Forschung mit adulten Stammzellen – ein Alternative?

Von Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller

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ROM/REGENSBURG, 30. September 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Impulsvortrag, den der Regensburger Diözesanbischof Gerhard Ludwig Müller am 27. September im Rahmen der 47. Weltvideokonferenz der Kongregation für den Klerus gehalten hat.



Die Konferenz widmete sich dem Thema "Bioethik – das menschliche Genom und die Stammzellen".

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Der Wunsch nach Unsterblichkeit ist so alt, wie die Menschheit selbst. Immer wieder versprechen uns Produkte aus der Medizin oder Gesundheitsbranche die Möglichkeit, unser Leben zu verlängern. Mit den unterschiedlichsten Mitteln wird uns eine Art ewiges Leben oder zumindest ein immer junges und dynamisches Leben versprochen. Jung-Sein ist die attraktive Form des Lebens.

Dass damit oft eine Unterbewertung des reiferen und älteren Menschen bis hin zu einer Verachtung verbunden ist, wird ausgeblendet. Alt-Sein, nicht mehr ganz gesund sein, wird als Handicap, als massive Beeinträchtigung der Lebenssituation angesehen und negativ beurteilt.

In der medizinischen Forschung hat sich in den letzten Jahren ein eigener Zweig herausgebildet, der sich mit der Entwicklung so genannter Stammzellen beschäftigt.

Neben den embryonalen Stammzellen, die sich unbegrenzt vermehren können und zudem die Fähigkeit besitzen, sich in verschiedene Zelltypen auszubilden, gibt es die Forschung an adulten Stammzellen. Nach dem derzeitigen Forschungsstand haben adulte Stammzellen ein reduziertes Entwicklungspotential gegenüber den embryonalen Stammzellen. Sie sind bereits soweit ausdifferenziert, dass eigentlich nur ein bestimmter Zelltypus aus ihnen sich entwickeln kann. Ebenso ist ihre Lebensdauer und die Fähigkeit sich zu vermehren stark begrenzt. Ihr Vorteil liegt jedoch eindeutig darin, dass sie dem Patienten direkt entnommen werden können und somit kein Schaden an anderen Menschen entstehen kann.

Adulte Stammzellen sind bisher in 20 Organen des menschlichen Körpers nachgewiesen worden, beispielsweise im Knochenmark, im Blut und im Gehirn. Sie sind dort lebenslänglich vorhanden und haben die Aufgabe, die unterschiedlichsten Arten von Ersatzzellen auf natürliche Weise zu bilden.

In der Medizin werden sie bisher eingesetzt etwa bei der Bekämpfung von Blutkrebs. Sie werden dem betroffenen Patienten entnommen und für die Behandlung angegriffener Organe eingesetzt. Dadurch, dass sie dem eigenen genetischen „Material“ entnommen werden können, ist mit einer Abwehrreaktion des Körpers nicht zu rechnen.

Vom 14. bis zum 16. September 2006 haben sich in Rom mehr als 250 Wissenschaftler aus aller Welt zum Internationalen Kongress „Stammzellenforschung: Welche therapeutische Zukunft?“ getroffen. Die Teilnehmer kamen aus der ganzen Welt: Aus Thailand, Brasilien, Europa und Australien. Papst Benedikt XVI. hat sich gegenüber den Teilnehmern mit den folgenden eindringlichen Worten geäußert:

„Fortschritt kann nur ein wahrer Fortschritt sein, wenn er dem Menschen dient. Wenn der Fortschritt nicht nur technische Macht wachsen lässt, sondern auch die Moralität. In diesem Licht muss auch die Körperstammzellforschung betrachtet werden. Auch sie ist lobenswert, wenn sie in glücklicher Weise, wissenschaftliches Können und Technologie miteinander verbindet und niemals den Respekt vor dem menschlichen Leben, egal zu welchem Stadium seiner Existenz, verliert.“

Fortschritt ist also nicht begrenzt auf die Errungenschaft der Technik und des Könnens allgemein, sondern beinhaltet auch das Anwachsen der Moral und der ethischen Handlungskompetenz. Fortschritt ist also dann gegeben, wenn es den Menschen in seiner Ganzheit zum Nutzen gereicht. So genannte „verbrauchende Embryonenforschung ist von daher abzulehnen, da das menschliche Leben dadurch grundsätzlich in Frage gestellt wird und das Risiko des Todes eines Menschen lediglich als Konsequenz, als Nebenfolge hingenommen wird. Denn um an embryonale Stammzellen zu gelangen, wird die Vernichtung menschlichen Lebens in Kauf genommen. Dies ist ethisch nicht vertretbar. Denn das Leben eines jeden Menschen, von seiner Empfängnis bis zu seinem Tode, ist unhinterfragbar und unbedingt unverfügbar.

Papst Benedikt XVI. weiter: „Gegenüber der Beseitigung menschlichen Lebens dürfen keine Kompromisse und keine Ausflüchte gemacht werden. Man kann es kaum fassen, dass eine Gesellschaft, die Kriminalität effizient bekämpfen möchte, andererseits bereit ist, Straftaten am ungeborenen Leben zu legalisieren.“

Geht es also um die Gesundheit des Menschen, kann die Therapie sich ausschließlich auf Mittel innerhalb der Therapie beschränken, die das Leben, sei es der immer schützenswerten Embryonen oder innerhalb einer anderen Alterstufe nicht bedrohen oder gefährden. In allem muss der Lebensschutz gewährleistet bleiben.

Unter dem Aspekt des unbedingten Schutzes des menschlichen Lebens muss auch mit neuer Intensität auf die mit dem Schöpfungsplan Gottes unvereinbaren Experimente des Klonens hingewiesen werden. Selbst wenn der menschliche Verstand in der Lage wäre, klonen zu können, so kann man sich nicht hinter der Frage der Machbarkeit verschanzen, um den Vorstoß in der Medizin zu rechtfertigen. Die hochkomplexen und differenziert zu betrachtenden Ergebnisse der Wissenschaft, der Medizin und Bioethik müssen einer ethischen Einschätzung unterworfen werden. Nicht der Traum vom perfekten Menschen steht im Vordergrund, sondern die eigentliche Vervollkommnung des Menschen im Angesicht des dreifaltigen Gottes, der ihn in Liebe gewollt und geschaffen hat. Der perfekte Mensch ist derjenige, der sich auf die Wege des Herrn begibt und sein Leben immer inniger an Gott und sein in Jesus Christus an uns gerichtetes Heil orientiert.

Die Forschung an adulten Stammzellen stellt möglicherweise eine Alternative dar, aber nur unter der Voraussetzung, dass auch hier der unbedingte Lebensschutz erstes Gebot bleibt.

Grundsätzlich muss aber auch betont werden, dass jede Medizin eine ethische Orientierung braucht, damit sie nicht in die Inhumanität abgleitet. Deshalb braucht die Medizin die Auseinandersetzung mit ihren ethischen Voraussetzungen und Folgen. Der Mensch und das Geschenk seines Lebens müssen im Mittelpunkt stehen und seine Unverfügbarkeit als unhinterfragbarer Ausgangspunkt für jeden Fortschritt und jede Forschung gelten.

Der Kirche muss es um die Gesundheit des ganzen Menschen gehen. Sie schützt ihn von der Empfängnis bis zum Tod und gibt ihm darüber hinaus die Hoffnung auf ein Leben in der Anschauung Gottes. Das Thema eröffnet hier von selbst eine Weite, die der Heiligkeit des Lebens begegnet.

[Von der Kongregation für den Klerus zur Verfügung gestellte Version]