Feministinnen entdecken wieder die Mutterschaft

Eine zeitlose Rolle bekommt neue Anhänger

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LONDON, 18. September 2004 (ZENIT.org) – Einst von den Feministinnen als zweite Wahl betrachtet, steht die Mutterschaft allmählich wieder in Gunst. In den 1960er und '70er Jahren drängte man die Frauen dazu, die Fesseln der häuslichen Plackerei abzuwerfen und ihre Erfüllung im Beruf zu suchen. Als jedoch eine wachsende Zahl auf Karriere bedachter Frauen das Kinderkriegen aufschoben oder verhüteten, machten viele die Erfahrung, dass Erfolg im Beruf eine nur kurzfristige Befriedigung verschaffte.



Der britische Autor James Tooley schreibt in seinem im Jahr 2002 erschienenen Buch “The Miseducation of Women” (Die falsche Erziehung der Frauen), darüber, dass eine Anzahl von Feministinnen der ersten Generation in den späteren Jahren ihre Meinung über das Muttersein geändert haben. Tooley, Professor für Bildungspolitik an der Universität von Newcastle, England, zitiert Betty Friedan, die bereits in einem 1982 erschienenen Buch einräumt, dass es einen “starken menschlichen Impuls” gibt, Kinder haben zu wollen.

Tooley weist auch darauf hin, dass die führende feministische Schriftstellerin Germaine Greer, die sich in ihrem 1971 erschienenen Buch “The Female Eunuch” (der weibliche Eunuch) abwertend über das Kinderbekommen und die Mutterschaft äußerte, später zugab, dass sie “um ihre ungeborenen Babys trauert” und es beklagt, keine Kinder bekommen zu haben.

Und Tooley zitiert aus Danielle Crittendens 1999 erschienenem Buch “What Our Mothers Didn’t Tell Us: How Happiness Eludes the Modern Women”(Was unsere Mütter uns nicht gesagt haben: Wie den modernen Frauen das Glück vorenthalten wird). Nachdem sie selbst Mutter war schrieb Crittenden, was für eine “einzigartige ungeheuer starke, lebensverändernde Entscheidung” es sei, wenn Frauen sich zu einem Kind entschließen.

Der Wunsch nach Kindern

Eine neuer Untersuchung über die Mutterschaft liefert ein Anfang dieses Jahres verlegtes Buch, “Maternal Desire: On Children, Love, and the Inner Life” (Mütterliche Sehnsucht: Über Kinder, Liebe und inneres Leben). Es stammt von Daphne De Marneffe, Psychologin an einer Klinik und Mutter dreier Kinder. Die Autorin betrachtet das Thema Mutterschaft vor allem aus psychologischer Sicht.

Trotz ihrer Verteidigung der Abtreibung als freier Entscheidung der Mutter (‚a-mother's-choice‘) ist De Marneffe bestrebt, das Image der Mutterschaft zu heben. Zu oft werte die heutige Welt Frauen ab, die sich für das Muttersein entscheiden, mit “einem unnachgiebigen Beharren darauf, dass den Frauen, die ihre Zeit für Mutterpflichten verwenden, etwas abgehe”, schreibt sie in ihrem Vorwort.

Sich um Kinder zu kümmern, räumt De Marneffe ein, verlangt von den Frauen, dass sie eigene Wünsche zurückstecken. Aber, so schreibt die Psychologin, die Frauen müssten zwar finanzielle Opfer bringen, wenn sie Kinder haben, sie würden jedoch emotional dafür belohnt, dass sie kleine Kinder aufziehen.

De Marneffe fordert die Frauen dazu auf, sich nicht zu sehr auf die Momente des Opferbringens zu konzentrieren, die darin bestehen könnten, dass man persönliche Pläne aufschieben müsse oder die Kontrolle über seine Zeit verliere. Vielmehr ermutigt sie die Frauen, die Mutterschaft im Zusammenhang “höherer Ziele” zu sehen, die mit der Elternschaft verbunden seien. “Dies kann ein Prozess sein, der außergewöhnliche Befriedigung und Freude bringt”, erklärt De Marneffe. Den größten Teil der Wachzeiten und einige Schlafzeiten mit Kindern zu verbringen und sich dem Ziel zu widmen, Kinder glücklich zu machen, mache ganz große Freude.

