Franziskus im Heiligen Land: die geopolitische Bedeutung seiner Pilgerreise

Interview mit General Giovanni Marizza

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 181 klicks

Anlässlich des historischen Treffens zwischen Papst Franziskus und den Präsidenten Israels Shimon Peres und Palästinas Mahmoud Abbas führte ZENIT ein Gespräch mit General Giovanni Marizza. Dieser war Vizekommandant der multinationalen Streitkräfte im Irak und wirkt als Dozent für Geopolitik und Krisenmanagement.

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General Marizza, welche Bedeutung ist dem Besuch des Papstes im Heiligen Land aus geopolitischer Perspektive zuzuschreiben?

Marizza: Aus meiner Sicht besteht die Bedeutung in einer ausdrücklichen Kräftigung der Position des Heiligen Stuhls. Diese entspricht der Anerkennung des Existenzrechts Israels sowie des Rechtes Israels auf Frieden und Sicherheit innerhalb der international anerkannten Grenzen, des Rechtes des palästinensischen Volkes auf einen souveränen und unabhängigen Staat, des Rechtes auf Bewegungsfreiheit der Bürger beider Länder, des Rechtes auf ein Leben in Würde und letztendlich – aber nicht von geringerer Priorität – des heiligen und universellen Charakters der Stadt Jerusalem und ihres kulturellen und religiösen Erbes als Wallfahrtsort für Anhänger aller drei großen monotheistischen Religionen. Im Wesentlichen entspricht dies jenem Stellenwert, den die UNO bereits 1947 prognostiziert hat.

Im Jahr 1904 begegnete Pius X. Theodor Herzls Anliegen um Unterstützung bei der Errichtung einer jüdischen Heimat in Palästina mit einer entschiedenen Ablehnung. Papst Franziskus hat als erster Papst am Grab des israelischen Patrioten eine Geste der Verehrung ausgeführt: Kennzeichnet dies eine neue Haltung des Heiligen Stuhls zum Zionismus?

Marizza: Ja, die Haltung des Heiligen Stuhls ist neu, aber nicht revolutionär. Es vollzieht sich eine zwar langsame aber bedeutende Entwicklung in den gegenseitigen Beziehungen, die von Johannes Paul II. im Jahr 1999 mit der Bezeichnung der Juden als „unsere älteren Geschwister“ eingeleitet wurde, deren Glauben nicht außerhalb sondern innerhalb des christlichen Glaubens zu finden sei. Nun setzt Papst Franziskus diesen Weg mit neuen Öffnungen fort, um die festgefahrenen Positionen und das stumpfe Unverständnis der Vergangenheit zu überwinden.

Der Heilige Stuhl begrüßte die Entscheidung der UNO, Palästina einen Beobachterstatus zuzuerkennen, doch zum ersten Mal hat ein Papst ausdrücklich von „zwei Völkern und zwei Staaten“ gesprochen.

Marizza: Die „Zwei Völker-zwei Staaten“-Lösung ist die politisch korrekteste und entspricht im Großen und Ganzen dem Wunsch aller Beteiligten, doch die Schwierigkeit ihrer Umsetzung ist unleugbar. Die Palästinenser glauben am wenigsten daran. Sie sind sich darüber im Klaren, dass ein allfälliger Staat nicht länger als ein paar Stunden überleben würde, d.h., bis zum ersten Beschuss mit Quassam-Raketen aus dem Gazastreifen.

Nur wenige Stunden?

Marizza: Meines Erachtens ja. Die Hassaktionen Palästinas gegen Israel gehen heute auf die individuelle Verantwortung eines einzelnen Terroristen/Patrioten (je nach der Perspektive) oder einer einzelnen Zelle zurück und die militärische Reaktion des jüdischen Staates ist zwangsläufig lokal, selektiv und gezielt. Nach der Errichtung einer staatlichen Entität würde die Verantwortung für die Aktionen jedoch auf diese zurückfallen. Aufgrund ihrer extremen Vulnerabilität würde sie daher insgesamt neutralisiert werden.

Wie hoch ist der Einfluss der unnachgiebigen Flügel auf die Verhandlungen zwischen Israel und Palästina?

