Euthanasie-Debatte in Italien: Der „Fall Eluana“ und die Stimme der Kirche

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ROM, 19. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Die heute 36-jährige Eluana Englaro liegt seit 15 Jahren infolge eines Unfalls im Koma. Ihr Leben hängt von Maschinen ab, die sie mit Nahrung und Flüssigkeit versorgen. Seit Jahren kämpft ihr Vater darum, dass die Behandlung abgebrochen werden kann und die lebenserhaltenden Maschinen ausgeschaltet werden. Dieses Ansinnen wird unter anderem von einer Patientenverfügung, die die der Komapatientin vor ihrem Unfall aufsetzte, unterstützt. Nach dieser Willensbekundung hätte sie eine lebenserhaltende Behandlung abgelehnt.



Am Dienstag äußerte sich das oberste italienische Kassationsgericht zum „Fall Eluana“ –mit einem Urteil, das die Euthanasie-Debatte in Italien nach dem „Fall Welby“ (aktive Sterbehilfe durch das Abschalten der lebenserhaltenden Systeme eines an amyotropher Sklerose leidenden Patienten) wieder neu aufflammen ließ. Das Gericht setzte zum ersten Mal Bedingungen fest, unter denen die lebenserhaltenden Maßnahmen für Komapatientin Eluana Englaro beendet werden könnten. Von einigen wurde das Urteil mit der Einführung eines „Rechts auf Sterben“ gleichgesetzt.

Das Gericht legte fest, dass der Abbruch der Therapie eines Patienten, der sich in einem „unumkehrbaren“ vegetativen Zustand befindet, autorisiert werden kann, wenn es triftige Gründe dafür gibt, dass dies dem Willen des Patienten entspricht. Damit greift die Justiz aktiv in die Diskussion um das „biologische Testament“, die Patientenverfügung, ein. Das Gericht beruft sich auf das verfassungsmäßige Prinzip der Freiheit, ärztliche Therapien ablehnen zu können. In diesem Fall sei dies auch dann möglich, wenn es sich um eine dem Unfall vorhergehende reale oder eine durch den Lebensstil des Betroffenen anzunehmende Willensäußerungen handelt.

Die Tageszeitung des Heiligen Stuhls „L’Osservatore Romano“ kritisierte dieses Urteil scharf. Es handle sich dabei um das Resultat eines „unerträglichen Werterelativismus“. Die Haltung des Gerichts sei inakzeptabel, insofern die Heiligkeit des Lebens an sich von niemandem in Frage oder zur Verfügung gestellt werden dürfe. Die Richter urteilten eher über die Lebensqualität eines Menschen.

Kein Arzt sei in der Lage, beim jetzigen Wissenstand zu sagen, wann der „vegetative Zustand“ irreversibel sei; es handle sich um eine reine Einschätzungsfrage des Arztes.

Was die Patientenverfügung angeht, verwies der Präsident des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst, Kardinal Javier Lozano Barragan, auf das, was die Kongregation für die Glaubenslehre eindeutig festgelegt habe: Künstliche Ernährung kann im Fall eines im Koma liegenden Patienten nicht als unmenschliche Behandlung betrachtet werden. Die Ernährung könne nur dann unterbrochen werden, wenn der Patient die Nahrung nicht mehr aufnehmen kann. Die Kirche verwerfe somit sowohl Euthanasie, als auch unmenschliche Behandlungen, aber nicht die künstliche Ernährung, die nicht als medizinische Behandlung betrachtet werden könne.

Alberto Gambino, ordentlicher Professor für Privatrecht, betonte gegenüber ZENIT, dass der „Fall Eluana“ und das Urteil des Kassationsgerichts das „juridische Paradox der Patientenverfügung“ aufzeige: Auf der einen Seite wolle man die Freiheit des Individuums schützen, Behandlungen ablehnen zu können, auf der anderen werde diese Freiheit dann aber von verschiedenen Stellen ausgeübt, ausgenommen vom Patienten selbst, der dazu nicht mehr in der Lage sei.

Der Professor äußerte die Sorge, es habe den Anschein, dass Patienten als soziale Last empfunden würden. Es müsse vermieden werden, dass durch derartige Haltungen der Wert des Menschen als Rechtssubjekt auf ein verfügbares Gut reduziert werde.