Franz von Assisi und die Erneuerung der Kirche durch Heiligkeit

Erste Adventspredigt 2013 von P. Raniero Cantalamessa OFMCap

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 912 klicks

Am heutigen Freitagvormittag hielt Pater Raniero Cantalamessa OFMCap, Prediger des Päpstlichen Hauses, im Vatikan die erste der traditionellen Adventspredigten für den Papst und die Kurie.

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Die drei Adventsmeditationen dieses Jahres haben die Absicht, uns die Vorbereitung auf Weihnachten in Begleitung des heiligen Franz von Assisi erleben zu lassen. In dieser ersten Meditation will ich hervorheben, auf welche Art Franziskus zum Evangelium zurückkehrte. In seinem Aufsatz über „Echte und unechte Reform in der Kirche“ beschreibt der Theologe Yves Congar den heiligen Franz als klarstes Beispiel für die Erneuerung der Kirche „durch Heiligkeit“[1]. Versuchen wir doch zu verstehen, worin seine Reform durch Heiligkeit bestand und welche Bedeutung sein Beispiel für jede Epoche der Kirchengeschichte – auch für unsere Zeit – hat.

1. Die Bekehrung des heiligen Franz

Wenn wir das Abenteuer des Lebens des heiligen Franz verstehen wollen, müssen wir bei seiner Bekehrung beginnen. Im Bericht über dieses Ereignis weichen die verschiedenen Quellen zum Teil erheblich voneinander ab. Zum Glück besitzen wir eine absolut zuverlässige Quelle, die uns der Mühe enthebt, unter den verschiedenen Versionen nach der glaubwürdigsten zu suchen. Wir besitzen nämlich das Zeugnis, das Franziskus persönlich uns in seinem Testament hinterlassen hat; seine „ipsissima vox“, wie man von den Worten im Evangelium sagt, die mit Gewissheit Christus persönlich zuzuschreiben sind. Franziskus erzählt:

„So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: Denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Danach verging nicht viel Zeit, und ich beschloss, die Welt zu verlassen.“

Das ist der Text, auf den die Historiker ihre Rekonstruktionen gründen, allerdings mit einer Einschränkung, die sie nicht überwinden können. Denn ein Historiker, auch wenn er wohlmeinend ist und Franziskus respektvoll entgegentritt – ein Beispiel hierfür ist der Italiener Raoul Manselli – kann den tiefen Grund für die radikale Umkehr dieses jungen Mannes letztlich nicht begreifen. Die Historiker bleiben auf der Schwelle stehen, was auch methodologisch richtig ist, und sprechen von einem „Geheimnis des heiligen Franz“, das für immer verborgen bleiben muss.

Historisch ist greifbar, dass Franziskus an einem gewissen Punkt seines Lebens beschließt, seinen gesellschaftlichen Stand zu wechseln. Als Mitglied der wohlhabenden Gesellschaftsklasse, die in seiner Stadt aufgrund ihre Adels oder ihrer Geldmittel zählte, wählte Franz aus freien Stücken, sich ans andere Ende der gesellschaftlichen Leiter zu stellen; ganz nach unten, um das Leben der Letzten zu teilen, derer, die nichts zählen; das Leben der sogenannten „Minderen“, die in jeder Hinsicht arm waren.

Die Historiker weisen sehr richtig darauf hin, Franziskus habe sich nicht in erster Linie für die Armut entschieden, und schon gar nicht für eine Art Pauperismus; er habe sich vielmehr für die Armen entschieden! Der Grund für seine Lebensumkehr liege mehr im Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, als im Rat: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; dann komm und folge mir nach.“ Ihn habe mehr das Mitleid mit den Armen bewegt, als die Suche nach der eigenen Vollkommenheit.

