Fiorenzo Angelini: Ein Kardinal und die Hermeneutik der Kontinuität

Internationale Seelsorge für Menschen in medizinischen Berufen, für Kranke und Leidende

| 1184 klicks

Von Ulrich Nersinger*

ROM, 19. Juli 2012 (ZENIT.org). - In diesen Tagen wurde eines der ältesten Mitglieder des Kardinalskollegiums, Fiorenzo Angelini, in Castel Gandolfo von Papst Benedikt XVI. in Audienz empfangen. Das Leben des verdienten Purpurträgers, der am 1. August 1916 in Rom geboren wurde, zeigt eindrucksvoll, wie sich in der Kirche das Gestern und Heute, historische Dimensionen und zeitgemäße Erfordernisse, nicht auszuschließen brauchen. Anhand der Biographie des ehemaligen Kurienkardinals wird die Hermeneutik der Kontinuität erkennbar.

Wer sich vom Zentrum der Ewigen Stadt über den Corso Vittorio Emanuele nach Sankt Peter begeben möchte, erblickt, bevor er seine Schritte über die Tiberbrücke lenkt, beim Lungotevere in Sassia einen gewaltigen Gebäudekomplex. Hier war bereits im ersten Jahrtausend für Pilger aus England eine Unterkunft entstanden. Aus dem ehemaligen Hospiz der Angelsachsen in Rom entstand im Mittelalter ein Hospital. Die Leitung des Heilig-Geist-Spitals „in Saxia“ lag in den Händen eines Präzeptors, der den Regularkanonikern von „Santo Spirito in Sassia“, die dort die Pflege besorgten, vorstand. Die Investitur eines Präzeptors nahm der Heilige Vater selbst vor. Der Papst legte dabei dem Erwählten die Mantelletta und das Brustkreuz um und sprach: „Esto praeceptor generalis Ordinis S. Spiritus – Sei der Generalpräzeptor des Ordens vom Heiligen Geist!“

Papst Leo X. bildete am 15. Dezember 1515 das Amt des Präzeptors in eine Prälatur um; entsprechend wurde auch der Titel „Präzeptor“ in den eines „Komturs“ geändert. Von da an hatte der Komtur seinen Platz im päpstlichen Hofstaat und in der Päpstlichen Kapelle. Die Prälatenkleidung des Komturs wies einige Besonderheiten auf. Auf der linken Seite der violetten Mantelletta befand sich das in weißer Seide aufgestickte, ausgezackte Doppelkreuz vom Heiligen Geist. Ein Emailkreuz von gleicher Form und Form wie auf der Mantelletta trug der Komtur an einer mit Gold durchwirkten violettseidenen Schnur auf der Brust; den Ring zum Anhängen des Kreuzes bildete eine Taube, das Symbol des Heiligen Geistes.

Die Zuwendungen für das „Ospedale di Santo Spirito“ kamen von Arm und Reich, von Hoch und Niedrig, so dass dieses Hospital durch manche Jahrhunderte hindurch die erste und größte Anstalt dieser Art war, die es überhaupt gab. Im Kirchenstaat gab es die Bestimmung der Päpste, dass jeder Notar, der ein  Testament aufnahm, den Erblasser an das Hospital von Santo Spirito erinnern musste. Hatte ein Notar es unterlassen, darauf aufmerksam zu machen, so war das Testament ipso facto ungültig, ganz unabhängig davon, ob der Erblasser überhaupt das Hospital bedenken wollte oder nicht“. Mit der Einverleibung Roms in das Königreich Italien (1870) und der Verstaatlichung des Krankenhauses wurde das Amt des Komturs vom Heiligen Geist zu einem reinen Ehrentitel. Bei der Reform des Päpstlichen Hofs im Jahre 1968 verschwand dann auch dieser.

