FAO-Gipfel zur Welternährungskrise brachte keine strukturellen Reformen

Die Landwirtschaft sollte nicht länger „Stiefkind der Entwicklungspolitik“ bleiben

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ROM, 6. Juni 2008 (ZENIT.org).- Weltweit gibt es rund 800 Millionen Menschen, die hungern müssen, und nach Berechnung des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (World Food Programme, WFP) könnten aufgrund der steigenden Nahrungsmittelpreise bald 130 Millionen dazukommen. Um dieser bedrohlichen Entwicklung gegenzusteuern, kamen auf Einladung der Weltorganisation für Ernährung und Landwirtschaft (Food and Agriculture Organization, FAO) 4.750 Delegierte aus 183 verschiedenen Ländern in Rom zusammen. Entwicklungshilfsorganisationen kritisieren das Ergebnis der dreitägigen Beratungen, an denen unter anderem 40 Staats- und Regierungschefs teilgenommen haben. Aus Europa waren nur der spanischen Premierminister Zapatero und der französische Staatspräsident Sarkozy angereist.



Anstatt auf akute Nothilfe und Produktionssteigerungen durch eine neue grüne Revolution zu setzen, wie auf der FAO-Konferenz beschlossen, müssten weitreichendere Strukturveränderungen in Gang gesetzt werden, betonte MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon. Die Teilnehmer des Welternährungsgipfels hatten den am schwersten betroffenen Ländern Soforthilfe in Höhe von rund 1,2 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt und mehrere schöne Absichtserklärungen formuliert. Auf nachhaltige strukturelle Maßnahmen hatten sie sich nicht  einigen können.

Die einheimische Nahrungsmittelproduktion vieler Entwicklungsländer ist nach Worten von Bröcklmann-Simon durch die Liberalisierung des Weltmarkts sowie durch Agrarexportsubventionen in Europa und den USA zerstört worden. „Damit sind etliche Entwicklungsländer abhängig von Nahrungsmittelimporten und den stark schwankenden Nahrungsmittelpreisen. Sie sind die Leidtragenden der hohen Lebensmittelpreise, während Exportunternehmen von Reis, Weizen und Mais von den gestiegenen Preisen profitieren.“ Hinzu komme die wachsende Flächenkonkurrenz zwischen der Nahrungsmittelproduktion und der Produktion von Agrarrohstoffen für den Export.

„Zuschüsse für Saatgut und Düngemittel sind nicht die Lösung, wenn sie die Kleinbauern nur wieder abhängig von Saatgut- und Düngemittelkonzernen machen. Jetzt muss ein Systemwechsel hin zu bäuerlicher und standortgerechter Landwirtschaft vollzogen werden“, betonte der MISEREOR-Geschäftsführer. „Wir sind entsetzt über die mangelnde Weitsicht der FAO. Das ist nur oberflächliches Feuerlöschen, nicht Bekämpfung des Brandherdes.“

Ralf Südhoff, Leiter des UN-Welternährungsprogramms für Österreich, Deutschland und die deutschsprachige Schweiz, erklärt in einem Gastkommentar, der gestern in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ erschien: „Die Landwirtschaft ist seit langem das Stiefkind der Entwicklungspolitik: Lag der Anteil der Hilfe für den ländlichen Raum noch vor 25 Jahren bei 17 Prozent, so ist er heute auf vier Prozent gesunken.“

Der Experte tritt angesichts der Nahrungsmittelknappheit, die neben anderen Faktoren für die steigenden Preise verantwortlich ist, vehement für eine „Agrarrevolution“ ein. Kleinbauern in Entwicklungsländern holten im Vergleich zu österreichischen Bauern meist nur ein Zehntel der Ernte aus einem Hektar Land, gibt er zu Bedenken. „Das Potential ist also riesig und kann mit einfachen Hilfen wie Kleinkrediten und Werkzeugen genutzt werden.“

Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn legt in Zusammenhang mit der Frage der Bekämpfung des Hungers in der Welt den Finger in die Wunde, wenn er sagt: „30 Milliarden Dollar würden genügen, um jährlich die gesamte Welternährungskrise zu lösen. Was ist das gegen die 1.200 Milliarden Dollar, die jährlich in die Rüstung gesteckt werden?“ Hier liege der „eigentliche Skandal“ und die „himmelschreiende Sünde“, fügt er hinzu.

In seiner Botschaft an die Teilnehmer des FAO-Gipfels fordert der Heilige Vater ebenfalls ein Umdenken, eine Neuausrichtung der Entwicklungshilfe an den Prinzipien des natürlichen Sittengesetzes und an der Würde des Menschen. Für Hunger gebe es keine Entschuldigung, und die Hauptursache sei im Letzten in der Abschottung des einzelnen vor seinen Mitmenschen zu finden. Benedikt XVI. bekräftigt: „Gebt dem zu essen, der dabei ist, an Hunger zu sterben; denn wenn du ihm nicht zu essen gibst, so wirst du es sein, der ihn getötet hat.“

Von Dominik Hartig