"Fremde" vergangene Sünden bereuen?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 285 klicks

Nicht nur einmal im Gespräch mit den Freunden Laien und Priestern wird Kritik am Papst Johannes Paul II. laut: weil er immer wieder zur Vergebung der Schuld anregt, die unsere Vorfahren im Laufe der lezten tausend Jahre verursacht haben, und die uns noch immer belastet. In diesem Jubiläumsjahr möchte er, dass wir diese böse „Erinnerung“ (Memorie) „durchreinigen“, dass wir die schwarze Seite unserer Geschichte schließen und eine neue öffnen, rein in der Wahrheit, unschuldig in der Gerechtigkeit, Solidarität und Liebe. Es gibt welche, die Angst haben, dass uns das schaden könnte wegen Ansturm der Journalisten und der Massenmedien auf die Katholische Kirche, und die Moslem, Juden, Orthodoxe, Protestanten wären „OK“. Während wir bereuen, weden sie uns auslachen, und wie viel haben wir ihretwegen gelitten? Das könnte in jungen Menschen den Glauben erschüttern, weil sie noch nicht in der Lage sind, die Umstände und die Zeiten zu beurteilen, wann und warum sich etwas ereignet hat und warum Menschen aus der Kirche sich daran beteiligt hatten.

Kollege Priester

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Die Frage ist sehr schwierig, und es gibt viele Deutungen. Gehen wir das Problem in Ruhe an mit einer Zergliederung: Worum geht es eigentlich? Ist das Vorgehen gerechtfertigt? Hat die Kirche auch vor diesem Papst um Vergebung gebeten? Worin besteht die „Neuigkeit“ dieses Papstes? Das sind erst einige Rahmenfragen. Überlegen wir das für einen Augenblick gemeinsam.

1.  Wovon ist eigentlich die Rede? Papst Johannes Paul II., würde ich sagen, geht in dieser Sache prophetisch vor, vielleicht ein wenig auch poetisch, aber tiefgreifend christlich und nach dem Evangelium. Er möchte, dass dieses Jahr 2000, das Jahr des großen Jubiläums, zu einem Jahr der allumfassenden Versöhnung wird. Zu diesem Zweck spricht er im Schreiben Das Geheimnis der Fleichwerdeung (1998) unter den sechs Zeichen der Bekehrung auch von der „Reinigung der Erinnerung“. Er will, dass wir eigenes und gemeinsames Gewissen von der Rache, vom Hass, von der Gewalttat, von allem, womit uns die Geschichte belastet, befreien, und nachdem wir diese Auflagerungen abgeworfen haben, im Lichte der Lehre Christi von der Vergebung, den Gegnern und den Feinden vergeben und sie um Vergebung bitten, und uns auf dies Weise auf den Weg der echten evangelischen Bekehrung machen und der ganzen Welt Beispiel geben, wie man sich verhalten soll. Das würde bedeuten, das „wahre Antlitz der Kirche“ zu zeigen und zu einem authentischen Zeugnis des Evangeliums fähig zu sein. Einen ähnlichen Prozess müssen unsere heutigen Schwächen durchlaufen, die nicht selten ein Ergebnis der bösen Erinnerungen aus der Vergangenheit sind, und die uns auch weiterhin belasten und zu einem schlechten Verhalten den anderen gegenüber führen.

Gewiss, muss die „Reinigung der Erinnerung“ eine ernsthafte und ehrliche Erforschung des Gewissens sein, schwierig wegen unseres inneren Widerstandes. Das ist ein Akt der Tugend der Stärke und die Gabe des Mutes des Heiligen Geistes, besonders der Akt der Demut, weil wir um Vergebung bitten wegen jener Katholiken, die tatsächlich Böses getan haben. Wir tragen keine persönliche Verantwortung, aber wir sind alle Glieder desselben Mystischen Leibes Christi, und so wie wir Teilhaber der Heiligkeit dieses Leibes sind, sind wir auch Teilhaber der Schwächen, die in ihm verursacht werden. Das ist der Grund, warum der Papst im gleichen Schreiben auffordert: „In diesem Jahr der Barmherzigkeit Gottes verlange ich, dass die Kirche auf die Knie fällt und um die Vergebung der vergangenen und der jetzigen Sünden ihrer Söhne bittet“ (Nr 11). Und dabei erwarten wir Katholiken kein Entgegenkommen von der anderen Seite, obwohl die Vergebung unter den Brüdern gegenseitig sein sollte. Wir möchten nur „in der Liebe Christi, die in unsere Herzen ausgegossen ist“ (Röm 5, 5) stark sein. Das bedeutet, Zeugnis geben vom echten Glauben (nicht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer), ein gutes Beispiel für alle, Genugtuung dem Herzen Jesu und große Ehre, die wir Gott in diesem Jubiläumsjahr, am Anfang des dritten Jahrtausends, erweisen können.

