Fastenpredigt von Raniero Cantalamessa OFMCap: Die zwei Gesichter der Liebe: Eros und Agape

Vollständige Übersetzung der ersten Fastenpredigt

| 1527 klicks

ROM, 29. März 2010 (ZENIT.org).- Am heutigen Vormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFMCap., in der Kapelle „Redemptoris Mater" des Apostolischen Palastes die erste der vier traditionellen Fastenpredigten für den Papst und die Kurie zum Thema "Die zwei Gesichter der Liebe: Eros und Agape".

Wir veröffentlichen die Ansprache in einer eigenen Übersetzung des italienischen Originals.

* * *

P. Raniero Cantalamessa OFMCap

Erste Fastenpredigt

DIE ZWEI GESICHTER DER LIEBE: EROS UND AGAPE

.

1. Die zwei Gesichter der Liebe


Mit den Predigten dieser Fastenzeit möchte ich die im Advent begonnenen Überlegungen fortsetzen, einen kleinen Beitrag zur Re-Evangelisierung des säkularen Westens zu leisten, was in diesem Augenblick zu den wichtigsten Anliegen der ganzen Kirche und besonders des Heilige Vaters, Benedikt XVI., gehört.

Es gibt einen Bereich, in dem die Säkularisierung auf eine besonders gefährliche und weit verbreitete Weise eingegriffen hat, das ist der Bereich der Liebe. Die Säkularisierung der Liebe bedeutet, aus der menschlichen Liebe, in all ihren Formen, Gott zu entfernen. Dadurch soll diese zu etwas rein "Weltlichem" werden, in dem Gott "überflüssig" wird und fast als ein Ärgernis wirkt.

Aber das Thema der Liebe ist nicht nur für die Evangelisierung wichtig, wenn es um die Beziehungen mit der Welt geht. Sie ist auch und vor allem für das innere Leben der Kirche wichtig, für die Heiligung ihrer Mitglieder. Das ist die Perspektive, mit der die Enzyklika "Deus caritas est" von Papst Benedikt XVI. diese Wirklichkeit betrachtet. Diese wollen wir auch unseren Überlegungen voranstellen.

Liebe leidet unter dieser fatalen Aufteilung, die nicht nur in den Köpfen der säkularen Welt, sondern auch auf der gegenüberliegenden Seite zu finden ist, also unter den Gläubigen und besonders unter den gottgeweihten Personen. Stark vereinfacht, könnten wir die derzeitige Weltlage als einen „Eros ohne Agape" definieren, die aber unter Gläubigen oft zur „Agape ohne Eros" wird.

Der Eros ohne Agape ist eine romantische, leidenschaftliche Liebe, die häufiger mit Gewalt endet. Eine erobernde Liebe, die den anderen zwangsläufig zum Objekt der eigenen Lust macht und jede Form von Opfer, Loyalität und Hingabe ignoriert. Es besteht keine Notwendigkeit, noch ausführlicher mit der Beschreibung dieser Liebe fort zu fahren, weil es sich um eine Realität handelt, die wir täglich vor Augen haben. Sie wird uns fortlaufend in Romanen, Filmen, Fernsehspielen, Internet, Zeitschriften und der Boulevard-Presse angepriesen. Das versteht man allgemein gesprochen unter dem Wort "Liebe".

Für uns könnte es aber wesentlich nützlicher sein, zu verstehen, was „Agape ohne Eros" bedeutet. In der Musik gibt es eine Unterscheidung, die uns helfen kann: Die Unterscheidung zwischen „Hot Jazz" und „Cool Jazz". Ich habe irgendwo etwas über diese Beschreibung der beiden Genres gelesen, die natürlich nicht die einzig mögliche ist. Hot Jazz Hot ist der Jazz für Liebhaber: leidenschaftlich, expressiv, er spricht die Triebe und Gefühle an, lebt von sich steigernden Improvisationen und ist originell. Der Cool Jazz entspringt der Professionalität: Das Gefühle wird durch sich wiederholende Sequenzen ersetzt; die Inspiration weicht der Technik; die Virtuosität tritt an die Stelle der Spontaneität.