Das alles ist richtig, aber es geht am Kern der Sache vorbei. Seine Liebe zu den Armen ist eine Folge, nicht die Ursache der Veränderung, die sich in ihm vollzogen hatte. In Wahrheit ist seine Entscheidung noch viel radikaler. Es geht nicht darum, zwischen Reichtum und Armut zu wählen, auch nicht zwischen Reichen und Armen, zwischen einer gesellschaftlichen Klasse oder der anderen. Es geht um die Wahl zwischen sich selbst und Gott, zwischen der Möglichkeit, das eigene Leben zu retten oder es für das Evangelium zu verlieren.

Manche Menschen (zum Beispiel, in einer uns nahen Epoche, Simone Weil) sind über die Liebe zu den Armen zu Christus gelangt; andere sind über die Liebe zu Christus zu den Armen gelangt. Franziskus gehört dieser zweiten Kategorie an. Der tiefe Grund für seine Bekehrung ist im Evangelium zu suchen, nicht im Sozialen. Jesus hat dieses Gesetz ein für alle Mal in einem der berühmtesten und am sichersten authentischen Sätzen des ganzen Evangeliums festgehalten:

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“ (Mt 16, 24-25).

Als Franziskus den Aussätzigen küsste, verleugnete er sich selbst in einer Sache, die ihm „bitter“ war und seiner Natur widerstrebte. Er hat sich Gewalt angetan. Dieses Detail entging auch seinem ersten Biographen nicht, der die Episode wie folgt beschrieb:

„Eines Tages kam ihm ein Aussätziger in den Weg. Da tat er sich Gewalt an, näherte sich ihm und küsste ihn. Von jenem Augenblick an entschied er, sich selbst immer tiefer zu demütigen, bis er durch die Gnade des Erlösers den vollen Sieg erlangte.“ [2]

Franziskus ging nicht aus eigenem Antrieb zu den Aussätzigen; nicht, weil menschliches oder religiöses Mitleid ihn dazu bewegt hätte. „Der Herr“, schreibt er, „führte mich unter sie.“ Dieses kleine Detail ist es, worüber die Historiker kein Urteil abgeben können, obwohl es am Anfang von allem steht. Jesus hatte sein Herz so vorbereitet, dass sein freier Wille im rechten Augenblick auf den Ruf der Gnade reagierte. Diesem Zweck hatte der Traum von Spoleto gedient, jene Frage, ob er lieber dem Knecht oder dem Herrn dienen wolle, und auch seine Krankheit, seine Gefangenschaft in Perugia und jene seltsame Unruhe, die ihn keine Freude mehr an den gewohnten Vergnügungen finden ließ und ihn dazu trieb, einsame Orte aufzusuchen.

Man braucht nicht anzunehmen (obwohl dieser Versuch, in Anlehnung an Martin von Tours, gemacht wurde[3]), dass Jesus selbst Franziskus in der Gestalt des Aussätzigen erschienen sei, um zu erkennen, dass jener Aussätzige für Franz in diesem Augenblick tatsächlich Jesus repräsentierte. Hatte er nicht gesagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“? In diesem Augenblick traf Franziskus eine Wahl zwischen sich und Jesus. Die Bekehrung des heiligen Franz von Assisi ähnelt der des Apostels Paulus. Für Paulus änderte das, was er bislang als „Gewinn“ angesehen hatte, plötzlich sein Vorzeichen und wurde ein „Verlust“, und das „um Christi Willen“ (Phil 3,5 ff.); für Franziskus wird das, was ihm „bitter“ war, zur „Süßigkeit“, auch wieder „um Christi Willen.“ Ab diesem Augenblick können beide behaupten: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“

Diese Überlegungen zwingen uns dazu, ein gewisses Bild von Franziskus zu korrigieren, das sich in der späteren Literatur durchgesetzt hat und auch von Dante in seiner „Divina Commedia“ aufgenommen wurde. Jene berühmte Metapher des heiligen Franz, der „Frau Armut“ heiratet, hat in der franziskanischen Dichtung und Malerei tiefe Spuren hinterlassen, kann aber irreführend sein. Man verliebt sich nicht in eine Tugend, auch nicht in die Armut; man verliebt sich in einen Menschen. Franziskus heiratete, wie andere Mystiker auch, niemand anderen als Jesus Christus.

