"Fällt Nigeria in die Hände der Islamisten, ist ganz Afrika in Gefahr"

"Kirche in Not"-Interview mit Msgr. Hyacinth Egbebo, Apostolischer Vikar von Bomadi

München, (ZENIT.org) | 416 klicks

Bischof Hyacinth Egbebo leitet das Apostolische Vikariat Bomadi im Nigerdelta. Im Gespräch mit dem weltweit tätigen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ spricht er über die Herausforderungen für die Kirche und Gesellschaft Nigerias im Angesicht des Terrors der Islamistensekte „Boko Haram“. 

Das Gespräch führte Joop Kopmann.

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Boko-Haram-Kämpfer haben Ende des vergangenen Jahres 70 Christen im Norden Nigerias massakriert und praktisch jede Woche kommt es zu weiteren Angriffen. Die Islamisten werfen der Regierung vor, sie habe nicht auf Angriffe von Christen gegen Muslime reagiert. Gab es solche Angriffe? 

Vor zwei Jahren wurden in der Stadt Jos Menschen aus Rache getötet und in Kaduna im letzten Winter. In beiden Fällen handelte es sich um christliche Hochburgen. Allerdings verurteilten die Bischöfe es zutiefst, dass Muslime von Christen getötet wurden. Es kommt nur noch sehr selten zu solchen Angriffen aus Rache. Erzbischof Ignatius Kaigama von Jos, Vorsitzender der nigerianischen Bischofskonferenz, hat außerdem die Aufmerksamkeit auf das gelenkt, was er islamische Propaganda nennt – Übertreibungen bei den Zahlen der getöteten Muslime – und auf Fälle hingewiesen, in denen die Muslime die Leichen christlicher Opfer bei ihren Toten mitgezählt hatten. 

Was will der radikale Islam? Warum dieser Hass auf Christen? 

Boko Haram will einen islamischen Staat im Norden, in dem das Gesetz der Scharia für alle gilt. Dementsprechend wird alles, das der Durchsetzung dieser Zielsetzung im Wege steht, zur Zielscheibe der Gewalt. Zu diesen Hindernissen gehören die Regierung, die Verfassung, die Polizei und die Armee. Christen werden darüber hinaus mit dem Westen in Verbindung gebracht, mit Werten wie Freiheit und Demokratie und der Förderung von Bildung. Aus diesem Grund greift Boko Haram sogar Schulen an und tötet Kinder. Die Fanatiker sind der Meinung, dass westliche Bildung verboten werden sollte. Sollten sie im Norden Erfolg haben, würde sich ihr Blick in Richtung Süden wenden. Wenn sie Nigeria überrennen, wird dies das Sprungbrett zur Eroberung kleinerer Länder sein. Es gibt außerhalb des Landes viel Unterstützung für Boko Haram – anders lässt sich nicht erklären, dass sie so professionell geschult und versorgt werden. Wenn es sich ausschließlich um eine heimische Organisation handelte, wäre sie längst besiegt.

Welche Kräfte außerhalb des Landes könnten dahinter stecken?

Ich bin mir nicht sicher. Der libysche Führer Muammar al-Gaddafi hat eine große Rolle gespielt. Der ehemalige Präsident Nigerias, General Muhammadu Buhari, drohte einmal so gut wie unverhüllt, falls er nicht wiedergewählt würde, für die Unregierbarkeit des Landes zu sorgen. Mit Goodluck Jonathan wurde ein Mann aus dem Süden, ein christlicher Führer, zum Präsidenten Nigerias gewählt. Die Angriffe durch Islamisten haben seitdem definitiv zugenommen.

Gibt es genug moderate Muslime in Nigeria, die ein Gegengewicht zu den Radikalen sein könnten? 

Ja, prominente Muslim-Führer haben sich gegen Boko Haram ausgesprochen, was zu Attentatsversuchen führte. Einige von ihnen sind schon ums Leben gekommen. Es gibt auch Muslime, die christliche Kirchen während der Gottesdienste bewachen. Auf gar keinen Fall sind alle nigerianischen Muslime mit dieser Radikalisierung einverstanden! Besonders im Süden gibt es moderate Muslime, die Christen innerhalb ihrer eigenen Familien akzeptieren. Leider unterstützen einige politische Führer Boko Haram. Das hat die Regierung selbst zugegeben. Nachdem ein Christ aus dem Süden zum Präsidenten gewählt wurde, herrschte in Nigeria die spürbare Furcht, dass die politische Macht sich in Richtung Süden verlagert. Das bedroht die Privilegien der muslimischen Eliten im Norden, von denen manche ohne jegliche Qualifikation in Machtpositionen aufgestiegen sind – ganz einfach, weil sie Muslime waren. Nehmen Sie beispielsweise die Erdölindustrie, deren reiche Gaben bisher an die Menschen im Norden gingen. 

Aber das Öl kommt aus dem Süden.

