Fastenhirtenbrief 2005 von Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln

"Wir sind gekommen, um IHN anzubeten"

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KÖLN, 15. Februar 2005 (ZENIT.org).- "Wer im Gebet mit Gott redet, setzt sich den Maßstäben Gottes aus, und die sind immer größer als wir selbst, sodass uns das Gebet über uns selbst hinaus trägt. Beten ist darum immer aufregend, beten verändert uns zum Positiven. Daher ist es töricht zu sagen, wir sollten lieber die Welt verändern, statt zu beten." Diese Worte schreibt der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meissner in seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit 2005. Unter dem Motto des kommenden Weltjugendtages im August, "Wir sind gekommen, um IHN anzubeten" (vgl. Mt 2,2), lädt der Kardinal zur eucharistischen Vorbereitung des großen Ereignis mit dem Papst in Köln ein. Und er erinnert an die oft unterschätzte Kraft des Betens: "Denn im Gebet halten wir uns dem lebendigen Gott hin, um uns von ihm verändern zu lassen."



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Liebe Schwestern und Brüder!

"Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn, und zujauchzen dem Fels unseres Heiles! Lasst uns mit Lob seinem Angesicht nahen, vor ihm jauchzen mit Liedern!" (Ps 95,1), so beten die Priester, die Ordensfrauen und Ordensmänner täglich, wenn sie mit dem Stundengebet beginnen. Es sind Worte des Psalms 95, der die Anbetung zum Thema hat.

Gebet und Anbetung ist auch das Thema meines diesjährigen Fastenhirtenbriefes. Der aktuelle Anlass dafür ist der Weltjugendtag im August dieses Jahres. Der Heilige Vater hat ihn im Hinblick auf die Heiligen Drei Könige unter das Motto gestellt: "Wir sind gekommen, um IHN anzubeten". Wenn das Erzbistum Köln für dieses Großereignis Gastgeber sein darf, dann dürfen wir nicht nur versuchen, dieser Aufgabe organisatorisch zu genügen, sondern ganz besonders auch organisch-geistlich, damit in unseren Gemeinden etwas vom Geist der Anbetung für die jungen Pilger aus aller Welt erfahrbar wird. Aber auch für unseren eigenen geistlichen Weg – und damit für unser Menschsein – ist die Anbetung von einer gar nicht hoch genug einzuschätzenden Bedeutung.

1. Viele große Theologen, die für die Kirche zu geistlichen Lehrern wurden, werden nicht müde zu betonen, dass dem Menschen von Natur aus das Verlangen gegeben ist, Gott anzubeten. Wenn aber der Mensch Gott nicht kennen gelernt hat, dann beginnt er, sich selbst anzubeten. Das ist heute ein leider weit verbreiteter Götzendienst, der den Menschen zugleich unglücklich macht. Friedrich Nietzsche, der wohl ehrlichste unter den atheistischen Philosophen, schreibt: "Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr anbeten, niemals mehr im endlosen Vertrauen ausruhen; du hast keinen fortwährenden Wächter und Freund für deine sieben Einsamkeiten; du liebst, ohne Ausblick auf ein Gebirge, das Schnee auf dem Haupte und Glut in seinem Herzen trägt. Es gibt keine Vernunft in dem mehr, was geschieht, keine Liebe in dem, was dir geschehen wird." (Friedrich Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft, Aphorismen) Die Erfahrung Nietzsches zeigt: Wenn Gott schwindet, wird es unheimlich. Die Sonne geht unter und eine innere Finsternis und Kälte breitet sich aus.

2. Die Beziehung zu Gott gehört wesentlich zu unserem Menschsein dazu. "Der Mensch übersteigt den Menschen unendlich", sagt Blaise Pascal. Er spürt den inneren Drang, über sich selbst hinaus zu wachsen und auf einen anderen zuzugehen, der unermesslich größer ist als er selbst. Was damit gemeint ist, trifft die Formulierung des hl. Augustinus am besten: "Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir". Auch die moderne Kultur erkennt die Wahrheit von der Größe des Menschseins an, obwohl sie oft genug die Existenz Gottes formell leugnet. Diese für die menschliche Person grundlegende Sehnsucht zeigt und unterstreicht eine Frage, die sich nicht verbergen lässt, weil sie aus dem menschlichen Herzen selbst kommt, nämlich die Frage: Wo und wie finden wir jenen höchsten Anderen, der immer der Größere ist? Das ist die eigentliche Frage, auf die es ankommt! In dieser Sicht können wir den Sinn der Anbetung für den Menschen begreifen.