Gemäß dieser Unterscheidung, ist „Agape, ohne Eros" so etwas wie eine "kalte Liebe," eine Form zu Lieben zwar bis „in die Haarspitzen", aber ohne den ganzen Menschen einzubeziehen; eher angetrieben vom Willen und nicht von intimen Gefühlen, die dem Herzen entspringen.

Ein Hineingleiten in vorgefertigte Formen anstatt sich eine eigene unverwechselbare Form zu schaffen, so wie jeder Mensch einzigartig vor Gott ist. Die an Gott gerichtete Taten der Liebe ähneln denen von naiven Verliebten, die der geliebten Person aus einem Handbuch kopierte Briefe schreiben.

Wenn die rein weltliche Liebe ein Leib ohne Seele ist, dann ist die so praktizierte religiöse Liebe eine Seele ohne Leib. Der Mensch ist kein Engel, das heißt kein reiner Geist. Er ist Seele und Leib, die im Wesentlichen vereint sind: Alles, was der Mensch tut, auch wie er liebt, sollte diese innere Struktur widerspiegeln. Wenn dies Zueinander, das mit Zeit und Leib zu tun hat, systematisch ausgeblendet oder unterdrückt wird, kommt es normalerweise zu zwei Entwicklungen: Entweder man ermüdet und nur ein Pflichtgefühl sorgt dafür, dass eigene Image zu verteidigen; oder man sucht nach mehr oder weniger erlaubter Kompensation, die bis zu solchen Vorfällen führt, an denen die Kirche derzeit schmerzhaft leidet. Im Kern geht es bei vielen moralischen Entgleisungen geweihter Personen, darüber sollten wir uns nicht täuschen, um ein verzerrtes und verdrehtes Konzept der Liebe.

Wir haben also einen doppelten Beweggrund und eine doppelte Dringlichkeit, die Liebe in ihrer ursprünglichen Einheit neu zu entdecken. Wahre Liebe ist eine Perle und in ihren beiden Schalen eingeschlossen sind: Agape und Eros. Man kann diese beiden Dimensionen der Liebe nicht voneinander trennen, ohne sie zu zerstören. Genauso wenig, wie man nicht Wasserstoff und Sauerstoff trennen kann, ohne auf das Element des Wassers zu verzichten.


2. Die These von der Unvereinbarkeit zwischen zwei Formen von Liebe


Die wichtigste Versöhnung zwischen den beiden wichtigsten Dimensionen der Liebe findet eigentlich im Leben der Menschen, in der Praxis statt. Gerade dort ist es unbedingt nötig, damit zu beginnen, Eros und Agape auch theoretisch, in der Lehre miteinander zu versöhnen. Dies wird uns ermöglichen, auch anderem zu erschließen, was mit diesen beiden Begriffen, die so oft missverstanden werden, gemeint ist.

Die Bedeutung des Themas ergibt sich aus der Tatsache, dass es ein Untersuchung gibt, die in der gesamten christlichen Welt die gegenteilige Auffassung verbreitet hat, also die Unvereinbarkeit dieser beiden Formen der Liebe. Dies ist das Buch des schwedischen lutherischen Theologen Anders Nygren mit dem Titel "Eros und Agape[1].

Wir können sein Denken zusammenfassend folgendermaßen beschreiben: Eros und Agape bezeichnen zwei entgegengesetzte Bewegungen. Bei der ersten Bewegung geht es um den Aufstieg und den Übergang des Menschen zu Gott. Also das Göttliche als das ureigene Gut und seinen Ursprung. Die andere, die Agape, verweist auf die Abstammung des Menschen von Gott, durch die Menschwerdung und das Kreuz Christi und damit das Heil für den Menschen ohne Verdienst und ohne Zutun seinerseits, also allein aus Glauben. Das Neue Testament hat dafür eine wunderbare Bezeichnung verwendet. Es hat die Liebe mit dem Wort Agape bezeichnet und damit systematisch den Begriff Eros zurückgedrängt.

