„Familie ist Zukunftsmusik heute“

Interview mit dem Wiener Weihbischof Franz Scharl

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WIEN, 10. Juni 2008 (ZENIT.org).- „Ohne Kinder gibt es schlicht keine Zukunft, keine menschliche Zukunft. Daher sind Kinder und Familie Zukunftsmusik heute“, betont der 1958 in Salzburg geborene Wiener Weihbischof Franz Scharl im vorliegenden ZENIT-Interview über die Herausforderungen und Aufgaben der christlichen Familie heute.



„Das Grundprinzip sollte sein: das Beste zu suchen für die Kinder und damit auch für die Familie, die Eheleute. Das sollte im Fokus sein, danach sollte alles ausgerichtet werden: in der Familie, in der Kirche, im Staat, in der Wirtschaft… Vom Kind her und damit von der Zukunft im Heute her müssen wir entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.“

Anmerkung: Statt „Gott“ steht auf Wunsch des Bischofs, der am 23. April 2006 in sein Hirtenamt eingeführt wurde (ZENIT berichtete), „G''tt“. Auf diese Weise soll die jüdisch-christliche Tradition stärker zum Vorschein kommen. Die beiden Striche, die das „O“ ersetzen, stehen symbolisch für das Alte und das Neue Testament.

ZENIT: Welche Bedeutung hat die Familie in den Augen der Kirche?

Bischof Scharl: In den Augen der Kirche ist die Familie die Keimzelle der Gesellschaft. In ihr keimt künftige Gesellschaft oder leider nicht. Das heißt: Wer auf die Familie achtet, achtet auf gute Zukunft. Wer nicht auf die Familie achtet, wird in der Zukunft den Preis dafür zu zahlen haben. Familie ist Zukunftsmusik heute.

ZENIT: Inwiefern unterscheidet sich die christliche Sicht der Familie von anderen Bildern und Vorstellungen, die in der Gesellschaft gängig sind?

Bischof Scharl: Etwas spezifisch Christliches hat mit JESUS CHRISTUS zu tun, das heißt mit G“TT und Mensch. Wenn ich auf die Familie schaue, geht es also nicht nur darum, dass ich Mutter, Vater und Kind finde, sondern auch darum, wie ich den Menschen überhaupt sehe: Ist er ein geliebtes Geschöpf G“TTES, ist er ein Zufallsprodukt, oder ist er ein verunglücktes Tier? Ist er Mittel zum Zweck, oder eben gerade nicht?! Also: Es gibt unterschiedliche Konzepte und dann diesen Konzepten entsprechende Philosophien, Politiken, Pädagogiken...

Der Kernpunkt für uns Christen ist, dass der Mensch die Höhe seiner Möglichkeiten erreichen kann, insofern er als G“TTES Geschöpf (das durch sein Misstrauen G“TT gegenüber, das heißt durch Sünde, verbeult ist) durch JESUS CHRISTUS G“TTES-Kind ist und so in die G“TTES-Familie eingegliedert wird.

ZENIT: Was ist in dieser Hinsicht die Aufgabe einer Familie?

Bischof Scharl: Einerseits hat die Familie die Aufgabe, Hauskirche zu sein, und andererseits ist es ihre Sendung, Keimzelle der Gesellschaft zu sein.

Die Aufgabe der Familie ist es auf der einen Seite, dass es in Zukunft Kinder überhaupt gibt, und dann auch die rechte Erziehung dieser Kinder, ihre Hinführung zum Glauben und ihre Befähigung, in guter Weise ins Leben hinausgehen zu können.

ZENIT: Wie lassen sich in der Erziehung die Achtung vor der persönlichen Freiheit des anderen, auch des Kindes, und das Fordern und Grenzen-Setzen miteinander vereinbaren?


Bischof Scharl: Erziehung heißt doch immer: Ich habe ein Ziel vor Augen, worauf hin ich erziehen will. Welches Ziel habe ich? Vom Ziel aus und vom Wesen des Menschen her sind dann Grenzen zu gestalten.

Möchte ich dem Kind vorleben, dass die höchste Würde des Menschen darin besteht, ein Kind G“TTES in der Familie G“TTES zu sein? Dann werde ich dem Kind in dieser Hinsicht auch immer ein gutes Beispiel zu geben versuchen. Ich werde es mein Beten miterleben lassen; ich werde das heilige Wort G“TTES bekannt und verständlich zu machen versuchen…

Menschliche Fähigkeiten, Sachkompetenz und Geistliches sollen miteinander verknüpft werden. Es geht darum, das Kind zu befähigen: erstens menschliche Qualitäten/Tugenden zu entwickeln; zweitens in Zukunft seine Talente in die Arbeit einbringen zu können – der Aufgabe gemäß –, und drittens, sich seiner hohen Würde als G“TTES-Kind bewusst zu sein.

