"Folgen wir der Einladung zur Versöhnung mit Gott und untereinander!" Wegweisende Worte Johannes Pauls II. zur Ökumene

Ansprache während des ökumenischen Treffens mit der evangelisch-lutherischen Gemeinde Roms (11. Dezember 1983)

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ROM, 18. Mai 2006 (ZENIT.org).- Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir jene Ansprache Papst Johannes Pauls II., die Helmut Nicklas, Leiter des CVJM München, in einem heute, Donnerstag, veröffentlichten ZENIT-Interview als "wegweisend" für die Ökumene ansieht.



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Verehrte Brüder und Schwestern in Christus!

"Jesus Christus gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit", so steht es unter dem Bild des Pantokrators in der Apsis dieser Christus-Kirche geschrieben. Mit diesen Worten begrüße ich die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom und alle hier Anwesenden. Ich danke den Vertretern der Gemeinde für die brüderliche Einladung zu diesem Besuch. Im Namen Jesu Christi und unter seinem Wort sind wir hier versammelt, um in der Einheit unserer Herzen und gleichsam mit einer Stimme unseren gemeinsamen Erlöser und Kyrios zu bekennen, zu loben und zu preisen.

Das ewige Wort Gottes ist Mensch geworden und hat sein Zelt mitten unter uns aufgeschlagen. Ich möchte in dieser denkwürdigen Stunde am dritten Adventssonntag mit Ihnen diesen unseren einzigen Herrn und Erlöser bezeugen, der da ist gestern, heute und in Ewigkeit. In Dankbarkeit erinnern wir uns dabei unserer gemeinsamen Herkunft, des Geschenkes unserer Erlösung und der gemeinsamen Ausrichtung unseres Pilgerweges. Wir alle stehen unter der Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Er ist die Mitte und der Angelpunkt, in dem alles Sein, der Sinn und das Heil dieser Welt und unseres Lebens beschlossen sind.

In dieser Heilszeit des Advents sind unsere Ohren und Herzen gleichgerichtet; sie hören und vernehmen die frohe Botschaft dessen, der bereits gekommen ist und endgültig wiederkommen wird. Wir erfahren im Alltag unseres Lebens oft die bedrängende Wirklichkeit dieser Zwischenzeit. Werden wir darin nicht immer wieder an die Situation des Johannes des Täufers erinnert? Er stand – wie das Evangelium uns berichtet – in einer Entscheidungssituation. Er musste den Widerspruch bewältigen zwischen seinen Vorstellungen vom Messias und der eigenen persönlichen Lage, die durch Gefängnis und drohenden Tod bestimmt war. Die Anfrage des Johannes war deshalb ernst und aus großer Not geboren: "Bist du es, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?"

Jesus kommt der suchenden Unruhe seines Vorboten entgegen und führt dessen Glauben zur Gewissheit: Die Heilszeit, die Gottesherrschaft ist gekommen! Der Messias ist da! Gewiss haben die Zeichen und Wunder nichts unbedingt Zwingendes an sich. Wer die Zeichen jedoch als Hinweis auf die Erfüllung der alttestamentlichen Prophetien im jetzigen Kairos zu verstehen weiß, darf sich freuen, Bürger des eschatologischen Reiches Gottes zu sein.

Jesus bekennt sich zu seinem Wegbereiter, der im Vorhof seiner Ankunft steht. "Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer", so bezeugt es der Herr. "Doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er." Jesus meint damit den in jeder Hinsicht armen und bedürftigen Menschen, der zum Glauben an das Heil in Jesus Christus kommt. Ein solcher darf Herz und Mund öffnen, um sich dem Lobgesang Mariens anzuschließen: "Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter."

Verehrte Brüder und Schwestern in Christus! Das Geschenk dieser Zusammenkunft bewegt mich im Grunde meines Herzens. Ich habe diese Begegnung gerade im Advent gewünscht. Sie ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, gemeinsam nach dem Herrn Ausschau zu halten und den Gott unserer Erlösung zu erwarten.

Wir stehen schon nahe am Jahr 2000. "Wir befinden uns in gewisser Weise in der Zeit eines neuen Advents, in einer Zeit der Erwartung." Daher bin ich gleichsam zu unseren Nachbarn gegangen, zu jenen Bürgern dieser Stadt, "die durch das Band besonderer Verwandtschaft verbunden sind". Ich bin hierher gekommen, um mit Ihnen das uns gemeinsame Glaubensgeheimnis des Advents, seinen tiefen und vielfältigen Reichtum in Gebet und Meditation zu vergegenwärtigen. Ich bin gekommen, da uns der Geist Gottes in unseren Tagen durch den ökumenischen Dialog auf die Suche nach der vollen Einheit der Christen gewiesen hat. Wir wissen um die schwierige Geschichte dieser evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom, ihre mühseligen Anfänge und um Licht und Schatten ihrer Entwicklung unter den Bedingungen dieser Stadt. Umso eindringlicher stellt sich uns die Frage: "Dürfen wir – trotz aller menschlichen Schwachheit, trotz der Unzulänglichkeiten der vergangenen Jahrhunderte – der Gnade unserer Herrn misstrauen, die sich in der letzten Zeit geoffenbart hat durch das Wort des Heiligen Geistes, das wir während des Konzils vernommen haben?"

So sehen wir uns denn inmitten aller offensichtlich noch bestehenden Trennungen in Lehre und Leben zutiefst in der Solidarität aller Christen des Advents verbunden. Wir sehnen uns nach Einheit, und wir bemühen uns um die Einheit, ohne uns durch die Schwierigkeiten entmutigen zu lassen, die sich längs des Weges anhäufen können.

Schließlich meinen wir, im Jahr der Erinnerung an den Geburtstag von Martin Luther vor fünf Jahrhunderten, wie von ferne die Morgenröte des Advents einer Wiederherstellung unserer Einheit und Gemeinschaft zu sehen. Diese Einheit ist eine Frucht der täglichen Erneuerung, Bekehrung und Buße aller Christen im Licht des ewigen Wortes Gottes. Sie ist zugleich die beste Wegbereitung für die Ankunft Gottes in unserer Welt.

Folgen wir der großen Gestalt der Adventszeit, folgen wir dem Leitbild Johannes des Täufers, der Stimme des Rufers in der Wüste: "Bereitet den Weg des Herrn." Folgen wir der Einladung zur Versöhnung mit Gott und untereinander! Christus, der Allherrscher, ist nicht nur über, sondern mitten unter uns als der Kyrios, der war, der ist und der in Ewigkeit sein wird.

Von Herzen wünsche ich Ihnen und Ihren Familien schon jetzt ein gesegnetes Weihnachtsfest.

[© Copyright der deutschen Fassung – Libreria Editrice Vaticana]