Führen im Ehrenamt – FrauenPerspektiven aus Sicht des II. Vatikanischen Konzils

Pfarrer, Diakon, Pastoralreferent - Gemeindereferentin und dann noch das Ehrenamt

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BONN, 5. Dezember 2009 (ZENIT.org/dbk.de).- Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, hat zum internationalen „Tag des Ehrenamts“, das heute, am 5. Dezember das ehrenamtliche Engagement von Frauen in Kirche und Gesellschaft hervorgehoben. Bei der 3. Fachtagung zu Fragen der Geschlechtergerechtigkeit stand das Gespräch zwischen Bischöfen und katholischen Frauen in Führungspositionen im Mittelpunkt (ZENIT berichtete). Dies kam insbesondere in den Foren der Tagung, die am Montag stattfand zum Ausdruck. In jedem Forum hatten die Teilnehmer Gelegenheit, mit einem oder mehreren Bischöfen ins Gespräch zu kommen und Perspektiven von Frauen zum Thema „Führen im Ehrenamt“ zu diskutieren.

Wir veröffentlichen das Statement von von Prof. Dr. Margit Eckholt, die an der Universität Osnabrück Lehrstuhlinhaberin für das Fach Dogmatik ist.

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Führen im Ehrenamt – FrauenPerspektiven
3. Fachtagung zu Fragen der Geschlechtergerechtigkeit am 30.11.2009 in Frankfurt
Statement von Prof. Dr. Margit Eckholt, Universität Osnabrück

Pfarrer, Diakon, Pastoralreferent - Gemeindereferentin und dann noch das Ehrenamt
Anmerkungen aus Sicht des II. Vatikanischen Konzils
1. Einführung: Frauen und das Ehrenamt – nicht doch nur ein „Notnagel“ in Zeiten der Krise?


These:
Die Frage nach dem Ehrenamt von Frauen in der Kirche – und im besonderen der Blick auf neue Leitungsaufgaben, die sich hier ausbilden -, kann die vertrauten ekklesiologischen Impulse des Konzils in ein neues Licht stellen und die Frauenfrage auf eine neue Weise wieder in den Mittelpunkt stellen. Zum „neuen“ Ehrenamt gehören die Selbstbestimmung, die Auswahl aus Neigung und Interesse, angesichts von Kompetenzen, Lebensphasen, Glaubensfragen, dazu gehören die zeitlich befristete „Projekt“-Arbeit und vor allem der Wunsch nach Anerkennung dieser Tätigkeit durch die in der Gemeinde hauptamtlich Tätigen. Dieses „neue Ehrenamt“ ist eine Chance, einen neuen, befreiteren Blick auf die Gemeinschaft der Kirche und ihre Ämter und Dienste zu werfen.


Zur Begründung dieser These werde ich:
1. bei der sakramentalen Grundstruktur der Kirche im Ausgang der Konzilsekklesiologie ansetzen und von dort das Ehrenamt von Frauen als zentralen Beitrag zur Ausgestaltung einer zeitgemäßen Sozialgestalt von Kirche in den Blick nehmen.


2. „Priesterliche Existenz“ – die theologische Grundlage für die Ausgestaltung verschiedener Dienste und Ämter im Volk Gottes: eine Erinnerung an die sakramentale Ekklesiologie des Konzils


Das 2. Vatikanische Konzil hat entscheidende Weichenstellungen für eine erneuerte Ekklesiologie gegeben. Entscheidend ist der Blick auf die sakramentale Struktur von Kirche. Die Kirche ist „in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (LG 1). In ihrer Sendung führt sie die Sendung Jesu Christi fort, wenn in ihr aus erlöstem und befreitem Miteinander, in und aus Freiheit Lebensgestalten erwachsen, in denen Sinn und Wahrheit für den Menschen aufgehen.


Die Kirche ist, was sie ist, allein aus dem „Herz der Gnade“, Jesus Christus. Ihre ganze Existenz ist in diesem Sinne, eingeschrieben in Jesus Christus, eine „priesterliche“. Alle, die über das Sakrament der Taufe Glied der Kirche werden, haben Anteil an den „Ämtern“ Jesu Christi – dem priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt. Jede Christin – jede ehrenamtlich Tätige – steht als Getaufte in der Verantwortung, das Ihre beizutragen, daß die Gemeinschaft des Volkes Gottes genau diesem Anspruch, das Evangelium zu verkünden und die Gemeinschaft mit Gott und untereinander wachsen zu lassen, gerecht werden kann.

