„Freude, die von Gott kommt“: Bischof Hofmann über den heiligen Pfarrer von Ars

Abschlussandacht bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda

| 2681 klicks

FULDA, 24. September 2009 (ZENIT.org/DBK.de).- Wir veröffentlichen das Manuskript der Predigt, die Bischof Dr. Friedhelm Hofmann (Würzburg) heute, Donnerstag, in der Schlussandacht zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Fuldaer Dom gehalten hat.

Bischof Hofmann sprach über die Strahlkraft des heiligen Pfarrers von Ars, dem das aktuelle Priesterjahr in besonderer Weise gewidmet ist. „Was war das Geheimnis seines Erfolges? Wieso bekehrte er nicht nur seine Pfarrgemeinde, sondern machte weit über die Grenzen Frankreichs auf sich aufmerksam? Um sich diesem ‚Wunder' zu nähern, müssen wir einen Blick auf die gläubige Persönlichkeit dieses Priesters werfen, die rationale Gründe durchbricht und in den Raum des Supranaturalen führt.“

Bischof Hofmann verwies vor allem auf die große Christusliebe des Heiligen.

* * *

Liebe Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt,

verehrte, liebe Schwestern und Brüder im Herrn.

Zur Zeit arbeiten über 400 000 Priester und Missionare weltweit in der Evangelisation. Vor ca. 1300 Jahren, als unser Land missioniert wurde, waren es vergleichsweise wenige, beispielsweise neben den heutigen Tagesheiligen Rupert und Virgil im Salzburger Land, hier bei uns der Hl. Bonifatius und etwa 100 Jahre früher in Franken die irischen Glaubensboten Kilian, Kolonat und Totnan. Heute noch leben wir aus dem Glaubensfundus, den sie zugrunde gelegt haben.

Unser Heiliger Vater hat anlässlich des 150. Todestages des heiligen Pfarrers von Ars, Jean Marie Vianney, ein Priesterjahr ausgerufen, das bewusst den Blick auf das Geschenk des Priestertums lenken soll. Die Krise der Kirche ist auch immer eine Krise der Priester. Der Mangel an Berufungen hat sicherlich auch etwas mit dem Rückgang der Strahlkraft von einzelnen Priestern zu tun. Darum kann uns der Blick auf diese ungewöhnliche Gestalt des Priesters, der „klein von Gestalt (war), hager und (von) einer linkischen Unbeholfenheit "[1] offensichtlich äußerlich gar nichts Faszinierendes hatte, auf das Wesentliche zurückführen.

Es war eine turbulente Zeit als der kleine Jean Marie Vianney 1786 als Kind einfacher Bauern in der Nähe von Lyon geboren wurde. Die erste Heilige Kommunion empfing er hinter verschlossenen Fensterläden, denn der Glaube durfte öffentlich nicht praktiziert werden. Bis zum 17. Lebensjahr war er noch Analphabet und arbeitete auf dem Bauernhof mit. Er war aber keineswegs auf den Mund gefallen, sondern offen und zupackend. Seine Liebe zum Priesterberuf wurde so stark, dass er alle Schwierigkeiten überwandt - und dank einiger weitsichtiger Priester und des zuständigen Bischofs - im Alter von 29 Jahren zur Priesterweihe zugelassen wurde.

In Frankreich hatte die Revolution viele Opfer gefordert und - wie Papst Benedikt XVI. schreibt - im nachrevolutionären Frankreich eine Art „Diktatur der Vernunft"[2] geschaffen. Doch die Gestalt dieses heiligen Priesters steht ganz konträr zu seiner Zeit.


Man vertraute ihm als Pfarrer nur ein abgelegenes kleines Dorf mit ca. 230 Seelen an. Sicherlich gab es auch da noch einige fromme Katholiken, aber im Grunde lebten die Menschen den üblichen Zeitgeist. Der Bischof warnte den neuen Pfarrer: „Es gibt in dieser Pfarrei nicht viel Liebe zu Gott; Sie werden sie dort einführen."[3] Und er tat es!

Was war das Geheimnis seines Erfolges? Wieso bekehrte er nicht nur seine Pfarrgemeinde, sondern machte weit über die Grenzen Frankreichs auf sich aufmerksam? Um sich diesem ‚Wunder' zu nähern, müssen wir einen Blick auf die gläubige Persönlichkeit dieses Priesters werfen, die rationale Gründe durchbricht und in den Raum des Supranaturalen führt.