Der hl. Paulus ist derjenige, der diese Lehre der Liebe am klarsten formuliert hat. Unmittelbar nach ihm, so Nygrens These, sei dieser radikale Gegensatz verschwunden, um Versuchen einer Synthese (im Sinne der Verschmelzung beider Elemente) Vorrang zu lassen. Sobald das Christentum mit der Weltkultur und der griechisch platonischen Sichtweise in Berührung kam, die bereits mit Origenes beginnt, gibt es eine Aufwertung des Eros. Es geht um die Aufwärtsbewegung der Seele zum Guten und zum Göttlichen. Hier geht es um die universale Anziehung durch Schönheit, die vom Göttlichen ausgeht. In diese Richtung geht der Pseudo-Dionysius Areopagita, wenn er schreibt, dass "Gott Eros ist."[2] Er ersetzt so den Begriff „Agape", der in dem berühmten Satz des Johannesbriefes steht (1 Joh 4,10).

Im Westen finden wir eine ähnliche Zusammenschau, die von Augustinus mit seiner Lehre von der Caritas begründet worden ist. Es geht hier um die Lehre von Gott, der grundlos zum Menschen herabkommt (niemand sprach stärker von der "Gnade" als er), aber es geht auch um die Sehnsucht des Menschen nach dem Guten und nach Gott.

Von ihm stammt die Aussage: "Du hast uns für Dich, o Gott geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es ruht in Dir"[3], Sein ist das Bild der Liebe als ein Gewicht, dass die Seele, wie die Schwerkraft, zu Gott lenkt, der zum Ort der Ruhe und des Hochgenusses wird[4].. All dies ist für Nygren Ausdruck der Selbst-Liebe, die ihr eigenes Wohlbefinden sucht und durch die Selbstsucht wird die reine Selbstlosigkeit der Gnade aufgehoben. Es ist ein Rückfall in die Illusion der heidnischen Heilsvorstellungen von einem Aufstieg zu Gott, anstatt an den selbstlosen und ungeschuldeten Abstieg Gottes zu uns zu glauben.

Als Gefangener dieser unmöglichen Synthese zwischen Eros und Agape, zwischen Liebe zu Gott und Liebe zu sich selbst, so Nygren, habe der hl. Bernhard, als höchsten Grad der Liebe zu Gott die "Liebe zu Gott um seiner selbst willen"[5], proklamiert, und der heilige Bonaventura, habe mit seiner aufsteigenden "Reise des Geistes zu Gott" ebenso wie Thomas von Aquin, der die Liebe Gottes als in das Herz des Getauften einströmend definierte (vgl. Röm 5:5), wie die „Liebe, mit der Gott uns liebt und sich von uns lieben lässt."(amor quo ipse nos diligit et quo ipse nos dilectores sui facit)[6]

Dies bedeutet aber, dass ein Mensch, der von Gott geliebt wird, Gott wiederum lieben könne; also ihm etwas geben könne. Dies würde aber die absolute Selbstlosigkeit von Gottes Liebe zerstören, so Nygren. Auf existentieller Ebene sei dies bei den katholischen Mystikern geschehen. Die Liebe der Mystiker, mit ihrer starken Betonung des Eros, ist nichts anderes für ihn als eine sublimierte sinnliche Liebe, ein Versuch, eine Beziehung zu Gott auf der Ebene der gegenseitigen Liebe zu etablieren.

Wer nun brach mit dieser Mehrdeutigkeit und brachte den scharfen Gegensatz dieser paulinischen These, so der Autor: Luther. Durch die Grundlegung der Rechtfertigung aus Glauben allein, hat er nicht die Nächstenliebe als Grundlage des christlichen Lebens ausgeschlossen, wie die katholische Theologie tadelnd behauptet, sondern er hat stattdessen die Liebe, die Agape vom Eros befreit. Die Formel vom "sola fide" - „Glaube allein", mit Ausnahme der Werke, hieße in Luthers Sprache eigentlich „Agape", unter Ausschluss des Eros.