Beten bedeutet, mit Gott zusammen zu sein, sich mit ihm zu vereinigen. Wer im Gebet mit Gott redet, setzt sich den Maßstäben Gottes aus, und die sind immer größer als wir selbst, sodass uns das Gebet über uns selbst hinaus trägt. Beten ist darum immer aufregend, beten verändert uns zum Positiven. Daher ist es töricht zu sagen, wir sollten lieber die Welt verändern, statt zu beten. Wir können nur dann die Welt positiv verändern, wenn wir Menschen uns zuvor positiv verändert haben. Und dazu ist das Gebet unerlässlich.

Denn im Gebet halten wir uns dem lebendigen Gott hin, um uns von ihm verändern zu lassen. Gott ist unendlich größer als wir selbst und gleichzeitig ein liebendes "Du", das sich mir zuneigt und mich mit all meinen Sorgen und Erwartungen trägt. Daher kann er mich nicht gleichgültig lassen. Er provoziert gleichsam die Bewunderung in meinem eigenen Herzen, und diese Bewunderung im eigenen Herzen ist nichts anderes als Anbetung, das staunende Verweilen vor der Größe Gottes.

3. Der heilige Pierre-Julien Eymard, Stifter der Kongregation vom Allerheiligsten Sakrament, sagte den bemerkenswerten Satz: "Unser Jahrhundert ist krank, weil man die Anbetung nicht mehr pflegt". Um ein wahrhaft menschliches Leben zu führen, d.h. ein Leben im Einklang damit, dass wir als Geschöpfe von einem anderen abhängig sind, der stets der Größere ist, bedarf es unbedingt der Anbetung. Unsere Zeit muss mehr denn je eine Zeit der Anbetung Gottes werden, denn die Verhältnisse in Politik und Ökonomie sind uns global weit über den Kopf gewachsen. Gerade auf dem Gipfel seiner Macht ist der Mensch so ohnmächtig geworden. Wirklich wissende Menschen spüren ihre Grenzen. Und so ist und bleibt der Mensch immer einer, der über sich hinausgreifen muss. Und das geschieht im Gebet. Das erfüllt den Menschen mit Ehrfurcht, Vertrauen und Gelassenheit. Dabei wird die Anbetung zur höchsten Form des Betens. Sie hat ihren Grund in der faszinierenden Herrlichkeit Gottes. Wo Gott naht, dort wird der Mensch erhoben. Gottes Gegenwart erdrückt nicht, sondern sie erhöht die Niedrigen. Jeder, der zu ihm in der Anbetung "Du" sagen darf, muss bekennen: "Denn der Mächtige hat Großes an mir getan" (Lk 1,48). "Dass du mich liebst, macht mich mir wert" (Friedrich Rückert). Den Wert und die Größe des Menschen machen aus, dass er Gottes Eigentum ist, ja, dass Gott ihn liebt. Wenn wir mit Gott gleichsam auf Du und Du stehen, sind wir nie etwas, das man versklaven, ausbeuten oder wegwerfen darf. Tatsächlich war es das Christentum, das die Sklaverei abschaffte und den Menschen als Person schätzen lehrte. Dieses Gottesreich hat die Kirche unendlich mühsam auf Erden aufgebaut, dieses "Du" zu Gottvater und den Menschenschwestern und -brüdern. Sie hatte jedem seine Krone zurückgegeben: "Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft" (1 Petr 2,9), wie der Apostel Petrus in seinem ersten Brief sagt.

