Finding Vivian Maier

Der Dokumentarfilm von John Maloof, koproduziert mit Charlie Siskel, zeigt die Suche nach der unbekannten US-Fotografin, die 100.000 Negative, Tausende nicht entwickelte Fotofilme, aber auch 8- und 16-Milimeter-Filme nachgelassen hat

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 189 klicks

Es war einer dieser Zufälle, die sonst eher in der Archäologie vorkommen. Im Jahre 2009 wurde nicht nur unweit der Pyramide des Mykerinos die Statue eines sitzenden Mannes aus Quarzit zufällig entdeckt. Im selben Jahr schaute sich ein junger Mann die Aufnahmen genauer an, die er zwei Jahre zuvor in der Hoffnung ersteigert hatte, alte Fotos zur Illustration eines Buches über Chicago zu finden. Für sein Buchprojekt konnte John Maloof im Winter 2007 zwar diese Bilder nicht verwenden. Was er 2009 entdeckte, weckte jedoch seine Neugier. Wie viele Fotos hat die Fotografin, von der Maloof ursprünglich lediglich ihren Namen kannte, geschossen? Dass sie völlig unbekannt war, zeigte eine Google-Suche: Nicht eine einzige Eintragung fand sich beim Eingeben des Namens „Vivian Maier“. Und vor allem: Wer war diese Vivian Maier?

John Maloof begibt sich 2009 auf die Suche nach der unbekannten Fotografin. Die Recherchen hält er auf Film fest. Daraus ist der Dokumentarfilm „Finding Vivian Maier“ entstanden, den er zusammen mit Charlie Siskel produziert hat. „Finding Vivian Maier“ wurde bei der diesjährigen Berlinale in der Reihe „Panorama“ gezeigt und startet diese Woche im regulären Kinoprogramm.

In einer schnellgeschnitten Sequenz breitet John Maloof die Sachen der fast zwanghaften Sammlerin auf dem Fußboden aus: „Ich wollte herausfinden, wer sie war“, erklärt er dazu. In ihrem Nachlass befinden sich 100 000 Negative, Tausende nicht entwickelte Fotofilme, aber auch 8- und 16-Milimeter-Filme. Beim erneuten Googeln erscheint auf einmal ein 2009 ins Internet eingestellter Nachruf, an den Maloof für seine Recherchen nun anknüpfen kann. Der junge Mann beginnt, Maiers Fotos einzuscannen. Als er 200 erste Fotos in einem Internet-Blog veröffentlicht, löst er einen regelrechten Begeisterungssturm aus – einige Reaktionen gibt er auch im Film wieder. Nachdem das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) eine Ausstellung abgelehnt hat, wendet er sich an das Chicago Cultural Centre. Diese erste Vivian-Maier-Ausstellung entwickelt sich nicht nur zu einem Publikumsmagnet, sie schafft es auch in verschiedene Nachrichtensendungen.

„Finding Vivian Maier“ folgt zwei Handlungssträngen: Einerseits wird ihre Kunst eingeordnet und zugänglich gemacht. Dazu zählen etwa die Interviews mit zwei bekannten Fotografen, die von der Qualität ihrer Aufnahmen sehr angetan sind und einige Merkmale ihrer Fotos, etwa deren quadratisches Format und die leichte Untersicht betonen. Darüber hinaus wird auch eine erste Klassifizierung versucht: Bilder aus den Chicagoer Slums unterscheiden sich etwa von den Bildern aus ihrer achtmonatigen Weltreise. Als roter Faden sind Bilder von Kindern oder auch von Zeitungen, insbesondere auch Selbstporträts, die manchmal mehrfach gespiegelt werden, zu nennen.

Auf der anderen Seite spiegelt der Dokumentarfilm „Finding Vivian Maier“ getreu seinem Titel die gleichsam kriminalistisch zu nennenden Ermittlungen des Filmemachers wider. Dazu erläutert John Maloof selbst: „Der Film sollte zeigen, wie ich Vivian Maier Stück für Stück näherkam. Indizien führten mich zu einer Person, die sie kannte, dann zu einer nächsten und so weiter. Doch je mehr ich herausfand, desto mehr Fragen stellten sich mir. Hätte sie befürwortet, was ich tat? Warum hat sie ihre Fotos und ihr Privatleben vor der Welt verborgen? Wir fanden etwa hundert Menschen, die mit Vivian Maier in Kontakt gekommen waren. Im Film lassen wir diese Personen selbst zu Wort kommen.“

Vivian Maier lebte als Kindermädchen in Chicago und New York. Sie war nie verheiratet und hatte keine Kinder. Die Fotos seien ihre „Babys“ gewesen, äußert eine ehemalige Freundin der Fotografin im Film. Sie kleidete sich offenbar bewusst altmodisch und ging nie ohne Kamera aus dem Haus, wenn sie mit den von ihr betreuten Kindern Spaziergänge oder Ausflüge unternahm. Sie war eine Straßenfotografin, wobei die Einschätzungen der befragten Zeitzeugen schwanken: Bat sie die zu Fotografierenden zu posieren, oder machte sie vorwiegend Schnappschüsse? Der überraschende, manchmal gar zornige Ausdruck auf dem Gesicht der Abgelichteten spricht eher für die zweite Annahme.

Auch darüber, was für ein Mensch Vivian Maier war, gehen die Meinungen der Interviewten weit auseinander. Einige, die sie als Kindermädchen betreute, sprechen sogar von einer „dunklen Seite“ in ihrem Charakter. Auf einige Fragen können John Maloof und Charlie Siskel eine Antwort geben: Woher kam ihr französischer Akzent? Denn geboren war sie in New York. Ein Experte äußert sogar die Meinung, der Akzent sei antrainiert. Der Dokumentarfilm schafft hier Klarheit: Ihre Mutter stammte aus einem kleinen Dorf in den französischen Alpen. John Maloof macht in Saint-Bonnet-en-Chaupsaur sogar den letzten lebenden Verwandten Vivian Maiers ausfindig: „Unsere Urgroßväter waren Brüder“.

Versuchte Vivian Maier ihre Fotoarbeiten zu veröffentlichen? Wäre es ihr recht, dass sie nun etwa durch „Finding Vivian Maier“ und durch in verschiedenen Städten der Vereinigten Staaten, aber auch Europas stattfindende Ausstellungen dem Publikum zugänglich gemacht werden? Diese Frage stellen sich die Filmemacher auch, obwohl eine Antwort darauf keineswegs einfach zu sein scheint.

„Finding Vivian Maier“ zeigt nicht nur eine jahrzehntelang verborgene Filmkunst, sondern auch eine geheimnisumhüllte, vielleicht sogar widersprüchliche Persönlichkeit, die schon immer exzentrisch und einzelgängerisch war und vor allem am Ende ihres Lebens völlig vereinsamte.

*

Filmische Qualität: Vier Sterne
Regie: John Maloof, Charlie Siskel
Darsteller:         
Land, Jahr: USA 2013
Laufzeit: 80 Minuten
Genre: Dokumentation
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: --

im Kino: 6/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.