Forschen in dunkler Vergangenheit

Filmrezension: Die Lebenden

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 408 klicks

Die lebensfrohe 25-jährige Sita (Anna Fischer) studiert in Berlin. Nebenbei arbeitet sie für einen Fernsehsender. Mit derselben Schnelligkeit, mit der sie auf ihrer Vespa durch die Stadt fährt, lebt sie auch ihr Leben. Als sie zum 95. Geburtstag ihres geliebten Großvaters Gerhard Weiss (Hanns Schuschnig) nach Wien fährt, entdeckt sie eher zufällig ein Foto des Großvaters in SS-Uniform. Gegen den Willen ihres Vaters Lenzi (August Zirner) beginnt Sita Nachforschungen über die Vergangenheit des Großvaters anzustellen. Ein Dokument in einem Wiener Archiv führt sie nach Warschau, wo sie nicht nur weitere Akten über ihn entdeckt, sondern auch die amerikanische Aktivistin Silver (Daniela Sea) kennenlernt. Sita will mehr erfahren, um durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit besser zu verstehen.

Durch die Verknüpfung einer sehr bewegten Kamera mit Naheinstellungen verdeutlicht Regisseurin Barbara Albert Sitas Ruhe- und Orientierungslosigkeit. „Die Lebenden“ thematisiert Schuld und Verantwortung, ohne jedoch zu moralisieren. Barbara Alberts Film handelt allerdings nicht nur von der Aufarbeitung der Vergangenheit. Mit Silver und der aus Tschetschenien geflüchteten Seda stellt „Die Lebenden“ auch einen Bezug zum heutigen Europa.

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Interview mit Drehbuchautorin und Regisseurin Barbara Albert

Seit einigen Jahren beschäftigt sich die dritte Generation mit dem Krieg, d.h. Enkelkinder fragen nach der Vergangenheit ihrer Großeltern.

Vor kurzem behandelte dies ja der aufwändige Fernseh-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. Aber die Literatur beschäftigt sich damit schon länger. In der Literatur wird das Thema mehr akzeptiert als im Spielfilm.

Allerdings gibt es auch eine Reihe Dokumentarfilme dazu.

Barbara Albert: Ja, beispielsweise „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß“ oder „Winterkinder – Die schweigende Generation“. Aber im Bereich Spielfilm hat die Aufarbeitung innerhalb der Familie noch nicht stattgefunden. „Die Lebenden“ ist ein neuer Versuch, sich weder historisch noch moralisierend noch durch die Trennung Täter-Opfer damit auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die ein modernes Leben führt und unbedarft in das Thema hineingezogen wird. Einen solchen Spielfilm hatte ich in Deutschland oder Österreich noch nicht gesehen.

Die Geschichte handelt von einer deutsch-österreichischen Familie...

Barbara Albert: Der Großvater ist Deutscher aus Siebenbürgen, aber der Vater ist Österreicher. Die Familie ist beides, österreichisch und deutsch.

Auch Ihr Großvater kommt aus Siebenbürgen. Wie autobiografisch ist diese österreichisch-deutsche Geschichte?

Barbara Albert: Mein Großvater kommt aus Siebenbürgen, meine Großmutter aus dem Banat, aus Temeswar, also auch aus Rumänien. Die Figur des Großvaters ist sehr stark an meinen Großvater angelehnt, den ich allerdings nicht mehr befragen konnte. Denn erst ein paar Jahre nach seinem Tod fing ich an, seine Geschichte aufzurollen und zu hinterfragen. Obwohl ich vorher wusste, dass er bei der SS war, kannte ich seine genaue Geschichte nicht. Ich hatte jedoch den Drang, sie zu erfahren – wie Sita im Film. Insofern ist Sita ein alter ego von mir. Dennoch handelt es sich nicht um ein Tagebuch. So sind etwa die Eltern verfremdet. Es gibt allerdings Zitate von meinem Großvater im Film, die auf einem Interview mit ihm basieren. Zwar habe ich sie zum Teil umgeschrieben, aber im Film kommen auch Originalsätze meines Großvaters vor.

