Fehlen einer anthropologischen und sozialen Vision in Europa

Abschließende Pressemitteilung am Ende der CCEE-Kommission Caritas in veritate-Sitzung auf Zypern

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ROM, 6. September 2012 (ZENIT.org/CCEE). - An der Wurzel der aktuellen Krisensituation, die der europäische Kontinent erlebt, liegen nicht nur die ernsten Probleme, die mit dem wirtschaftlich-finanziellen System verbunden sind, sondern vor allem das Fehlen einer anthropologischen und sozialen Vision, die auf Solidarität und Subsidiarität ausgerichtet ist. Dies ist die Auffassung der für soziale Fragen zuständigen europäischen Bischöfe bei ihrem Treffen vom 3.-5. September auf Zypern. Sozialpolitik kann nicht auf einfache Kriterien der Rentabilität aufgebaut werden, die eine Belastung für den sozialen Zusammenhalt des alten Kontinents darstellen. Die Zukunft Europas und die soziale Ausgrenzung sind echte Herausforderungen für die Kirche, die sich bei der Verkündigung des Evangeliums Christi engagiert, das wahre Gerechtigkeit und Frieden in die Welt bringt.

Die europäischen Bischöfe, die für pastorale und soziale Fragen in ihren jeweiligen Bischofskonferenzen zuständig sind, trafen sich für drei Arbeitstage in Nicosia, Zypern, für das erste Treffen der Caritas in Veritate-Kommission des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen unter dem Vorsitz von Mgr. Giampaolo Crepaldi. Die Teilnehmer wurden vom Erzbischof der Erzeparchie Zypern, Youssef Soueif, begrüßt.

Auf Zypern trafen die europäischen Delegierten auch Dimitris Christofias, Präsident der Republik Zypern und Präsident des Rates der Europäischen Union für das zweite Halbjahr 2012. Er drückte seine Besorgnis über die Krise in Europa aus. Seine Regierung werde versuchen, das Engagement in der Sozialpolitik zu stärken. Sie wurden auch von Seiner Seligkeit Chrysostomos II empfangen, dem orthodoxen Erzbischof von Zypern, ein Zeugnis der guten Beziehungen zwischen den beiden Kirchen. Die Teilnehmer freuten sich auch über den Besuch und die Begrüßung durch Kardinal Angelo Bagnasco, den CCEE-Vizepräsidenten.

Die Bischöfe hatten sich getroffen, um gemeinsam auf die Rolle der Kirche bei der Stärkung des sozialen Zusammenhalts in Europa hinzuweisen. Die Ansprachen des Erzbischofs von Dublin, Msgr. Diarmuid Martin, des Professors an der Päpstlichen Lateran-Universität, Vincenzo Buonomo, und zweier Mitglieder des zyprischen Parlaments, Professor Andreas Pitsillides und Professor Marios Mavrides, dienten zur Vertiefung der Diskussionen der nationalen Delegierten.

Die Delegierten berieten in erster Linie über die Folgen des Übergangs von einer gewissen Euphorie über den wirtschaftlichen Fortschritt der vergangenen Jahre auf den aktuellen tiefen Einbruch durch die Finanz-und Wirtschaftskrise und die damit in Zusammenhang stehenden politischen Systeme. Die katholische Kirche erleuchtet diese Situation mit den Prinzipien ihrer Soziallehre, die darauf abzielt, in den sozialen und kulturellen Bereich einzuwirken und sie mit ihrem Licht und der Kraft des Glaubens zu erneuern. Im Denken Pauls VI. ist die Ursache der fehlenden Entwicklung ein Mangel an Weisheit und Reflexion, ein Mangel des Denkens, ein Fehlen des Sinns. Dies ist der Bereich, zu dem die europäischen Bischöfe mit ihrer spezifischen Sendung als Christen beitragen wollen.

Bei einer Untersuchung der Bedeutung des sozialen Zusammenhalts in den Bestimmungen und der Politik der Europäischen Union fällt einem das Fehlen einer anthropologischen und sozialen Vision auf, die in der Lage ist, das Verständnis des Menschen und der Gesellschaft in all ihren Dimensionen zu bewältigen.

