Fastenhirtenbrief 2006 von Bischof Wilhelm Egger von Bozen-Brixen zur Identität des Christen

"Es ist wichtig, dass wir unsere Identität und Eigenart pflegen und dass wir Profil zeigen"

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BOZEN, 23. März 2006 (ZENIT.org).- In seinem Hirtenwort zur Fastenzeit 2006 ruft Bischof Wilhelm Egger von Bozen-Brixen seine Gläubigen dazu auf, Christus ähnlicher zu werden.



"Zu den Merkmalen eines Christus gemäßen Lebensstils gehören das Bewusstsein, dass wir immer von Jesus Christus begleitet sind; die Pflege der Beziehung zu Gott durch Gebet und Gottesdienst; das bewusste Hören auf Gottes Wort; die Sorge für die Mitmenschen; der Einsatz zum Schutz des Lebens, vom gottgeschenkten Anfang bis zum natürlichen Tod; die Förderung von Ehe und Familie; die Wertschätzung des eigenen Glaubens und der Respekt vor anderen Meinungen, auch wenn wir sie nicht teilen; das Festhalten an den Werten des Evangeliums."

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Liebe Gläubige!

Mit dem Hirtenbrief zur diesjährigen Fastenzeit möchte ich die Überlegungen zum Jahresprogramm der Diözese weiterführen, in welchem es um geistliche Berufe, aber auch um Glaubenserneuerung geht. Unser Glaube wird vertieft, wenn wir uns auf die Grundberufung besinnen, die uns im Sakrament der Taufe geschenkt wurde.

Mit Christus verbunden

Wir bezeichnen uns als Christinnen und Christen. Das drückt aus, wer wir sind und was unsere Berufung, unsere Aufgabe ist. Schon bald nach Jesu Tod und Auferstehung nannte man die Jünger, wie die Apostelgeschichte berichtet, in Antiochia zum ersten Mal "christianoi", das heißt "Christen" (Apg 11,26). Schon damals fielen Menschen, deren Leben von der Botschaft Christi geprägt war, durch ihre Lebensführung auf. An ihnen war sichtbar, dass sie Christus zugehörig, mit ihm verbunden, von ihm beeinflusst waren – im Denken, Reden und Tun.

Der Glaube sieht noch tiefer: Wir sind Christen, weil wir alle Tage, bis zum Ende der Welt, von Jesus Christus begleitet sind (vgl. Mt 28,20). Die Verbundenheit geht so tief, dass Paulus sagen kann: Wir sind "in Christus", das heißt im Lebensraum Christi, und Christus ist in uns. Im Brief an die Galater schreibt der Apostel: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,20). Wer sich zu Christus bekennt, soll "Christus als Gewand anziehen" und die Zugehörigkeit zu Jesus im Leben sichtbar machen (vgl. Gal 3,27).

Was Christsein bedeutet, ist in der Taufe ausgedrückt: Wir sind auf den dreifaltigen Gott getauft und so in eine lebendige Beziehung zu Gott aufgenommen. Wir sind Kinder Gottes, Brüder und Schwestern Jesu Christi, Tempel des Heiligen Geistes. Von der daraus folgenden Beziehung soll unser Leben geprägt sein.

Im Christsein wachsen

So wie wir im Leben wachsen und uns entwickeln, unsere Fähigkeiten entfalten und zu erwachsenen Menschen werden, gibt es auch im Glaubensleben Wachstum und Entfaltung. Der Apostel Paulus schreibt (vgl. Eph 4,13.15): Wir sollen zu einem vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen. Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten und in allem wachsen, bis wir ihn erreicht haben, nämlich Christus, der das Haupt ist.

Paulus sagt: Ihr seid in Christus, und: Ihr seid mit Christus. Dieses Mit-Sein bedeutet, dass wir uns wandeln lassen. Es gilt, in Christus hineinzuwachsen, immer mehr die Eigenart Jesu anzunehmen, dem Gekreuzigten ähnlich zu werden. Das heißt konkret für uns: vom Egoismus loszukommen. Die Evangelien – besonders das Markusevangelium –
erzählen, wie die Jünger allmählich Jesu Leidensweg verstanden haben und diesen Weg mitgegangen sind.

Christen und Christinnen sind Menschen, die im zweifachen Sinn von Christus ergriffen sind: Jesus bedeutet ihnen etwas, und die Initiative zu dieser lebendigen Beziehung geht von Christus aus. Er ist es, der die Menschen anspricht und sie ergreift. Wer an Christus glaubt, lässt sich vom Geist Gottes (lateinisch: "Spiritus") zu einer lebendigen Beziehung mit Christus führen. Das ist christlich geprägte Spiritualität.

