Ewige Stadt verlieh dem Marsch für das Leben eigene Botschaft

15.000 Teilnehmer aus vielen Nationen kamen zur Verteidigung des Lebens nach Rom

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Von Elizabeth Lev*

Rom, 24. Mai, 2012 (ZENIT.org). - Die monumentalen Ruinen des Kolosseums zeichneten sich vorletzten Sonntag über all denjenigen ab, die sich zum jährlichen Marsch für das Leben in Italien, der zum zweiten Mal stattfand, eingefunden hatten. Doch diese dunkle Kulisse von Überresten eines Weltreiches, das am Tod seine Freude hatte, wurde durch die Schriftzüge, Ballons und den Gesang der Teilnehmer aufgehellt.

Als der Marsch für das Leben sich in der „Via dei Fori Imperiali“ in Bewegung setzte – eine Straße, die Mussolini gebaut hatte, um seine militärischen Truppen zu inspizieren – hatte es den Anschein, ein Triumphzug aus alten Zeiten, würde stattfinden. An sich stellte die Anzahl der Teilnehmer schon einen Sieg dar. Zum ersten Marsch für das Leben in Italien, der am 28. Mai 2011 in Desenzano, in der Nähe des Gardasees stattgefunden hatte, waren 600 Teilnehmer gekommen. Für vorletzten Sonntag erwartete man daher lediglich etwa 5.000 Teilnehmer. Stattdessen füllten – sehr zur Verwunderung der Touristen, die sich bemühten, ihre Aufnahmen vom Kolosseum zu machen – etwa 15.000 Menschen die Straßen.

Die Route führte an den nach diversen militärischen Siegen angelegten Römischen Foren entlang; die Ruinen der Tempel von Mars, dem Rächer, Venus, der Gebärerin und von Kaiser Trajan schauten in ohnmächtigem Schweigen zu, während Familien, Ordensfrauen, Kleriker und sehr, sehr viele junge Menschen betend durch die Straße vorüberzogen, sich gegenseitig mit Rufen anfeuerten und sangen.

Die Italiener zeigten sich von ihrer stärksten Seite; Laienorganisationen, Ordensinstitute und verschiedene Päpstliche Universitäten Roms standen im Schulterschluss mit katholischen Vereinigungen für Apotheker und Mediziner zusammen. Es gab auch Stellvertreter der „Parlamentarier für das Leben“ und Senatoren, die auf die Straße gegangen waren. Der römische Bürgermeister Gianni Alemanno führte den Marsch an und trug dabei das dreifarbige Band seiner Amtstracht über legerer Sonntagskleidung. Die Stadt Rom hatte die offizielle Schirmherrschaft für den Marsch übernommen. Von auswärts Anreisenden standen 200 Busse zur Verfügung.

Der Bürgermeister wurde sofort von seinen politischen Gegnern attackiert, die die Initiative als eine Demonstration von „Extremisten, Rassisten“ und solchen Menschen bezeichneten, die eine „Homophobie“ hätten. Selbst in der sonst so reichen italienischen Sprache scheint der Wortschatz der abtreibungsbefürwortenden Partei so begrenzt und unpassend zu sein, dass sie nicht über die erwähnten Worte hinauszugehen vermag. Und – wie gewohnt – wartet sie mit falschen Daten auf. Der Marsch für das Leben ist die größte friedliche Demonstration, die es in den Vereinigten Staaten gibt. Im antiken Rom versammelten sich etwa 250.000 Menschen, um sich die tödlich verlaufenden Rennwagentourniere im Circus Maximus anzuschauen und dabei gegenseitig zu verprügeln. Beim Marsch für das Leben kommt die gleiche Anzahl zusammen, um zu beten und das Leben zu feiern.

Am Rande des Zuges wimmelte es von Menschen vieler Nationalitäten. Kardinal Raymond Burke wurde nicht nur von vielen jungen Universitätsstudenten aus Amerika, sondern auch von Italienern, die stolz darauf waren, ihn unter die eigenen Reihen zählen zu können, freudig begrüßt. Über 200 Polen waren zum Marsch angereist. Sie trugen Flaggen, auf denen sich das Bild vom seligen Johannes Paul II. befand. Damit wollten sie dessen unermüdliche Anstrengungen zur Verteidigung ungeborenen Lebens in Erinnerung rufen. Rumänen, Franzosen, Spanier, Deutsche, Belgier, Ungarn, Bürger aus Tschechien und viele mehr bildeten hier eine Europäische Gemeinschaft für das Leben. Unter den Teilnehmern befand sich sogar ein junger Mann aus Nigeria, seines Zeichens Sprecher des ersten Instituts seines Landes für Bioethik und von „Kampf für das Leben“ in Afrika.

Der große Zug bog in die Piazza Venezia ein, ließ die Ruinen der heidnischen Stadt hinter sich und schritt auf die vibrierende Schönheit des christlichen Roms zu. Im Schritttempo ging es nun auf der Route der großen Heiligen der katholischen Restauration an der Jesuskirche  vorbei, einst das Zuhause vom hl. Ignatius von Loyola, zur vom hl. Philip Neri erbauten „Chiesa Nuova“, bis hin zur Kirche „St. Andrea della Valle“, die dem hl. Gaetano Thiene, dem Gründer der Theatiner und dem Heiligen der Vorsehung, als Bleibe gedient hatte -- all das erinnert uns daran, dass die Kirche in der Vergangenheit schwere Schlachten zu führen hatte.

