Fastenhirtenbrief 2006 von Friedrich Kardinal Wetter, Erzbischof von München und Freising, im Zeichen der Vorbereitung auf den Papstbesuch

"Wer glaubt, ist nie allein"

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MÜNCHEN, 14. März 2006 (Zenit.org).- Wir veröffentlichen den Hirtenbrief des Erzbischofs von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, zur Fastenzeit 2006.



In Hinblick auf den Heimatbesuch des Heiligen Vaters im September dieses Jahres ermutigt der 78-jährige Oberhirte dazu, "die uns geschenkte Einheit mit Christus in der Kirche Tag für Tag zu leben und wachsen zu lassen und dabei immer neu zu erfahren: Wer glaubt, ist nie allein."

Die tiefste Erfahrung dieser Einheit vollziehe sich in der Eucharistie, der Quelle der tätigen Nächstenliebe.

* * *



Liebe Schwestern und Brüder

I.



"Wer glaubt, ist nie allein!" Das sagte Papst Benedikt bei seiner Amtseinführung. Dieses Wort wurde anschaulich angesichts der Menschenmenge, die am Petersplatz zusammengekommen war, wie auch schon zuvor bei der Beerdigung von Papst Johannes Paul II. Bei seiner ersten Audienz für die Pilger aus Deutschland griff der Papst dieses Wort nochmals auf: "Ein Christ ist nie allein, habe ich gestern in der Predig gesagt. Damit habe ich die wunderbare Erfahrung ausgedrückt, die wir alle in diesen außergewöhnlichen vier Wochen machen durften."

Ja, das war im April des letzten Jahres die wunderbare Erfahrung unzähliger Menschen. Sie wussten sich über alle Grenzen von Ländern und Sprachen hinweg im Glauben verbunden. In dieser weltumspannenden Gemeinschaft hat sich gezeigt: Die Kirche lebt.

Wenn der Heilige Vater im September zu uns nach München kommt, werden wir wiederum diese Erfahrung machen: Als Glaubende sind wir nie allein; wir sind eine lebendige Kirche, in der wir zueinander gehören.

II.



Natürlich gilt dies nicht nur bei so außergewöhnlichen Ereignissen wie der Begegnung mit dem Heiligen Vater. Wir sind nie allein, denn als Christen gehören wir immer zueinander.

Echte Gemeinschaft schenkt tiefes Glück. Schon die tägliche Erfahrung lehrt, dass keiner von uns allein leben kann. Wir alle sind aufeinander angewiesen und sollen uns mit unseren Fähigkeiten ergänzen. Wir arbeiten nicht nur füreinander, wir sind auch füreinander da. Das macht unser Leben reich und erfüllt uns mit Freude und Glück. Besonders erfahren wir das in der Familie. Ehegatten, die in Liebe und Treue einander angehören, erleben dies. Und welch ein Glück ist es für ein Kind, die Zuwendung und Liebe der Eltern zu erfahren und von ihnen umsorgt heranzuwachsen! Gewiss, Kinder kosten Geld und Zeit und manch anderes Opfer; aber sie bereichern das Leben ihrer Eltern.

Als bei dem tragischen Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall Kinder ums Leben kamen, wurde ihren Eltern ein Herzstück ihres Lebens entrissen. Ihr Tod war ein bitterer Verlust für die Angehörigen, für die Freunde und Freundinnen, ihre Mitschülerinnen und Mitschüler, ja für alle, die sie kannten und liebten.

Wir gehören zueinander. Wir sind uns gegenseitig anvertraut – von Gott, der uns so geschaffen hat. Das dürfen wir nie vergessen.

III.



Wer glaubt, ist nie allein. Mit diesem Wort weist uns der Papst auf eine besondere Verbindung hin, den Glauben. Denn der Glaube bewirkt eine neuartige Verbundenheit. Wir sind Gottes Familie.

Im Glauben finden wir zum lebendigen Gott, der uns in Jesus Christus begegnet. Er hat sich uns zuerst zugewandt; glaubend wenden wir uns ihm zu und lassen uns in die Gemeinschaft hinein nehmen, die er uns anbietet. Was dabei geschieht, erfahren wir im Gebet. Denn das Gebet ist sprechender Glaube.

Für die große heilige Teresa von Avila ist das Gebet nichts anderes als ein freundschaftlicher Umgang mit Gott, der uns liebt. Ähnlich äußert sich eine Stimme, von der wir dies nicht erwarten. Der ehemalige Präsident der UdSSR, Michael Gorbatschow, sagte in einem Interview: "Die Erfahrungen der letzten Lebensjahre veränderten vollkommen meine Vorstellungen über das Beten (…). Es geht um das Bewusstsein eines inneren Seelenzustandes, bei dem sich der Mensch seiner Liebe zu Gott und der Liebe Gottes zu ihm selbst erfreut." Dem widerspricht nicht die Tatsache, dass man im Glauben auch Schwierigkeiten erfahren kann und bisweilen um ihn ringen muss. In der Freundschaft und in der Liebe zwischen Menschen ist das nicht anders. Darum haben auch die Klage und der Notschrei ihren Platz im Gebet.

Das Beten zeigt uns, worum es im Glauben geht: um die Gemeinschaft mit Jesus Christus, mit Gott. Sie ist eine ganz persönliche Beziehung zu Christus, die uns jedoch zutiefst miteinander verbindet. Weil wir zu Christus gehören, gehören wir auch zueinander. Darum kann man nicht allein glauben. Darum glauben wir miteinander in der Gemeinschaft derer, die zu Christus gehören. Wir glauben mit und in der Kirche. Dies wird erfahrbar, wenn wir miteinander über unseren Glauben miteinander sprechen, zum Beispiel in der Familie, im Gebetskreis oder bei Exerzitien im Alltag. Das ist ein hilfreicher Dienst, den wir einander leisten. Denn das Glaubensgespräch vertieft nicht nur unseren persönlichen Glauben, sondern auch unsere Gemeinschaft.