Es geht für mich hier nicht darum, ob der Autor an diesem Punkt verkannt hat, dass Luther - und das muss gesagt werden - nie die Frage in Bezug auf einen Gegensatz Kontrast zwischen Eros und Agape aufgeworfen hat, wie er es ja zwischen Glauben und Werken tat. Bemerkenswert ist aber, dass auch Karl Barth in einem Kapitel seiner "Kirchlichen Dogmatik" zum gleichen Ergebnis wie Nygren kommt, also dass ein Gegensatz zwischen Eros und Agape besteht. "Wo die christliche Liebe in den Blickpunkt kommt", schreibt er, "kommt es sofort zum Konflikt mit jeder anderen Liebe, und dieser Konflikt hat kein Ende""[7].. Ich meine, dass dies, wenn auch nicht lutherisch, dann doch sicherlich dialektische Theologie ist, Theologie des aut - aut, der Antithese, nicht der Synthese.

Der Kontrast dazu ist die radikale Säkularisierung und Weltlichkeit des Eros. In der Tat, während es eine gewisse Theologie Eros und Agape gegeneinander stellt, ist eine säkulare Kultur sehr glücklich, für ihren Teil, die Agape vom Eros zu lösen, also ohne jegliche Bezugnahme auf Gott und die Gnade in der menschlichen Liebe. Freud hat nun selber eine theoretische Begründung dafür geliefert, indem er die Liebe auf den Eros reduziert und den Eros auf die Libido begrenzt hat. Der sexuelle Trieb kämpft jetzt gegen jegliche Unterdrückung und Hemmung. Es ist die Form, auf die jetzt die vielen Erscheinungsformen der Liebe in Leben und Kultur reduziert worden sind, vor allem in die Welt der Unterhaltung.

Vor zwei Jahren war ich in Madrid. In den Zeitungen wurde viel von einer gewissen Kunstausstellung in der Stadt gesprochen, die den Titel: "Die Tränen des Eros" trug. Es war eine Ausstellung erotischer Kunstwerke - Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen - die jene untrennbare Verbindung aufzeigte, die in der Erfahrung des modernen Menschen, zwischen Eros und Thanatos, zwischen Liebe und Tod besteht. Zur gleichen Feststellung werden sie kommen, wenn sie den Gedichtband "Die Blumen des Bösen Baudelaire" oder "A Season in Hell" von Rimbaud lesen. Die Liebe, die ihrer Natur entsprechend Leben erwecken sollte, führt hier zum Tod.

3. Zurück zur Gesamtschau

Wenn wir auch die grundlegenden Vorstellungen über Liebe nicht plötzlich ändern können, die in der Welt gängig sind, so können wir doch die theologische Betrachtungsweise ändern, die dies unbeabsichtigt fördert und legitimiert. Das ist es, was der Heilige Vater Benedikt XVI. in vorbildlicher Weise in seiner Enzyklika "Deus caritas est" getan hat. Er bekräftigte die traditionelle katholische Synthese mit modernen Ausdrücken. " In Wirklichkeit lassen sich Eros und Agape - aufsteigende und absteigende Liebe - niemals ganz voneinander trennen. [...].Und wir haben auch schon grundsätzlich gesehen, daß der biblische Glaube nicht eine Nebenwelt oder Gegenwelt gegenüber dem menschlichen Urphänomen Liebe aufbaut, sondern den ganzen Menschen annimmt, in seine Suche nach Liebe reinigend eingreift und ihm dabei neue Dimensionen eröffnet."(Nr. 7 -8). „Der eine Gott, dem Israel glaubt, liebt selbst. Seine Liebe ist noch dazu eine wählende Liebe: Aus allen Völkern wählt er Israel und liebt es - freilich mit dem Ziel, gerade so die ganze Menschheit zu heilen. Er liebt, und diese seine Liebe kann man durchaus als Eros bezeichnen, der freilich zugleich ganz Agape ist." (Nr. 9).

