Ewiges Heil und Menschenrechte der Ungeborenen

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 396 klicks

Über die Menschenrechte der Ungeborenen habe ich in der Wiener Deklaration gelesen. Mein fünftes Kind war die kleine Johanna. Im vierten Schwangerschaftsmonat bemerkte der Arzt, dass das Fruchtwasser fehlt. Trotz diesem Mangel wuchs und entwickelte sich das Kind,  so dass sogar der Gynäkologe einen Tag vor der Geburt zufrieden war. Er machte mich auf dieses Problem aufmerksam. Ich antwortete ihm, dass ich es akzeptieren kann, aber ich wollte nicht viel darüber nachdenken, um nicht dem Kinde und mir selbst zu schaden. Die kleine wurde mit sieben einhalb Monaten geboren, d. h. mit dreiunddreißig Wochen. Sie hatte schöne rosa Farbe, war pausbackig und weinte.

Im Augenblick, als ich über ihre Taufe nachdachte, kam die Ärztin, mir mitzuteilen, dass die kleine verstorben sei: Agenese der Nieren und Atelektase der Lungen. Gerade wie bei der kleinen Julia, über die Sie im Februar 1995 geschrieben haben. Gott sei Dank, dass ich es vorher nicht wusste, so konnte ich mich wenigstens „freuen“. Ein zweites, Gott sei Dank, dass sie vorzeitig auf die Welt kam, denn, wenn ich sie schon „verlieren“ musste, mir wenigstens weitere Monate der anstrengenden Schwangerschaft erspart blieben. Es fiehl mir schwer, als ich erfuhr, dass sie in der Geburtsklinik nicht getauft wurde. Ich habe das in jedem Fall gewünscht, und ich hoffe, dass der liebe Gott meinen Wunsch erhört hat.

Was passiert mit den Seelen der abgetriebenen Kinder? Was ist mit den Seelen der nicht getauften Kinder? Niemanden kommt es in den Sinn, den abgetriebenen Embryo zu taufen. Welche Rechte haben ungeborene Kinder? Es wird mit ihnen umgegangen als hätten sie überhaupt keine Rechte.

Diese Fragen verfasste ich während meiner Tätigkeit in der Allgemeinmedizin, in der Abteilung für Familienberatung. Von Begegnungen wurde ich inspiriert. Ich fing an, mich zu fragen - was man darüber weiß und wieviel man überhaupt darüber weiß.

Ihre ehemalige Studentin

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Nach der traurigen Geschichte über die Geburt und die Krankheit Deines Kindes, und nach Deiner so wunderbaren und ergreifenden Hingabe an den Willen Gottes anlässlich seines plötzlichen Todes, stellst du zwei sehr schwere Fragen.

Die erste Frage ist theologisch-dogmatischer Natur, und bezieht sich auf das ewige Heil der abgetriebenen Kinder und der Kinder, die vor der Taufe sterben. Es ist offensichtlich, dass Du die katholische Glaubenswahrheit gut kennst, dass die Taufe zum ewigen Heil notwendig ist.

Die zweite Frage ist vor allem rechtlicher Natur, und drängt sich auch in den internationalen Rechtsbereich (wenn er sich mit den Rechten der empfangenen und noch nicht geborenen Kinder beschäftigt) hinein, wie auch in die konkrete Gesetzgebung einzelner Staaten. Doch, diese Frage ist nicht nur rechtlicher Natur, sondern auch, und noch mehr philosophisch-theologischer Natur, wenn, nämlich, jedes menschliche Wesen von seiner Empfängnis an, alle Rechte, die der Würde der menschlichen Person als solcher gehören, besitzt, unabhängig von seinem Alter.

- Was ist mit dem ewigen Heil der nicht getauften Kinder?

Dass zu viele Kinder ohne die Taufe sterben, ist allen bekannt: unzählige Embryonen, die in den ersten Tagen ihres Lebens spontan aus dem Mutterleib abgetrieben werden, was auch der Mutter nicht bekannt ist, Millionen von gewollten Abtreibungen, Totgeborene, die bereits beim Erblicken dieser Welt sterben - und alle nicht getauft...

