Fotografie und Papsttum - Einblick in eine wenig bekannte Form von Apostolat

Von Ulrich Nersinger

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WÜRZBURG, 11. September 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Als Benedikt XVI. am 7. September in Wien seine dreitägige Österreich-Reise begann, hielt der aufmerksame Zuschauer vergeblich nach einem Mann im Gefolge des Heiligen Vaters Ausschau – Arturo Mari, der langjährige Fotograf des Papstes. Denn vor wenigen Wochen verabschiedete sich der ehemalige Chef-Fotograf des „Osservatore Romano“ in den wohlverdienten Ruhestand. Die Kamera hat er nun an seinen früheren Sozius Francesco Sforza weitergegeben.



Arturo Mari gilt als vatikanisches Urgestein. Als 16-Jähriger hatte er 1956 beim päpstlichen Hof-Fotografen Giordani seine erste Anstellung gefunden. Als Mitte der siebziger Jahre der Titel des „Päpstlichen Hof-Fotografen“ abgeschafft wurde und die beiden Titelinhaber Felici und Giordani ihr Monopol verloren, wechselte Mari zum „Servizio fotografico“ (Fotodienst) des „Osservatore Romano“, dessen Leitung er Jahre später übernahm.

Als Arturo Mari bei einem Interview mit der Vatikanzeitung gefragt wurde, wie viele Bilder er von Johannes Paul II. gemacht habe, antwortete er: „Millionen“. Ein besonderes Erlebnis war für Mari die Reise des Papstes nach Argentinien. Er erinnert sich: „Am letzten Tag hatte ich keine Filme mehr. Ich bat den Nuntius, Monsignore Calabresi, um Hilfe, der mir in Buenos Aires hundert neue Filme besorgte. Bei der Rückkehr nach Rom wurde mir bewusst, dass ich allein auf dieser Reise 35 000 Fotos geschossen hatte“. Mit seinen Bildern wollte der Fotograf vor allem das Charisma des Papstes darstellen: „Ich versuche in der Praxis zu übermitteln, wer der Papst ist ... Der Papst hat für einen Gläubigen und auch für mich eine außergewöhnliche Bedeutung. Ich denke, indem ich ihn fotografiere, muss ich das Bild machen, das dies am besten ausdrückt. Ein Bild, das ich nicht erfinden darf, sondern dass ich in der Realität finden muss.“

Der Fotografie stand die katholische Kirche von Anfang an interessiert und wohlwollend gegenüber. Schon 1842 berichtete der römische Dichter Giuseppe Gioacchino Belli in einem Brief: „Während der Feiern anlässlich der Berufung des Hochwürdigsten Herrn Tizzani zum Generalprokurator der Lateranensischen Chorherren wurde die Gesellschaft, die am festlichen Bankett teilgenommen hatte, im Kloster von San Pietro in Vincoli von Herrn Chimenti, Professor für Chemie, in daguerretype photographiert.“ Drei Jahre später, im Oktober 1845, besuchte Gregor XVI. das Collegio de Nobili in Tivoli. Der zu Unrecht als fortschrittsfeindlich gescholtene Pontifex ließ sich in dem von Jesuiten geführten Institut eingehend über das neue Medium informieren. Er bat sogar darum, dass man ihm die seltsamen Apparaturen vorführe. Den Papst bei diesem Anlass auf eine Fotoplatte zu bannen, wagte man aber vermutlich noch nicht – zumindest geben die Aufzeichnungen des Kollegs darüber keine Auskunft.

Pius IX. (1846–1878) stand schon recht häufig vor einer Kamera, und nicht nur im Vatikan. Aufnahmen zeigen den Papst in Rom, Ostia, Anzio und Velletri, bei der Einweihung einer Brücke, dem Besuch von Ausgrabungen und einer Eisenbahnfahrt. Nur wenige Monate vor seinem Tod wurde Pius IX. ein lateinisches Gedicht über die „Ars photografica” überreicht: „Vom Sonnenspiegel hingehaucht/ Erscheint ein glänzend Bild, wie schön/ Strahlt es die Stirn, das Augenlicht/ des Mundes Anmut hold zurück!/ O wunderbare Geistesmacht!/ Ein neu Gebilde der Natur,/ Wies selbst Apollos Meisterhand,/ Es schöner nicht hervorgebracht!“ Verfasser des Gedichtes war der Erzbischof von Perugia, Kardinal Gioacchino Pecci, gewesen, der am 20. Februar 1878 als Leo XIII. den Stuhl des heiligen Petrus besteigen sollte.

Eine Form des Apostolats

Bis zum heutigen Tag haben sich die Päpste ohne Scheu auf Zelluloid bannen lassen. Sogar für die Aufbahrung auf dem Totenbett gaben sie seit Pius IX. im vorhinein die Erlaubnis. Dass Kameras sie bei Liturgien und Zeremonien begleiteten, hat sie nie gestört. Im Gegenteil, die Präsenz in Bildern empfand man durchaus als eine Form des Apostolats. Dennoch mussten auch die Päpste negative Erfahrungen mit der Fotografie machen. 1958 hatte der päpstliche Leibarzt mit einer versteckten Kamera den sterbenden Pontifex aufgenommen und die Bilder meistbietend an die Sensationspresse verhökert. Im Pontifikat Johannes Pauls II. versuchten Paparazzi, den Papst in seinem Schwimmbad in Castel Gandolfo abzulichten. Kritik musste sich in jüngster Zeit die mediale Darstellung des schwerkranken Johannes Pauls II. gefallen lassen; viele sahen hier eine unsichtbare Grenze überschritten.

Die Fotogeschichte der Päpste ist heute für jedermann einsehbar. Das Fotoarchiv des „Osservatore Romano“ präsentiert sich zu einem Großteil im Internet (www.photo.va); es bietet auch Einblick in den Fundus des ehemaligen päpstlichen Hoffotografen Giordani. Ebenso hat der einstige Hoffotograf Felici seine Bilder ins Internet gestellt (www.fotografiafelici.com); sein Archiv umfasst Aufnahmen aus den Jahren 1863 bis 2007.

[© Die Tagespost vom 8. September 2007]