Friedenstreffen in Assisi im Geist der Suche nach der Wahrheit

Friede ist unabdingbare Voraussetzung der Erlösung

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ASSISI, 28. Oktober 2011 (ZENIT.org). – Ungefähr 300 Vertreter aller Religionen hatten sich am Donnerstag auf Einladung Papst Benedikts XVI. in Assisi versammelt, um für den Frieden zu beten. Das Treffen war das zweite seiner Art neben dem ersten Treffen vor 25 Jahren, das vom sel. Papst Johannes Paul II. organisiert worden war. Diesmal nahmen erstmals auch Nichtgläubige teil. Es gab kein gemeinsames Gebet, sondern eine Zeit der Stille und persönlicher Meditation.

Die Teilnehmer des Friedenstreffens waren am Donnerstagmorgen in einem Schnellzug des Typs „Frecciargento“ (Silberpfeil) vom Vatikan in die umbrische Kleinstadt gereist.

Zu Beginn des Programms gab es eine gemeinsame Rückschau auf das erste Friedenstreffen am 27. Oktober 1986 und kurze Ansprachen mehrerer Religionsführer. Papst Benedikt betonte in seiner Ansprache die Notwendigkeit der Hinordnung des Menschen auf Gott, um Frieden und Gerechtigkeit zu erlangen.

Wenn der Mensch sich selber zum Maß aller Dinge mache, folgten unweigerlich Gewalt und Grausamkeit. [ZENIT berichtete]

Nach einer vegetarisches Mahlzeit, bestehend aus Reis mit Gemüse sowie Obst, dessen Einfachheit nach Angaben der Organisatoren die „Teilnahme am Leid der vielen Männer und Frauen, die keinen Frieden kennen“, symbolisieren sollte, zogen die Teilnehmer in einer Prozession in die historische Altstadt von Assisi, um vor der Kirche San Francesco ihre Verpflichtung zum Frieden zu erneuern.

Die abschließenden , kurzen Ansprachen der einzelnen Religionsvertreter wurden von Kardinal Jean-Louis Tauran, dem Präsidenten des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog, mit den Worten eröffnet: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutem bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! Im Schweigen, das Gebet geworden ist, mit dem Fasten, Ausdruck unseres Bestrebens nach Läuterung und Nähe mit den Leidenden, und in den Pilgerreise, die uns als Wanderer auf dem Weg zur Wahrheit zeigt, sind wir zum letzten Teil unserer Zelebration gelangt. Die Hoffnung auf Frieden ist durch das persönliche Gebet und die Anhörung der Zeugnisse wieder belebt worden. Jeder Einzelne von uns möge nach seiner Heimkehr den Wunsch verspüren, Zeuge und Botschafter zu sein: Friede ist möglich, sogar heute!“

In wenigen Augenblicken werden wir unsere gemeinsame Verpflichtung erneuern, auf dass wir uns nie mit Krieg und Trennung abfinden mögen. Wir wissen nach unserer heutigen erneut gelebten Erfahrung, dass mit Gottes Hilfe der Glaube jeden Zweifel besiegen kann, das Vertrauen die Angst überwinden lässt, die Hoffnung Oberhand über die Furcht gewinnen kann. Friede und Segen für alle!“

Dr. Rowan Douglas Williams, Erzbischof von Canterbury, rief als Vertreter der Anglikanischen Kirche in Erinnerung, dass die gegenwärtige Zeit ein gemeinsames Zeugnis religiöser Personen brauche. Alle Menschen teilten die menschliche Natur, daher teilten sie auch alle dieselbe Menschenwürde. Zusätzlich wüssten die Christen auch, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, Mensch geworden sei und damit die menschliche Natur als neue Schöpfung erhoben habe. Daher müssten „alle gläubigen Menschen die Überzeugung gemeinsam haben, dass sie einander nicht fremd sind, sondern durch ihre Beziehung zu Gott eine Freundschaft bilden müssen.“ Der Erzbischof schloss mit einigen Zeilen des Gedichtes „Was ist der Mensch“ von Waldo Williams.