Hat der gütige Gott die Möglichkeit, diese menschlichen Wesen, die weder Bewusstsein, noch freien Willen besitzen, und deswegen auch keinerlei Übel begehen konnten, weder gegen Gott, noch gegen sich selbst, noch gegen andere? Ja! Der gütige Gott kennt die Art und Weise, wie er sie retten kann. Und, wir glauben, dass sie im Christi Kreuz gerettet sind, abgesehen davon, dass sie als Adamskinder in der Erbsünde empfangen und geboren wurden.

Dieses Problem wurde seit immer als „crux theologorum“ (das Kreuz der Theologen) bezeichnet, über das durch die Jahrhunderte hindurch in zwei Richtungen diskutiert wurde. Erstens über die Tatsache: ob solche Kinder gerettet sind oder nicht. Zweitens über die Art: wie siegerettet werden, wen sie nicht getauft worden sind, weil es ohne die Taufe keine Rettung gibt. Der hl. Augustinus sieht, leider, solche Kinder in der Hölle, weil sie in der Erbsünde empfangen worden sind. Der berühmte Denker, Peter Abelard (+ 1142), schlägt für sie „Limb“ vor, d.h. ein drittes Stadium zwischen dem Himmel und der Hölle. Thomas von Aquin ist mit dem Limb einverstanden und denkt, dass sie dort in einer Art der „natürlichen Glückseligkeit“ leben, weil ihnen das übernatürliche Gottschauen nicht bekannt ist. Aber, die Lehre vom Limb hat das kirchliche Lehramt nie offiziell bestätigt. Drei Fragen über diesen Gegenstand betrachtete eine Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils, und hat alle drei abgelehnt. Der Grund der Ablehnung ist der, weil es durch alle Jahrhunderte hindurch immer Theologen gegeben hat, die nie mit der Theorie vom Limb einverstanden waren.

Es wurde ebenfalls über die Möglichkeit einer „natürlichen Glückseligkeit“, verbunden mit einem gewissen Leiden (Bellarmino) oder ohne Leiden (Thomas von Aquin) diskutiert, auf diese oder jene Weise (Estius, Bossuet, Noris)... Es ist schwer von einer „natürlichen Glückseligkeit“ solcher Kinder zu sprechen, weil der Schöpfer die ganze Menschheit in das übernatürliche Gottschauen erhoben hat, und eine natürliche Glückseligkeit in der Ewigkeit wäre einem laienhaften Glück ohne Gott, einer gewissen Säkularisierung ähnlich, was, theologisch gesehen, sinnlos wäre.

Die Heilige Schrift sagt uns nicht ausdrücklich, wie das Schicksal der nicht getauften Kinder sei, aber es gibt viele Ankündigungen. Auf der einen Seite wird über die Notwendigkeit der Taufe für das Heil gesprochen (Joh 3, 5), auf der anderen Seite, stehen die Berichte über das Allgemeingericht, die keinen dritten Weg zwischen dem „ewigen Leben“ und dem „ewigen Feuer“ kennen (Dan 12, 2; Mt 25, 31-46; Joh 5, 28-29). Aus dem Evangelium geht in keiner Weise hervor, dass der Heiland die Absicht hätte, sich von solchen Kindern für immer zu trennen und in ein Limb einzusperren. Deshalb sagt der neue Katechismus (1992) sehr klug: „Das große Erbarmen Gottes, ‘der will, dass alle Menschen gerettet werden’ (Tim 2, 4), und die zärtliche Liebe Jesu zu den Kindern, die ihn sagen lässt: ‘Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!’ (Mk 10, 14), berechtigen uns zu der Hoffnung, dass es für die ohne Taufe gestorbenen Kinder einen Heilsweg gibt“ (Nr. 1261).

