufgeklärt wähnenden Autokraten gerade noch zugestanden, das Herz der Betrübten zu wärmen, durch ihre Predigt zur Stabilität des Staates und durch ihre Erziehungsarbeit zur Stabilität heranwachsender Staatsbürger beizutragen?

Bis heute scheint dem ach so aufgeklärten Europäer das Säkulare als das Vernünftige, das Fortgeschrittene, das Moderne – trotz aller Barbareien des 20. Jahrhunderts, trotz aller staatlichen und menschlichen Katastrophen, die den modernen Ideologien anzulasten sind. Bis heute scheint dem Europäer die Vermengung von Religion und Politik vormodern, antiquiert und unaufgeklärt – vom sogenannten „Gottesstaat“ Iran bis zu den religiösen Beteuerungen US-amerikanischer Spitzenpolitiker. Bis heute meinen die Europäer mit ihrem Säkularismus und der völligen gesellschaftlichen Ausblendung der Gottesfrage an der Spitze des Fortschrittes zu marschieren – obwohl sie bekanntlich demografisch, weltpolitisch und mittlerweile sogar ökonomisch alles andere als vital sind. Der frühere Direktor am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen, Hartmut Lehmann, hat in seinem 2004 erschienenen Buch „Säkularisierung“ überzeugend nachgewiesen, dass Europa mit diesem Trend völlig allein steht: „Nur in Europa ist die Säkularisierung zu einer dominierenden politischen, sozialen und kulturellen Kraft geworden; nur in Europa hat die Säkularisierung triumphiert, wenigstens bis heute.“

Aufgeklärt ohne Anführungszeichen wären die Europäer, wenn jene, die für den Säkularismus eintreten, vernunftmäßig und ohne Schaum vor dem Mund die These anhören könnten, dass der Entchristlichung Europas möglicherweise eine Rechristianisierung folgt, dass das säkulare Zeitalter bestenfalls ambivalent und jedenfalls vorübergehend sei. Stattdessen herrscht in Europa der Irrglaube an die Irreversibilität dieser Entwicklung.

Selbst Vertreter der Kirche pflegen den Ist-Zustand des Christlichen in Europa mit dem Wort „noch“ abzuwerten. Bei seit Jahren rückläufigen Zahlen der Gläubigen, der Priester und der öffentlichen Wahrnehmung scheint das Wort „erst“ oft paradox, das Wort „noch“ so naheliegend. Und beim Rückzug ins Getto gleichermaßen wie beim Hineinkuscheln in die Bequemlichkeiten der säkularen Gesellschaft verendet der missionarische Elan dann oft tatsächlich im Schützengraben kirchlicher Rückzugsgefechte. Nochmals der Historiker Lehmann: „Die von der Säkularisierung bestimmte Straße erscheint wie eine Einbahnstraße, wie eine Straße, die eine Umkehr nicht möglich macht.“ Die Renaissance des vor einem halben Jahrhundert noch tot geglaubten politischen Islam scheint für die meisten Christen hier weder Ermutigung noch Vorbild.

Weder das verbitterte Verteidigen der letzten Bastionen noch die nostalgische Verklärung des Vergangenen hilft Europas Christen. Und natürlich ist auf der Wegstecke der Weltgeschichte auch „eine Umkehr nicht möglich“. Im Leben des Einzelnen wie ganzer Gesellschaften ist nichts von dem, was je geschah, ungeschehen zu machen. Was gedacht, gesagt, getan wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden. In diesem Sinn kann niemand „hinter die Aufklärung zurück“. Aber es ist nicht nur legitim, sondern höchst angebracht, die Aufgeklärten aufzuklären, die Rationalität des Rationalismus zu hinterfragen, die Dogmen und Tabus der angeblich dogmenlosen und tabufreien Gesellschaft zu benennen und zu entlarven. Nicht in der Relativierung der Vernunft, sondern in ihrer Befreiung zu größerer, auch Gott einschließender Weite liegt die Chance der Christen, wie Papst Benedikt XVI. in weiser Auslegung der vielzitierten Zeichen der Zeit immer und immer wieder erklärt. Anders formuliert: Wo die Kirche nicht nur (rituell oder ernsthaft) Selbstkritik übt, sondern auch kluge Zeit- und Gesellschaftskritik, da kann sie Zeit und Gesellschaft auch wieder prägen.