Außerdem, fährt sie fort, gehe es beim Muttersein nicht nur um Freude und Sich-Wohlfühlen. “Es ist auch gegründet auf einen Sinn für etwas Wertvolles, einen sittlichen Wert ja auch für Ästhetik.” Ein Leben, das dem Großziehen von Kindern gewidmet ist, sei nicht nur Ausdruck der Ideale einer Mutter und ethischer Ziele, sondern sage, trotz der täglichen Mühen, auch “etwas wahrhaft Bedeutungsvolles” aus über das Bewältigen dieser Probleme im Laufe des Sorgens für die Kinder.

Feminismus und Mutterschaft

De Marneffe stellt fest, dass die Gemüter sich über der Frage erhitzten, wie man den Wert der Mutterschaft mit dem Feminismus wieder versöhnen könne. Viele Feministinnen hätten ihre ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet, zu versuchen, die Frauen vom Haushalt zu befreien, um sie vollkommen in die Berufswelt und die Welt der Politik zu integrieren. Zu oft hätten diese Bemühungen, “den Wunsch der Frauen, Mutter zu sein “stark simplifizierend betrachtet und ihn einer allgemein rückwärts gerichteten, sentimentalen Sicht über den Platz der Frau” zugeschrieben.

Diese Tendenz habe zu einer “allgemeinen gesellschaftlichen Abwertung des Sorgetragens beigetragen, einer Abwertung mit wirtschaftlichen und psychologischen Auswirkungen.” De Marneffe macht geltend, dass feministische Bücher zu oft den Wunsch, sich um Kinder zu kümmern “als Nebensache oder einen korrigierbaren Zustand” betrachteten. Der Kinderwunsch und die Förderung politischer Mittel, dessen Erfüllung zu erleichtern, “sollte ebenfalls auf der feministischen Tagesordnung stehen,” betont sie.

De Manereffe kritisiert zwar den oben genannten Aspekt des Feminismus, distanziert sich jedoch gleichzeitig von dem, was sie eine “traditionalistische Ideologie” nennt. Sie versucht vielmehr, eine Mittelstellung einzunehmen zwischen denen, die das Bedürfnis einer Mutter, sich um Kinder zu kümmern, leugnen und jenen, die Frauen von allen anderen Interessen außer ihren Kindern fern halten möchten.

Wie lassen sich Schwierigkeiten bewältigen?

De Marneffe ist realistisch, was das Muttersein anbelangt. Die Freuden, die man durch Kinder hat, könnten sich angesichts der alltäglichen Probleme leicht verflüchtigen, stellt sie fest. Außerdem könnten Zwang, Armut und emotionale Probleme ebenfalls zu ernsthaften Schwierigkeiten für Mütter führen. Ebenso könne es oft sein, dass Mütter, durch konkurrierende Wünsche hin und her gerissen seien, und ein Berufsziel und die Entscheidung für eine Karriere mit dem Kinderhaben zu vereinbaren, so die Psychologin, sei nicht leicht.

Ein Abschnitt in De Marneffes Buch befasst sich damit, wie Frauen mit den Spannungen fertig werden, die durch das Sich-Entscheiden-Müssen, ob man zu Hause bei den Kindern bleibt oder zur Arbeit geht, und die nachfolgenden Probleme der Kinderbetreuung entstehen. Sie beklagt es, dass die Situation am Arbeitsplatz den Frauen wenig Spielraum lässt, Kinderbetreuung und Beruf miteinander zu vereinbaren. Zwischen ihren Kindern und der Berufsarbeit hin und her gerissen, seien die Mütter in den letzten Jahren auch noch Opfer einer ständigen Flut von Büchern und Theorien über die möglichen Auswirkungen, die sich ergeben können, wenn sie ihre Kinder in der Obhut anderer lassen. Und im Allgemeinen hätten Frauen, je höher sie auf der Karriereleiter hinaufsteigen, umso weniger Möglichkeiten, genügend Zeit für ihre Kinder heraus zu schlagen.

