Friedhöfe als Orte der Wurzeln, des Schmerzes und der Hoffnung

Ein Interview mit dem Kapuziner Br. Luca Casalicchio, dem Verantwortlichen der Gemeinschaft von Verano

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ROM, 2. November 2012 (ZENIT.org).- Am heutigen Freitag, dem 2. November 2012, treten die im Jahre 2007 von der italienischen Bischofskonferenz erlassenen Normen über die Feuerbestattung in Kraft. Um Näheres darüber in Erfahrung zu bringen führte ZENIT ein Interview mit dem Kapuzinerbruder Luca Casalicchio, dem Verantwortlichen der Kirchengemeinde des Hauptfriedhofs von Rom, dem  „Campo di Verano“. Seit Pius XII. sie im Jahre 1955 zum Ersatz der Laterankanoniker berufen hatte, sind die Brüder dort anwesend.

Im Allgemeinen finden die Begräbnisse in der eigenen Pfarre statt. In einigen Fällen begeben sich die Gläubigen jedoch zur religiösen Feier auf den Friedhof.

ZENIT: Die Feuerbestattung wurde von der Kirche früher abgelehnt; nun ist sie erlaubt.

Br. Casalicchio: Die Wahl der Feuerbestattung wird heute anders als in den vergangenen Jahren nicht mehr als ideologisch motiviert und im Gegensatz zur Auferstehung und der religiösen Dimension des Menschen stehende  Entscheidung betrachtet. Ferner hat sich eine praktische Notwendigkeit ergeben. Beispielsweise muss als Voraussetzung für eine Erdbestattung hier am „Campo di Verano“ ein Familiengrab vorhanden sein, und es steht nicht immer Platz zur Verfügung. Die Aschenurne ist hingegen eine stets anwendbare Variante.

Unter ganz speziellen Umständen, beispielsweise im Falle eines Ablebens im Ausland, kommt es zur Einäscherung vor dem Begräbnis. Dabei gestaltet sich der Transport des Leichnams meist als schwierig und ist kostspielig. Der Transport der Asche ist im Vergleich dazu aus wirtschaftlicher Sicht und in Bezug auf den bürokratischen Aufwand sehr einfach.

ZENIT: Sind diesbezüglich konkrete Richtlinien vorgesehen?

Br. Casalicchio: Von Seiten der Kirche gibt es dazu folgende Empfehlungen: Die Einäscherung sollte nur in Ausnahmesituationen wie den oben genannten Fällen vor dem Begräbnis erfolgen und im Regelfall nach dem Begräbnis durchgeführt werden. Die Totenmesse mit dem Leichnam wird also  zuerst gefeiert, dann folgt die Einäscherung. Ebenso wie bei dem Sarg findet der Gang zum Friedhof in Begleitung eines bevollmächtigten geweihten Amtsträgers statt. Dabei und während der Bestattung der Urne werden Gebete gesprochen.   

ZENI: Handelt es sich dabei um eine Empfehlung oder um eine Verpflichtung?

Br. Casalicchio: Der Staat erlaubt die Mitnahme der Urne in die Wohnung, das Verstreuen der Asche, etc. Von Seiten der Kirche wird aus Respekt vor dem Leib des Verstorbenen, selbst wenn dieser zu Staub zerfallen ist, die Aufbewahrung der Urne auf dem Friedhof erbeten.  Die Kirche erachtet die Mitnahme der Urne in die Wohnung als unrichtig.

Die Totenmesse mit der Urne erfolgt im Gegensatz zu jener mit dem Sarg ohne Förderung und ohne Besprengen. Dies soll den Unterschied zwischen dem Leib und der Asche hervorheben.

ZENIT: Wann wurden die neuen Normen veröffentlicht?

Br. Casalicchio: Sie wurden bereits in einem im Jahr 2007 geschaffenen Hilfsinstrument der italienischen Bischofskonferenz mit dem Titel „Proclamiamo la tua resurrezione“ (Wir verkündigen deine Auferstehung) vorgestellt. Das am 3. November 2012 in Kraft tretende und für die italienische Kirche bindende Regelwerk zur Einäscherung war damals bereits festgelegt.

ZENIT: Ist es heute möglich, Platz für die Beisetzung auf dem Friedhof zu bekommen?

Br. Casalicchio: Ja. Auf dem „Campo di Verano“ muss allerdings ein Familiengrab vorhanden sein. Auf den anderen Friedhöfen existieren sowohl die Erdbestattung als auch die Beisetzung in einer Grabnische.

ZENIT: Ist die Wahl der Einäscherung also nicht unbedingt notwendig?

Br. Casalicchio: Nein. Diese Form der Bestattung ist an spezielle Erfordernisse geknüpft.

ZENIT: Hat Sie im Rahmen dieser Tätigkeit ein bestimmtes Faktum besonders berührt?