Wir verstehen nun die ungewöhnlich positive Aufnahme, die diesem päpstlichen Dokument unter den offenen Weltbürgern zuteil wurde. Es verströmt Hoffnung in die Welt. Es korrigiert die Vorstellung eines Glaubens, der die Welt nur am Rande berührt, ohne in sie innerlich einzudringen. Wen wir das im Evangelium vorgegebene Bild des Sauerteigs benutzen wollen, dann ersetzt hier der Sauerteig, der den Teig durchdringt die Vorstellung eines Reiches Gottes, das den "Richter" der Welt entlässt mit dem Bild von einem Reich Gottes, das eindringt, um die Welt zu „retten", vor allem das Eros, die eine mächtge Kraft ist.

Die überlieferte Sicht, sei es die der katholischen Theologie oder die der orthodoxen, wird, wie ich glaube, auch vom Standpunkt der Exegese aus bestätigt. Jene, die die These der Unvereinbarkeit von Eros und Agape vertreten, stützen sich auf die Tatsache, dass das Neue Testament sorgfältig - und, wie es scheint, bewusst- den Terminus Eros vermeidet und stattdessen immer und einzig den Ausdruck Agape benutzt (manchmal kommt der Terminus Philia vor, der die freundschaftliche Liebe ausdrückt).

Dies ist ein wahres Faktum, nicht aber wahr sind die Schlüsse, die man daraus zieht. Man geht davon aus, dass die Verfasser des NT sowohl den allgemeinen Sprachgebrauch des Wortes Eros,- Eros „vulgär" verstanden- kannten, als auch den höheren und philosophischen Sinn, den er zum Beispiel bei Platon hatte, den sogenannten „edlen" Eros. Im verbreiteten Verständnis bedeutete Eros mehr oder weniger das, was es auch heute bedeutet, wenn man von Erotik oder von erotischen Filmen spricht, nämlich die Befriedigung des sexuellen Instinktes, also mehr eine Erniedrigung als eine Erhöhung. In seinem edlen Verständnis bedeutete er die Liebe zur Schönheit, die Kraft, die die Welt zusammenhält und alle in der Bewegung auf das Göttliche hin vereint, eine Aufstiegsbewegung zum Göttlichen, welche die dialektischen Theologen für unvereinbar mit der Bewegung des göttlichen Herabsteigens zum Menschen hielten.

Es wäre allerdings schwierig zu vertreten, dass die Verfasser des Neuen Testamentes, die sich an einfache und unkultivierte Menschen wandten, vorhatten, sie vor dem platonischen Eros-Begriff zu schützen. Sie vermieden den Terminus Eros aus dem gleichen Grund, aus dem ein Prediger heute den Terminus erotisch vermeidet, oder, wenn er ihn benutzt, dies nur im negativen Sinn erfolgt. Der Grund ist, heute wie damals, dass dieses Wort die Liebe in ihrem egoistischsten und sinnlichsten Sinne ausdrückt[8]. Die Skepsis der ersten Christen gegenüber dem Eros wurde auch durch seine Rolle verstärkt, die er für die zügellosen dionysischen Kulte entwickelte.

Sobald sich das Christentum dem Kontakt mit der griechischen Kultur dieser Zeit öffnete und in den Dialog eintrat, fiel sofort, wie wir schon gesehen haben, jedes Vorurteil gegenüber dem Eros. Das Wort wurde von den griechischen Autoren oft als Synonym für Agape benutzt und sollte die Liebe Gottes zu den Menschen ausdrücken, ebenso wie die Liebe des Menschen für Gott, die Liebe zur Tugend und für alles Schöne. Um uns davon zu überzeugen, genügt ein simpler Blick in das „Lexikon der griechischen Patristik" von Lampe[9].. Das System von Nygren und Barth beruht also auf der falschen Argumentationsgrundlage, dem Argument, das „ex silentio" genannt wird.