2.  Ist dieses Vorgehen gerechtfertigt? Aus dem Gesagten sieht man, dass es gerechtfertigt ist, weil es eminent im Geiste des Evangeliums ist. Aber erinnern wir uns daran, dass es diesbezüglich drei Stellungnahmen gibt.

Erstens, es gibt solche, die von der „Reinigung der Erinnerung“ dasselbe denken wie der Papst: sie stimmen mit seinen Anregungen überein, sie organisieren Zusammenkünfte, Konferenzen, schreiben Ermunterungsartikel, und manche Bischofskonferenzen haben sich beeilt, andere Bischofskonferenzen um Vergebung für frühere Mißstimungen zu bitten (Deutsche – Franzosen). Sogar manche Regierungschefs, gewiss nicht aus religiösen, sondern aus gesellschaftlich-politischen Gründen, tun dasselbe. Sie sind bereit, zum internationalen Gericht wegen eines gerechten Urteils zu ziehen. Es handelt sich also nicht um etwas Unreales, um reine Rhethorik. Wir Katholiken glauben an die Kraft der Wahrheit, die dieser Papst besitzt und der sie bezeugt, indem er nach der Vergebung der Schuld, die in diesem Jahrhundert begangen wurde, sucht. Angesehene Persönlichkeiten begrüßen diese Haltung als das Zeichen einer neuen Vitalität und Beweis der Autenzität der Kirche Christi und Erfrischung der wahren Christusgläubigen. Scharfsinnige Geister meinen, dass es hier um eine keinesfalls leichte „Unterscheidung der Geister“ handelt, auf was uns für andere Bereichte die Heiligen Baldovin und Ignatius aufmerksam machten.

Zweitens, es gibt andere, die negativ dazu stehen, und die meinen, dass dadurch die Heiligkeit der Kirche in ihren Fundamenten erschüttert wird, dass sie sogar ausradiert wird. Das ökumenische Prinzip, das hier herrscht, um die Hindernisse zu entfernen und zur Einheit hin zu streben, die Christus für seine Kirche befohlen hat (Joh 17, 21; Eph 4, 4-5; UR 1-4), erstreckt sich nun auch auf andere konfessionelle und nichtkonfessionelle Bereiche. Die Einzelheiten nicht erwähnend, klagen wir uns eigentlich an für die Schuld, die wir auf uns geladen haben bei den Kreuzzügen gegen die Moslems und die Albigenese, in den Kriegen gegen die Protestanten, bei der Eroberung von Amerika und Zwangschristianisierung der Indios, beim Verkauf der afrikanischen Sklaven… Es wird aber vergessen, dass die christlichen Herrscher die Völker vor der Aggression der Araber, Mongolen, Türken verteidigen mussten, und zwar Jahrhunderte lang. Hätten die Christen sich nicht mit Waffen verteidigt, ist die Frage, wie heute die Welt ausschauen würde. Und dann, warum die Menschen der Hierarchie sich nicht für ihre Schwächen anklagen (Inquisition, Savonarola usw.)? So gießen wir das Öl auf das Feuer der Kritiker: sie reiben sich die Hände, und führen die jungen Menschen von einer „solchen sündigen Kirche“, die „nicht mehr begeistern kann“ weg.

Drittens, es gibt schließlich auch solche, die sich zurückhalten, die einer Schwarz-weiß- malerei der Vergangenheit nicht zustimmen. Unsere christliche Vergangenheit ist“grau“, sagen sie, weil wir Sünder sind, aber das ist Vergangenheit der „wahren, einen und heiligen Kirche Christi“. Sie akzeptieren die Schuld der Söhne der Kirche, sie verhalten sich kritisch demgegenüber, was war, sie verurteilen in der Kirche das, was auch die aktuelle Welt verurteilt. Sie lassen doch nicht zu, dass die Kirche allein an allem schuld wäre, und dass sie allein auf die Knie fallen müsste. Sie sind mit denen zum Dialog bereit, die sich heute noch immer verwundet fühlen wegen der vergangenen Wunden, die ihenen zugefügt wurden, und die sie den Söhnen der Kirche zuschreiben. Die „Reinigung der Erinnerung“ kann nicht bedeuten, dass die Kirche darauf verzichtet, die offenbarte Wahrheit des Glaubens und der Moral zu verkünden, die ihr von Christus anvertraut wurde. Es wird dementsprechend eine vertiefte und ehrliche Reflexion über alles, demütiges Bekenntnis der Sünden und der Schuld verlangt: „um Vergebung bitten und vergeben“, aber gegenseitig.

