Friedrich Kardinal Wetter, Erzbischof von München und Freising, über das Ethos des Arztberufes

Grußbotschaft zum Salzburger Symposion \"Ärzte: Heiler oder Handlanger der Gesellschaft?\" (5. November 2005)

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ROM, 25. Oktober 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen das Grußwort, das Friedrich Kardinal Wetter, Erzbischof von München und Freising, an die Besucher des Symposions \"Ärzte: Heiler oder Handlanger der Gesellschaft?\" gerichtet hat, das am 5. November in Salzburg stattfinden wird.



\"Es ist hohe Zeit und notwendig, beharrlich und offensiv eine christliche Antwort zu geben, einen rechtlich und moralisch nachdrücklich begründeten Widerspruch und, wenn es sein muss, auch einen im christlichen Gewissen begründeten zivilen Ungehorsam zu leisten\", schreibt Kardinal Wetter angesichts des mancherorts bemerkbaren gesellschaftlichen und politischen Drucks auf Ärztinnen und Ärzte, \"Beihilfe zur Selbsttötung zu leisten\".

Deshalb begrüßt er \"diese notwendige Initiative\" vom Salzburger \"Ärzteforum für das Leben\" und dankt allen Ärztinnen und Ärzten, \"die sich darum sorgen und dafür eintreten wollen, dass der Beruf des Arztes ein Heilberuf und als solcher seinem Jahrtausende alten Ethos verpflichtet bleibt.\"

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Die selbst bestimmte Abtreibung und der selbst bestimmte Tod sind die Eckpunkte einer seit Jahrzehnten bewusst vorangetriebenen gesellschaftlichen Entwicklung und einer gezielt auf immer neue Erweiterungen ausgerichteten Diskussion. Die verpflichtenden Grundlagen eines wahrhaft humanen Gemeinwesens werden dabei im Namen eines angeblich ideologiefreien Fortschreitens wissenschaftlicher Erkenntnisse immer mehr ausgehöhlt und in herausfordernder Weise sogar in ihr Gegenteil verkehrt. Die unantastbare Würde jedes menschlichen Lebens ist generell, besonders an seinem Anfang und an seinem Ende, interpretierbar und damit antastbar gemacht worden.

In der Bundesrepublik Deutschland hat kürzlich der Justizsenator des Stadtstaates Hamburg, Roger Kusch, in einer großen Tageszeitung von sich reden gemacht. Mit einem wohl berechneten Rückgriff auf gesetzliche Regelungen der Abtreibung unternahm er einen Vorstoß, um die in anderen europäischen Ländern geführte Euthanasiedebatte auch in Deutschland voranzubringen. Dieser Vorstoß weist in eine rechtlich wie moralisch inhumane Richtung.

Mit der Forderung, dass der Staat den Wunsch eines Todkranken nach Hilfe zum Sterben uneingeschränkt zu respektieren habe, wird dem Vollzug einer aktiven Sterbehilfe das Wort geredet. Der Heilberuf des Arztes wird dabei in die Rolle gedrängt, Beihilfe zur Selbsttötung zu leisten. Die ausdrückliche Berufung auf den Staat beinhaltet letztlich, dass zumindest in staatlichen Einrichtungen des Gesundheitswesens Ärzte und Ärztinnen unter Druck gesetzt werden, als berufsmäßige Handlanger einer Gesellschaft tätig zu sein, die Tötung ungeborener Kinder im Mutterleib und Selbsttötung bei schwerer Krankheit und am Ende des Lebens rechtlich sanktioniert hat.

In seiner Argumentation beruft sich der Justizsenator bezeichnenderweise auf in Deutschland geltende \"Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch\", die zeigten, \"dass eine Geburt, ein Kind, die Entscheidung des Menschen sei und dass, wenigstens für eine gewisse Zeit, das Recht der Mutter über dem Recht des ungeborenen Kindes stünde\".

Diese Argumentation lässt zum einen eine große Geringschätzung der Weitergabe von Leben in Ehe und Familie deutlich werden, und sie steht zum anderen im klaren Widerspruch zur höchstrichterlichen Rechtsprechung in Deutschland.