Als seine Freunde ihn eines Abends auf seltsame Weise verträumt und abwesend fanden, fragten sie ihn, ob er vorhabe, zu heiraten; der junge Franz antwortete: „Ich werde die edelste und schönste Braut heiraten, die ihr je gesehen habt.“ Diese Antwort wird oft missverstanden. Aus dem Kontext geht klar hervor, dass die „Braut“, von der er spricht, nicht die Armut ist, sondern der „verborgene Schatz, die kostbare Perle“, nämlich Christus. „Mit der Braut“, kommentiert Thomas von Celano diese Episode, „meinte er die wahre Religion, die er annahm; und das Himmelreich ist jener verborgene Schatz, den er suchte.“ [4]

Franziskus heiratete nicht die Armut und auch nicht die Armen; er heiratete Christus, und aus Liebe zu ihm heiratete er, gewissermaßen „in zweiter Ehe“, Frau Armut. So wird es sich mit der christlichen Heiligkeit immer verhalten. Entweder wurzelt die Liebe zur Armut und zu den Armen in der Liebe zu Christus, oder die Armen werden auf Dauer instrumentalisiert, und die Armut verkümmert zu einer Polemik gegen die Kirche oder einer Zurschaustellung der eigenen höheren Vollkommenheit im Vergleich zu anderen Mitgliedern der Kirche, was leider auch bei manchen Schülern des Heiligen aus Assisi geschah. In beiden Fällen macht man aus der Armut die schlimmste Form von Reichtum: Man ist reich an Selbstgerechtigkeit.

2. Franziskus und die Reform der Kirche

Wie kommt es, dass ein so persönliches inneres Erlebnis wie die Bekehrung des jungen Franziskus zur Geburtsstunde einer Bewegung wurde, die seinerzeit das Gesicht der Kirche veränderte und bis heute einen so tiefen Einfluss auf die Geschichte genommen hat?

Es lohnt sich ein Blick auf den historischen Rahmen. Zur Zeit des heiligen Franz war die Erneuerung der Kirche ein Bedürfnis, das alle mehr oder weniger bewusst verspürten. Der Leib der Kirche erlebte damals schwere Spannungen und Konflikte. Da war auf der einen Seite die Institution Kirche – Papst, Bischöfe, höherer Klerus –, die durch innere Kämpfe und eine zu große Anlehnung an das Kaiserreich geschwächt war. Eine Kirche, die oft als fern empfunden wurde, deren Interessen zu weit über denen des Volkes standen. Dann waren da noch die großen religiösen Orden, die zum Teil, nach den Reformen des 11. Jahrhunderts (zum Beispiel die der Zisterzienser), eine prächtige geistige und kulturelle Blüte erlebten, aber leider mit den Großgrundbesitzern und Feudalherren gleichgestellt wurden und daher ebenfalls vom Volk, trotz ihrer physischen Nähe, wegen ihrer Anliegen und Lebensart als fern empfunden wurden.

Auf der anderen Seite gab es damals eine Gesellschaft, die anfing, aus dem Land in die Städte zu ziehen, auf der Suche nach mehr Freiheit und sozialer Beweglichkeit. Dieser Teil der Gesellschaft identifizierte die Kirche mit jener Führungsschicht, von der sie sich zu befreien versuchte. Deshalb sympathisierte das Volk leicht mit denen, die der Kirche widersprachen oder sie bekämpften: Ketzer, radikale oder pauperistische Gruppen; aber auch mit dem niederen Klerus, der oft geistig nicht auf der Höhe der Prälaten war, dem Volk aber näher stand.

