Exzellente Publikation über das Reichskonkordat von Thomas Brechenmacher

Von Prälat Walter Brandmüller

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ROM/WÜRZBURG, 16. Januar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Nach all den Kontroversen um das Reichskonkordat von 1933 – Klaus Scholder und Konrad Repgen waren die Protagonisten – hatte jene von Repgen formulierte Feststellung, das Konkordat sei „die vertragsrechtliche Form der Nichtanpassung der katholischen Kirche an das ,Dritte Reich‘“ als zutreffend zu gelten. Alle Versuche, in dem Konkordatsabschluss ein Nachgeben Roms oder gar eine Anerkennung des Dritten Reiches durch Pius XI. beziehungsweise Pacelli zu erkennen, sind seit der Öffnung der Vatikanischen Archive als gescheitert anzusehen. Das Thema schien abgeschlossen. Eine gemeinsame Tagung des Deutschen Historischen Instituts zu Rom mit der Kommission für Zeitgeschichte vom 17. Juni 2004 sollte Bilanz ziehen. Die Beiträge – unter anderem von Konrad Repgen, Rudolf Morsey, Karl Josef Hummel – boten Nützliches, dann und wann Neues zu bisher weniger behandelten Themen.



Bisher unveröffentlichte Akten

Das eigentlich Interessante an diesem Band ist jedoch die Edition einer Reihe von bisher unveröffentlichten Akten et cetera aus dem Nachlass jenes Mannes, der im Auftrag der Reichsregierung die Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl, das heißt vor allem mit dem Staatssekretär Pacelli, führte. Es war dies der Ministerialdirektor Rudolf Buttmann.

Der Herausgeber des Bandes und der schon genannten Buttmann-Akten, Thomas Brechenmacher, legt zunächst eine eindringliche quellen- und überlieferungskritische Würdigung der einschlägigen vatikanischen Archivbestände vor, um dann auf den folgenden 143 Seiten das genannte Material aus dem Buttmann-Nachlass darzubieten. Nach einer neun Seiten umfassenden Einleitung, in welcher er nicht nur die Person Buttmanns vorstellt, sondern auch in aller Kürze seine Editionsprinzipien erläutert, folgen insgesamt 29 Aktenstücke verschiedener Art. Da finden sich Briefe, Verhandlungsberichte, Aktennotizen und Aufzeichnungen von Unterredungen, das heißt, dass für den „diplomatischen Dienstbetrieb“ bestimmte Schriftstücke sich mit persönlichen Reflexionen und auch ganz privaten Briefen – etwa solche der Ehegatten Buttmann – verbinden. Gerade Letztere gewähren Einblick in das ganz persönliche Denken des Verhandlungsführers, geben seine Einschätzung der römischen Gesprächspartner, aber auch seiner „Auftraggeber“ wieder. Gerade solche Aufzeichnungen unterliegen am wenigsten quellenkritischen Bedenken, verfolgen sie doch keinen politischen Zweck. Mit einer gewissen Vorsicht, aber ohne grundsätzlichen Verdacht, sind allerdings die offiziellen Verhandlungsberichte zu lesen, ist es doch nicht auszuschließen, dass der Verfasser sein eigenes Vorgehen in möglichst günstigem Licht darzustellen sich bemüht.

Mit dieser Edition erschließt Brechenmacher also in der Tat eine neue, bisher unausgeschöpfte Quelle, die zwar – was den tatsächlichen Ablauf der Ereignisse anlangt – wenig Neues bietet, wohl aber eine aufgrund der bisher bekannten Quellen kaum mögliche „Tiefensicht“ erlaubt. Stimmungslagen, Antipathien, Erwartungen und Enttäuschungen der handelnden Personen, ihre religiöse, weltanschauliche Ideenwelt, ihre gesellschaftlichen und verwandtschaftlichen Verbindungen – all dies ist aus der hier erschlossenen Quellengattung zu erheben. Eine nicht nur analysierende, sondern auch – wie es dringend notwendig wäre, wenn man interessierte Leser finden will – erzählende Darstellung der Ereignisse um das Konkordat wird durch Brechenmachers Edition wesentlich erleichtert.

Erschöpfende Kommentare

Hervorzuheben sind aber auch die vom Editor in den Fußnoten gebotenen Anmerkungen zum Text der Dokumente, die in der Tat keinen Wunsch offenlassen. Hier werden dank souveräner Beherrschung der Quellen und der Literatur Personen, Vorgänge und Dokumente erschöpfend identifiziert beziehungsweise kommentiert. Kein Zweifel, dass aufgrund dieser Quellen manches Urteil über Personen – zum Beispiel den Nuntius Orsenigo – und Vorgänge revidiert beziehungsweise in weiterem Zusammenhang dargestellt werden muss.

Die ohnehin höchstes Renommée genießenden, von Ulrich von Hehl herausgegebenen „Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte“ haben mit ihrem Band 109 der „Reihe B: Forschungen“ erneut ihren hervorragenden Ruf gerechtfertigt.

[Thomas Brechenmacher: Das Reichskonkordat 1933. Forschungsstand, Kontroversen, Dokumente. Schöningh Verlag, ISBN 978-3-506-76465-2, € 42,90; Prälat Professor Dr. Walter Brandmüller ist Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften; © Die Tagespost vom 8. Januar 2008]