Norvan Zakarian, Primas der Diözesen der apostolischen armenischen Kirche in Frankreich, erklärte: „Die Förderung des Friedens in der Welt ist ein integraler Bestandteil der Mission, die die Kirche mit ihrem Wirken als Erlösungswerk Christi auf der Erde lebt.“ Sie erhebe den Menschen aus seiner einfachen menschlichen Kondition und öffne ihm das Absolute.  Dieses Absolute vereine die Wahrheit mit der Gerechtigkeit, die beiden Konditionen für Vergebung. Eine Gesellschaft müsse den Frieden als Grundlage für das Zusammenwirken am Gemeinwohl herstellen. Seine Eminenz schloss mit Psalm 84 [85]: „Auch spendet der Herr dann Segen und unser Land gibt seinen Ertrag. Gerechtigkeit geht vor ihm her und Heil folgt der Spur seiner Schritte.“

Rabbi David Rosen, KSG, CBE, Internationaler Direktor für interreligiöse Angelegenheiten, AJC, legte den Begriff des „Pilgerns“ aus. Der biblische Begriff habe einen wörtlichen und einen geistlichen Sinn. Er sei wörtlich als das Hinaufsteigen von Judäa nach Jerusalem zu verstehen, zum Tempel hin. Die geistliche Bedeutung, als prophetische Vision verstanden, habe die Entstehung des Himmels auf Erden zum Ziel. Der Friede auf Erden sei als Abbild der Eintracht in der Arche Noas zu verstehen, in der Raubtiere Seite an Seite mit ihrer Beute lebten. Der Friede sei also: „unabdingbare Voraussetzung der Erlösung“.

Acharya Shri Shrivatsa Goswami des Sri Rasharamana Tempels in Vrindavan, Indien, Repräsentant des Hinduismus pries den fleischgewordenen Gott und erklärte den inneren Pilgerweg, wie ihn auch Mahatma Ghandi verstanden habe, als einen Weg auf die Wahrheit hin, die Wahrheit, die Gott sei. Diese Wahrheit bringe Frieden mit sich, und nie könne der Friede „durch gewalttätige Mittel erzwungen werden“.

Ja-Seung, Präsident des „Jogye Ordens“ des koreanischen Buddhismus, begann seine Rede mit einem an Benedikt XVI. gerichteten Dank für die Einladung. Dann verglich er die Seele eines jeden Menschen mit einer blühenden Blume, die zerbrechlich und behutsam behandelt und der nie mit Gewalt begegnet werden dürfe. Er verband sich mit allen Anwesenden, die gemeinsam eine „Bruderschaft des Lebens, „Bruderschaft des Friedens“ und „Bruderschaft der Kultur“ darstellten.

Der Islam wurde unter anderem von Dr. Kyai Haji Hasyim Muzadi, dem Generalsekretär der internationalen Konferenz Islamgelehrter (ICIS), vertreten. Er erklärte, dass viele Probleme nicht in der Religion ihre Ursache hätten, sondern im fehlenden ganzheitlichen Verständnis der Menschen dieser Religion. Oft seien politische, wirtschaftliche oder kulturelle Gründe ausschlaggebend für Probleme, Konflikte und Spannungen. Er schlug eine Unterscheidung zwischen „Problemen in einer Religion“ und „religiösen Problemen“ vor. „Wenn Religionen auf solche Grundlagen gestellt werden, dann sind ihre Mitglieder zum ewigen Krieg verurteilt“.

Außerdem sprachen noch P. Dr. Olav, Fykse Tveit, Generalsekretär des ökumenischen Rates der Kirchen, Prof. Wande Abimbola, Awise Agbaye, Sprecher der Religionen Ifu und Yoruba in der Welt, und Prof. Julia Kristeva für die Humanisten und viele andere Religionsvertreter.

Abschließend bezeichnete Papst Benedikt XVI. in seinen Schlussworten die Spiritualität des Menschen als notwendige Voraussetzung aller Friedensbemühungen. [ZENIT berichtete]

Nach einem Moment der Stille wurden Lichter entzündet, dann tauschten die Delegierten den Friedensgruß aus. [jb]