Fehlende Chancengleichkeit für Katholiken in Bosnien

Kardinal Puljic: „Warum sieht niemand, wie Katholiken in Sarajevo leben"

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ROM, 26. November 2009 (ZENIT.org).- Der Erzbischof von Sarajevo, Kardinal Vinko Puljic, hat in einem Gespräch mit ZENIT an die internationale Gemeinschaft appelliert, die Katholiken in Bosnien-Herzegowina zu unterstützen. Seit Beginn des Bosnienkrieges (1992 bis 1995) ist der Anteil der katholischen Kroaten in der Balkanrepublik dramatisch gesunken, beklagt der Oberhirte im Interview, das Chiara Santomiero führte. In Kardinal Puljics Diözese ist die Zahl der Katholiken um mehr als die Hälfte von 528.000 auf 213.000 im genannten Zeitraum zurückgegangen, während die Diözese in Banja Luka mit 35.000 bis 40.000 nur noch ein Drittel der Katholiken beheimatet, die vor dem Krieg dort gelebt haben.

Die Ursache für diesen Schwund sieht der Kardinal in der politischen Radikalisierung, einerseits in der Republika Srpska, andererseits unter den muslimischen Bosniern. Im serbischen Gliedstaat leben nur noch 15.000 Katholiken. „Ungefähr 220.000 Katholiken sollten eigentlich zurückkehren, aber sie werden daran gehindert, weil ihnen die serbischen Behörden die notwendige Erlaubnis nicht erteilen, auch weil sie dort keine Arbeit finden oder ihre zerstörten Häuser nicht wieder aufbauen können. Viele unter denen, die es dennoch geschafft haben zurückzukehren, sind ältere Menschen, die zum Überleben Unterstützung benötigen", sagte der Kardinal. Chancengleichheit für Katholiken gäbe es im ganzen Land nicht, ob gegenüber den Behörden oder bei der Jobsuche.

In der Umgebung von Sarajevo sei es zum Beispiel für eine Pfarrgemeinde schwierig, eine Kirche zu bauen, weil sie nicht den gewünschten Baugrund dafür erhielten und der Bau am anderen Ort wieder einen kostspieligen Umzug der Gemeindeinfrastruktur voraussetze. Gleichzeitig fließe Kardinal Puljic zufolge viel Geld reicher arabischer Ölländer in den Bau von Moscheen und islamischen Zentren, „und das verursacht einen Mentalitätswandel, gegen das Christentum gerichtet", beklagt der Erzbischof von Sarajevo. Ein Buch, das gegen Jesus Christus hetze, sei mit einer Auflage von 100.000 Kopien gratis unter der muslimischen Bevölkerung verteilt worden. „Als ich mich bei einer islamischen Autorität beschwert habe, dass dies nicht das Zusammenleben erleichtere, sagte der, ich solle es einfach ignorieren und das war es dann."

Als Ende Oktober der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu in Sarajevo über das Ziel der türkischen Politik sprach, das Osmanische Reich des 16. Jahrhunderts wieder auf dem Balkan zu errichten, habe weder in Europa noch in Amerika jemand laut protestiert. „Warum sieht niemand, wie Katholiken in Sarajevo oder in der Türkei leben", fragte der Kardinal. Im Hinblick auf den Moscheebau in christlichen geprägten Ländern sagte er weiter: „Man muss sich der Gegenseitigkeit vergewissern, nicht gegen jemanden gerichtet, sondern im positiven Sinne, zum Vorteil aller."

Trotz der Schwierigkeiten werde die Kirche in Bosnien nicht aufgeben. Zeichen der Hoffnung sieht der Kardinal in den 15 Europa-Schulen, interethnische Einrichtungen in katholischer Trägerschaft mit insgesamt 5.000 Schülern und Schülerinnen. Inzwischen werden zudem die Abschlüsse der Theologischen Fakultät von Sarajevo staatlich anerkannt. „Unsere Hoffnung kommt von Gott, wir sind in seiner Hand", sagte Kardinal Puljic abschließend.

[Übersetzung: Michaela Koller]