Fronleichnam, das „Fest der Sehnsucht Gottes nach den Menschen“

Predigt des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner

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ROM, 11. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Kölner Erzbischof am Hochfest des Leibes und Blutes des Herrn gehalten hat.



Kardinal Meisner hob hervor, dass Fronleichnam das „Fest der Sehnsucht Gottes nach den Menschen“ sei. „Wir sind dem Herrn nicht gleichgültig! Ganz im Gegenteil! Er sehnt sich nach uns. Darum hat er sich uns selbst hinterlassen.“

Diese Sehnsucht des Herrn nach seinen Jüngern finde in unserer Sehnsucht nach der eucharistischen Gegenwart des Herrn ihr Echo. „Sie schenkt uns unsere Einheit mit dem Herrn und damit mit der Kirche... Die Kommunion mit dem eucharistischen Herrn setzt sich fort in der Communio in der Kirche. Denn der Christ ist das, was er isst, der Leib Christi. Und die Kirche ist damit der eucharistisch fortlebende Christus, damit die Welt das Leben habe und es in Fülle habe.“

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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

„Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen“ (Lk 22,15). Mit diesen Worten leitet der Herr die Einsetzung der hl. Eucharistie ein. Sie ist geboren aus der brennenden Sehnsucht des Herrn nach der Gemeinschaft mit seinen Jüngern. In dieser Sehnsucht zeigt sich der Durst Gottes, damit seine Ebenbilder, die Menschen, wieder zum Urbild zurückfinden. Aber das war nicht nur damals so, sondern das ist auch heute noch so. Denn der Herr hat auch heute noch Sehnsucht nach uns Menschen. Und darum hat er den Vollzug der hl. Eucharistie den Zwölf Aposteln mit dem ausdrücklichen Auftrag hinterlassen: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19). Die Apostel haben dem Wort des Herrn strikt Gehorsam geleistet. Seit jener Stunde haben sie die Eucharistie gefeiert und durch Handauflegung, d.h. durch die Priester- und Bischofsweihe die Vollmacht durch die Jahrhunderte weitergegeben, bis in diese Stunde hinein, diese Sehnsucht des Herrn zu vergegenwärtigen.

Fronleichnam ist das Fest der Sehnsucht Gottes nach den Menschen. Und es ist dasselbe Opfer, das aus dieser Sehnsucht Gottes nach den Menschen im Abendmahlsaal von Jerusalem geboren wurde, das wir heute feiern. Wir sind dem Herrn nicht gleichgültig! Ganz im Gegenteil! Er sehnt sich nach uns. Darum hat er sich uns selbst hinterlassen, indem er den Aposteln gesagt hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“. Und sie tun es, indem sie über die Gaben von Brot und Wein die Herrenworte sprechen: „Das ist mein Leib, und das ist mein Blut“ und indem sie Bevollmächtigte durch die Weihe dazu qualifizieren für alle Zeit, bis zur Vollendung der Welt. Beim normalen Essen und Trinken assimiliert der Mensch die Speise in seine eigene Körpersubstanz hinein. Beim eucharistischen Gastmahl ist es umgekehrt. Hier wird der Essende hineinassimiliert in die Substanz dessen, was er isst, nämlich den Leib Christi. Dabei ist Christus nicht nur die gottmenschliche Person, die sakramental gegenwärtig wird, sondern er lebt geheimnisvoll weiter in seiner Kirche.

Der Apostel Paulus zeigt uns sehr eindeutig, dass wir Glieder am Leibe Christi sind und dass dieser Leib die Kirche ist. Und die Kirche ist nicht irgendein Wunschbild, das sich jeder einzelne selbst machen könnte, sondern die Kirche ist ganz real, indem bei jeder Eucharistiefeier der Name des obersten Hirten der Weltkirche, der Name des Papstes, genannt wird und dann der Name des jeweiligen Oberhirten der Ortskirche, der Name des Bischofs. Indem der zelebrierende Priester das tut, erweist er sich vor der Gemeinde als ein authentischer Zelebrant, der durch seinen eucharistischen Dienst das zerstreute Volk Gottes hineinsammelt in den Leib Christi.

Papst Leo der Große sagte im 5. Jahrhundert in einer Predigt: „Denn nichts anderes wirkt die Teilhabe am Leib und Blut Christi, als dass wir in das verwandelt werden, was wir genießen – ihn, in dem wir mitgestorben sind, in dem wir mit begraben und mit auferweckt wurden, ihn wollen wir in allem mit Seele und Leib darstellen“. Darum ist die Eucharistie das Lebensprinzip und das Lebenselement unserer Kirche schlechthin, in dem wir leben, uns bewegen und sind (vgl. Apg 17,28). Das zeigt sich in ihrer Theologie und Praxis.