Diese starken Spannungen versuchte jeder den eigenen Interessen zu beugen. Die Kirchenhierarchie versuchte die Spannungen abzubauen, indem sie ihre Organisation verbesserte und Missstände bekämpfte, sowohl in den eigenen Reihen (Kampf gegen Simonie und Konkubinat der Priester) als auch in der Gesellschaft. Die feindlichen Gruppierungen versuchten im Gegenteil diese Spannungen bis zur Explosion zu steigern, indem sie den Konflikt mit der Hierarchie radikalisierten und Bewegungen ins Leben riefen, die mehr oder weniger offen schismatisch waren. Viele nahmen das Ideal der urchristlichen Armut und Schlichtheit an, um daraus eine Waffe zu machen, statt es in Demut nachzuleben; manche gingen so weit, im Namen dieses Ideals sogar die Legitimität der Kirche, des Priestertums und des Papsttums in Frage zu stellen.

Wir sind es gewohnt, Franziskus als den Mann der Vorsehung zu sehen, der diese Erneuerungswünsche des Volkes aufgreift, von ihrer polemischen Sprengkraft befreit und sie in den Schoss der Kirche zurückführt, um sie dort zu verwirklichen. Franziskus als eine Art Vermittler zwischen rebellischen Ketzern und der institutionellen Kirche. In einem einschlägigen Handbuch der Kirchengeschichte ist zu lesen:

„Da Macht und Reichtum der Kirche oft als Quelle großen Übels angesehen wurden und die Häretiker daraus Argumente schöpften, um die Kirche zu bekämpfen, erwachte in manchen frommen Seelen der edle Wunsch, das arme Leben Jesu und der Urkirche wiederherzustellen, um damit durch ihr Beispiel mehr Einfluss auf das Volk nehmen zu können.“[5]

Diesen „frommen Seelen“ wird natürlich an erster Stelle, neben Dominikus, Franz von Assisi zugerechnet. Der protestantische Historiker Paul Sabatier, der der Erforschung der Geschichte des Franziskanerordens wirklich große Dienste geleistet hat, machte unter Historikern die These fast zur Lehrmeinung, dass Kardinal Ugolino (der spätere Papst Gregor IX.) es verstanden habe, Franziskus für die Kurie einzunehmen, wodurch er die kirchenkritische und revolutionäre Ladung seiner Bewegung entschärft habe. In der Praxis bedeutet diese Interpretation den Versuch, aus Franziskus einen Vorgänger Luthers zu machen, das heißt, einen Reformator durch Kritik statt durch Heiligkeit.

Ich weiß nicht, ob man manchen der großen Freunde und Förderer des heiligen Franz eine solche Absicht zuschreiben kann. Es fällt schwer, sie dem Kardinal Ugolino oder Papst Innozenz III. anzuhängen, der bekanntermaßen sehr reformfreudig war und verschiedene neue Formen des spirituellen Lebens unterstützte, darunter eben die Franziskaner, aber auch die Dominikaner und die Mailänder Humiliaten. Aber eines ist absolut sicher: Jene Absicht hat nie die Gedanken des heiligen Franziskus auch nur gestreift. Er hat nie geglaubt, dazu berufen zu sein, die Kirche zu reformieren.

Man muss vorsichtig sein, nicht voreilige Schlüsse aus den berühmten Worten zu ziehen, die Jesus vom Kreuz in San Damiano zu ihm sagte: „Franziskus, geh, und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät!“ Die Quellen versichern uns, dass Franziskus selbst sie mit großer Bescheidenheit dahingehend auffasste, er solle das baufällige Kirchlein von San Damiano in einem rein materiellen Sinn reparieren. Seine Schüler und Biographen waren es, die diese Worte – man muss sagen, nicht zu Unrecht – auf die Kirche als Institution bezogen. Franziskus selber blieb immer bei seiner wörtlichen Interpretation. Tatsächlich reparierte er noch andere verlassene Kirchen im Umkreis von Assisi.

Auch der Traum, in dem Innozenz III. angeblich den Armen von Assisi sah, wie er mit der Schulter die Lateranbasilika stützte und so vorm Einstürzen bewahrte, ändert nichts an dieser Tatsache. Selbst gesetzt den Fall, die Geschichte sei authentisch – etwas Ähnliches wird ja auch über den heiligen Dominikus erzählt –, so war es doch der Papst, der diesen Traum hatte, nicht Franziskus! Er selbst hat sich nie so gesehen, wie wir ihn heute in Giottos Fresken sehen. Genau das bedeutet es, ein Reformator durch Heiligkeit zu sein: Es wirklich zu sein, ohne es jedoch zu wissen!

