"Fanatismus hat erzieherische, kulturelle und religiöse Ursachen"

Interview mit koptisch-katholischen Patriarchen Antonios Naguib

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KAIRO, 15. März 2010 (ZENIT.org).- Die koptisch-katholische Kirche in Ägypten ist eine Minderheit innerhalb einer Minderheit: Rund 200.000 Kopten, angeführt von Patriarch Antonios Naguib von Alexandria, von insgesamt fünf bis zehn Millionen, sind mit Rom uniert. Nachdem bereits Ende des 17. Jahrhunderts einzelne Kopten zu einer Einheit mit Rom bewegt werden konnten, ist das Patriarchat erst im Jahr 1895 von Papst Leo XIII. de facto errichtet worden. Jedoch ist es erst seit 1947 fortlaufend  ordentlich besetzt. Der 75-jährige Patriarch, dessen Sitz sich tatsächlich in Kairo befindet, bekleidet sein Amt seit 2006. Michaela Koller sprach mit Patriarch Antonios Naguib über den Dialog mit dem Islam, die im Oktober anstehende Sondersynode zum Nahen Osten sowie über die Zunahme des Fanatismus und christliche Medien in arabischer Sprache.

ZENIT: Eure Seligkeit, Ende Februar war eine Vatikan-Delegation, darunter der Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran, in Kairo. Dabei wurde Delegation auch von dem in der vorigen Woche verstorbenen Großscheich von Al-Azhar, Muhammad Sayyid Tantawi, empfangen. Dieser Dialog ist auf der Ebene fest institutionalisiert. Wie sieht es denn mit dem interreligiösen Dialog in Ägypten aus?

--Patriarch Antonios Naguib: Am 23. und 24. Februar 2010 ist die Kommission des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog nach Kairo gekommen, um sich mit der Al-Azhar-Kommission zu treffen. Diese Treffen finden regelmäßig statt, ein Jahr in Rom und ein Jahr in Kairo. Das ist die offizielle Struktur des interreligiösen Dialogs zwischen dem Vatikan und dem Islam Ägyptens. Andere, örtliche Instanzen versuchen, die Verbindungen zwischen den Muslimen und den Christen im Land zu verstärken. Die Führer des religiösen Gemeinschaften besuchen sich gegenseitig an den großen Feiertagen.

Wir spüren aber die Notwendigkeit, diese Beziehungen zu verstärken, sie vor allem an der Basis, das heißt unter den normalen Menschen, auszubauen. Das ist das einzige Mittel, die Akzeptanz des Anderen und die Brüderlichkeit zu erweitern, und sich gegen den Fanatismus und Extremismus zu wenden.

ZENIT: In einem Gespräch mit einer gläubigen Muslima über die Ereignisse in Nag Hammadi, die zum diesjährigen koptischen Weihnachtsfest sich ereignet haben, sagte diese, die Täter seien keine Muslime gewesen, obwohl sie sich muslimisch nennen. Gemäßigte Muslime haben das Verbrechen verurteilt. Aber wie stellen sich die Kopten dazu? Ist es für sie ein Einzelfall oder sehen sie sich von einer Umwelt umgeben, die ihnen zunehmend feindlich gesonnen ist?

--Patriarch Antonios Naguib: Ich bin zufrieden, diese Beurteilung seitens einer Muslima zu hören. Es stimmt, dass die gemäßigten Muslime dieses Verbrechen verurteilt haben. Es gibt viele muslimischen Autoren, die sehr schöne objektive Artikel geschrieben haben. Sie haben dazu aufgerufen, die wahren Ursachen des Fanatismus und des Extremismus anzupacken, vor allem die erzieherischen, kulturellen und religiösen.

Was die Kopten betrifft, war das Verbrechen ein harter Schlag, der auf ihr Gefühl der Zugehörigkeit zum Land und der Brüderlichkeit prallte. Viele sehen es als einen konfessionellen Akt an. Aber die Klügeren sehen darin das Ergebnis einer Reihe von Faktoren, die den Fanatismus erzeugen und nähren, dieselben Faktoren, die auch die muslimischen Denker genannt haben.