Haben Sie darüber hinaus andere Biografien berücksichtigt?

Barbara Albert: Ja, ich habe viel recherchiert. Da es sich um ein sensibles Thema handelt, muss man sehr vorsichtig sein mit dem, was man erzählt. Deshalb habe ich mich stark an der Biografie meines Großvaters orientiert, weil ich sie am besten kannte, weil ich mich am besten in sie hineinversetzen konnte.

Die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Großvater hat freilich einen allgemeingültigen Charakter...

Barbara Albert: Dies ist wiederum typisch für Österreich. Dort wurde viel weniger hinterfragt als in Deutschland. In Österreich wurde die Schuld der Nation weniger angenommen. Deshalb gab es nicht so viel, was man als Kind kritisieren konnte. Natürlich gab es auch in Österreich die „68er“ oder auch Künstlerinnen und Künstler, die sich damit auseinandersetzten. Aber der Großteil der Österreicher hat es irgendwie geschafft, der Verantwortung des Landes auszuweichen. Dadurch, dass es nach dem Krieg neutral war, konnten sie sagen: „Wir waren nicht schuld.“ In meinem Geschichte-Schulbuch wurde auch der Erste Weltkrieg sehr eigenartig dargestellt. Auch dafür wurde Deutschland die alleinige Schuld zugewiesen. Die Geschichtsschreibung war lange alles andere als kritisch.

Wie ist die Aussage des Onkels zu Sita zu verstehen: „Die Wahrheit, alle wollen nur die Wahrheit wissen, als ob das die Lösung wäre“?

Barbara Albert: Es ist schon eine berechtigte Frage, die der Onkel an Sita stellt: „Was machst Du mit dieser Wahrheit?“ Und der Vater fragt: „Hättest du ihn (deinen Großvater) nicht mehr geliebt, wenn Du alles gewusst hättest?“ Sita kann das zunächst nicht beantworten. Sie muss erst wissen, was überhaupt passiert ist, um es vielleicht auch akzeptieren und es wegstecken zu können. Die Auseinandersetzung damit muss sein, um einen Schritt weiter zu kommen. Indem sie das Familiengeheimnis aufdeckt, tut sie auch etwas für ihre Familie. So kann sich auch ihr Vater der „Wahrheit“ stellen. Alleine hätte er das nicht geschafft. Die Tochter verändert das Familiensystem. Sie bringt etwas zur Ruhe. Sie ist sicher nicht in der Position, dem Großvater zu vergeben. Aber es geht gar nicht um eine Wertung, sondern ums Verstehen. Ich habe den Film auch deshalb gemacht, weil es mich gestört hat, dass es immer schnell heißt: „Es ist alles so unbegreiflich“. Das lässt sich so leicht sagen. Wenn man sich aber damit auseinandersetzt, versteht man schon die Mechanismen dieser Diktatur, dieses Systems. Man muss schon versuchen zu verstehen, was passiert ist. Damit kann man auch auf die Verantwortung für uns Heutige hinweisen: Wo schauen wir weg, womit setzen wir uns nicht auseinander? Auch deshalb habe ich „Die Lebenden“ gedreht.

Sie haben einige Figuren eingeführt, die diesen Bezug zur Gegenwart unterstreichen. So lernt beispielsweise Sita einen jungen Israeli kennen, was ein wenig wie ein Wink mit dem Zaunpfahl wirkt. Oder auch in Warschau Silver und Seda ...

Barbara Albert: Das mit dem Israeli ist mir interessanterweise nicht so vorgekommen, obwohl ich die Kritik verstehe. Denn dies ist mir tatsächlich passiert: Als ich anfing, mich damit zu beschäftigen, habe ich einen Israeli kennengelernt. In dieser für dieses Thema offenen, wachen Situation hatte diese Begegnung eine besondere Bedeutung. Mit den anderen Figuren wollte ich aufzeigen, dass Sita im Laufe dieses Films ein Bewusstsein bekommt für die heutigen Verantwortungen. Auch heute werden Menschen in Europa ausgegrenzt, als illegal abgestempelt. Im ursprünglichen Drehbuch hatte ich beides stärker gegenübergestellt, dann merkte ich aber, dass man es mit dem Massenmord wirklich nicht vergleichen darf. Dennoch habe ich Seda beibehalten, weil sie zu unserer Zeit passt, zu den Menschen, die aus ihren Ländern fliehen müssen. Das charakterisiert das heutige Europa, und „Die Lebenden“ ist ein Film über das heutige Europa.

