Frieden fördern durch Präsenz: Benediktiner berichten aus dem Heiligen Land

Von Regina Einig

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WÜRZBURG, 7. September 2007 (die-tagespost.de/ ZENIT.org).- Seit hundert Jahren wirken deutsche Benediktiner im Heiligen Land. Die Abtei Dormitio auf dem Zionsberg in Jerusalem und das vor siebzig Jahren ins Leben gerufenes Priorat Tabgha am Ort der wunderbaren Brotvermehrung am See Genesareth in Galiläa sind Stationen auf dem Weg unzähliger deutscher Pilger zu den heiligen Stätten. Vor allem Tabgha, wo derzeit unmittelbar an der Brotvermehrungskirche ein neues Kloster entsteht, veranschaulicht einen erstaunlich raschen Wandel: Wo sich heute Kameras auf prominente Besucher wie Bundespräsident Horst Köhler oder Außenminister Frank-Walter Steinmeier richten und Sikhs aus Großbritannien Halt auf einer Friedenspilgerfahrt machen, lebten noch vor hundert Jahren Beduinen. Auch muslimische Gäste sind keine Seltenheit: Sogar drusische Pilgerinnen (Anhängerinnen einer muslimischen Sekte, A.d.R.) haben den sogenannten heiligen Stein in der Abteikirche schon besucht.



Pilger im Geist benediktinischer Gastfreundschaft aufzunehmen ist jedoch nicht die einzige Aufgabe der Mönche. Vor allem möchten die Konvente von Jerusalem und Tabgha den Frieden vor Ort fördern. Im Fuldaer Bonifatiushaus berichteten am vergangenen Donnerstag Pater Jonas Trageser OSB, Prior der Dormitio-Abtei zu Jerusalem und Pater Jeremias Marseille OSB, der die Gemeinschaft der Benediktiner am See Geneserath leitet, darüber, wie die Mönche aus sechs Nationen versuchen, den Auftrag der Benediktsregel „Suchet den Frieden und jaget ihm nach“ im Alltag eines krisengeschüttelten Landes zu leben. Zwischen den Bevölkerungsgruppen sei eine „Glaswand, die nichts durchlässt“, fasste Pater Jonas die Schwierigkeiten vor Ort zusammen. Dass die Heiligen Stätten in den Augen der einheimischen arabischsprachigen Christen vor allem „Stätten von Ausländern für Ausländer“ sind, deren Liturgie sie nicht verstehen – die Mönche beten die Horen auf Deutsch – , erschwert die Aufgabe.

Eine bewegende Bilddokumentation gab Einblicke über das Leben in der Begegnungsstätte für israelische und palästinensische Jugendliche und Behinderte in Tabgha. Bereits während der Ersten Intifada (1987–1993) betreuten israelische und palästinensische Ärzte dort Kinder beider Konfliktparteien. Eine Fortsetzung des Projekts hätte den Bau eines Krankenhauses vorausgesetzt

Heute verbringen Gruppen aus SOS-Kinderdörfern, Jugendliche und Behinderte dort unbeschwerte Ferientage. Mit Spiel- und Bademöglichkeiten im Grünen bietet Tabgha ideale natürliche Voraussetzungen. „Wenn eine christlich-arabische Gruppe und eine jüdisch-israelische Gruppe gleichzeitig dort sind, ist das für die Behinderten kein großer Unterschied. Für die Betreuer schon“, stellte Pater Jeremias fest. Was der Kontakt der Teilnehmer untereinander bewirke sei zwar nicht messbar, aber dennoch nicht zu unterschätzen. Der Benediktiner verwies auf sichtbare Früchte der Arbeit wie Freundschaften zwischen arabischen Angestellten seines Klosters und israelischen Gästen, die zu gemeinsamen Unternehmungen führen.

Wenn zu Taizégebeten, die mehrmals im Jahr in der Abteikirche stattfinden, zehn Jugendliche aus Nazareth kommen „sind wir dankbar“, erläutert Pater Jeremias. Die Stille in einem spannungsgeladenen Land zu suchen, sei keineswegs selbstverständlich. Dass die psychisch fordernde Präsenz der Mönche in einem Konfliktgebiet langfristig von materieller und moralischer Unterstützung von außen abhängt, verdeutlichten beide Beiträge. Für die Abtei auf dem Zionsberg trägt der Deutsche Verein vom Heiligen Land in Köln Sorge. Darüber hinaus haben die Mönche im Bistum Hildesheim eine Vertretung als Rückzugmöglichkeit eingerichtet. Die Mitbrüder in Hildesheim übernehmen organisatorische Hilfe für die Abtei Dormitio, die lediglich ein bescheidenes Budget für soziale Hilfen vor Ort wie Lebensmittelspenden zur Verfügung steht. Denn Präsenz in einem Land, in dem sich viele entmutigte Christen vom Rest der Welt vergessen fühlen, betrachten die Benediktiner im Heiligen Land als Teil ihrer Berufung.

[© Die Tagespost vom 6. September 2007]