Kardinal Nikolaus Cusanus, der im 15. Jahrhundert Bischof von Brixen war, hat für unsere Berufung einen prägnanten Ausdruck verwendet: Wir sind gerufen, "christiformes" –
das heißt christusförmig – zu werden und zu sein.

Christsein in einer pluralistischen Welt

In unserer pluralistischen Welt ist das Christsein vor neue Herausforderungen gestellt. Bei den vielen Stimmen und Meinungen, die auf uns eindringen, besteht die Gefahr, dass wir vom Spiel der Wellen hin und her getrieben werden. Der Apostel Paulus, der ähnliche Probleme kannte, nimmt dazu Stellung. Das Umfeld des Paulus war gekennzeichnet durch das, was wir heute Globalisierung nennen. Es war eine "oikumene", eine zusammenwachsende Welt, in der die verschiedenen Religionen und Weltanschauungen Werbung auf dem Marktplatz machten und in der es Orte der Diskussion über Lebensentwürfe gab (Apg 17). Die christliche Gemeinde musste sich diesen Herausforderungen stellen. Auf die Frage, was zum Christsein gehöre und was christliche Identität ausmache, hat Paulus eine klare Antwort gegeben, die auch heute gilt: Christsein bedeutet "in Christus" und "mit Christus" zu sein und "gemäß der Weisung Jesu" zu handeln.

Ein Christus gemäßer Lebensstil

Zu den Merkmalen eines Christus gemäßen Lebensstils gehören das Bewusstsein, dass wir immer von Jesus Christus begleitet sind; die Pflege der Beziehung zu Gott durch Gebet und Gottesdienst; das bewusste Hören auf Gottes Wort; die Sorge für die Mitmenschen; der Einsatz zum Schutz des Lebens, vom gottgeschenkten Anfang bis zum natürlichen Tod; die Förderung von Ehe und Familie; die Wertschätzung des eigenen Glaubens und der Respekt vor anderen Meinungen, auch wenn wir sie nicht teilen; das Festhalten an den Werten des Evangeliums. Diese Merkmale wirken sich im Leben aus, etwa im täglichen Gebet, in der Feier des Sonntags oder in der Zeit, die wir ehrenamtlich anderen Menschen widmen.

Ein Christus gemäßer Lebensstil ist nicht nur ein konkretes Zeichen der Teilnahme am kirchlichen Leben, sondern auch ein wertvoller Dienst an der Gesellschaft. Es kommt allen Menschen in unserem Land zugute, wenn wir uns für Ehe und Familie, für den Schutz des Lebens, für die Pflege des Sonntags, für die Aufmerksamkeit auf Bedürftige und Schwache und für die Pflege des Dialogs zwischen Einzelnen und Gruppen einsetzen.

Offene Identität

Es gibt also Merkmale christlicher Identität, und die Pflege von Identität ist ein Kennzeichen unserer Zeit. Trotz der Globalisierung – oder vielleicht gerade deshalb – betonen die Menschen ihre kulturelle und religiöse Identität. Es ist wichtig, dass wir unsere Identität und Eigenart pflegen und dass wir Profil zeigen, ein christliches Profil. Wir brauchen eine offene Identität mit der Bereitschaft zum Dialog, damit die Betonung der Identität nicht zum Kampf der Kulturen führt. Es braucht Respekt vor allen Sprachen und Kulturen und Respekt vor den Religionen jener Menschen, die bei uns Arbeit und Wohnung suchen. Die Menschen, die einwandern, haben ein Recht auf die Pflege ihrer eigenen Kultur und Religion; freilich haben sie auch die Pflicht, die in unserem Land gepflegten kulturellen und religiösen Formen zu respektieren. Als christliche Gemeinschaft haben wir in dieser Hinsicht eine große Aufgabe. Wir wissen, dass unser Gott ein Gott aller Menschen ist, und dass wir als Kirche "Sakrament" sein sollen, Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott und Zeichen für die Einheit der ganzen Menschheit (Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils "Lumen gentium", 1).

Möge Gottes Heiliger Geist in uns wirken, dass wir in dieser österlichen Bußzeit die Taufgnade erneuern und immer mehr christiformes – christusförmig – werden.

Ihr
Wilhelm Egger
Bischof

Aschermittwoch 2006
Bozen, den 1. März 2006

[Von der Diözese Bozen-Brixen veröffentlichtes Original]