Der letzte „Komtur vom Heiligen Geist“ war Kardinal Angelini gewesen.    1940 hatte Fiorenzo Angelini in seiner Heimatstadt Rom die Priesterweihe erhalten. Im August 1943 war Papst Pius XII. bei einem dramatischen Geschehen auf den jungen Geistlichen aufmerksam geworden. Zum zweiten Mal in diesem Kriegsjahr hatte sich der Papst nach einem Bombardement zu den Gläubigen seiner Diözese begeben. Fiorenzo kümmerte in dem betroffenen Viertel um die Verletzten und erteilte den Sterbenden die heiligen Sakramente. Um weitere Hilfe zu erhalten, hatte der Priester das päpstliche Auto angehalten, ohne zu wissen, wer sich in ihm befand. Nach einigen Jahren der Pfarrseelsorge betreute Angelini von 1947 bis 1947 die „Katholische Aktion“. Von 1947 an versah er das Amt eines päpstlichen Zeremoniars. 

Am 27. Juni 1956 übertrug Pius XII. Fiorenzo Angelini das Titularbistum Messene und beauftragte ihn mit der Leitung der Krankenhausseelsorge in Rom.  Zudem verlieh ihm der Heilige Vater das Ehrenamt des „Commendatore di Santo Spirito in Sassia“. Unter dem seligen Johannes XXIII. wurde er zum geistlichen Assistenten der Katholischen Ärzte Italiens ernannt. Im Jahre 1985 erhob ihn der selige Johannes Paul II. zum Titularerzbischof und bestellte ihn zum Präsidenten der damaligen Päpstlichen Kommission und dem heutigen Päpstlichen Rat für die Seelsorge an den Menschen in medizinischen Berufen. Sechs Jahre später wurde er in das Kardinalskollegium berufen – als Kardinaldiakon von Santo Spirito in Sassia. Fiorenzo Angelini machte sich nicht nur als Autor wegweisender Publikationen zur Krankenseelsorge einen Namen, sondern ihm kommen auch große Verdienste in der Neugründung von Krankenhäusern und Gesundheitszentren auf der ganzen Welt zu. 

In einem ungewöhnlich langen und detaillierten Schreiben an Kardinal Angelini aus Anlass seines 50jährigen Bischofsjubiläums im Jahre 2006 würdigte Papst Benedikt XVI. dessen Wirken – „Unter Ihrem Vorsitz wurde auch der Welttag der Kranken eingeführt und die Päpstliche Akademie für das Leben geplant ... Die feste Überzeugung, daß die Verteidigung des Lebens und die pastorale Aufmerksamkeit gegenüber dem menschlichen Leiden ideologische Grenzen überschreiten, hat Sie, verehrter Bruder, ferner veranlasst, verschiedene Nationen, die sich in den unterschiedlichsten und schwierigsten politischen Lagen befanden, zu besuchen oder dort an Tagungen teilzunehmen, um überall die grundlegenden menschlichen und christlichen Werte zu verkünden und alle einzuladen, mit vereinten Kräften dem leidenden Menschen zu dienen ... Von den Werken Gottes zu sprechen heißt Gott preisen. Daher habe ich an die umfassende Arbeit erinnern wollen, die Sie, Herr Kardinal, im Weinberg des Herrn geleistet haben und noch immer leisten, um Gott zu danken und gleichzeitig das Verdienst dessen anzuerkennen, der es verstanden hat, sich zum fügsamen, weisen und eifrigen Werkzeug seiner göttlichen Initiative zu machen“.

*Ulrich Nersinger ist Historiker und Spezialist für Geschichte der Päpste und des Vatikanstaates. Er studierte Philosophie und Theologie in Bonn, Wien und Rom und am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie. Er ist Mitglied der „Pontificia Accademia Cultorum Martyrum“. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen sind ein zweibändiges Werk „Liturgien und Zeremonien am Päpstlichen Hof" und sein neuestes Werk „Tiara und Schwert - Die Päpste als Kriegsherren“.