In den Leitsätzen zum entsprechenden Urteil des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichtes vom 28. Mai 1993 heißt es wörtlich: \"Diese Würde des Menschseins liegt auch für das ungeborene Leben im Dasein um seiner selbst willen. Es zu achten und zu schützen bedingt, dass die Rechtsordnung die rechtlichen Voraussetzungen seiner Entfaltung im Sinne eines eigenen Lebensrechts des Ungeborenen gewährleistet (...). Dieses Lebensrecht, das nicht erst durch die Annahme seitens der Mutter begründet wird, sondern dem Ungeborenen schon aufgrund seiner Existenz zusteht, ist das elementare und unveräußerliche Recht, das von der Würde des Menschen ausgeht; es gilt unabhängig von bestimmten religiösen oder philosophischen Überzeugungen, über die der Rechtsordnung eines religiös-weltanschaulich neutralen Staates kein Urteil zusteht.\"

Wer die Äußerungen des Hamburger Justizsenators den Leitsätzen des Bundesverfassungsgerichtes gegenüberstellt, muss erkennen, dass sogar in hohe Ämter gewählte Politiker, denen eine besondere Verantwortung für die Einhaltung der Rechtsordnung anvertraut ist, sich nicht scheuen, sich eben über diese Rechtsordnung hinwegzusetzen, und so dazu anleiten, sie zu missachten. Es ist bei solcher Gesinnung nur folgerichtig, dass auch der Versuch gemacht wird, die christliche Position gegen die juristische auszuspielen.

Die aktuellen Auseinandersetzungen zeigen überdeutlich: Es ist hohe Zeit und notwendig, beharrlich und offensiv eine christliche Antwort zu geben, einen rechtlich und moralisch nachdrücklich begründeten Widerspruch und, wenn es sein muss, auch einen im christlichen Gewissen begründeten zivilen Ungehorsam zu leisten.

Vor mehr als 2500 Jahren hat der griechische Arzt und große Begründer der europäischen Heilkunde, Hippokrates, auch die ethischen Grundsätze des ärztlichen Berufs formuliert. Wenn jetzt immer öfter verantwortungsbewusste Ärzte besorgt nach der Zukunft ihres Berufes fragen, weil sie ihn durch gesellschaftliche Entwicklungen elementar bedroht sehen, ist das ein Alarmzeichen erster Ordnung. Ärztinnen und Ärzte wollen wissen, ob sie künftig mit ihrem fachlichen Können und mit ihrer ärztlichen Berufung als Heilende zum Wohl des Menschen oder aber als Handlanger gesellschaftlicher Überzeugungen tätig sein sollen.

Das Salzburger \"Ärzteforum für das Leben\" veranstaltet am 5. November ein Symposion in Salzburg zu dieser akuten Frage. Das Tagungsthema könnte aktueller nicht sein: \"Ärzte: Heiler oder Handlanger der Gesellschaft?“ Ich begrüße diese notwendige Initiative und ich danke allen Ärztinnen und Ärzten, die sich darum sorgen und dafür eintreten wollen, dass der Beruf des Arztes ein Heilberuf und als solcher seinem Jahrtausende alten Ethos verpflichtet bleibt.

Wer immer offensiv für die unantastbare Würde jedes menschlichen Lebens eintritt, der tritt auch für die unumstößlichen Grundlagen eines humanen Gemeinwesens ein. Über diese Grundlagen haben weder gesellschaftliche Gruppen, noch politische Parteien, noch Parlamente und Regierungen eine Verfügungsgewalt.

Ich verbinde mich im Gebet mit den Ärztinnen und Ärzten des Salzburger Symposions und ihrem Anliegen von ganzem Herzen und bitte um den Segen Gottes für ihre Arbeit.

München, 19. Oktober 2005
Friedrich Kardinal Wetter
Erzbischof von München und Freising

[Vom Erzbistum München und Freising veröffentlichtes Original]