Ja, aber sehen Sie sich das selbst einmal an. Wir haben keine Elektrizität, und die Straßen haben so viele Schlaglöcher, dass Autofahren wirklich gefährlich ist. Der Wohlstand, der aus unseren Bodenschätzen entsteht, fließt im wörtlichen und übertragenen Sinne nach Norden. Das Öl wird über 1100 Kilometer weit nach Norden geleitet, bevor es raffiniert wird. In meinem Vikariat Bomadi gibt es keine zuverlässigen Schulen oder Krankenhäuser. Es gibt kein Trinkwasser. Veränderungen vollziehen sich sehr langsam. Eine echte Reform erfordert eine mutige und charismatische Führung. 

Es gibt auch Berichte, dass Christen Muslime werden, um wirtschaftlich voranzukommen. Stimmt das? 

Das war unter den Militärregimes sicherlich der Fall, als die Präsidenten aus dem Norden kamen und die Erdöleinnahmen in erster Linie von ihnen auf eine sehr persönliche Weise kontrolliert wurden. Man konnte Muslim werden, eine muslimische Frau heiraten und an den Erdöleinnahmen teilhaben. Diese Konvertiten werden wohl, wenn sich ihr Blatt wendet, wieder zum christlichen Glauben zurückkehren – allerdings dürfte sie das im Norden ihr Leben kosten. Sie müssen in den Süden umsiedeln, wenn sie wirklich zu ihrem früheren christlichen Glauben zurückkehren wollen. Die Verfassung gestattet solche Konversionen, aber das Gesetz wird im Norden ignoriert. 

Was ist das größte Geschenk, das die Kirche Nigeria geben kann? 

Christen können einen großen Beitrag leisten, indem sie die Wahrheit sagen und hervorheben, dass Frieden wichtig ist. Die Bischöfe Nigerias wenden sich regelmäßig an die Regierung und bitten dringend um Reformen. Boko Haram würde schwächer werden, wenn die Menschen eine Aussicht auf ein anständiges Leben hätten. Es herrscht ein hohes Maß an Gesetzlosigkeit und ungezügelter Kriminalität. Die katholische Kirche bemüht sich außerdem um eine gute medizinische Versorgung und Bildung. Darum schicken viele Muslime in hohen Positionen ihre Kinder in unsere Schulen. 

Sie erwähnten Korruption als spezielle Plage der Nigerianer.

Wären unsere Regierungsführer nicht korrupt, hätten die Nigerianer einen Grund, ein ganz anderes Leben zu führen. Korruption ist eines unserer schlimmsten Übel. Es gibt keine Hoffnung, ein anständiges Leben zu führen. Darum geraten viele so leicht in den Sog eines Lebens voller Gewalt. Besonders junge Menschen werden angeworben, um während der Wahlen für wenig Geld für die Interessen einiger Regierungsmitglieder zu kämpfen. Viele sind dabei gestorben. Darum predigen nigerianische Bischöfe und Priester in fast jeder Messe gegen Korruption. Wir haben ein Gebet gegen Korruption verfasst, das von Katholiken jeden Tag gesprochen wird. Außerdem werden junge Menschen, die für den Schutz der Öl-Pipelines verantwortlich sind, häufig verdächtigt, Rohöl zu stehlen. In einigen Fällen verursachen sie absichtlich Lecks, denn die Regierung zahlt ihnen ihre Löhne nicht. Die Leitungen platzen aber auch, da sie nicht rechtzeitig repariert oder ersetzt werden. Das auslaufende Öl verunreinigt das Wasser, das die Menschen zum Trinken benötigen.

Sind Sie enttäuscht, dass die Regierungen der westlichen Staaten und selbst Kirchenführer nicht eingreifen? 

Die westlichen Staaten hätten mehr tun können. Aber das Erdöl ist das Problem, vermute ich. Sie profitieren davon und wollen sich mit denen in der Machtposition nicht anlegen. Chevron, Shell, Agip – diese Firmen nutzen unser Öl und unternehmen nicht genug gegen die fundamentale Ungerechtigkeit der Situation. Internationale Standards werden von diesen Erdölunternehmen in der Regel nicht eingehalten. Ich muss aber auch sagen, dass die führenden Köpfe Nigerias und die lokalen Gemeinden die Sache auch nicht gerade besser gemacht haben, da sie mehr am persönlichen Gewinn als am Wohl der Allgemeinheit interessiert sind.

Was ist Ihre Botschaft an den Westen? 

Sehen Sie nicht einfach zu, wie Nigeria sich auflöst! Sorgen Sie dafür, dass Boko Haram besiegt wird. Fällt Nigeria in die Hände der Islamisten, ist ganz Afrika in Gefahr. Das wäre ein unvorstellbares humanitäres Desaster. Denken Sie bitte auch daran, dass wir hier dringendere Probleme haben, als diejenigen, mit denen sich der Westen beschäftigt und die man uns gerne aufzwingen möchte – wie gleichgeschlechtliche Ehen oder Abtreibung. Man hat uns gesagt, wenn wir Zugang zu westlicher Hilfe haben wollen, müssen wir akzeptieren, wie die Dinge auf moderne Weise getan werden. Wir wollen nichts davon. Aber wir sterben, weil uns Lebensmittel und sehr grundlegende Dinge fehlen. 

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