ZENIT: Immer wieder wird die Familie mit der Kirche verglichen und „Hauskirche“ genannt. Was heißt das eigentlich?

Bischof Scharl: Wenn Familie „Hauskirche“ genannt wird, bedeutet das, dass diese Familie eine Familie sein muss, die zur Kirche gehört. Kirche hat für uns unabdingbar mit JESUS CHRISTUS zu tun, mit dem Herausgerufensein aus den vielen Menschen, um Gemeinschaft, um die Familie G“TTES zu bilden.

Die Familie als Hauskirche ist der erste Ort, wo die Kinder Menschsein erlernen, wo sie im Glauben, im Hoffen und im Lieben wachsen können und sollen, und wo sie die Beziehung zu Gott positiv entfalten können, genauso wie den Umgang mit den anderen, und ebenso das rechte Selbstverhältnis… Ich denke auch an den guten Umgang mit der Schöpfung G“TTES: sie zu behüten und nicht zu zertrampeln.

ZENIT: Und nimmt das alles im alltäglichen Leben konkret Gestalt an?

Bischof Scharl: Im alltäglichen Leben kommt es zunächst darauf an, dass sich Mutter und Vater selber klar darüber sind, wer sie sind und worauf hin sie gemeinsam unterwegs sind und sein wollen. Im gesellschaftlichen Bereich sollten sie schauen, ob sie nicht in Politik, Wirtschaft, Kunst, Kultur oder in der Wissenschaft Verantwortung übernehmen können, um für gute Rahmenbedingungen zu sorgen.

Und von der Kirche her ist es so, dass Ehe und Weihe miteinander verknüpft sind. Im Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche heißt es dazu: „Zwei Sakramente, die Weihe und die Ehe, verleihen eine spezielle Gnade für eine besondere Sendung in der Kirche und dienen dem Aufbau des Volkes Gottes. Sie tragen vor allem zur kirchlichen Gemeinschaft und zum Heil der anderen bei“ (321).

ZENIT: Was ist notwendig, um die Familie und ihre Position zu stärken?


Bischof Scharl: Die Frage ist: Wer soll wo ansetzen? Jeder kann an seinem Platz etwas dazu beitragen: die Verantwortlichen der Kirche (die Geweihten & Beauftragten), indem sie den Familien Wertschätzung entgegenbringen, Platz einräumen usw.; die Familienmitglieder selber, indem sie aus dem Glauben an Gott und aus der Nächstenliebe ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, um sich zu Wort zu melden und zu helfen, und dann natürlich die Verantwortlichen im Staat, indem sie günstige Rahmenbedingungen für die Kinder-, Mutter- und Vater-Freundlichkeit schaffen: gesundes Selbstbewusstsein der Elternteile fördern, familienfreundlicher Wohnbau, familienfreundliche Lohngestaltung, leichte Einstiegsmöglichkeiten für Eltern volljähriger Kinder schaffen,…, ja überhaupt von der Zukunft her, von den Kindern her denken lernen…

ZENIT: Sind die heutigen Gegebenheiten so, dass die Familie ihrer hohen Berufung gerecht werden kann?

Bischof Scharl: Die Gegebenheiten sind immer so, dass vorerst einmal innerhalb der Gegebenheiten agiert werden muss. Aber auch die Gegebenheiten können gestaltet werden – normalerweise aber nicht von Heute auf Morgen. In manchen Aspekten sind sie nicht sehr förderlich – finanziell gibt es manche Förderung –, aber die Herausforderung, dass Mutter und Vater gleichzeitig arbeiten gehen müssen, damit sie ihre Familie erhalten können, schafft gewisse Schwierigkeiten – besonders wenn kein Großeltern-Netz bereit steht. Wirklich schwierig wird es mit den McJobs, deren jeder Elternteil mehrere haben muss, um genügend Geld zusammen zu bekommen. Das ist ein echtes Kontra zur Familie und gut gelebten Ehe.

Das Grundprinzip sollte sein: das Beste zu suchen für die Kinder und damit auch für die Familie, die Eheleute. Das sollte im Fokus sein, danach sollte alles ausgerichtet werden: in der Familie, in der Kirche, im Staat, in der Wirtschaft… Vom Kind her und damit von der Zukunft im Heute her müssen wir entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Ermutigung, Wertschätzung und Hilfsbereitschaft sind ebenso erforderlich.

Es braucht aufrichtige Wertschätzung für Ehe und Familie, und zwar nicht eine Form von Wertschätzung, bei der man sagt: „Alles ist gleich gültig. Ehe und Familie, ein Single-Haushalt oder die anderen Modelle, die es gibt und propagiert werden im lebens(abschnitts)partnerschaftlichen Bereich. Man muss dem rechtlichen Institut von Ehe und Familie einen besonderen Schutz geben und es besonders fördern, weil da langfristig schlicht die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft drinsteckt.