4. Eros für die Geweihten

Die Wiederherstellung des Eros hilft vor allem den verliebten Menschen und den christlichen Eheleuten, sie zeigt die Schönheit und die Würde der Liebe, die uns vereint. Sie hilft den Jugendlichen, die Faszination des anderen Geschlechts nicht als etwas Düsteres zu sehen, das vor Gott versteckt gelebt werden muss, sondern ganz im Gegenteil, als ein Geschenk des Schöpfers, das ihnen zur Freude gereicht, wenn es geordnet gelebt wird. Auch der Papst spricht über diese positive Funktion des Eros der menschlichen Liebe in seiner Enzyklika, wenn er vom Weg der Reinigung des Eros spricht, die von der momentanen Anziehung zu dem „für immer" der Ehe führt (Nr. 4,5).

Aber die Wiederherstellung des Eros muss auch uns Geweihten, Männern und Frauen, helfen. Ich habe zu Beginn über die Gefahr für gottgeweihte Seelen gesprochen, nämlich die einer kalten Liebe, die nicht vom Verstand zum Herzen dringt. Eine Wintersonne, die erhellt, aber nicht wärmt. Wenn Eros Schwung bedeutet, Begehren, Anziehung, dann dürfen wir keine Angst vor den Gefühlen haben, sie weder gering schätzen noch unterdrücken. Wenn es sich um die Liebe Gottes handelt, so schrieb Wilhelm von St. Thierry, dann ist das Gefühl der Zuneigung (affectio) auch eine Gnade; es kann nicht die Natur sein, die uns ein solches Empfinden einzugießen vermag[10].

Die Psalmen sind voll von dieser Sehnsucht des Herzens nach Gott: „Zu dir, Herr, erhebe ich mein Herz...", „Meine Seele dürstet nach Gott, dem lebendigen Gott". „Schenke also deine Aufmerksamkeit", so schreibt der Autor der „Wolke des Nichtwissens", „ diesem wunderbaren Wirken der Gnade in deiner Seele. Es ist nichts anderes als ein unerwarteter Impuls, der ohne Vorahnung aufsprudelt und direkt auf Gott zielt, wie ein Funke, der aus dem Feuer springt...Ergreife also diese schmerzende Wolke des Nichtwissens mit der eiligen Hast des Wunsches nach Liebe, und bewege dich nicht weg, was dir auch geschehen mag." [11]. Um dies zu tun, genügen ein Gedanke, eine Herzensregung, ein Stoßgebet.

Aber all das genügt nicht, und Gott weiß das besser als wir. Wir sind Geschöpfe, wir leben in der Zeit und in einem Leib; wir brauchen eine Leinwand, auf die wir unsere Liebe projizieren können, die nicht nur eine „Wolke des Nichtwissens" ist, das heißt, ein Schleier der Dunkelheit, hinter dem sich Gott verbirgt, den niemand je gesehen hat und der ein unerreichbares Licht ist...

Die Antwort auf diese Frage kennen wir, wir kennen sie gut: Gerade darum hat uns Gott den Nächsten zum Lieben gegeben! „Niemand hat Gott jemals gesehen; wenn wir uns gegenseitig lieben, dann bleibt Gott in uns und seine Liebe wird vollkommen in uns...Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht" (1 Joh 4, 12, 20). Aber wir müssen aufmerksam bleiben und kein entscheidendes Glied überspringen. Vor dem Bruder, den man sieht, gibt es noch jemanden, den man sehen und anfassen kann: Es ist Gott, der Fleisch geworden ist, es ist Jesus Christus! Zwischen Gott und dem Nächsten gibt es schon das fleischgewordene Wort, das die beiden Extreme in einer einzigen Person vereint hat. Schon in ihm findet die Nächstenliebe ihre Grundlage: „Das habt ihr mir getan".