Sie kommt zu dem Schluss: “Es scheint, dass wir es nicht schaffen, ein Konzept zu entwickeln, das der Interdependenz des Wohlseins der Mütter mit dem der Kinder in einer Weise gerecht wird, dass es einer fortschrittlichen Frau entspricht und für sie akzeptabel ist.“

Sie bemerkt, dass sie in der Vergangenheit auf beiden Seiten der Debatte um die Betreuung von Kindern stand, dass sie aber in jüngster Zeit eher zu der Ansicht neige, dass es wichtig ist, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Sie kommt persönlich auf ihre eigene Erfahrung zu sprechen und berichtet, dass sie, als sie sich mit einer wachsenden Kinderschar konfrontiert sah, ihre beruflichen Verpflichtungen einschränkte, um mehr Zeit für die Kinder zu haben, dass sie aber dabei ein gewisses Maß an beruflicher Tätigkeit beibehielt.

Schreiben der Glaubenskongregation an die Bischöfe

Die Mutterschaft war eines der Themen, das in dem von der Kongregation für die Glaubenslehre am 31. Juli veröffentlichten Schreiben an die Bischöfe angesprochen wurde. In dem “Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt” heißt es in Abschnitt 13: “Unter den Grundwerten, die mit dem konkreten Leben der Frau verbunden sind, ist jener zu erwähnen, den man ihre ‚Fähigkeit für den anderen‘ genannt hat.”

Trotz der Tatsache, dass, wie in dem Schreiben formuliert wird, in “einer gewissen feministischen Phraseologie”, Ansprüche “für sie selber” eingefordert würden, bewahre “die Frau doch die tiefgründige Intuition vom Gutsein jener Handlungen in ihrem Leben, die Leben hervorbringen und zum Wachstum und Schutz des anderen beitragen.”

Diese Fähigkeit, so heißt es in dem Schreiben weiter, “ist eine Wirklichkeit, welche die weibliche Persönlichkeit von innen her strukturiert. Sie ermöglicht es ihr, sehr schnell zur Reife zu gelangen, und gibt ihr einen Sinn für den Ernst des Lebens und die damit verbundene Verantwortung. Es entwickeln sich in ihr ein Sinn und eine Ehrfurcht gegenüber dem Konkreten, die den Abstraktionen entgegenwirken, die für das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft so verhängnisvoll sind.”

Das Schreiben legt Wert auf die Feststellung, dass die Frau nicht “nur unter dem Aspekt der biologischen Fortpflanzung gesehen werden sollte”, auch wenn die Mutterschaft “ein Schlüsselelement der weiblichen Identität” sei. Betrachte man die Frau ausschließlich von dem Gesichtspunkt der “biologischen Fruchtbarkeit” aus, sei damit “oft eine gefährliche Abwertung verbunden”.

Das Schreiben tritt auch für sozialpolitische Maßnahmen ein, die darauf gerichtet sind, jegliche ungerechte geschlechtliche Diskriminierung bezüglich der Erziehung, der Arbeit, der Familie und der Mitwirkung am bürgerlichen Leben zu beseitigen. Auf der anderen Seite weist es darauf hin, dass “die Verteidigung und die Förderung der gleichen Würde und der gemeinsamen persönlichen Werte mit der sorgsamen Anerkennung der Verschiedenheit und Reziprozität der Geschlechter in Einklang gebracht werden müssen, wo dies für die Verwirklichung des eigenen Mann- und Frauseins relevant ist.” Mutterschaft und Feminismus könnten vielleicht doch mehr miteinander gemein haben als viele glauben.