ZENIT: Berufungen kommen aus kinderreichen Familien, heißt es immer wieder. Wie ist Ihre persönliche Erfahrung damit?

Bischof Scharl: Wenn es null Kinder gibt, wie soll es dann Berufungen geben? Und wenn es nur ein Kind gibt, besteht immer die Schwierigkeit für die Familie: Wo lebt der Familienname weiter? Das ist eine objektive Herausforderung.

Wenn es mehrere Kinder gibt, dann ist es wahrscheinlich für die Eltern leichter, ein Kind beziehungsweise mehrere ziehen zu lassen. Ich stamme aus einer Familie mit drei Kindern. Allerdings sind es ja nicht die Eltern, die einen zu einer geistlichen Berufung berufen, das ist G“TTES Aufgabe, auch wenn Menschen mitwirken können. Ich höre manchmal, dass Eltern und Umfeld mehr oder weniger stark dagegen arbeiten.

Die Möglichkeit, dass bei vielen Kindern Berufungen leichter angenommen werden, ist, denke ich, gegeben. Aber: Viele Kinder alleine sind nicht das Entscheidende. Es braucht dazu das Gebet in der Familie, „Hausliturgie“, Katechese, Wertschätzung und auch ein Netzwerk von Familien, die geistlichen Berufungen gegenüber positiv eingestellt sind, sich einfach drüber freuen oder kühner Weise darum bitten!

ZENIT: Manchmal ist es in der Familie schwierig, die richtigen Prioritäten zu setzen. Wie sehr sollte man darauf achten, mit Gleichgesinnten Kontakt zu pflegen? Und wie ist es mit der Offenheit für andere?


Bischof Scharl: Zuallererst ist es in der Familie erforderlich, dass die Eheleute sich selber Zeit nehmen für die Kinder, aber auch füreinander. Bitte sich unbedingt auch Zeit für G“TT zu nehmen!

Wenn die Kinder im Erwachsenenalter das Haus verlassen, sind die Elternteile wieder miteinander konfrontiert. Und das kann kritisch sein, wenn man merkt, dass an der Beziehungsgeschichte eigentlich nicht weitergeschrieben worden ist.

Dann ist es auch wichtig, dass man in einer Pfarrei, in einer Geistlichen Gemeinschaft beziehungsweise in einer anderen guten Gemeinschaft Gelegenheit hat, mit anderen Eheleuten und Familien Kontakt zu pflegen. Und zwar so, damit da auch etwas entstehen kann an gegenseitiger Ermutigung, Aushilfe, gemeinsamen Unternehmungen usw.

Zudem ist es gut, wenn man Alleinerziehende auch zu einer Familien-Gemeinschaft einlädt und ihnen mit Wertschätzung begegnet, denn sie erbringen wirklich eine Hochleistung. Sie bedürfen sicher der Unterstützung. Wie das aber konkret ausschauen kann, muss natürlich vereinbart werden, denn gut gemeint ist nicht immer gut. Aber wenn man Menschen liebt, dann fällt einem auch immer wieder etwas Gutes ein. Man kann zum Beispiel die Kinder einige Zeit zur Betreuung abnehmen usw. Die allein Erziehenden können sich auch beraten lassen. Bei uns in der Erzdiözese Wien gibt es zum Beispiel eine Stelle für Alleinerziehende, wo man diesbezüglich Kontakt aufnehmen kann.

ZENIT: Sie haben zuvor gesagt, „Familie ist Zukunftsmusik“. Haben Sie den Eindruck, dass dieses Bewusstsein stärker wird?

Bischof Scharl: Ja. Ich denke, wir können viel dafür tun, dass die Wertschätzung für Kinder und für Familien wieder stärker wird. Hier braucht es manche Ermutigung und Inspiration: von der Kirche, von Freunden, von den Medien, von der Politik, von der Wirtschaft. Das ist eine existentielle Angelegenheit für jede Gemeinschaft.

Ohne Kinder gibt es schlicht keine Zukunft, keine menschliche Zukunft. Daher sind Kinder und Familie Zukunftsmusik heute. Sie „riechen“ gleichsam nach Morgen.

Sakramental verheiratete Eheleute und sakramental Geweihte sind dazu berufen einander zur Heiligung, zum Segen zu verhelfen: im Gebet, in Wort und Tat, im Lebensstil. Die Familie aus Vater, Mutter und Kind(ern) und die G“TTES-Familie der Getauften mögen einander helfen, Zukunftsmusik zu sein und noch mehr zu werden – für Zeit und Ewigkeit.

[Das Interview führte Dominik Hartig]