Der Marsch selbst hatte jedoch eine eigene Schutzheilige. Unter den Sprecherinnen befand sich Gianna Emanuela Mola, die Tochter der hl. Gianna Beretta Molla, einer italienischen Kinderärztin, die es abgelehnt hatte, eine Abtreibung vorzunehmen, nachdem man, während sie noch mit Gianna Emanuela schwanger war, festgestellt hatte, dass sie einen Gebärmuttertumor hatte. Sie brachte ihre Tochter zur Welt und starb dann sieben Tage später. Der selige Johannes Paul II. erhob sie 2004 zur Ehre der Altäre.

In Italien ist das Abtreibungsgesetz weniger locker als in den Vereinigten Staaten. Die meisten Italiener haben noch nie von einer Abtreibung gehört, bei der das Kind halb zur Welt gebracht und dann getötet wird, und wenn sie davon hören, erfasst sie Schaudern und sie wollen es fast nicht glauben. In Italien ist es seit dem 28. Mai 1978 erlaubt abzutreiben, sofern die Abtreibung in den ersten drei Monaten vorgenommen wird. Bis zum sechsten Monat darf nur abgetrieben werden, wenn durch das Austragen der Schwangerschaft das Leben der Frau auf dem Spiel stehen würde oder der Fötus genetisch bedingte bzw. andersartige Fehlbildungen aufweist, die für die Mutter ernste psychologische oder physische Belastungen mit sich bringen würden.

Abtreibungen werden in staatlichen Krankenhäusern unentgeltlich vorgenommen, was zum staatlichen Gesundheitsplan gehört. Doch nach Empfang der ärztlichen Erlaubnis muss noch eine Frist von einer Woche verstreichen, ehe man tatsächlich die Abtreibung vornehmen darf.

1981 haben die Italiener einen Vorschlag zur Aufhebung des Gesetzes abgewiesen, doch mit weitaus größerer Mehrheit (88%) lehnten sie einen Änderungsantrag ab, der darauf abzielte, die Einschränkungen aufzulockern.

Das ist teilweise der Grund dafür, weswegen die Abtreibungsfrage hier nicht so heiß wie in den Vereinigten Staaten diskutiert wird. Es liegt aber auch daran, dass die Abtreibungsindustrie bzw. die Lobby von „Planned Parenthood“ hier nur einen kleinen Brückenkopf hat, der unter dem Namen Unione Italiana dei Centri di Educazione Matrimoniale e Prematrimoniale (Italienische Union der Erziehungszentren für Ehe und Vorehe) agiert.

Während des Drei-Kilometer-Marschs durch die wundervollen Straßen Roms bis hin zur Engelsburg nahmen der Enthusiasmus und der Frohsinn niemals ab. Auch in diesem Zusammenhang lieferte die Stadt die beste Kulisse für den Marsch. Beim Überqueren der Engelsbrücke, wo jeder einzelne Engel ein Werkzeug des Leidens Christi in Händen hält, schien das riesige Mausoleum des Hadrian auf der anderen Seite des Flusses die ankommende Schar zu empfangen. Doch von hoch droben vermittelte die auf dem Grabmal thronende Statue des Erzengels Michael Hoffnung.

Angebracht in Erinnerung an die große Plage vom Jahre 590, bei der Hunderte von Menschenleben umkamen, ehe die Gebete und Bitten der Bevölkerung Roms durch die Vision des Engels beantwortet worden waren, schien es so, als ob nach 1,2 Milliarden Abtreibungen (seit 1980) der Engel eine Vision des Friedens für das ungeborene Leben darstellen würde.

Für diejenigen, die an der heiligen Messe teilnahmen, die Kardinal Angelo Comastri, Erzpriester der Petersbasilika, im Anschluss feierte, bildete die “Via della Conciliazione” oder Versöhnungsstraße den Rahmen für den letzten Abschnitt des Marsches. So fand dieser wunderbare Vormittag ein Ende, bei dem die aus vielen Nationen stammenden Jünger um das Grab des hl. Petrus versammelt den Apostelfürsten, der starb, um Christi Botschaft der Liebe und des Lebens einem spottenden Weltreich zu überbringen, ehrten.

Der Marsch für das Leben 2012 war das beste Geschenk, das man sich zum Muttertag hatte ausdenken können.

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*Elizabeth Lev unterrichtet christliche Kunst und Architektur auf dem italienischen Campus der Duquesne University und am katholischen Studien Programm von St. Thomas. Ihr Buch „The Tigress of Forlì: Renaissance Italy's Most Courageous and Notorious Countess, Caterina Riario Sforza de' Medici“ wurde vergangenen Herbst von Harcourt, Mifflin Houghton Press veröffentlicht [Rezension auf ZENIT]. Sie kann unter lizlev@zenit.org erreicht werden.

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]