Für die Ekklesiologie, für die Amtstheologie, für den Blick auf Gemeinde und Pastoral sind hier ganz entscheidende theologische Weichenstellungen gegeben worden; alle Ämter sind als Dienste an und in dieser sakramentalen Kirche zu verstehen: daß die Kirche immer mehr hineinwächst, sich als dieses Sakrament Jesu Christi zu vollziehen. Die nachkonziliaren Ekklesiologien haben in dieser theologischen Perspektive die Kirche als „Communio“ bestimmt, einen neuen Blick auf das Amt und die Laien geworfen und neue Modelle für eine kommunikative Pastoral vorgelegt.


Das Konzil hat über diese neue – in den biblischen Texten und der patristischen Theologie gründende - theologische Bestimmung hinaus nicht vergessen, daß Kirche eine konkrete Verfassungsgestalt hat. Die Kirche ist eine „komplexe Wirklichkeit“, „die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst“ (LG 8). Eine unserer Moderne wirklich entsprechende Verfassungsgestalt zu entwerfen, ist eine der entscheidenden Aufgaben der Nachkonzilstheologen-Generation. Genau sie hat mit dem genannten Ankommen der Kirche in der Moderne zu tun, und wenn bei diesem Studientag das „Führen von Frauen im Ehrenamt“ im Blick ist, so sind wir mitten in diesem Thema.


3. Das Ehrenamt in der Kirche und die Frauen: Auf dem Weg zu einer neuen Sozialgestalt der Kirche und einer evangelisierenden Pastoral


- „Priesterliche Existenz“ und das Ehrenamt


Das 2. Vatikanum hat im 2. Kapitel der Kirchenkonstitution, aber auch anderen Texten an die biblische Rede vom „gemeinsamen Priestertum“ angeknüpft. Alle, die über die Taufe der Kirche angehören, nehmen teil am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Jesu Christi und darin an der sakramentalen Struktur der Kirche. Für das Miteinander aller Dienste und Ämter in der Kirche und für eine theologische Begründung des Ehrenamtes ist dieses „gemeinsame Priestertum“ die entscheidende Grundlage: „Der Unterschied, den der Herr zwischen den geweihten Amtsträgern und dem übrigen Gottesvolk gesetzt hat, schließt eine Verbundenheit ein.“ (LG 32) Unter allen Gläubigen waltet – von Jesus Christus her – „eine wahre Gleichheit in der allen Gläubigen gemeinsamen Würde und Tätigkeit zum Aufbau des Leibes Christi“ (LG 32).

Eine Theologie des Ehrenamtes kann bei dieser Ausprägung der sakramentalen Struktur von Kirche und der Anteilhabe aller Getauften an den Ämtern Jesu Christi ansetzen. Wenn Frauen im Ehrenamt Leitungspositionen übernehmen, wird das Gesicht des königlichen Amtes neu. Gerade weil sie durch ihr Eingebundensein in ganz unterschiedliche Lebensvollzüge an den Grenzen und über den Grenzen von Kirche hinaus tätig sind, wird sich das prophetische Amt erneuern können. Und weil ehrenamtliche Tätigkeiten von Frauen vor allem im diakonischen und sozialen Bereich erwachsen, wird das priesterliche Amt – das Hineinhalten der Welt in aller „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ (GS 1) in das Erlösungsgeschehen Jesu Christi – eine neue Lebensdichte erhalten.


- Das Erschließen des „empowerment“, das mit der „priesterlichen Existenz“ gegeben ist


Dieser Blick auf die „priesterliche Existenz“ hat zu tun mit der Subjektwerdung aller Christen und Christinnen, ein Thema, das das Konzil im Blick hatte und das genau mit dem „Ankommen der Kirche in der Moderne“ zu tun hat. Es ist interessant, daß sich dieses Thema über 50 Jahre nach dem 2. Vatikanum neu meldet.