3. Franziskus und die Rückkehr zum Evangelium

Wenn Franziskus nie vorhatte, ein Reformator zu sein, was dann wollte er sein und tun? Auch zu dieser Frage haben wir das Glück, die Antwort des Heiligen selbst in seinem Testament lesen zu können:

„Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand, was ich zu tun hätte, sondern der Höchste selbst hat mir geoffenbart, dass ich nach der Vorschrift des heiligen Evangeliums leben sollte. So habe ich es mit wenigen und einfachen Worten niedergeschrieben, und der Papst hat es mir bestätigt.“

Hier spielt Franziskus auf den Augenblick an, als er während der Teilnahme an einer Messe die Stelle des Evangeliums hörte, die sagt: „Und er sandte sie aus mit dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen. Er sagte zu ihnen: Nehmt nichts mit auf den Weg, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld und kein zweites Hemd“ (Lk 9,2-3) [6]. Diese Worte wurden für ihn zu einer jener Offenbarungen, die einem ganzen Leben eine neue Richtung geben können. Von jenem Tag an war ihm seine Mission klar: eine einfache und radikale Rückbesinnung auf das reale Evangelium, das Jesus gelebt und gepredigt hatte. Die Lebensform und den Lebensstil Jesu und der Apostel, so wie sie in den Evangelien beschrieben werden, in der Welt wiederherzustellen. Als Franz für seine Mitbrüder die Regel niederschrieb, begann er so:

„Regel und Leben der Minderen Brüder ist dieses, nämlich unseres Herrn Jesu Christi heiliges Evangelium zu beachten.“

Franziskus hat aus dieser Entdeckung keine Ideologie gemacht, kein Programm zur Kirchenreform. Er verwirklichte die Reform vielmehr in sich selbst und zeigte dadurch in Stille der Kirche den einzigen Weg, ihre Krise zu überwinden: sich auf das Evangelium zurückbesinnen, den Menschen und besonders den Armen wieder näher zu kommen.

Diese Rückbesinnung auf das Evangelium kommt besonders in den Predigten des heiligen Franz zum Ausdruck. Es mag überraschend sein, aber alle haben es bemerkt: Franziskus spricht fast immer von der Notwendigkeit, „Buße zu tun“. Von da an, berichtet Thomas von Celano, begann er mit großem Eifer und Begeisterung, Buße zu predigen, und er erbaute alle durch die Schlichtheit seiner Worte und die Großzügigkeit seines Herzens. Wo auch immer sie hinkamen, predigte, empfahl und bat Franziskus die Menschen, Buße zu tun[7].

Was meinte Franziskus mit diesem Wort, das ihm so am Herzen lag? In diesem Zusammenhang haben wir ihn missverstanden (ich zumindest habe ihn lange Zeit missverstanden). Wir haben seine Botschaft zu einer rein moralischen Aufforderung gemacht, als habe er den Menschen nahegelegt, sich auf die Brust zu schlagen, zu bereuen und Bußübungen auf sich zu nehmen, um ihre Sünden wiedergutzumachen. Tatsächlich aber hat diese Botschaft die ganze Tragweite des Evangeliums Christi. Franziskus hat die Menschen nicht aufgefordert, „Bußübungen“ zu tun, sondern „Buße“ zu tun, und das sind, wie wir gleich sehen werden, zwei völlig verschiedene Dinge.

Von den wenigen wohlbekannten Ausnahmen abgesehen, schrieb Franziskus in lateinischer Sprache. Und was finden wir, in der lateinischen Urversion des Testaments, an der Stelle, die wir übersetzt haben als: „So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen“? Wir finden den Ausdruck „poenitentiam agere“. Franziskus liebte es bekanntlich, sich mit denselben Worten auszudrücken, wie Jesus. Und jenes Wort – Buße tun – ist das Wort, mit dem Jesus zu predigen begann, und das er in jeder Stadt und jedem Dorf wiederholte, in das er sich begab:

„Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,14-15).