Marizza: Die Abfolge der Treffen wird immer genauestens und rechtzeitig von allen Rechtsnachfolgern abgestimmt. Daher können wir uns sicher sein, dass sie von allen Israelis und Palästinensern genehmigt wurde. Leider waren die extremistischen Flügel immer einflussreich und hatten insofern immer ein leichtes Spiel, als ihnen bewusst ist, dass ein Gewaltakt im Vorfeld der Verhandlungen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Unterbrechung derselben führen wird. Ferner hatten die Verhandlungsführer beider Parteien nicht immer die Weisheit Shimon Peres, der immer das Prinzip hochgehalten hat, Verhandlungen zu führen, als ob der Terrorismus nicht existierte und den Terrorismus zu bekämpfen, als ob die Aushandlung nicht existierte.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde eine Abwanderung von Christen aus dem Mittleren Osten beobachtet. Welche Haltung nimmt der Heilige Stuhl angesichts dieses Phänomens ein?

Marizza: Es gibt zwei mögliche Herangehensweisen an die Lösung dieses Problems: Entweder, man erhebt den Anspruch auf das Prinzip der Gegenseitigkeit (wir behandeln unsere muslimische Minderheit nur dann gut, wenn ihr euch gegenüber eurer christlichen Minderheit ebenso verhält), oder man setzt auf die Valorisierung der gemeinsamen Abstammung der drei monotheistischen Religionen von einem Vater: Abraham. Die Kirche von Papst Franziskus hat den zweiten Ansatz angewendet. Dieser ist schwerer umsetzbar und komplizierter, führt auf lange Sicht jedoch zu konkreteren Ergebnissen.

Denken Sie, dass die Begegnung mit dem orthodoxen Patriarchen Bartholomäus die Grenzen des Dialogs mit dem östlichen Christentum neu definieren kann?

Marizza: Das Treffen mit dem Patriarchen Bartholomäus hat die Aussicht auf eine Annäherung zwischen den beiden Kirchen bedeutend konkretisiert. Mit seinem direkten Engagement anstelle der Einrichtung einer Arbeitsgruppe oder eines technischen Ausschusses für die Erörterung der Frage hat der Papst eine gute Entscheidung getroffen, denn die zu lösenden Schwierigkeiten stehen immer in umgekehrter Relation zum Niveau der Begegnungen (In den Gebäuden der öffentlichen Verwaltung der halben Welt kursiert folgender Satz: „Wollt ihr, dass das Problem dieses oder jenes bleibt? Dann richtet eine Arbeitsgruppe ein!“). Ein gemeinsames Datum für das Osterfest könnte zu einem außergewöhnlichen Katalysator für die Überwindung zahlreicher weiterer Hindernisse werden und so einen positiven Prozess in Gang setzen, der im Rahmen der Annäherung überaus positive Resultate nach sich zieht.

Lässt sich der Friede im Heiligen Land ihrer Meinung nach verwirklichen?

Marizza: Die Initiative des Gebetstreffens am 8. Juni ist äußerst begrüßenswert, doch wahrer und beständiger Friede im Heiligen Land wird niemals möglich sein. Paradoxerweise ist die Verantwortung für dieses angekündigte Scheitern zu einem großen Teil der UNO zuzuschreiben. So wurde auf der 1949 abgehaltenen Generalversammlung der Vereinten Nationen festgelegt, dass weltweit nur palästinensische Flüchtlinge den „weitervererbten Flüchtlingsstatus“ erhalten. Während diese Maßnahme (die im Übrigen eine Diskriminierung allen anderen Flüchtlingen gegenüber darstellt) darauf abzielte, der Causa Palästina Sichtbarkeit und Bedeutung zu verleihen, hat die ideologische Kurzsichtigkeit der UNO den Bestrebungen jener, die Israel im Jahre 1948 verlassen haben, in Wahrheit einen Todesstoß versetzt. Aus diesen ursprünglich etwa 500.000 Menschen wurden nach dem bizarren UNO-Beschluss bereits 5 Millionen. Die „Rückkehr“ einer derartigen Zahl von Menschen – 2030 möglicherweise 10 Millionen – ist für Israel aus offensichtlichen Gründen vollkommen unannehmbar.