Flächendeckende Aktion des Vatikans gegen Missbräuche

Interview mit dem ständigen Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf, Msgr. Silvano Tomasi

Vatikanstadt, (ZENIT.org) H. Sergio Mora | 334 klicks

Wie alle Länder, die die Anti-Folter-Konvention der Vereinigten Nation ratifiziert haben, wurde der Heilige Stuhl im Rahmen zweier Sitzungen vom UN-Ausschuss gegen Folter angehört. Im Zuge der Befragungen wurden auch die Fälle sexueller Missbräuche von Minderjährigen durch Geistliche thematisiert. ZENIT führte darüber ein Gespräch mit Msgr. Tomasi, dem ständigen Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf.

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Wurde im UN-Ausschuss durch die Vermischung der Folter mit den Missbrauchsfällen Unfug betrieben?

Msgr. Tomasi: Einige Mitglieder des Ausschusses der CAT[1] haben die Situation ein wenig verändert. Dies geschah durch die Berufung auf einen Artikel der Konvention, Artikel 16, in dem von grausamen, erniedrigenden und unmenschlichen Behandlungen die Rede ist. Die Wertung des sexuellen Missbrauchs als Handlung dieser Art hat den Blick auf diese Themen gelenkt, die unter anderem Leckerbissen für die Medien sind.

Der Heilige Stuhl ging nicht auf die Diskussion über die Frage ein, ob es sich bei Missbräuchen um Folter handelt, hat jedoch Daten über die Maßnahmen gegen Pädophilie vorgelegt…

Msgr. Romasi: Die Konvention enthält eine sehr genaue Definition der „Folter“ und eine Ausweitung auf sexuellen Missbrauch wird seitens der Menschenrechtsbehörden im Augenblick nicht akzeptiert. Natürlich lehnt die katholische Kirche jegliche gegen die Menschenwürde gerichtete Handlung ab. Doch mit dieser Diskussion wurde wohl auch ein zweites Ziel verfolgt. Im Übrigen wird in verschiedenen Medien zuweilen betont, dass die Kirche die Maßnahmen gegen jene Kleriker oder Priester behindert hat oder behindert, die strafbare Handlungen an Minderjährigen verübt haben; oder dass sie diesen Sachverhalt ignoriert oder kohärente Initiativen versäumt hat.

Haben sie darauf mit der Bekanntgabe von Zahlen reagiert?

Msgr. Tomasi: Durch die Vorlage der zur Verfügung stehenden Statistiken wird eindeutig belegt, dass die Kirche in den vergangenen 10 Jahren tatsächlich fast flächendeckende Maßnahmen ergriffen und gleichsam eine gründliche Reinigung vorgenommen hat. Neben den kanonischen Strafen wurden gegen die Schuldigen auch Sanktionen aus jenen Staaten verhängt, deren Staatsbürgerschaft sie besitzen oder in denen sie wohnhaft sind. Außerdem hat die Kirche durch spezielle Maßnahmen in der Ausbildung der zukünftigen Priester sowie die Einrichtung der Kommission zum Schutz von Minderjährigen durch Papst Franziskus die Voraussetzungen für eine Vorbeugung dieser Art von Verbrechen geschaffen.

Wie wurde mit den Opfern umgegangen?

Msgr. Tomasi: Diese wurden von der Kirche bestmöglich entschädigt. Dies erfolgte in Form von Finanzhilfe; in den Vereinigten Staaten beispielsweise in Höhe von mehr als 2,5 Milliarden Dollar. Darüber hinaus leistete die Kirche jedoch auch moralische Unterstützung durch Beratung und geistliche Begleitung zur Förderung der Eingliederung in die Gesellschaft und die Rückkehr zu einem normalen Leben.

Ist es richtig, dass 848 Priester innerhalb von zehn Jahren aus der Kirche ausgeschlossen wurden?

Msgr. Tomasi: Ja, das ist ein Faktum. Man bedenke, dass die Mehrzahl der bekannten Fälle von Pädophilie auf die 60er, 70er und 80er Jahre zurückgeht. Wenn die Anzeige von Fällen in jüngerer Zeit erfolgte, so bedeutet das also nicht, dass sie in zeitlicher Nähe zur Bekanntgabe beim Zivilgericht oder einem kirchlichen Gericht erlitten wurden; unter Umständen können sie auch weit zurückliegen.