Br. Casalicchio: Besonders berührt hat mich die Erfahrung, dass Menschen, die ihre Angehörigen einäschern ließen, im Nachhinein oft von Gewissenskonflikten geplagt sind. Sie haben das Gefühl, dem Körper sei Gewalt angetan worden, wenngleich die Einäscherung zur Beschleunigung eines natürlichen Vorganges führt, der sonst  15-20 Jahre dauern wurde.

Das Loslassen von Körper eines geliebten Menschen innerhalb weniger Tagen, das Zurückbleiben eines bloßen Gefäßes, führt in manchen Fällen zu einem schweren Trauma, das die Schuldgefühle zu verstärken vermag. Meiner Erfahrung nach ist es oft gut, den Lebenden aufgrund des erlebten Aktes Trost zu spenden. Selbst wenn mit der Einäscherung dem Wunsch des Verstorbenen nachgekommen wurde, erleben die Angehörigen die Situation als unangenehm; sie begreifen sie als Notwendigkeit.

ZENIT: Welcher Inhalt ist für die Predigt zu wählen?

Br. Casalicchio: Sicherlich muss die Hoffnung auf die Auferstehung durch den Aspekt der Bezahlung  zum Ausdruck kommen. Meines Erachtens enthält die Enzyklika „Spes Salvi“ von Papst Benedikt XVI. eine sehr eindrucksvolle Betrachtungsweise der Dimension des Jüngsten Gerichtes.  Dieses wird darin als Ort der Hoffnung bezeichnet. Auch der Katechismus der Katholischen Kirche ist diesbezüglich erhellend.

ZENIT: Aus welchen weiteren Blickwinkeln wird dieser Aspekt beleuchtet?

Br. Casalicchio: Als interessante Perspektive kann jene des „Dies Irae“ angeführt werden, obwohl die Trompetenstößen und die Angst von einem anderen Verständnis des Mittelalters zeugen. Es handelt sich um einen Hymnus der Hoffnung. Dazu zählt selbst die Stelle von dem guten Hirten, der müde wird, und die Suche nach dem Schäfchen sitzend fortsetzt.

ZENIT: Welche Rolle spielt die Volksverehrung im Totenkult?

Br. Casalicchio: Sie ist eng damit verbunden, denn Friedhöfe sind die Orte der Wurzeln. Es ist schön, vor allem am Samstag ganze Familien zu sehen, die mit den Kindern ihre lieben Verstorbenen besuchen. Der Gang zum Friedhof wird jedoch nicht ausschließlich als Zeichen des katholischen Glaubens praktiziert. Junge und alte Menschen kommen auch unabhängig davon zur ihren dort begrabenen Lieben. Genau darin besteht das Gefühl der eigenen Wurzeln. Ferner ist der Friedhof der Ort des Schmerzes, denn man kommt dorthin um zu weinen, um die Tränen der Verzweiflung und der Untröstbarkeit zu trocknen; vor allem dann, wenn das eigene Kind gestorben ist.

ZENIT: Erzählen Sie uns bitte von den Fällen größten Schmerzes.

Br. Casalicchio:   Der neue Bereich für die Bestattung der Kinder ist jener Teil des Friedhofes, wo der Schmerz am Greifbarsten ist. Dort sieht man Spielsachen, junge Paare, die täglich kommen, Mütter, die seit 30 Jahren um ihre Kinder weinen und sich selbst dabei in Gefahr begeben. Tatsächlich ist das Begehen der Nebenwege im Winter nachmittags nicht immer sicher. Der Friedhof ist auch ein Ort der Hoffnung. Dieser Friedhof ist vor allem ein Ort der Kunst, der Schönheit und der Geschichte.

ZENIT: Auf dem Gelände dieses Friedhofes  wurden auch Themenwege eingerichtet.

Br. Casalicchio: Das stimmt. Ich denke an den Weg der Gründungsväter des italienischen Staates, an jenen über unsere Geschichte und jenen  der Künstler. Ebenso könnte man einen Weg der großen religiösen Figuren des 20. Jahrhunderts einrichten, die hier begraben sind und später heiliggesprochen wurden. Der Friedhof ist eine Stadt der Toten und zugleich eine Stadt der Lebenden, in der diese beiden Dimensionen  in Erwartung der Erlösung eine Verflechtung erfahren.

ZENIT: Ist  in den Menschen ein Gefühl vom Leben in Ewigkeit lebendig?

Br. Casalicchio: Diese Sehnsucht nach einer über das Leben hinausgehenden Weiterführung des Daseins, nach einem Fortbestehen der Gefühle der Zuneigung, ist in das menschliche Herz eingeschrieben und gewiss vorhanden. Sie muss dann Reinigung und Erziehung erhalten. Der für uns so wesentliche Gedanke der Auferstehung des Körpers ist vielleicht weniger greifbar, doch das Gefühl lebt in uns. 

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]