Früher oder später wird Pius XII. seliggesprochen werden (Erster Teil)

Interview mit Pater Peter Gumpel, Postulator in der Causa von Papst Pacelli

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 348 klicks

„Über den armen Pius XII. wurde alles Mögliche gesagt“. Diese Aussage traf Papst Franziskus gegenüber der spanischen Zeitung „La Vanguardia“ vor zwei Wochen. Somit anerkennt auch der derzeitige Papst den Umstand, dass sein Vorgänger, der das Papstamt in den turbulenten Jahren des Zweiten Weltkrieges und der Besetzung Roms bekleidete, einem summarischen und sogar irreführenden historischen Urteil zum Opfer fiel. Auf welche Manöver sind diese Täuschungen rund um die Gestalt von Pius XII. zurückzuführen? Handelt es sich um Manöver, die den Seligsprechungsprozess jenes Papstes, der „in der Basilika von San Lorenzo die Flügel ausgebreitet hat“, verlangsamt haben? Wie weit ist das Verfahren nun fortgeschritten? Diese und weitere Fragen werden im Rahmen des folgenden Interviews mit dem Jesuitenpater Peter Gumpel, beantwortet. Dieser war im Jahre 1983 zum Relator im Seligsprechungsprozess von Pius XII. nominiert worden.

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Pater Gumpel, das allgemein verbreitete Bild von Pius XII. entspricht dem eines kühlen, priesterlichen und von den Gläubigen distanzierten Papstes. Sie haben ihn persönlich kennengelernt. Wie lautet Ihre diesbezügliche Einschätzung?

Pater Gumpel: Ich habe Papst Pius XII. kennengelernt und wurde seit seiner Zeit als junger Philosophielehrer am Pontificium Collegium Germanicum mehrmals in Privataudienz von ihm empfangen. Bei der ersten Begegnung wurde ich von ihm einberufen. Er wollte mir persönlich für kleinere Archivarbeiten danken, die ich auf seine Anfrage hin geleistet hatte. Er empfing mich mit absoluter Einfachheit – vollkommen frei von jenen Formalismen, die dieser Kirchenepoche heute zugeschrieben werden. Ich empfand seine Nähe von Anfang an als angenehm. Darüber hinaus vermittelte mir Pius XII. den Eindruck eines zutiefst spirituellen Menschen. Dies kann ich aus meiner eigenen Erfahrung berichten. Ferner zeigten sich bei Pius XII. zahlreiche Gewohnheiten im Umgang mit den Gläubigen, die diesen Eindruck bestätigen. Beispielsweise hielt er öffentliche Audienzen mitten unter den Menschen in einigen großen Räumlichkeiten des Apostolischen Palastes, die Platz für etwa tausend Personen boten. Er hielt keine langen Reden sondern mischte sich lieber unter das Volk und sprach mit den Leuten. Er nahm Anfragen an und nahm jenen, die es nötig hatten, die Beichte ab. Wie kann man einen solchen Papst als kühl, priesterlich und distanziert bezeichnen? Dabei handelt es sich um artifizielle und auf ideologischer Basis konstruierte Betrachtungen, die nicht den Tatsachen entsprechen.

Sind die Urheber dieser Betrachtungen auch jene, die Pius XII. als Ausdruck einer archaischen Kirche ansehen; als den letzten prä-konziliaren Papst, der daher von der Linie seiner Vorgängern abweicht …

Pater Gumpel: Pius XII. war vielmehr ein Vorläufer des II. Vatikanischen Konzils. In diesem Zusammenhang sei das für die Universität Marseille von Pater Paolo Molinari (Postulator der Causa der Seligsprechung von Pius XII., Anm.d.R.) verfasste Dokument „Le presence de Pie XII. au Concile Vatican II.“ (die Präsenz von Papst Pius XII. beim 2. Vatikanischen Konzil) erwähnt. Pater Molinari war ein Mitglied der theologischen Kommission des Konzils. Daher behandelte er dieses Thema mit großer Kompetenz. Somit widerlegt er alle Thesen bezüglich einer Diskontinuität zwischen Pius XII. und Johannes XXIII. Aus der Arbeit von Pater Molinari geht hervor, dass in 219 Anmerkungen der Konzilsdokumente auf die Lehre von Pius XII. Bezug genommen wird. Kein Autor wurde so häufig wie er zitiert; weder der hl. Augustin, noch der hl. Thomas von Aquin noch irgendein anderer Kirchenvater. Doch das ist noch nicht alles. Die Konzilsakten enthalten 1663 Zitate von Pius XII. Ich stelle mir die folgende Frage: Haben jene, die einen Bruch in der Lehre zwischen Pius XII. und seinen Vorgängern erkennen, diese Dokumente gelesen? Das halte ich für unwahrscheinlich; möglicherweise verfügen sie nicht über die nötigen Lateinkenntnisse und theologischen Kompetenzen…

Ihre Arbeit für die Causa der Seligsprechung von Pius XII. ist schon lange abgeschlossen. Wie lange wird es aus Ihrer Sicht noch dauern, bis Papst Pacelli den Rang der Seligen erlangen wird?

Pater Gumpel: Im Falle eines „Bekenners“ (jemand, der seinen Glauben im irdischen Leben bezeugt hat) folgt die Seligsprechungscausa einem sehr sorgfältig geplanten Verfahren, das ein beispielhaftes und dem Evangelium gemäßes Leben des Kandidaten belegen soll. Dieses Verfahren wurde im Falle von Pius XII. ordnungsgemäß durchgeführt. Wir haben 98 Zeugen einberufen und angehört, die ihn in verschiedenen Abschnitten seines Lebens kennengelernt haben. Danach habe ich als Relator der Causa sämtliche im Vatikanischen Archiv vorhandene Dokumente gesammelt und geprüft. Anschließend wurden diese Dokumente einer Kommission von Historikern vorgelegt, deren Aufgabe es war, in meiner Anwesenheit die Ergiebigkeit, Authentizität und Beweiskraft des Materials zu beurteilen. Die Frage wurde dann erneut an 9 Theologen weitergeleitet, die dokumentierten, dass Pius XII. alle notwendigen Tugenden für die Seligsprechung ausgeübt hat. Am Ende des Verfahrens wurde der Praxis entsprechend eine aus insgesamt 13 Kardinälen und Bischöfen aus unterschiedlichen Ländern zusammengesetzte Kommission angehört. Diese gaben ein positives Urteil über den gesamten Seligsprechungsprozess ab. Sie empfahlen dem Papst, damals Benedikt XVI., sogar eine sofortige Unterzeichnung des Genehmigungsdekretes. Zu dieser Unterschrift kam es jedoch nicht, was nicht ein Ausdruck des Zweifels an den Tugenden von Pius XII. seitens des Papstes nicht. Vielmehr wollte er als Deutscher – verständlicherweise – Streitigkeiten mit Anhängern des Judentums vermeiden.

(Der zweite Teil erscheint morgen, Dienstag, dem 1. Juli)