Das Wort, das wir heute mit „Kehrt um!“ übersetzen, lautet im Text der Vulgata, den Franziskus benutzte, „poenitemini“, und in Apg 2,38 noch ausdrücklicher: „poenitentiam agite“, tut Buße. Franziskus hat also nichts anderes getan, als den großen Aufruf zur Umkehr wieder aufzugreifen, mit dem das öffentliche Wirken Jesu in den Evangelien beginnt, und auch die Mission der Apostel am Pfingsttag.

Franziskus tat in seiner Zeit auch das, was man zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils mit dem Spruch „die Mauern einreißen“ meinte: die Isolierung der Kirche aufbrechen, sie wieder mehr in die Nähe der Menschen bringen. Einer der Gründe für die Verdunkelung des Evangeliums war die Verwandlung der kirchlichen Autorität, die nicht mehr als Dienst, sondern als Macht aufgefasst wurde, was zu unzähligen Konflikten in und außerhalb der Kirche geführt hatte. Franziskus löst das Problem für sich mit seiner Rückbesinnung auf das Evangelium. In seinem Orden heißen die Oberen „Minister“, was Diener bedeutet, und alle anderen heißen „Brüder“. Das war damals unerhört neu.

Eine weitere Trennwand zwischen der Kirche und dem Volk bestand darin, dass der Klerus und die religiösen Orden faktisch über ein Wissens- und Kulturmonopol verfügten. Franziskus ist sich dessen bewusst und bezieht auch hierzu radikal Stellung. Er hat nichts gegen das Wissen als solches, wohl aber gegen jenes Wissen, das zur Machtausübung wird; jenes Wissen, das den, der lesen kann, höher stellt als den, der nicht lesen kann, und es ihm erlaubt, zu sagen: „Trag mir mein Brevier!“ Während des berühmten „Mattenkapitels“ hielt er einigen Brüdern, die ihn dazu bewegen wollten, sich den gebildeten Orden der damaligen Zeit anzupassen, eine feurige Antwortrede, die, wie wir lesen, seine Mitbrüder erschreckte:

„Meine Brüder, Gott hat mich berufen, den Weg der Einfachheit zu gehen, und hat ihn mir gezeigt. Deshalb will ich nicht, dass ihr mir andere Regeln nennt, weder die des heiligen Augustinus, noch die des heiligen Bernhard oder des heiligen Benedikt. Der Herr hat mir geoffenbart, dass es sein Wille ist, dass ich für die Welt ein Wahnsinniger sei: Diese Wissenschaft ist es, die Gott uns zur Aufgabe gegeben hat! Er wird euch durch euer Wissen und eure Weisheit verwirren.“ [8]

Immer wieder dieselbe konsequente Einstellung. Franziskus wünscht für sich und seine Brüder die strengste Armut, aber er fordert sie in seiner Regel auch auf, „jene Leute nicht zu verachten oder zu verurteilen, die sie weiche und farbenfrohe Kleider tragen und sich auserlesener Speisen und Getränke bedienen sehen, sondern vielmehr soll jeder sich selbst verurteilen und verachten.“ [9] Genau in diesem Sinn entscheidet er sich auch dafür, ungebildet zu sein, ohne deshalb Wissen und Kultur zu verurteilen. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass das Wissen „den Geist des Betens und der Verehrung“ nicht auslöschte, erlaubte er selbst dem Bruder Antonius, sich dem Theologieunterricht zu widmen. Auch der heilige Bonaventura hatte nicht das Gefühl, den Geist des Ordensgründers zu verraten, als er den Orden für die Studien an den großen Universitäten öffnete.