3.  Hat die Kirche vor diesem Papst um Vergebung gebeten? Ja, nur nicht auf die gleiche Weise. Die Geschichte verzeichnet eine gewisse Entwicklung. Bonifazius VIII. (1300) vergibt besondere Ablässe von einem eigenen Charakter für fromme Wallfahrten der Gläubigen zum Grab des hl. Petrus und Paulus. Klemens VI. (1343) setzt Jubiläumsjahr alle fünfzig Jahre ein zum Zweck der „Möglichkeit des Wachstums im spirituellen Leben, in Vergebung und Freude“. Benedikt XIV. (1774) spricht vom „Jahr der Genugtuung, der Vergebung und der Erlösung, der Gnade, der Vergebung der Sünden und des Erlasses der Sündenstrafen“. Doch, in keinem der bisherigen Jubiläen hat die Kirche eventuelle vergangene eigene und gemeinsame Schuld erwähnt, und sie hat auch kein Bedürfnis danach gespürt, Gott um Vergebung der ehemaligen Fehler ihrer Söhne zu bitten.

Ein besonderes Beispiel haben wir in Hadrian VI. (1522), der die „Verantwortung, Missbräuche und Verletzungen der Pflichten des römischen Hofes“ seiner Zeit erwähnt, eine „tiefverwurzelte und fortgeschrittene Krankheit“, die sich „vom Kopf bis zu den Gleidern“ ausgebreitet hat. Der Papst bedauert die gegenwärtigen Sünden, besonders seines unmittelbaren Vorgängers, Leo X. (+1521) und seiner Kurie, wahrscheinlich auch die des Alexanders VI. (+1503), dann die des Julius II. (+1513), ohne eine Bitte um Vergebung eingeschlossen zu haben. Bei der Eröffnung der zweiten Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1963) bittet Paul VI. „um Vergebung vor Gott und vor den getrennten Brüdern“, während er auch selbst bereit ist, die erlittenen Verletzungen zu verzeihen. Es war nur die Rede von der Spaltung unter den Christen und in Erwartung einer positiven Antwort auch von der anderen Seite. Auch die Konzilsväter bitten die getrennten Brüder um Vergebung, „wie auch wir unseren Schuldigern vergeben“ (UR 7). Vom theologischen Aspekt her, unterscheidet das Zweite Vatikanische Konzil zwischen der unerschütterlichen Treue der „heiligen und immer der Reinigung bedürftigen“ Braut Christi, „ohne Makel“, gegenüber, einerseits, und den Schwächen ihrer Glieder der Klerikel und Laien, wie früher, so auch heute, andererseits (GS 43; LG 8).

4.  Hier ist bereits die Neuheit der Art des Johannes Paul II. zu erkennen. Er lässt sich von den ökumenischen Kriterien leiten. Die Kirche ist heilig, wir aber nich: wir sündigen persönlich und verletzen andere, wie in der Vergangenheit so auch jetzt. Er unterscheidet zwischen der Autorität der Kirche, die sie von Christus her hat, und den Schwächen derer, die diese Autorität tragen, nach dem Wort der Schrift: „Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen“ (Mt 23, 2-3). In den letzten Jahren bittet er bei vielen Anlässen alle um Vergebung, die durch die üblen Taten der Söhne der Kirche verletzt worden sind, besonders im Schreiben Im Anbruch des dritten Jahrtausend (1994).

In jedem Fall, wurde am 2. März 2000, beim feierlichen Amt, in der Homilie, der geschichtliche Gipfel erreicht, in der das Dokument der Internationalen theologischen Kommission Erinnerung und Versöhnung folgte: Die Kirche und die Schuld der Vergangenheit, veröffentlicht Anfang März 2000 und verfasst zum theologischen Verständnis der Bitte um Vergebung. Der Papst bittet: „Vergeben wir, und bitten wir um Vergebung!“ Er führt einen starken Satz des Konzils an: „Die Wahrheit drängt sich nicht anders auf, als durch die Kraft der Wahrheit selbst, die zur gleichen Zeit mild und stark in die Seele eindringt“ (DH 1). Er klagt niemanden an, denn nur Gott kennt das Gewissen jedes Einzelnen. Der Papst möchte in der Liebe Christi alle umarmen, und zum Zeichen hat er sich zum wundertätigen Kreuz begeben und hat den Gekreuzigten im Namen aller umarmt.

Gewiss, damit haben wir das Dokument Erinnerung und Versöhnung nur berührt, während man über den Inhalt noch reden muss, denn es gibt Punkte, mit denen manche Katholiken nicht auf Anhieb einverstanden sind. Es ist wichtig, das Evangelium als Kriterium anzunehmen: die Forderung des Gehorsams dem Glauben und der Moral gegenüber, in der Wahrheit Christi, in der einen heiligen Katholischen Kirche wird nicht erschüttert, sondern wird durch das Vorgehen des Papstes gereinigt, bestätigt und bekräftigt.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung,  Split, 2004, Seiten 354-357)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.