Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra.Umwertung aller Werte

Von Susan Gottlöber

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WÜRZBURG, 11. September 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Als Friedrich Nietzsche (1844–1900) im Jahr 1889 in geistige Umnachtung versank, begann sich der zukünftige Erfolg seiner Schriften gerade erst abzuzeichnen. Bis in die Gegenwart gilt „Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen“ als eines der wichtigsten Werke Nietzsches; eine Sichtweise, die auch der Autor – er selbst betonte stets dessen „Offenbarungscharakter“ – nach Kräften gefördert hat. Seine Entstehung fällt in die letzte Schaffensperiode, die nach der von Schopenhauer und Wagner beeinflussten ersten und der extrem antichristlich geprägten zweiten Phase wohl am besten als die instinktivistische Phase Nietzsches bezeichnet werden kann. Sie behandelt drei zentrale Thesen, die bis heute als die bekanntesten Punkte nietzscheanischen Denkens gelten: den Übermenschen, den Willen zur Macht und die ewige Wiederkunft des Gleichen.



Das in der Folgezeit so wirkungsmächtige kultur- und religionskritische „Gott ist tot“ – von Nietzsche schon 1882 in der „Fröhlichen Wissenschaft“ postuliert – ist dabei die zentrale Ausgangsthese. Sie ist die unerbittliche Absage an die bis dahin geltenden Leitbilder europäischen Denkens, allen voran christliche Metaphysik und deutscher Idealismus und zugleich der Aufruf zu einem radikalen Atheismus. „Unheimlich und ohne Sinn“ bleibe das menschliche Dasein nach dem Tode Gottes zurück. Um dieser entstandenen (Sinn)Leere und der Gefahr eines daraus resultierenden Nihilismus zu entkommen, müsse eine „Umwertung aller Werte“ erfolgen. Was ist damit gemeint? Erst mit dem „Tod Gottes“ sei der Weg frei, die wertsetzende Instanz aus der Jenseitigkeit wieder in das Diesseits, in den Lebensentwurf des Menschen einzuholen. Nur im Hier und Jetzt eröffnet sich für Nietzsche eine „humane“ Perspektive innerweltlicher Selbsterlösung, die im Gegensatz zur außerweltlichen Unerreichbarkeit Gottes erfüllbar scheint. Die Deutung, der Übermensch sei in Anlehnung an Nietzsches Zeitgenossen Darwin als ein (zukünftiges) Produkt der Evolution zu verstehen, geht also fehl, da in einer solchen Interpretation die Intentionalität als zentrales Moment unterschlagen würde. Das Bild des Menschen als das geknüpfte Seil zwischen Tier und Übermensch zeigt nichts weiter an als das angestrebte Ideal bloß menschlichen Fortschritts.

Diese Hinordnung des Menschen auf das Ziel des Übermenschen findet ihren Ausdruck auch in der immer wieder gebrauchten Mittagsmetapher. Sie verheißt jedoch nicht nur den Höhepunkt der menschlichen Entwicklung, sondern bezeichnet zugleich den Stand der Sonne, der den kürzesten Schatten wirft – ein Bild dafür, dass das Wirkliche am Größten, der Schatten als Bild des Irrtums und Scheins am kürzesten ist: eine interessante Wiederaufnahme und zugleich doch auch Umkehrung des platonischen Höhlengleichnisses.

Zentrale Metaphern für die Entwicklung des menschlichen Geistes sind die „drei Verwandlungen“: Zarathustra beginnt mit dem Kamel als Sinnbild für den duldenden Geist, der sich in Demut und Nächstenliebe immer drückendere Lasten auflädt und so in Nietzsches Augen die christlichen Tugenden verkörpert. In der Wüste, dem biblischen Ort der Offenbarungen und Versuchungen, findet die zweite Verwandlung statt: Der Geist will Herr seiner selbst werden und wird zum Löwen. Dort ringt der Löwe mit einem Drachen, und auf jeder Schuppe dessen Panzers steht „Du sollst“: So lange noch Vorgaben existieren, die verneint werden müssen, kann auch der Löwe nicht frei sein und selbst zum Schaffenden werden. Dennoch: In der Erkenntnis der Scheinhaftigkeit dieser Vorgaben liegt bereits der Kern für ihre Überwindung, der Ansatz zum notwendigen Befreiungsschlag. Nietzsche klingt auch hier fatal modern, wenn er meint, dass aus geordneten Vorgaben heraus nichts geschaffen werden kann, sondern dass es hierzu eines dionysischen und chaotischen Momentes bedarf.

Eine solche Beschreibung trifft in Nietzsches Augen den Kern der Größe menschlichen Seins: In dessen Untergang sei es zugleich seine eigene Überschreitung, eine Befreiung und Entlassung des Selbst aus allen Vorgaben und verkörpere so das wahre amor fati der Stoiker: Lust und Leid werden als untrennbare Einheit bejaht. Dieses unbedingte „Ja!“ zum Leben ist zugleich ein Setzen von Werten – das nietzscheanische Ideal des menschlichen Geistes, bei dem der Wille zur Macht zum Willen zur Selbstüberschreitung wird.

Eine Antwort auf die Frage, wie genau diese Selbstübersteigung des Menschen und Neuschaffung von Werten vor sich gehen soll, bleibt Nietzsche dabei allerdings ebenso schuldig wie eine Klärung dessen, was nun genau unter dem Übermenschen als dem „Sinn der Erde“ verstanden werden soll.

„Also sprach Zarathustra“ ist als ein Antwortversuch darauf zu verstehen, was Nietzsche zeit seines Lebens beschäftigt hat: die Verbindung von Leiden und Leben. Nietzsches „Wille zur Macht“ bildet damit eine Gegenposition zu Schopenhauers Pessimismus. Zugleich sind seine Überlegungen als ein Glied in der Kette der Tradition neuzeitlicher religionskritischer Entwürfe zu lesen, die mit Schopenhauer begonnen hatte und mit Feuerbach und Marx ihre Fortsetzung fand. Die Kritische Theorie nahm ebenso auf ihn Bezug wie die Poststrukturalisten oder Dekonstruktivisten.

[Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Reclam Verlag, Stuttgart 2006, 371 Seiten, ISBN 978-3-15-007111-3, EUR 7,–; Teil 39 der Reihe „Fünfzig Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 23. August 2008]