Yves Congar sieht darin eine der Grundbedingungen für die „echte Reform“ innerhalb der Kirche, das heißt, für eine Reform, die sich nicht in ein Schisma verwandelt: die Fähigkeit, die eigene Intuition nicht zu verallgemeinern, sondern solidarisch zu bleiben mit dem Ganzen, das die Kirche ist. Die Überzeugung, wie Papst Franziskus in seinem jüngst erschienen Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ sagt, dass „das Ganze dem Teil übergeordnet“ ist.

4. Wie man Franziskus nachahmen kann

Was können wir heute aus der Geschichte des heiligen Franziskus lernen? Was können wir alle jetzt sofort an ihm nachahmen? Wir alle, sowohl die, die Gott beruft, die Kirche durch Heiligkeit zu erneuern, als auch die, die sich berufen fühlen, sie durch Kritik zu erneuern, und die, die er selbst dazu beruft, sie mittels des Amtes zu erneuern, das sie bekleiden? Dasselbe, was das geistige Abenteuer des heiligen Franz in Gang gesetzt hat: seine Bekehrung vom Ich zu Gott, seine Selbstverleugnung. Das ist die Weise, in der echte Reformatoren entstehen, solche, die wirklich etwas in der Kirche verändern. Die, die sich selbst gestorben sind. Oder besser: die, die ernsthaft den Entschluss fassen, für das eigene Ich nicht mehr da zu sein; denn an diesem Vorsatz muss man zeitlebens arbeiten, wenn es stimmt, was die heilige Teresa von Avila scherzhaft zu sagen pflegte: dass unsere Eigenliebe zwanzig Minuten nach uns stirbt.

Von einem heiligen orthodoxen Mönch, Siluan von Athos, stammt der Spruch: „Um wirklich frei zu sein, muss man zuerst sich selbst anketten.“ Menschen, denen das gelungen ist, genießen wahrhaft die Freiheit des Geistes; nichts kann sie mehr erschrecken oder aufhalten. Sie werden zu Reformatoren durch Heiligkeit, und nicht nur von Amts wegen.

Doch was bedeutet dieses Gebot Jesu zur Selbstverleugnung? Kann man es einer Welt, die nur noch von Selbstverwirklichung spricht, noch als Ideal vorschlagen? Eine Verleugnung hat ihren Sinn nie in sich selbst, ist nie für sich allein ein Ideal. Das Wichtige an ihr ist der Zweck, dem sie dient: „Wer mein Jünger sein will…“. Das ist das Ziel: Christus nachzufolgen, ihn zu besitzen. Sich selbst verleugnen ist nur ein Mittel; Christus bejahen ist das Ziel. Paulus formuliert es wie eine Art Gesetz des Geistes: „Wenn ihr durch den Geist die Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben“ (Röm 8,13). Wie man sieht, dient dieses Sterben dem Leben; wir stehen hier vor dem genauen Gegenteil jener philosophischen Anschauung, wonach das menschliche Leben darin besteht, dass wir „leben, um zu sterben“ (Heidegger).

Es geht um die Frage, worauf wir unsere Existenz gründen wollen: auf unser eigenes Ich, oder auf Christus; in der Sprache des Apostels Paulus ist es die Frage, ob wir „für uns selbst“ oder „für den Herrn“ leben wollen (vgl. 2 Kor 5,15; Röm 14,7-8). „Für sich selbst“ zu leben bedeutet, für die eigenen Annehmlichkeiten zu leben, oder für den eigenen Ruhm, oder auch für die eigene Vervollkommnung; „für den Herrn“ zu leben bedeutet, dass wir in unseren Absichten immer die Ehre Christi, die Interessen des Himmelreichs und der Kirche an die erste Stelle setzen. Jedes „Nein“, ob groß oder klein, das wir unserem Ich aus Liebe zu Gott sagen, ist ein Ja zu Christus.