Soll Sitas Arbeit fürs Fernsehen auch vor diesem Hintergrund gesehen werden?

Barbara Albert: Sie interviewt Kandidaten, die bei einer Talent-Show mitmachen wollen. Sita ist sich anfangs nicht bewusst, welche Macht sie mit ihren Bildern hat. Auch dies finde ich ein sehr heutiges Thema. Trotz oder gerade wegen der inflationären Bilderflut macht sich keiner mehr klar, was ein Bild eigentlich bedeutet. Das ist für mich die Welt heute: Überall sind Monitore, überall ziehen wir uns Bilder hinein, etwa im Internet. Wir haben aber die Sprache nicht gelernt, um wirklich zu wissen, was diese Bilder bedeuten. In der Rohfassung gab es eine Szene, die im endgültigen Schnitt weggefallen ist, bei der Sita ihren Job aufgibt, weil sie nicht mehr zu ihm stehen kann.

Haben Sie deshalb vor allem am Anfang mit einer unruhigen, ja hektischen Kamera gearbeitet? Sollte dies ein junges Lebensgefühl ausdrücken?

Barbara Albert:Nein, dies hat mit dem Alter nichts zu tun. Es gibt jüngere Menschen, die eine bewegte Kamera nicht mögen, und Ältere, die sie gut finden. Es hängt vielmehr damit zusammen, wie wichtig einem Räume sind. Die Hauptfigur sollte immer in Bewegung bleiben, weil sie nicht unruhig, wohl aber orientierungslos ist. Sie spürt stets ein inneres Beben. Das wollte ich durch die bewegte Kamera ausdrücken. Ich hatte Angst vor einer betulichen, vor einer gediegenen Kamera. Zu dem Thema hätten schöne Bilder kaum gepasst.

Wie ist der Satz des Großvaters in dem Video-Interview„Gott hat uns jede Verantwortung genommen“ zu verstehen?

Barbara Albert: Es ist ein Originalsatz meines Großvaters. Es handelt sich um die totale Negierung von Verantwortung. Es geht sogar weiter, denn als Religionslehrer sagte er manchmal den Kindern, Gott habe den „Führer“ geschickt. Es war kein Christ, sondern „gottgläubig“ – so stand es in seinem Personalausweis. Mit dieser Bezeichnung machte man klar, dass man keiner Kirche angehörte, sondern Nazi war. Dies war ein Widerspruch in sich, weil er nicht an Gott geglaubt hat. Und trotzdem hat er Religion unterrichtet, was völlig absurd war.

Der Nationalsozialismus war im Grunde eine (Ersatz-)Religion ...

Barbara Albert: Ja, deswegen sagt er: „Gott hat den Führer geschickt“. Dass seiner Meinung nach Gott die Verantwortung übernommen hat, ist schwer zu begreifen. Dadurch haben sie alle Verantwortung dem „Führer“ in die Hände gelegt. In „Die Lebenden“ gibt es eine ausdrückliche Frage zum Gewissen: „Und Gewissensangst hattest Du keine“? Es handelt sich um einen alten Ausdruck für Schuldgefühle. Das Gewissen war einfach ausgeschaltet. Es geht so weit, dass KZ-Wärtern vorgegaukelt wurde, sie würden für das „Tausendjährige Reich“ ein Opfer bringen, wenn sie diesen „Dienst“ tun. Das Perfide dabei war, dass KZ-Wachleute als Opfer dargestellt wurden. Opfer zu sein schließt aus, dass man böse ist. Wie grauenhaft und infam.