Zunächst fällt seine Christusliebe auf. In seiner Berufung zum Priestertum identifizierte er sich völlig mit Christus. Durch die Weihe sah er sich untrennbar mit ihm verbunden. Er wurde wirklich in dem Sinne ein „zweiter Christus" wie der Heilige Paulus sagte: „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden. Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir." (Gal 2,20)

Der Heilige Pfarrer von Ars war sich dabei seiner Unbedeutendheit und seiner Unvollkommenheit durchaus bewusst, aber gerade deshalb hatte er die größte Hochachtung vor dem Geheimnis des Priestertums. So sagte er: „Wenn wir Glauben hätten, würden wir Gott im Priester verborgen sehen wie ein Licht hinter dem Glas, wie den mit Wasser vermischten Wein."[4]  Aus dieser Grundhaltung lebte er. Und so suchte er die Nähe Gottes, wo es möglich war: Im Gebet, in der Anbetung, in der Feier der Heiligen Messe. Die Menschen sahen ihn mehr in der Kirche als zu Hause. Er feierte die Heilige Messe so - wie ich es einmal in einer Sakristei über dem Ankleidetisch gelesen habe - „als ob es die erste, die einzige und die letzte Heilige Messe" wäre.

Die Menschen erlebten seine tiefe Ergriffenheit, seinen freudigen kindlichen Blick zum Tabernakel, sein Präsentbleiben in der Gegenwart des Herrn.

Des weiteren machte er durch seine Predigten auf sich aufmerksam. Die Menschen sogen seine Worte auf. Wenn man seine Predigten heute liest, ist man über die einfache Sprache und die leichte Verstehbarkeit seiner Gedanken erstaunt. Die Verkündigung verbindet sich zutiefst mit seiner Person. Er steht ganz hinter der Botschaft zurück, versteht sich nicht als ‚Herr' des Wortes, sondern als dessen Diener. Er weiß, dass er nur die ‚Stimme' des Wortes ist, nur der Resonanzboden, und dass, wie Papst Benedikt XVI. schreibt: „im Primat der Verkündigung Wort und Zeichen untrennbar sind."[5] Bei ihm können wir sehen, dass die Teilhabe am Opfer Christi auch die Verkündigung glaubwürdig macht. Wie oft mag der Heilige Jean Marie Vianney mit Christus gebetet haben: „Nicht was ich will, sondern was du willst" soll geschehen"[6].

Weil dieser Heilige wusste, dass der Priester immer in und mit Christus für die Menschen da sein muss, setzte er sich über die Anbetung und die Verkündigung hinaus aktiv für den Menschen ein. Er verbrachte vielmehr so viele Stunden im Beichtstuhl zu, dass man sagen kann, dass es eine „einzige innere Bewegung - vom Altar zum Beichtstuhl"[7] gegeben hat. Man nannte später gar Ars „das große Krankenhaus der Seelen"[8].

In dieser Aufgabe des Guten Hirten, für die er sicherlich besonders mit der Gabe der Einfühlsamkeit und der Tiefensicht der vorgetragenen Schuld begabt war, opferte er sich täglich bis zu 16 Stunden auf. Auch damals hatte er am Anfang kein Gedränge vor dem Beichtstuhl. Je mehr jedoch die Menschen durch ihn erfuhren, wie sehr Gott sie liebte und wie sie durch die Sündenvergebung neue, freie Menschen wurden, desto mehr strömten sie herbei, aus ganz Frankreich, ja, schließlich sogar aus den verschiedensten Ecken Europas.

Die innere Motivation für seine Ausdauer im Beichtstuhl erklärte er selber: „Nicht der Sünder ist es, der zu Gott zurückkehrt, um ihn um Vergebung zu bitten, sondern Gott selber läuft dem Sünder nach und lässt ihn zu sich zurückkehren."[9]

Dabei war es nicht so, als ob dieser heilige Pfarrer, der die Herzen der Menschen erreichte und dank Christi Handeln auch veränderte, vollends erfüllt und zufrieden gewesen wäre. Die vielen pfarrlichen und sozialen Aufgaben, die er wahrnahm, konnte und wollte er nicht allein bewältigen. Er forderte die Gläubigen auf, selbst tatkräftig an den vielen von ihm gegründeten Sozialeinrichtungen mitzuarbeiten. Man denke nur an die Bildungseinrichtungen für Kinder, eine Mädchenschule und das Waisenhaus Providence.

Und doch: Obwohl er sich bewundernswert in seelsorglichen und in sozialen Aufgaben tatkräftig und phantasiereich engagiert hatte, ist überliefert, dass er viermal versuchte, seiner Gemeinde zu entfliehen. Er kannte die Versuchung, sich der großen Verantwortung, die sein priesterliches Umfeld mit sich brachte, zu entziehen, nur zur gut. Wie gerne wäre er in ein beschauliches Kloster gegangen, um ganz und gar für Gott im Gebet bereit zu sein.

