Familienbischof Klaus Küng über die Liebe, die das Abbild Gottes im Menschen zum Leuchten bringt

\"Im Verlangen nach einer tieferen, reiferen Liebe (…) wendet sich der Glaubende Christus und seinem Geist, dem Heiligen Geist zu\"

| 617 klicks

ROM, 2. Februar 2006 (Zenit.org).- \"Diese erste Enzyklika Papst Benedikts enthält eine sehr tief greifende Analyse dessen, was wahre Liebe ist, woher sie kommt, wohin sie führt und wie sie sein soll\". Deshalb müsse man das päpstliche Rundschreiben meditieren und wiederholt lesen, empfiehlt Diözesanbischof Klaus Küng von Sankt Pölten.



Für ZENIT-Leser erklärt der österreichische Familienbischof im folgenden Interview, wie die menschliche Liebe, insbesondere die eheliche Liebe, die Ebenbildlichkeit Gottes immer deutlicher zum Vorschein bringen kann.

ZENIT: In seiner ersten Enzyklika behandelt Benedikt XVI. die göttliche Liebe, aus der auch jede menschliche Liebe hervorgeht. Was ist göttlich am \"Eros\", an dieser Liebe zwischen Mann und Frau, die in der gegenseitigen Anziehungskraft zum Ausdruck kommt und in der Ehe ihre gesellschaftlichen Wurzeln hat?

Bischof Küng: Diese gegenseitige Anziehungskraft zwischen Mann und Frau gehört zum Schöpfungsplan Gottes und ist auf Ausdruck von Liebe und auf Entstehung menschlichen Lebens ausgerichtet. Wenn sich diese Liebe entwickelt und es zum gegenseitigen Jawort im Sinne einer Ehe kommt, dann wird das Abbild Gottes, das jeder Mensch in seinem Herzen trägt, bei diesem Mann und bei dieser Frau, die sich in der Ehe verbunden haben, deutlicher hervorgebracht, wenn sie sich lieben, denn Gottes Wesen ist die Liebe.

Wir sind ja von Gott aus Liebe erschaffen und zur Liebe bestimmt. In der Ehe soll diese Liebe im Laufe des Lebens entfaltet und gereift werden. Und wenn die Eheleute zu einem oder mehreren Kindern Ja sagen und Kinder zur Welt kommen, dann sind sie in besonderer Weise zu \"Mitarbeitern Gottes\" geworden, Gott dem Schöpfer, gleichgestaltet und verbunden. Auch dadurch erfährt das Abbild Gottes in ihren Herzen eine Verdeutlichung. In der Ehe ist es also besonders leicht erkenn- beziehungsweise erahnbar, dass die menschliche Liebe aus der göttlichen entspringt.

ZENIT: Wie kann sich die Wandlung vom \"Eros\" zur \"Agape\" im Menschen verwirklichen? Wie wird der selbstsüchtig Liebende zu jenem neuen Menschen, der für die göttliche Liebe durchlässig ist, weil er nicht mehr sich selbst, sondern das Wohl des anderen sucht?

Bischof Küng: Für jeden Menschen ist es das größte und eigentliche Ziel, im Laufe des Lebens in der Liebe zu Gott, zu den anderen, ja auch zu sich selbst zu reifen und zu wachsen, was einen Läuterungsprozess voraussetzt. Das gilt auch für die eheliche Liebe.

In Christus und durch ihn hat die göttliche Liebe Fleisch angenommen, in ihm ist sie sichtbar geworden; sie wurde uns durch seine Taten, durch sein ganzes Wirken, insbesondere durch sein Leiden und Sterben am Kreuz und durch seine Auferstehung gezeigt. Christus ist für uns das vollkommene Vorbild dessen, was göttliche und zugleich menschliche Liebe und Hingabe sind. Zugleich ist er die große Hilfe auf der Suche nach der großen Liebe. Wer aus dem Sakrament der Taufe lebt, wer sich mit Christus in der Eucharistie vereinigt, ihn aufnimmt, indem er auf ihn hört, sich von seinen Geist führen lässt, gelangt auf den Weg jener Liebe, die von Gott kommt. Sie vermag einen Menschen zu verwandeln, so dass seine Liebe großherziger, selbstloser, mutiger, tatkräftiger, beständiger wird und zu einer dauerhafteren, von den äußeren Umständen immer weniger abhängigen Freude und einem nach und nach tiefer werdenden Frieden führt.