Ideologien der Jetztzeit an der Wahrheit des Menschen messen

Niemand hat drängender und ernsthafter die Frage nach der Wahrheit des Menschen gestellt und die Ideologien der Jetztzeit an diesem Maßstab gemessen, als Papst Johannes Paul II. und sein vormaliger engster theologischer Mitarbeiter und späterer Nachfolger Joseph Ratzinger. Dieser Ansatz wirkt tatsächlich aufklärerisch, weil sich hier die Nebel lichten. Wenn nämlich die Ideologien der Moderne nicht selbst der Maßstab sind, an dem die Wirklichkeit des Einzelnen und der Gesellschaft zu messen ist, sondern sie umgekehrt an der Wahrheit und Würde des Menschen gemessen werden müssen, dann wird rasch ihr irrationaler und teilweise ins Totalitäre geneigter Charakter offenbar. Deshalb insistierten die aus dem Nationalismus, aus dem Sozialismus und aus dem Liberalismus erwachsenen Systeme ja so darauf, wissenschaftlich und objektiv zu sein. Selbst die haarsträubend irrationalen Ideologien des Nationalsozialismus und des Marxismus-Leninismus beanspruchten Wissenschaftlichkeit.

Richard Coudenhove-Kalergi hat in seiner Schrift „Stalin & Co.“ bereits 1931, als viele westliche Intellektuelle sich von der Sowjetunion noch blenden ließen, deren pseudoreligiösen Charakter analysiert und karikiert: „Die dritte Internationale ist die jüngste und aktivste aller Religionsgemeinschaften. Eine weltumspannende Kirche mit unzähligen Jüngern und Proselyten in allen Erdteilen, bereit, sich für die Erfüllung der Frohen Botschaft Lenins töten zu lassen. Der Kommunismus ist eine Religion in der Gestalt einer Partei. Die dritte Internationale ist eine Weltkirche. Die kommunistische Partei Russlands ist ein moderner Ritterorden. Russland ist ein Kirchenstaat. Diese neue Religion hat ihre Bibel: das alte Testament von Marx und das neue Testament von Lenin. Sie hat ihre eigene Ethik, die befiehlt, für den neuen Glauben nicht nur zu leiden, sondern auch leiden zu machen; nicht nur zu sterben, sondern auch zu töten; mit allen Mitteln zu versuchen, das große Ziel zu erreichen: die ganze Welt der neuen Kirche und dem neuen Glauben zu unterwerfen.“

Ähnlich ließe sich der Nationalsozialismus analysieren, dessen Kampf gegen die Kirche bei gleichzeitiger Anleihe bei ihren Riten und Bräuchen offenkundig war. Das Pseudo-Liturgische, die Adaption von Kultus und Sakralbau, die offensive Belegung von Worten mit einem ganz bestimmten neuen Bedeutungsgehalt, die radikale Tabuisierung bestimmter Worte und Denkweisen, die Definition von Häresien und deren unbarmherzige Verfolgung – all das charakterisiert den Kommunismus wie den Nationalsozialismus. Aber nicht nur sie. In vielfacher Form geschieht dies auch heute im ideologischen Liberalismus, im Kapitalismus, im bürokratischen Etatismus.

Wer die Tabus und Wertehaltungen des 16., des 19. und des 21. Jahrhunderts vergleicht – ohne von vornherein an die Irreversibiliät des Fortschritts der Menschheit zu glauben, sondern in nüchterner gedanklicher Gleichzeitigkeit zu allem in Europas Geistesgeschichte Gedachten – kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Unfassbar, was der angeblich aufgeklärte Europäer heute so alles zusammenglaubt, was er naiv zu wissen und zu meinen meint! Unvorstellbar, an wie viele Tabus wir uns im säkularen Europa so gewöhnt haben und wie demütig wir die Sanktionierung von Tabuverstößen hinnehmen! Empörend, wie wir uns nicht nur das Denken diktieren lassen, sondern auch der ständigen Manipulation der Worte tatenlos zusehen! Kein Zweifel: In Europa ist es allerhöchste Zeit für eine Aufklärung!

[© Die Tagespost vom 3. September 2009]