ZENIT: Gibt es in Ägypten Hindernisse beim Kirchenbau? Es war von einem Neubau im Zentrum von Kairo zu hören.

--Patriarch Antonios Naguib: Es gibt kein Gesetz, das in den Bau einer Kirche verbietet. Aber es gibt Verfahren, die zu beachten sind, und Bedingungen, die erfüllt werden müssen. Antworten auf Ersuchen um Baugenehmigung nehmen viel Zeit in Anspruch. Es gibt da einen Gesetzesentwurf für die einheitliche Regulierung der Errichtung religiöser Kultstätten. Er ist im Parlament vorgestellt worden, aber harrt noch seiner Lesung.

ZENIT: Nehmen Sie an der Sondersynode zum Nahen Osten, die für kommenden Oktober anberaumt worden ist, teil? Wenn ja, was wird Ihre Botschaft sein?

--Patriarch Antonios Naguib: Alle Bischöfe des Nahen Ostens nehmen daran teil. Der Titel der Synode führt uns zur grundlegenden Botschaft: Zeugnis und Communio. Unsere erste Sendung in unserem Land ergibt sich aus dem Zeugnis des Lebens, unter uns, und zusammen mit unseren muslimischen und jüdischen Brüdern uns Schwestern. Und damit unser Zeugnis authentisch und glaubwürdig ist, muss es aus einem Leben der Gemeinschaft kommen, innerhalb jeder katholischen Kirche und zwischen den verschiedenen katholischen Kirchen. Wir müssen demzufolge Mittel finden, diese Gemeinschaft mit anderen christlichen Kirchen zu leben und zu verstärken, sowie mit unseren muslimischen und jüdischen Mitbürgern.

ZENIT: Seit rund zwei Jahrzehnten ist augenscheinlich allein in Kairo die Zahl der Frauen beträchtlich gestiegen, die einen Schleier tragen. Ist dies ein Anzeichen für eine soziale Entwicklung, die man als Verstärkung des Integrismus (Fundamentalismus) bezeichnen könnte? Worin liegen die Ursachen?

--Patriarch Antonios Naguib: Ihre Anmerkung stimmt genau. Derzeit gibt es nur noch wenige Musliminnen, die nicht den Schleier tragen. Der Nikab [Verschleierung bis auf einen Sehschlitz, Anm. d. Red.] wird ebenso sichtbar. Ich glaube, dass diese Entwicklung das Resultat des Einflusses des wahabitischen Islam im Land ist [die islamische Ausrichtung Saudi-Arabiens, Anm. d. Red.]. Das Phänomen hat mit dem Aufenthalt ägyptischer Arbeitskräfte in den Golfstaaten begonnen, und es wird propagiert, verstärkt und verallgemeinert. Es ist ein soziales Phänomen, das sich selbst Familien aufdrängt, die moderater und offener sind. Aber die Tatsache weist auch auf einen Anstieg des Fanatismus hin.

ZENIT: Wie sieht die Situation christlicher Medien in arabischer Sprache aus? Gibt es auch christliche Filme?

--Patriarch Antonios Naguib: In Ägypten gibt es unterschiedliche Medien in arabischer Sprache. Es gibt einige Magazine und Zeitungen, die von verschiedenen Kirchen herausgegeben werden. Der Libanon war das einzige Land im Nahen Osten, das christliche Radiostationen hatte. Télé Lumière [libanesischer Fernsehsender mit vorwiegend christlichen Inhalten, Anm. d. Red.]  hat daraufhin einen Fernsehkanal gegründet: Noursat, der dabei ist, sich mehr und mehr zu entwickeln. Derzeit gibt es verschiedene christliche Fernsehkanäle auf Arabisch. Die koptisch-orthodoxe Kirche hat drei Kanäle in Ägypten. Die koptisch-orthodoxe Kirche hat mit einer Reihe religiöser Filme begonnen, die unter den koptischen Christen sehr erfolgreich sind.