Er wusste aber auch um die Versuchung des Hirten, sich an den Zustand der Sünder zu gewöhnen und einfach nachzugeben. Deshalb pflegte er mit Wachen, Fasten und Selbst-Kasteien eine strenge Askese. Einem Mitbruder verriet er einmal: "Ich gebe den Sündern eine kleine Buße auf, und den Rest tue ich an ihrer Stelle."[10]

Vielleicht werden nun einige sagen: Das mag ja damals gut und richtig gewesen sein. Aber hat sich die Welt bis heute nicht sehr verändert? Kann die Haltung dieses Pfarrers wirklich für uns Vorbild sein?

Sicherlich haben sich die historischen und sozialen Umstände geändert. In unserer globalisierten Welt haben wir neben den Problemen aus der Zeit des Pfarrers von Ars auch neue. Dazu gehört die weitgehende Entsakralisierung unseres Lebensumfeldes und statt dessen die zunehmende Akzeptanz des Funktionalen.

Dieser Versuchung können auch die Priester unterliegen. Die Angst: „Wir schaffen das ja doch nicht alles", vermag zu lähmen.

Bei einer wachsenden Aufgabe, auch unsere nächste Umgebung wieder neu zu missionieren, bei dem Zuwachs an pastoralen Pflichten - etwa in den Pfarreiengemeinschaften - und dem Erfahrenmüssen der eigenen Schwäche und Begrenzung der Priester, vermag auch bei den Gläubigen die sakramentale Einbindung des Priestertums in Jesus Christus als ihre eigentliche Kraftquelle in den Hintergrund zu treten. Dabei verbindet sich diese tiefe Gemeinschaft mit Christus immer mit den Aufgaben des Priesters als Resonanzboden Jesu Christi, auch Verkündigung und Sakramentenspendung mit dem eigenen Leben und Handeln in Einklang zu bringen. Die Verkündigung des kommenden Gottesreiches in unsere kleine Alltagswelt muss sicherlich einhergehen mit der Erfahrung, dass die Zeichen und Wunder, die Jesus als Erfahrungshintergrund dieser verkündeten  Realität ermöglichte, auch bei uns nachvollziehbar werden. Dazu gehört, dass sich der Priester mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn voll identifiziert und angemessen  auch die ‚evangelischen Räte' - Armut, Keuschheit und Gehorsam - lebt und damit Zeichen des anbrechenden Gottesreiches frei gibt. Ich bin überzeugt, wir haben heute viel mehr Möglichkeiten, die Frohbotschaft aufstrahlen zu lassen, als uns dies unter der täglichen Last bewusst wird. Ein solcher Weg der Zeugenschaft ist heute gefragt. Mehr als die beeindruckende Wissenschaft vermag das persönliche Zeugnis das Herz der Menschen zu erreichen. Auch die Missionare, in deren Tradition wir stehen, die Tagesheiligen Rupert und Virgil, der Heilige Bonifatius und der Heilige Kilian und seine Gefährten überzeugten die Menschen in unserem Land durch ihre Glaubwürdigkeit, die auf ihrem persönlichen Glauben und dessen Strahlkraft beruhte. Zeugenschaft drückt nicht und engt nicht ein. Vom Pfarrer von Ars wird gesagt, dass er trotz aller Zeichen der Askese eine „kaum bestimmbare Fröhlichkeit in seinen Gesichtszügen"[11] gehabt habe, eine Freude, die von Gott kommt.

Die Liebe Christi hat uns in Besitz genommen, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben", schreibt der heilige Paulus, und er fährt fort: „Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich selber leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde."[12] 

Das ist die bleibende Herausforderung für alle Gläubigen, aber insbesondere für uns Priester - und unsere große Chance!

Amen.

_______________________________

[1] Läufer, Erich: „Der Seelsorger, der in die Herzen schaute", Kirchenzeitung Köln, 31-32/09.

[2] Vgl. z.B. die Ansprache während der Generalaudienz vom 05. August 2009.

[3] Papst Benedikt XVI.: Schreiben zum Beginn des Priesterjahres anlässlich des 150. Jahrestages des ‚Dies natalis' von Johannes Maria Vianney.

[4] Papst Benedikt XVI. in der Generalaudienz vom 24.06.2009.

[5] Ebd.

[6] Mk 14,36.

[7] Schreiben von Papst Benedikt XVI. zum Beginn des Priesterjahres 2009. A.a.O.

[8] Ebd. Fußnote 20.

[9] Ebd. Fußnote 22.

[10] Ebd. Fußnote 24.

[11] Läufer, Kirchenzeitung Köln, a.a.O.

[12] Vgl. 2 Kor 5,14/15.