Was bedeutet all dies in Bezug auf die Liebe zu Gott? Dass das erste Ziel unseres Eros, unseres Suchens, Sehnens, Begehrens, der Leidenschaft, Christus sein muss. „Dem Erlöser gilt die menschliche Liebe von Anfang an, als Beispiel und als Ziel, wie ein Schmuckkasten, der so groß und so weit ist, um Gott darin fassen zu können[...]. Die Sehnsucht der Seele zielt einzig auf Christus. Hier ist der Ort ihrer Ruhe, denn nur er ist das Gute, die Wahrheit und alles, was die Liebe inspiriert" [12].. Dies bedeutet nicht, den Horizont der christlichen Liebe von Gott auf Christus einzuengen; es bedeutet, Gott so zu lieben, wie er geliebt werden möchte. „Der Vater liebt euch, weil ihr mich liebt" (Joh 16, 27). Es handelt sich nicht um eine vermittelnde Liebe, sozusagen eine Vollmacht, dass für den, der Jesus liebt, „es so ist", als wenn er den Vater liebte. Nein, Jesus ist der unvermittelte Vermittler; ihn liebend, lieben wir gleichzeitig auch den Vater. „Wer mich sieht, sieht den Vater", wer mich liebt, liebt den Vater.

Es ist wahr, dass man Christus auch nicht sieht, aber er ist da; er ist auferstanden und lebt, er ist an unserer Seite, realer als der verliebte Ehemann an der Seite seiner Frau ist. Und dies ist der zentrale Punkt: man muss an Christus nicht als eine Gestalt aus der Vergangenheit, sondern als den auferstandenen und lebendigen Herrn denken, mit dem ich reden, den ich sogar küssen kann, wenn ich es will, in der Sicherheit, dass mein Kuss nicht auf dem Papier oder auf dem Holz eines Kreuzes bleibt, sondern auf einem Angesicht, auf Lippen von lebendigem Fleisch (wenn auch vergeistigt), die glücklich sind, meinen Kuss zu empfangen.

Die Schönheit und die Fülle des geweihten Lebens hängen von unserer Liebe zu Christus ab. Nur sie ist fähig, uns vor Verirrungen des Herzens zu schützen. Jesus ist der vollkommene Mensch; in ihm finden wir, auf unendlich übergeordnete Weise, alle die Qualitäten und Charakteristiken, die ein Mann in einer Frau oder eine Frau in einem Mann sucht. Seine Liebe entzieht uns nicht notwendigerweise der Anziehung der Geschöpfe und besonders der Anziehung des anderen Geschlechts (dies ist Teil unserer Natur, die er geschaffen hat, und die er nicht zerstören will). Er gibt uns aber die Kraft, diese Anziehungen durch eine noch stärkere Anziehung zu überwinden. „Keusch", schreibt der hl. Johannes Climacus, „ist derjenige, der den Eros mit dem Eros austreibt" [13]..

Zerstört all dies vielleicht die Unentgeltlichkeit der Agape, indem es von Gott etwas fordert, im Tausch gegen sein Herz? Macht es die Gnade zunichte? Nichts dergleichen, ganz im Gegenteil, es hebt sie hervor. Was können wir tatsächlich auf diese Weise Gott geben, wenn nicht das, was wir von ihm erhalten haben? „Wir lieben dich, weil du uns zuerst geliebt hast" (1 Joh 4, 19). Die Liebe, die wir Christus geben, und seine Liebe für uns, die wir zurückbekommen, sind wie die Stimme und ihr Echo.

Worin liegen also die Neuartigkeit und die Schönheit dieser Liebe, die wir Eros nennen? Es ist das Echo, mit dem man Gott mit seiner eigenen Liebe antwortet, aber angereichert, voll Farbe oder Duft unserer Freiheit. Und das ist alles, was er will. Unsere Freiheit geht ihm über alles. Nicht nur, aber etwas Unerhörtes, schreibt Cabasilas: „Indem er von uns das Geschenk der Liebe im Austausch gegen all das, was er uns gegeben hat, empfängt, hält er sich für unseren Schuldner" [14].. Die These, die Eros und Agape gegeneinander stellt, gründet sich auf einer wohlbekannten Gegenposition, der zwischen Gnade und Freiheit, und sogar auf der Negierung der Freiheit selbst im gefallenen Menschen (auf „knechtischem Willen").