Welche Tendenz ist gegenwärtig zu beobachten?

Msgr. Tomasi: Es gilt zu berücksichtigen, dass die Pädophilie-Fälle innerhalb des Klerus in den letzten Jahren einen rückläufigen Trend verzeichneten. Dies erscheint mir als Zeichen, dass die ergriffenen Maßnahmen Erfolg zeigen und eine neue Kultur in die Kirche und die kirchennahen Bereiche Einzug gehalten hat. Damit meine ich eine Kultur der sofortigen Anzeige der auftretenden Fälle seitens der zivilen und kirchlichen Behörden. Der beste Weg ist natürlich der Versuch, unser Priesteramt und unseren Dienst in der Kirche in der richtigen Weise zu erfüllen.

Betrafen die Anhörungen der Anti-Folterkommission der Vereinten Nationen nur den Vatikan oder auch andere Länder?

Msgr. Tomasi: Auch andere Länder wurden von der Kommission der Anti-Folterkonvention zu den Fällen von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen befragt. Es erscheint mir wichtig, diesbezüglich zwei Bemerkungen anzuführen. Zunächst konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Medien auf die Kirche. Sie steht im Fokus, denn Mitarbeiter der Kirche müssen bekanntlich enorm hohes Vertrauen genießen. Im Falle von strafbaren Handlungen an Minderjährigen stellen diese nicht nur ein Verbrechen dar, sondern auch den Bruch eines zu bewahrenden Vertrauens.

Worum handelt es sich bei der zweiten Bemerkung?

Msgr. Tomasi: Diese innerhalb der Kirche vorgefallenen Sachverhalte sind in ihrem globalen Zusammenhang zu betrachten. So spricht die Weltgesundheitsorganisation von mehr als 40 Millionen Pädophilie-Fällen pro Jahr, wobei die Täter in den meisten Fällen Familienmitglieder oder Personen des nahen Umfelds sind, beispielsweise Lehrer an öffentlichen Schulen, sowie Vertreter verschiedener Berufskategorien oder Institutionen von den Pfadfindern und den Blauhelmen bis hin zum britischen Parlament, wie in den Medien berichtet wurde.

Die von der WHO vorgelegte Zahl von weltweit 40 Millionen Pädophilie-Fällen pro Jahr ist erschütternd…

Msgr. Tomasi: Daher bedarf das Gespräch über die Kirche Vernunft und Augenmaß um zu erkennen, dass das Problem darüber hinausgeht. Ebenso muss ein allgemeines Bewusstsein der Notwendigkeit des Schutzes der Kinder herrschen: Das letztendliche Ziel ist ihr Schutz und die Garantie, dass sie gesund und glücklich aufwachsen, sodass sie zu konstruktiv handelnden Menschen in ihrer Gesellschaft werden können.

Welche Art von Kultur ist der Nährboden für diese Vorkommnisse?

Msgr. Tomasi: Die Wurzel des Phänomens der Pädophilie scheint mir eine auf extremen Formen des Individualismus aufbauende Kultur zu sein. Diese Art von Individualismus ist durch den Versuch gekennzeichnet, jegliches Verhalten begründen zu wollen und aus jedem Wunsch und jedem Bestreben ein Menschenrecht zu machen. Die in der christlichen Tradition gründende Kultur ist hingegen auf die Förderung der Würde des Menschen und dessen Emporstreben zur Transzendenz ausgerichtet und vertritt eine Auffassung von Freiheit, die mit der Verantwortlichkeit der Handlungen verbunden ist. Wir haben zwei Kulturen, die sich auf zwei unterschiedlichen Bahnen bewegen. Für uns Christen stellt sich daher die Frage, wie die Stärke des Evangeliums heute zur Verwandlung dieser Kultur des extremen Individualismus einsetzbar ist und eine lebendige Kraft für eine gesunde Entwicklung der Gesellschaft sein kann.

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FUSSNOTE

[1] Anti-Folter-Konvention