Von der Wahrheit, dass Gott alle Menschen retten will, kann man mit Sicherheit diese Kinder nicht ausnehmen: „So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht“ (Mt 18, 14). So muss jede Theorie vom Schicksal der Kinder, die ohne Taufe gestorben sind, auf der wesentlichen Wahrheit begründet sein, dass Gott alle Menschen retten will - d.h., dass dies sein aktiver Wille ist - dass er allen und jedem das ewige Heil anbietet. Demzufolge, der Weg in den Himmel muss auch für die Kinder offen sein, die ohne Taufe gestorben sind.

Was ist das für ein Weg? Wenn Du sagst „es fiehl mir schwer, als ich erfuhr, dass sie in der Geburtsklinik nicht getauft wurde; ich habe das in jedem Fall gewünscht, und ich hoffe, dass der liebe Gott meinen Wunsch erhört hat“, hast Du damit eine wichtige theologische Wahrheit ausgesagt, die in drei Grundsätzen ausgedrückt werden kann:

Erstens - Christentum ist gleichermaßen Glaube der Erwachsenen wie der Kinder. Sie treten, nach den Worten Jesu („wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“: Mt 18, 3), in das ewige Leben ein so wie sie sind. Von ihnen wird weder Bewusstsein, noch Wissen, noch persönliche Entscheidung verlangt. Kind sein, ist, also, weder ein Hindernis, in die ewige Seligkeit einzutreten, noch ein Hindernis, in die Kirche einzutreten.

Zweitens -  Die Taufe ist zunächst ein Akt der Gemeinschaft und dann des einzelnen. In ihrer Sendung hat die Kirche den Willen, alle Menschen zu taufen. Im Falle der Kinder, der Wille der Kirche ersetzt das Fehlen des eigenen Willens beim Kinde, wie im Wunsch nach der Taufe so auch in der Spende der Taufe. In diesem Willen der Kirche (in voto), d.h. in der „Taufe des Wunsches“, erhalten die Kinder, die ohne Taufe sterben, die heilig machende Gnade, und in ihr gehen sie in die ewige Glückseligkeit hinüber.

Drittens - Christus, als einziger und absoluter Heiland und Erlöser - hat jedem Menschen das Heil gesichert. Das einzige Hindernis des Heils ist die menschliche freiwillige Ablehnung. Eine solche Ablehnung gibt es bei einem Kinde nicht.

Das sind alles Gründe, dass wir mit größerem Optimismus, als in früheren Zeiten, auf die ewige Bestimmung der Kinder, die ohne Taufe gestorben sind, schauen. Deshalb dürfen und können wir glauben, dass all diese völlig unschuldigen Kinder, „die absolut unschuldigsten Wesen“,  wie sich der Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika Evangelium vitae  (Nr. 58) ausdrückt, die Barmherzigkeit beim gütigen Gott in der ewigen Glückseligkeit gefunden haben!

Ich möchte noch folgendes erwähnen: in der Annahme des gleichen Willens der Kirche, dass alle Menschen in der Taufe (des „Wunsches“, des „Wassers“ oder des „Blutes“) gerettet werden, sterben all diese in der Abtreibung massakrierte Kinder als kleine Märtyrer in der „Taufe des Blutes“ ähnlich den Kindern von Betlehem, die nach dem Befehl des Königs Herodes ermordet wurden. Zu alldem, gebietet die Kirche die „Taufe im Wasser“ als sichereren Weg (via tutior), immer, wenn es irgendwie möglich ist, was auch für abgetriebene, noch lebendige, Kinder gilt.

- Menschliche und gesellschaftliche Rechte der ungeborenen Kinder

Was diese Frage betrifft, sagen wir in Kürze: vom Augenblick der Empfängnis an haben sie alle Recht wie die geborenen Kinder. Bereits das klassische römische und justinianische Recht schützte das Erbrecht des empfangenen und noch nicht geborenen Kindes, wenn der Vater vor der Geburt des Kindes sterben sollte, so dass ihm die Vaterschaft garantiert wurde. Das Gesetz lautete: „Empfangenes Kind ist wie geborenes Kind zu betrachten“. Gott gebe es, dass die heutigen Staaten ein solches Gesetz einführen mögen!

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins: Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 276-278)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.