Extreme Erfahrung, Meditation, Widerstandsform: Philip Gröning über seine Filmdokumentation "Die große Stille"

Ab 9. Juni in den österreichischen Kinos

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WIEN, 19. Mai 2006 (ZENIT.org).- Ab 9. Juni wird in Österreich der mehrfach preisgekrönte Film "Die große Stille" von Philip Gröning zu sehen sein (vgl. Laudatio von Friedrich Kardinal Wetter bzw. www.diegrossestille.de). Die Dokumentation nimmt den Kinobesucher mit hinein in das Leben der Mönche der "Grande Chartreuse", dem Mutterkloster des Kartäuserordens in den französischen Alpen.



Die Österreich-Premiere ist für den 9. Juni im Wiener Gartenbaukino angesetzt. Aus Anlass der "Langen Nacht der Kirchen" der Erzdiözese Wien, die am selben Tag begangen wird, kann der Kinofilm um 17.00 Uhr und um 21.30 Uhr auch im Refektorium des Wiener Franziskanerklosters (Franziskanerplatz, 1010 Wien) gesehen werden.

Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir das folgende Interview des deutschen Filmregisseurs aus der Tagespost.

Herr Gröning, mit "Die große Stille" nehmen Sie die Zuschauer 162 Minuten mit in ein strenges Kloster. Was passiert da?

Gröning: Der Film ist extremes Kino und vermittelt, was nur Kino, nicht Fernsehen vermitteln kann: extreme Erfahrung. Es ist eine filmische Meditation über ein Kloster, in die man als Zuschauer eintauchen kann. Eine stumme Meditation. Zum Film gehören nur wenige Worte. Und dann sind es liturgische Texte, die den meisten Menschen fremd sind. Kino ist ein schwarzer, leerer und stiller Raum. In diesen leeren Raum kann ich als Regisseur einen Rhythmus, Bilder oder Töne hineinsetzen und damit den Zuschauer auch physisch auf eine Reise mitnehmen. Dieser Film schafft sich dann seinen Raum in der Seele des Zuschauers, um ihm ein Gefühl für seine eigene Gegenwart zu vermitteln. Es geht nicht um Information und Erklärung. Ganz im Gegenteil: Der Film versucht, selber Kloster zu werden. Das ist viel wertvoller.

Muss der Zuschauer Vorwissen haben?

Gröning: Nein, null. Es nutzt zu wissen, dass es christliche Religion gibt. Der Film geht, so sagen mir Zuschauer, weit über diese Klostermauern hinaus und wird zu einer ganz archaischen Erfahrung: Was ist Zeit? Was ist Gegenwart? Was ist Klosterleben? Damit kann er auch eine Erleichterung vermitteln. Wir sind doch alle völlig überfordert von dem medialen Raum der Moderne und dem Stress, den wir uns machen. Kartäuser gelten als sehr streng und abgeschlossen.

Wie haben Sie es geschafft, hinter die Klostermauern zu kommen, noch dazu mit Kamera?

Gröning: Ich habe 1985 zum ersten Mal in der Grande Chartreuse angefragt, da war ich 25. Nun, 19 Jahre später, hat es geklappt. Als Filmstudent empfand ich die Filmindustrie als wahnsinnig äußerliche Welt. Und ich wollte die Erfahrung einer tiefen Ruhe, wirkliche Wahrheitssuche. Die Mönche selber empfinden den Film sicher als Meditation und als Chance, ihren Lebensstil zu vermitteln. Das Leben der Kartäuser ist ja eine Mischung zwischen Einsiedler-Existenz und gemeinsamem Klosterraum, zwischen Gemeinschaft und extremer Individualität. Aber im Film lachen und scherzen die Mönche auch. Das sind Menschen, die leben bewusst in ihrer Gegenwart. Klosterleben ist im Prinzip vollkommene Freiheit. Durch strenge Regeln. Diese Freiheit ist eben auch eine Vergnügtheit, eine Fröhlichkeit. Bei Kloster denkt man oft an Überalterung. Sie zeigen dagegen mehrere junge Leute, die dem Kloster beitreten. In dem halben Jahr, das ich in der Kartause mit lebte, wurden vier Mönche aufgenommen. Das hat mich selbst überrascht. Wer sich heute entscheidet, in ein Kloster zu gehen, trifft offensichtlich eher eine sehr radikale Entscheidung.

Wird die Brisanz, wird das Widerspenstige, das Orden verkörpern können, heute von der Kirche ausreichend gesehen?

Gröning: Ein Kloster, und erst recht ein schweigendes Kloster, ist eine Widerstandsform. Eine Abkehr von dieser Welt, ein wirklicher Gegenentwurf. Das könnte Kirche schon deutlicher darstellen. Da geht es eben nicht um barocken Prunk, sondern um das Zeugnis dafür, dass Armut ein nicht diskutierbares Gesetz ist. Wenn die Kartäuser am Ende des Jahres Besitz haben, müssen sie ihn verschenken - das ist ihr Gesetz. Es würde der Kirche sehr gut tun, wenn das bewusster würde. Das Christentum ist auch ein Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaft.

Haben die Mönche selber den Film gesehen?

Gröning: Ja. Sie haben jede Woche eine Zeit der Erholung, da war das möglich. Sie fanden, der Film würde sie durch die Harmonie und die Balance sehr gut wiedergeben. Sie haben aber auch viel gelacht, weil manche Anekdote oder Macke rüberkommt, die ihnen erst beim Zuschauen bewusst wurde.

[© Die Tagespost vom 15.11.2005]