Allein in den letzten 5 Jahren wurde der Kirche eine große Enzyklika über die hl. Eucharistie durch Papst Johannes Paul II. geschenkt. Danach haben wir ein ganzes Eucharistisches Jahr gefeiert. Als Abschluss des Eucharistischen Jahres rief Papst Benedikt XVI. die Weltbischofssynode im Oktober 2005 unter dem Thema: „Die Eucharistie als Mitte der Kirche“ in Rom zusammen. Und erst vor einigen Wochen hat er uns das Nachsynodale Schreiben über diese Synode mit dem Titel: Sacramentum caritatis, d.h. „Sakrament der Liebe“ geschenkt.

Unser Weltjungendtag 2005 hatte seine innere Dynamik von der eucharistischen Anbetung her gefunden. Weil die Kirche ganz aus der Eucharistie heraus lebt, und zwar seit 2000 Jahren, ist der Auferstehungstag, jeder Sonntag, für sie ein Eucharistietag, an dem die Feier der Eucharistie außer Konkurrenz ist und durch nichts anderes ersetzt werden kann. Sonst wäre sie nicht mehr die Kirche Christi. Die Kirche würde sich von ihrer Wurzel her selbst abschneiden, wenn sie das eucharistische Sakrament relativieren würde. Die eucharistische Gegenwart des Herrn bleibt in ihrem Opferzustand auch nach der Feier der hl. Eucharistie erhalten, und wir können ihn in den Tabernakeln unserer Kirchen verehren und anbeten.

Und einmal im Jahr, am Fronleichnamstag, tragen wir den Herrn in der goldschimmernden Monstranz auf die Straßen unserer Städte und Dörfer, um zu verdeutlichen, dass Christus nicht nur ein kirchlicher Grundstücksverwalter ist, sondern Herr der Welt. Und wir Kölner sind mit Recht stolz darauf, dass die erste Fronleichnamsprozession in der Weltkirche in Köln von der Gereonskirche zur Domkirche stattgefunden hat. Katholische Christen aus Kasachstan haben mir von ihren Fronleichnamsprozessionen berichtet. In der Verbannung aus ihrer Heimat an der Wolga, ohne Priester, ohne Kirche, ohne Monstranz, ohne Blaskapelle, haben sie sich am Fronleichnamstag versammelt. An der Spitze ihrer Prozession trugen sie ein aus Birkenholz gezimmertes Kreuz, dann folgten nach der gewohnten Ordnung: Kinder und Jugendliche. Aber es gab keine Monstranz, und es gab keinen Priester!

Ein Mann oder eine Frau trug an der Stelle in der Prozession, an der sonst die Monstranz vom Priester getragen wird, eine priesterliche Stola, die um ein Holzkreuz gewickelt war als Zeichen ihrer Sehnsucht nach einem Priester und damit ihrer Sehnsucht nach dem Herrn in der Eucharistie. Und dann folgten die Frauen und Männer, die Kranken und Alt-gewordenen. Sie pilgerten über die Wege der kasachischen Steppe – beargwöhnt von der Geheimpolizei – und versuchten sich geistlich an die Prozession mit dem eucharistischen Herrn anzuschließen, die ihnen geographisch am nächsten war. „Geheimnis des Glaubens“, ruft uns der Priester oder der Diakon nach der hl. Wandlung zu. Und unsere Antwort ist: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis zu kommst in Herrlichkeit“. Das ist das Geheimnis des Glaubens, das diese katholischen Gemeinden jahrzehntelang ohne Eucharistie und ohne Priester überleben ließ durch ihre brennende Sehnsucht nach dem eucharistischen Herrn.

„Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen“, das sind die Eingangsworte des Herrn bei der ersten Feier der Eucharistie im Abendmahlsaal zu Jerusalem. Diese Sehnsucht des Herrn nach seinen Jüngern findet ihr Echo in unserer Sehnsucht nach der eucharistischen Gegenwart des Herrn. Sie schenkt uns unsere Einheit mit dem Herrn und damit mit der Kirche. Kommunion ohne Zugehörigkeit zur Kirche ist darum nach dem Willen Christi nicht denkbar. Die Kommunion mit dem eucharistischen Herrn setzt sich fort in der Communio in der Kirche. Denn der Christ ist das, was er isst, der Leib Christi. Und die Kirche ist damit der eucharistisch fortlebende Christus, damit die Welt das Leben habe und es in Fülle habe (vgl. Joh 10,10).

Wir danken Gott, dass seit Beginn des Christentums in Köln, also seit fast 1.800 Jahren, der Stadt und dem Land die Gegenwart des Herrn in der Eucharistie immer geschenkt war, und wir bitten auch: „Wie es war im Anfang – vor 1.800 Jahren – so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit“. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Vom Erzbistum Köln veröffentlichtes Original]