4. Einen besonderen Akzent erhält die Anbetung vor der heiligsten Eucharistie. Wie nirgendwo sonst verwirklicht sich hier der Sinn der Anbetung: Ich erkenne vor mir das Geheimnis, das mich umgibt. Ich beuge meine Knie vor der heiligen Hostie, die das ganze Geheimnis Christi in sich birgt und zu meinem Geheimnis werden lässt. Vor dem Herrn in der hl. Eucharistie können wir sagen: "Du bist der, der du bist – und ich habe das Privileg zu leben, um das zu erkennen. O Christus, das ist es, was du gemacht hast: In einer Brotkrume ist das ganze Mysterium enthalten". Der bereits zitierte hl. Pierre-Julien hat sein ganzes Leben damit verbracht, die unendlichen Schätze in der Eucharistie immer tiefer zu entdecken. Durch die Anbetung Jesu in der Eucharistie werden wir immer mehr zu dem, was wir sind. Und nur in der Anbetung finden wir die Kraft zu lieben.

Mutter Teresa von Kalkutta sagt dazu: "Wenn ich auf das Allerheiligste blicke, denke ich an die Armen. Und wenn ich die Armen sehe, denke ich an das Allerheiligste". Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass sich die meisten Probleme, die uns heute bedrängen, lösen lassen, wenn es uns gelingt, durch die Anbetung des Allerheiligsten wieder eine eucharistische Kultur in unseren Pfarrgemeinden zu beheimaten. Der hl. Pfarrer von Ars hat uns das vorgemacht: Eine völlig verwahrloste Pfarrei hat er durch die tägliche Anbetung des eucharistischen Herrn als des eigentlichen Hirten seiner Gemeinde buchstäblich wieder in Form gebracht – in die "Forma Christi". Was damals möglich war, ist auch heute möglich! Und seine Berufung ist auch unsere Berufung. Mit ihr sollten wir sofort beginnen. Dazu hat der Heilige Vater das Jahr 2005 zum Jahr der heiligen Eucharistie erklärt. Denken Sie darüber nach, wie die Anbetung des Allerheiligsten in Ihrer Gemeinde verlebendigt werden kann!

Wir haben in Westeuropa den Akzent zu sehr auf pastorale Strategien gesetzt. Diese sind zwar wichtig und wertvoll. Aber ohne Gebet bleiben sie fruchtlos und sind nicht einmal das Papier wert, auf dem sie stehen. Hier können wir von der östlichen Christenheit das lernen, was für sie typisch ist: eine tiefe und große Gebetserfahrung. Siluan vom Berge Athos schreibt dazu: "Wer den Herrn liebt, der denkt immer an ihn. Und das Gedächtnis Gottes bringt das Gebet hervor (...). Für das Gebet sind uns die Gotteshäuser gegeben; in den Kirchen werden die Gottesdienste nach den Büchern gefeiert; aber die Kirche kannst du nicht herumtragen, und die Bücher hast du nicht immer bei dir. Das innere Gebet aber ist immer und überall bei dir. In den Kirchen werden die Gottesdienste gefeiert, und dort wohnt der Heilige Geist. Doch die Seele ist der höchste Tempel Gottes. Und wer in der Seele betet, für den wird die ganze Welt zum Tempel. Wer Gott liebt, kann Tag und Nacht an ihn denken, weil keinerlei Tun ihn daran hindert, Gott zu lieben".

"Bereitet dem Herrn den Weg!" (Mt 3,3) Diese Aufforderung des hl. Johannes gilt im Erzbistum Köln im Hinblick auf den großen Weltjugendtag 2005. Diese Wegbereitung hat viele Facetten organisatorischer und geistlicher Art. Wir wollen uns bemühen, gute Gastgeber für die Jugend der Welt und für den Heiligen Vater zu sein. Die Jugend der Welt sollte bei uns vom Geist der Anbetung getragen und aufgenommen werden. "Wir sind gekommen, um IHN anzubeten“, heißt es von den Heiligen Drei Königen, die seit über 800 Jahren bei uns in der Kölner Kathedrale verehrt werden. Gehen wir bei ihnen in die Schule und lernen wir neu, zu beten und Anbetung zu halten.

Dazu segne Sie der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.



Köln, am Fest Pauli Bekehrung, den 25. Januar 2005


Ihr
+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Deutsches, von der Pressestelle der Erzdiözese Köln veröffentlichtes Original]