Ich habe versucht, verehrte Patres und Brüder, mir vorzustellen, was der auferstandene Jesus sagen würde, wenn er, wie er es in seinem irdischen Leben am Sabbat in der Synagoge tat, sich hier an meine Stelle setzen und persönlich erklären würde, was die Liebe ist, die er von uns fordert. Ich möchte mit Ihnen in aller Schlichtheit das teilen, was er uns nach meinem Dafürhalten sagen würde; es wird uns dabei dienen, unser Gewissen hinsichtlich der Liebe zu prüfen:

Brennende Liebe ist:

Mich immer an erste Stelle zu setzen.

Zu versuchen, mir in jedem Moment zu gefallen.

Deine Wünsche meinen Wünschen gegenüberzustellen.

Vor mir als Freund, Vertrauter, Ehepartner zu leben und damit glücklich zu sein.

Unruhig zu werden, wenn du dich nur etwas von mir entfernt glaubst.

Vollkommen glücklich zu sein, wenn ich bei dir bin.

Zu großen Opfern bereit zu sein, um mich nicht zu verlieren.

Ein armes und unbekanntes Leben mit mir einem reichen und berühmten ohne mich vorzuziehen.

Mit mir als bestem Freund in jedem möglichen Moment zu sprechen.

Mit dem Blick auf die Zukunft sich mir anzuvertrauen.

Und zu wünschen, in mir als dem Mittelpunkt deiner Existenz zu verweilen.

Wenn es auch euch, so wie mir, scheint, dass wir noch weit von diesem Ziel entfernt sind, lassen wir uns nicht entmutigen. Wir haben jemanden, der uns helfen kann, es zu erreichen, wenn wir ihn bitten. Wiederholen wir mit Glauben an den Heiligen Geist:

Veni, Sancte Spiritus, reple tuorum corda fidelium et tui amoris in eis ignem accende.

Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen, und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe.

------------------------------------------

[1] Edizione originale svedese, Stoccolma 1930, trad. ital. Eros e agape. La nozione cristiana dell'amore e le sue trasformazioni, Bologna, Il Mulino, 1971

[2] Pseudo-Dionysius Areopagita, De divinis nominibus (Die göttlichen Namen), IV, 12. (PG, 3,709 ff).

[3] Augustinus, Bekenntnisse I, 1.

[4] Kommentar zum Johannesevangelium, 26,4-5.

[5] Vgl. Bernhard von Clairvaux, de diligendo Deo (Buch über die Gottesliebe), IX,26 -X,27.

[6] Thomas von Aquin, Kommentar zum Römerbrief, Kap. V, 1, Nr. 392-293, vgl. Augustinus, Kommentar zum ersten Johannesbrief 9,9.

[7] K. Barth, Dommatica ecclesiale, IV, 2, 832-852; trad. ital. K. Barth, Dommatica ecclesiale, antologia a cura di H. Gollwitzer, Bologna, Il Mulino 1968, pp. 199-225.

[8] Der Sinn, den die ersten Christen dem Wort Eros gaben, ergibt sich in klarer Weise aus dem berühmten Text des hl. Ignatius von Antiochien „ Brief an die Römer" 7, 2: „Meine Liebe (Eros) wurde gekreuzigt und in mir ist kein Feuer der Leidenschaft... Mich ziehen die Verderbnis und die Freuden dieses Lebens nicht mehr an." „Mein Eros" weist hier nicht auf den gekreuzigten Jesus, sondern „die Liebe zu mir selber ", die Anhänglichkeit an weltliche Freuden. Es besagt im paulinischen Sinn: „Ich wurde mit Christus gekreuzigt, ich lebe nicht mehr" (Gal 2, 19).

[9] Vgl. G.W.H. Lampe, A Patristic Greek Lexicon, Oxford 1961, S. 550.

[10] Wilhelm von Saint-Thierry, Meditative Gebete, XII, 29 (Sch 324, S. 210).

[11] Anonym, Die Wolke des Nichtwissens, Johannes Verlag Einsiedeln, ⁹2011, S. 136-140.

[12] N. Cabasilas, Leben in Christus, II, 9 (PG 88, 560-561).

[13] Hl. Johannes Klimakos, Die Leiter zum Paradiese, XV, 98 (PG 88, 880).

[14] N. Cabasilas, Leben in Christus, VI, 4.