ZENIT: Wie ergänzen sich diese christliche \"Agape\" – \"die Liebe zum Nächsten in der Nachfolge Christi\" – und der \"Eros\"? Wie spielen sie zusammen?

Bischof Küng: Jede wahre Liebe zu Gott führt zu menschlicher Liebe, schenkt Impulse zur Hingabe, zur Großzügigkeit, zur Dienstbereitschaft; umgekehrt bewirkt die Erfahrung der eigenen Schwäche, die sich gerade im Umgang mit den anderen oft besonders deutlich zeigt, dass jene, die Gott als Quelle der Liebe entdeckt haben, Ausschau halten nach der Hilfe Gottes.

Im Verlangen nach einer tieferen, reiferen Liebe, die nicht ständig am Ich, am Stolz, an der Eigenliebe hängen bleibt, wendet sich der Glaubende Christus und seinem Geist, dem Heiligen Geist zu. Echte weiterführende Entwicklungsschritte in der Liebe werden in der Regel wohl nur dann möglich, wenn Gott, insbesondere der uns nahe gekommene, für uns erreichbare Gott, Christus, erkannt wird.

Christus ist die Quelle, der Motor, zugleich aber auch der Arzt und Retter. Er führt zur vollkommener werdenden Liebe; er nährt sie, heilt sie und bewirkt, dass Eros zur Agape wird.

ZENIT: Sie sagten vor kurzem, dass Gott jeden Menschen beruft: den einen zum Priestertum, den anderen zur Ehe. Wird die erste Enzyklika des Papstes dieses Bewusstsein für den göttlichen Wert der menschlichen Liebe stärken?

Bischof Küng: Diese erste Enzyklika Papst Benedikts enthält eine sehr tief greifende Analyse dessen, was wahre Liebe ist, woher sie kommt, wohin sie führt und wie sie sein soll. Die Darlegungen sind im zweiten Teil der Enzyklika, insbesondere im Zusammenhang mit dem Wirken der Kirche und ihren Gläubigen in der Welt, sehr konkret. Um diese Darlegungen gut zu verstehen, ist Meditation nötig und, nach meinem Eindruck, auch eine gewisse Eigenerfahrung der Zusammenhänge, die hier sehr treffend und tiefgehend beschrieben werden. Es wird nötig sein, diese Enzyklika mehrmals zu lesen. Manchmal versteht man etwas erst nach einiger Zeit besser und erst dann wird manches klarer, was man anfangs nicht verstanden oder überlesen hat. Die Enzyklika \"Deus caritas est\" zeigt eine Spur auf, der man folgen sollte.

ZENIT: Wie kann eine Familie dieser Berufung im Alltag nachkommen? Welche konkreten Schritte sollten bedacht oder getan werden?

Bischof Küng: Unerlässlich ist es, persönlich, in manchem auch gemeinsam, die Quelle zu suchen. Eine gewisse Zeit der Stille und des Gebetes, um sich Gott zuzuwenden und auf ihn zu hören, ist unbedingt nötig. Die Teilnahme an der Heiligen Messe stellt eine wichtige Grundlage dar und die Lektüre der Heiligen Schrift und eines guten geistlichen Buches sind wie Brot, das uns Kraft schenkt. All das muss in einer den eigenen Lebensumständen entsprechenden Form geschehen und dazu führen, dass wir uns den anderen zuwenden, uns bemühen, dass das Familienleben in einer herzlichen, positiven Atmosphäre abläuft.

Wer sich bemüht, verbunden mit Gott zu leben, wird gegen die eigenen Schwächen und Fehler ankämpfen; alles vermeiden, was die anderen zum Zorn reizt; versuchen, ihnen Liebe zu erweisen. Wenn es zu Missverständnissen oder zu Reibereien kommt, wird man zur Aussprache, zur Versöhnung bereit sein und nach einem Weg suchen, der ein friedliches Miteinander ermöglicht.

Die Liebe Gottes wird, wenn sie in unserem menschlichen Herzen Wurzel fasst und echt ist, sichtbar, für die anderen wahrnehmbar, erfahrbar; umgekehrt führt uns das Verlangen nach mehr Authentizität, nach Wachstum in der Liebe zueinander zur Suche nach Gott und seinem Sohn beziehungsweise zum Verlangen nach dem Heiligen Geist, der uns das Rechte eingibt und uns die Erkenntnis des Willens Gottes vermittelt.