Im Wesentlichen sind in der europäischen Politik eine ganze Reihe von Indikatoren und wesentlichen Elementen bei der Bestimmung vom Lebensstilen, sozialen Dimensionen, Partizipation und Entscheidungsprozessen vorhanden: Dies ist sicherlich eine Herausforderung für die katholische Kirche und die christlichen Gemeinden in Europa. Eines der größten Probleme eines integrierten Europas ist zunehmende soziale Ausgrenzung gepaart mit einem erheblichen Mangel an angemessenem sozialem Schutz und bestimmt durch soziale Aktivitäten. Dieser Aspekt berührt einen sozialen Zusammenhalt in Europa direkt.

Die Interpretation des Subsidiaritätsprinzips in der Verantwortung der EU-Einzelstaaten aber, gesteuert durch europäische Institutionen, scheint unzureichend. Stattdessen muss die Subsidiarität mit der Solidarität vereint werden, um einen sozialen Zusammenhalt in ein präzises Regelwerk einzufügen.

Die Bischöfe bekräftigten ihre Überzeugung, dass Europa das Christentum braucht, und dass die Christen eine besondere Verantwortung für die Zukunft Europas haben, besonders bei Erziehung und Weitergabe der Werte der reichen europäischen Kultur, der Kunst und Kultur des Dialogs mit den religiösen Glaubensgemeinschaften ohne Fundamentalismus. Schließlich soll auch dem kulturellem Austausch vor allem zwischen den jungen Menschen in Europa weite Horizonte geöffnet werden.

Das Urteil der Bischöfe über die spezifischen Sendung der Kirche war, unter Hinweis auf das Zweite Vatikanische Konzil, dass die Kirche an der Verkündigung Christi für die Menschheit mitarbeite und der menschlichen Person ihre Natur offenbare. So werde die Verkündigung Christi in der zeitlichen Wirtklichkeit - kann man die Soziallehre der Kirche zusammenfassen -  in sich selbst ein Faktor der Entwicklung und des sozialen Zusammenhalts. Es bestehe eine grundsätzliche Verpflichtung zur sozialen pastoralen Arbeit und damit der kirchlichen Gremien, im sozialen Bereich zu arbeiten und so eine Stärkung ihrer Fähigkeit zum kulturellen Dialog zu fördern. In diesem Zusammenhang sei eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Organen der pastoralen und sozialen Leistungen der verschiedenen Bischofskonferenzen Europas sehr wichtig.

Während des Treffens wurden verschiedene Berichte aus den Ländern über die Arbeit der Kirche im sozialen Bereich vorgestellt. Aus diesen Berichten schien das Engagement und die Schönheit der Nächstenliebe hervor, die von so vielen christlichen Gemeinden und Menschen gelebt werden. Dies sind die Anzeichen für eine tiefe Liebe für alle Menschen, die sicherstellen, dass die Kirche Hoffnung verkündet, auch in einer Welt in der Krise.

Dieses Treffen war eine wichtige Gelegenheit, Informationen und den Austausch zwischen den Teilnehmern zu fördern. Aus den verschiedenen Berichten gingen einige gemeinsame Themen hervor:

1. In allen Berichten findet sich das Wort „Krise“, verstanden nicht nur aus wirtschaftlicher, sondern auch aus einer ethisch-kulturellen Sicht.

2. Im Zentrum der sozialen Frage steht die anthropologische Frage. Wie die Enzyklika Caritas in Veritate in Erinnerung ruft, ist die soziale Frage anthropologisch bedingt und mit den sozialen Belangen im Zusammenhang mit den Bereichen des Lebens, der Familie und der Invitrofertilisation verbunden.

3. Die Soziallehre der Kirche ist ein gemeinsamer Bezugspunkt.

Das Treffen war geprägt von verschiedenen Momenten des Gebets und zahlreicher Möglichkeiten für Treffen mit den verschiedenen lokalen katholischen Gemeinden. Darüber hinaus besuchten die Bischöfe Orte von Bedeutung für die christliche Präsenz auf der Insel, Klöster, religiöse und kulturelle Stätten. Insbesondere wurden einige maronitische Dörfer im Norden der Insel besucht, um die Solidarität mit der maronitischen Gemeinde auszudrücken.