IV.



Bei großen Ereignissen wird diese Gemeinschaft vielleicht besonders eindrucksvoll erfahren, aber sie vollzieht sich in jeder Eucharistie. Sie macht sichtbar, in welche Tiefe unsere Gemeinschaft reicht.

Im ersten Korintherbrief schreibt der Apostel Paulus: "Ist das Brot, das wir teilen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot" (1 Kor 10,16f).

In der Eucharistie vereinigt uns Jesus mit sich. Das ist die tiefste und innigste Vereinigung, die es zwischen Personen gibt. "Ihr in mir" und "ich in euch" (Joh 15,7), auf diese Formel bringt Jesus diese Vereinigung. Zugleich aber öffnet er uns und bringt uns in der Einheit seines Leibes zu einem neuen "Wir" zusammen.

In seiner Enzyklika "Deus caritas est" schreibt der Heilige Vater: "Die Vereinigung mit Christus ist zugleich eine Vereinigung mit allen anderen, denen er sich schenkt. Ich kann Christus nicht allein für mich haben, ich kann ihm zugehören nur in der Gemeinschaft mit allen, die die Seinigen geworden sind oder werden sollen" (14).

Die Eucharistie ist das Herz unserer Gemeinschaft, das Herz des kirchlichen Lebens. Gerade im Gottesdienst erfahren wir, dass wir nie allein sind. Aus dieser Sicht hat das II. Vatikanische Konzil die Ordnung der Messfeier reformiert. Sein Ziel war es, dass wir in der Eucharistie unsere Vereinigung mit Christus und die uns von Christus geschenkte Einheit besser feiern und erfahren.

Dazu genügt nicht, nur die äußeren Formen gewissenhaft zu vollziehen; die Feier muss beseelt sein von unserer gläubigen Haltung, die darum weiß, welch tiefe Vereinigung uns mit Christus und untereinander geschenkt wird.

Ich bitte Sie, dieses Ziel nie aus den Augen zu verlieren. Nur so wird sich der Gottesdienst erneuern und nur so die Kirche.

V.



In der Eucharistie erfahren wir Gottes Liebe. Sie ist ein Geschenk zum Weiterschenken. "Eucharistie, die nicht praktisches Liebeshandeln wird, ist in sich selbst fragmentiert" (14), schreibt Papst Benedikt in seiner Enzyklika. Am Beispiel der seligen Teresa von Kalkutta zeigt er uns, wie beides zusammengehört. Sie hat "ihre Liebesfähigkeit den Nächsten gegenüber immer neu aus ihrer Begegnung mit dem eucharistischen Herrn geschöpft" (Kap 18).

Die Liebe, die aus der Eucharistie hervorwächst und im praktischen Tun erfahren wird, zeigt nochmals, wie sehr wir zueinander gehören und nie allein sind.

Schon seit den Tagen der Apostel gehört die Liebestätigkeit zum kirchlichen Leben. Diese Aufgabe ist der Kirche als Gemeinschaft aufgetragen. Heute wird sie durch die Caritas und unsere kirchlichen Hilfswerke geleistet. Sie sind notwendig, weil bestimmte Aufgaben von Einzelpersonen oder einzelnen Pfarreien nicht durchgeführt werden können. Mit unserem Beten und Spenden tragen wir diese Liebeswerke mit.

Seinen Nächsten zu lieben, ist aber auch jedem einzelnen von uns aufgetragen. Der Glaube wird in der Liebe wirksam, schreibt der heilige Paulus (Gal 5,6). Unser Glaube muss sich also in der Liebe auswirken. Dabei geht es nicht nur darum, mit finanziellen Mitteln materieller Armut abzuhelfen. Ebenso wichtig ist es, menschliche Nöte wie Einsamkeit, Krankheit und Leid durch liebevolle Zuwendung zu lindern. Helfen wir mit, dass sich in Familie, Nachbarschaft und Gemeinde niemand allein und verlassen fühlen muss!

Der Glaube, der in der Liebe wirksam wird, fügt uns zusammen. Diese Gemeinschaft trägt uns auch. Dadurch gehören wir nicht nur für eine bestimmte Zeit zueinander, sondern für die Ewigkeit. Das bleibt und trägt uns durch die Zeit in die Ewigkeit.

Vom Heimgang seines Vorgängers Papst Johannes Pauls II. sagte der Heilige Vater: "Er ging nicht allein. Wer glaubt, ist nie allein – im
Leben nicht und im Sterben nicht."

VI.



Liebe Schwestern und Brüder, wenn der Heilige Vater im September zu uns kommt, werden wir aufs Neue die wunderbare Erfahrung unserer Einheit machen, die uns im Glauben eröffnet ist, die in der Eucharistie ihre Tiefe gewinnt und die in tätiger Liebe weitergeschenkt wird. Der Besuch des Heiligen Vaters soll für uns alle ein Fest des Glaubens werden und die Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri vertiefen. Doch jetzt in der Fastenzeit gilt es, die uns geschenkte Einheit mit Christus in der Kirche Tag für Tag zu leben und wachsen zu lassen und dabei immer neu zu erfahren: Wer glaubt, ist nie allein.

Ich wünsche Ihnen allen eine fruchtbare Fastenzeit und ein frohes Osterfest. Dazu segne Euch der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

München, am Fest der Kathedra Petri, dem 22. Februar 2006

Ihr Erzbischof
+Friedrich Kardinal Wetter
Erzbischof von München und Freising

[Vom Erzbistum München und Freising veröffentlichtes Original]