Man muss nur Acht geben, dass man sich keiner Illusion hingibt. Es geht nicht darum, alles über die christliche Selbstverleugnung, ihre Schönheit und Notwendigkeit zu wissen; es geht darum, sie anzuwenden, sie in Tat umzusetzen. Ein großer antiker Meister des Geistes sagte einmal: „Es ist möglich, den eigenen Willen in kürzester Zeit zehnmal zu brechen, und ich sage euch, wie. Ein Mann geht spazieren und sieht zufällig etwas; da kommt ihm der Gedanke: ‚Da, schau hin!‘. Aber er antwortet seinem Gedanken: ‚Nein, ich schaue nicht hin!‘, und bricht damit seinen Willen. Dann trifft er andere, die über jemanden üble Dinge reden, und sein Gedanke sagt ihm: ‚Sag du auch, was du weißt!‘, er aber bricht seinen Willen, indem er schweigt.“ [10]

Dieser Wüstenvater nennt Beispiele, die aus seinem Mönchsleben gegriffen sind, aber man kann sie mit Leichtigkeit auf jedes Leben beziehen, auch auf das eines modernen Laien. Es wird dir vielleicht kein Aussätziger begegnen wie dem heiligen Franziskus, aber doch sicherlich ein Bettler, dem du schon ansiehst, dass er dich um eine Gabe bitten wird; der alte Mensch in dir möchte, dass du auf die andere Straßenseite wechselst, du aber tust dir Gewalt an und zwingst dich, auf ihn zuzugehen, auch wenn du ihm vielleicht nur einen Gruß und ein Lächeln schenkst. Es bietet sich dir die Möglichkeit zu einem unehrlichen Verdienst: Du lehnst ab, und schon hast du dich selbst verleugnet. Man hat dir widersprochen; im Eifer der Diskussion würdest du gern lebhaft weiter argumentieren; stattdessen schweigst du und wartest ab: Schon hast du dein Ich gebrochen. Du glaubst, dass man dir Unrecht getan hat, deine Verdienste nicht richtig anerkannt hat: Am liebsten würdest du dich gekränkt zeigen und in strafendes Schweigen hüllen. Stattdessen zwingst du dich, das Schweigen zu brechen, und nimmst mit einem Lächeln den Dialog wieder auf. Dadurch hast du dich selbst verleugnet und die Nächstenliebe gerettet. Und so weiter.

Ein Zeichen, dass man im Kampf gegen das eigene Ich einen guten Punkt erreicht hat, ist die Fähigkeit oder zumindest der Versuch, sich über das Gute zu freuen, das ein anderer getan hat oder einem anderen zuteilwird, als ob es uns selbst beträfe:

„Selig jener Diener“, schreibt Franziskus in einer seiner Aufforderungen, „den das Gute, das der Herr durch ihn sagt und wirkt, nicht mit mehr Stolz erfüllt, als das Gute, das er durch einen anderen sagt und wirkt.“

Ein schwieriges Ziel (ich spreche darüber gewiss nicht wie einer, der es erreicht hat!), aber die Geschichte des heiligen Franz von Assisi hat uns gezeigt, was aus einer Selbstverleugnung entstehen kann, die als Antwort auf einen Ruf der Gnade erfolgt. Das letzte Ziel ist, mit Paulus und mit Franziskus sagen zu können: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Dann wird vollkommene Freude und vollkommener Friede sein, schon in dieser Welt.

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FUSSNOTEN

[1] Y. Congar, “Vera e falsa riforma nella Chiesa”, Milano, Jaka Book, 1972, S. 194.

[2] Thomas von Celano, Vita Prima, VII, 17 (FF 348).

[3] Vgl. Thomas von Celano, Vita Secunda, V, 9 (FF 592).

[4] vgl. Thomas von Celano, Vita prima, III, 7 (FF, 331).

[5] Bihhmeyer – Tuckle, II, S. 239.

[6] Legenda dei tre compagni VIII (FF 1431 s.).

[7] FF, 358; 1436 s.; 1508.

[8] Legenda perugina 114 (FF 1673).

[9] Bullierte Regel, Kap. II.

[10] Dorotheos von Gaza, Geistige Schriften, I,20 (SCH 92, S.177).