Früher oder später wird Pius XII. seliggesprochen werden (Zweiter Teil)

Interview mit Pater Peter Gumpel, Postulator in der Causa von Papst Pacelli

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 317 klicks

Ist es richtig, die Verantwortung für die Verzögerung bei der Seligsprechung den Beiträgen einiger jüdischer Gruppen zuzuschreiben?

Pater Gumpel: Vor allem möchte ich hervorheben, dass es sehr richtig ist, von einigen Gruppen und nicht von der gesamten jüdischen Welt zu sprechen. Unter den Mitgliedern aller großen Gruppen befinden sich herausragende und sehr gute Persönlichkeiten, andere sind mittelmäßig und wieder andere sind eben „faule Äpfel“. Dies gilt für die Juden wie für alle anderen Gruppen. Ausgehend von dieser Prämisse betone ich mein Verständnis dafür, dass sich die Juden von Pius XII. eine ausdrückliche Stellungnahme gegen die Deportation durch die Nationalsozialisten erwartet hätten. Diesbezüglich kann ich jedoch von einer persönlichen Erfahrung berichten. Im Jahre 1942 kam ich aus politischen Gründen aus Deutschland ins Exil in die Niederlande. Als junger Katholik ging ich am 26. Juli 1942 zur Sonntagsmesse und hörte zu meiner großen Verwunderung einen Pastoralbrief des einzigen niederländischen Erzbischofs, Msgr. De Jong, in dem er die deutsche Besetzung der Niederlande scharf kritisierte.  Ich hatte zwei unmittelbare Reaktionen darauf: Zunächst beeindruckte mich der Mut dieses Kardinals, doch später begriff ich, dass eine derartige Geste eine Antwort der Nazis hervorrufen würde. Wenige Tage später, am 2. August, beschleunigte Deutschland die Deportation von Juden aus den Niederlanden und nahm auch getaufte Juden in die Liste auf. Unter diesen befanden sich Edith Stein und ihre Schwester. Im Lichte dieser Erfahrung können wir sagen, dass ein solcher Protest das Leben keines Juden zu retten vermochte und sogar kontraproduktiv war. Pius XII. war sich darüber im Klaren und hat sich für eine umsichtige Reaktion entschieden.

Diese Umsicht wird vielerorts als stillschweigendes Einverständnis zwischen Pius XII. und dem Dritten Reich interpretiert…

Pater Gumpel: Vor einigen Jahren erschien in den Vereinigten Staaten ein Buch, in dem die Beiträge bedeutender Professoren versammelt sind. Herausgeber war Joseph Buttom, ein Liberaler, der nicht als pro-katholischer Sympathisant gilt. Aus dem Band mit dem Titel „The Pius War“ (Der Pius-Krieg) geht hervor, dass die Verteidiger von Pius XII. jede Schlacht gewonnen, sämtliche Widerstände beseitigt, den Krieg jedoch noch nicht gewonnen haben. Dem füge ich hinzu, dass der Sieg dieses Krieges den Einsatz von Informationsinstrumenten erfordert. Prof. Konrad Repgen, einer der größten deutschen Historiker, schrieb mir einmal, dass die gewissenhafte Arbeit der Historiker nur unter Experten verbreitet ist, während die Massen „konsumieren“, was ihnen von den Medien serviert wird, wobei der nächstbeste Dummkopf (laut einem Zitat, das mir in Erinnerung geblieben ist), der den größten Unsinn redet, wiederholt und in den weitreichenden Kanälen verbreitet, von den Leuten als glaubhaft betrachtet wird. Meines Erachtens ist die öffentliche Meinung heute vollkommen in der Hand von Gruppen, die der Kirche und daher auch Pius XII. feindlich gesinnt sind.

Kürzlich erschien ein Buch über den mutmaßlichen Plan Hitlers, Pius XII. festzunehmen und nach Deutschland zu deportieren. Was wissen Sie über diese Begebenheit?

Pater Gumpel: Ich bin überzeugt davon, dass es sich dabei um die Wahrheit handelt. In deutschen Kreisen in Rom kursierte diese Nachricht während der Besetzung mit einer gewissen Insistenz. Es existiert das Zeugnis von Nikolaus Kunkel, einem jungen deutschen Oberleutnant am Sitz des militärischen Gouverneurs von Rom. Dieses zeigt, dass man von einem Moment auf den anderen den Befehl erwartete, in den Vatikan einzufallen. Das ist nicht das einzige Zeugnis von deutscher Seite. Ein weiteres stammt von General Karl Wolff, dem Oberkommandanten der norditalienischen SS. Dieser hat mir und Pater Molinari direkt über die Angelegenheit berichtet.

Unter Eid sagte er aus, von Hitler persönlich den Befehl erhalten zu haben, in den Vatikan einzufallen, diesen jedoch sabotieren konnte. Viele denken, dass er mit dieser Aussage sein Gewissen reinwaschen wollte, doch ich halte sie für glaubwürdig. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich berichten, dass Wolff kein Krimineller und auch kein Lügner war.

Im Interview gegenüber „La Vanguardia“ hat sich Papst Franziskus ausdrücklich für Pius XII. ausgesprochen und die üblen Reden gegen ihn verurteilt. Wie interpretieren Sie diese Haltung?

Pater Gumpel: In einem anderen Interview zu diesem Thema behauptete der Papst, dass für die Unterzeichnung des Dekrets für Pius XII. das Wunder fehle. Ich bin über diese Antwort ehrlich gesagt ein wenig verwundert, zumal der amtierende Papst immer eine große Verehrung gegenüber dem ersten Priester der Gesellschaft Jesu, Pietro Favre, gehegt hat, dessen Seligsprechungsverfahren Unregelmäßigkeiten aufwies, d.h. gleich verlief. Dies bedeutet im Wesentlichen, dass die Notwendigkeit des Wunders ausgeschlossen war. Im Übrigen kam es zu vielen Seligsprechungen ohne Wunder.

Denken Sie, dass Sie die Seligsprechung von Pius XII. erleben werden?

Pater Gumpel: Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht, denn ich bin kein Prophet… Ich persönlich bin jedoch überzeugt davon, dass die Seligsprechung von Pius XII. früher oder später stattfinden wird. Als Historiker kann ich sagen, dass bedeutende Persönlichkeiten unmittelbar nach ihrem Tod erhebliche negative Reaktionen hervorrufen. Erst im Laufe der Zeit, wenn die Gemüter sich beruhigt haben, setzt allmählich eine Neubewertung ein.

Der erste Teil des Interviews erschien am gestrigen Montag, dem 30. Juni.