Es wird heute in der Pastoral immer mehr darum gehen, die Entdeckungsprozesse zu fördern, daß ehrenamtlich tätige Frauen – im Miteinander mit Priester, Pastoral- oder Gemeindereferentin – in diesem Sinne am Evangelisierungsauftrag der Kirche Anteil haben. Auf Hauptamtliche mit guten theologischen Kompetenzen – gerade auch Laientheologinnen und -theologen – kann und darf hier nicht verzichtet werden. Aufgabe der „Hauptamtlichen“ ist es, das „Subjektwerden“ der ehrenamtlich Tätigen zu fördern und entdecken zu helfen, so daß diese ihre Verantwortung, als Christin (oder Christ) zum Werden der sakramentalen Kirche beizutragen, übernehmen können. Gefragt sind gerade die theologischen und geistlichen Kompetenzen der Hauptamtlichen – das ist eine neue Gestalt der „Seelsorge“, die die große Chance birgt, daß die Vielfalt der Lebenswelten der Menschen – und hier gerade der Frauen - auf neue Weise in die Gemeinde geholt werden kann und dieser eine Lebendigkeit und Attraktivität gibt.


Ehrenamtlich tätige Frauen sind zum großen Teil in diakonischen und sozialen Feldern aktiv und haben dort Leitungsaufgaben übernommen. Es sind Felder, die im alltäglichen Lebensprozess einer Gemeinde bzw. im Gottesdienst kaum sichtbar werden. Gerade darum wird es wichtig sein, Formen der offiziellen Anerkennung dieser ehrenamtlichen Führungsaufgaben – gerade auch in Form von kirchlichen Beauftragungen im Gottesdienst z.B. – zu finden. Darüberhinaus gilt es natürlich, die Kompetenzen von Frauen auf allen Feldern des kirchlichen Ehrenamtes – gerade auch Leitungsfunktionen im Pfarrgemeinderat, in Finanz-, Verwaltungs- und Bauausschüssen – zu fördern. Aber gerade weil das Feld von Diakonie und Caritas in großem Umfang von Frauen „besetzt“ ist, wird die theologische Aufarbeitung dieser ehrenamtlichen Tätigkeiten die Chance bieten, für eine Theologie des Amtes den „Dienstcharakter“ auf neue Weise zu konkretisieren, zu erden und auf die vielfältigen Lebenswelten der Menschen zu beziehen.

- Dienst an der Einheit


„Hauptamtliche“ – Priester, Pastoral- und Gemeindereferentin - stehen in der Verantwortung, Räume zu öffnen für die Entfaltung der Charismen. Dazu gehört viel Demut, gleichzeitig ein neuer und differenzierter, Konflikte nicht scheuender Umgang mit „Macht“. Dazu gehört die Fähigkeit einer „Unterscheidung der Geister“ im Blick auf den Wandel des eigenen Selbstverständnisses als Priester oder beauftrage Pastoralreferentin. Dazu gehört ein Anerkennen der Kompetenzen derer in der Gemeinde, die sich ehrenamtlich engagieren, ebenso das Delegieren von leitender Verantwortung. Dazu gehört aber auch ein neues Entdecken der eigenen theologischen Kompetenzen, die gerade das entscheidende Rüstzeug sind, die neuen Charismen in einer Gemeinde – oder auch über die Ränder der Gemeinde hinaus – zu erschließen und sie auf die Mitte der Gemeinde hinzuführen. Die Gefahr, die die neue Entdeckung der Charismen birgt, kann in einer Zerstreuung liegen. Damit dieser Moment zu einem Pfingsten – und damit einer Erneuerung der Kirche - werden kann, muß das sakramentale Amt heute im besonderen als Dienst an den Charismen und als Dienst an der Einheit verstanden werden.


- Eine evangelisierende Pastoral


Das Ehrenamt ist – das ist sicher Verdienst dieses Studientages - zu einem theologischen und ekklesiologischen Thema geworden. Es birgt für Frauen die Chance, auf eine neue Weise einen Beitrag zur Realisierung der Kirche als Sakrament der Einheit mit Gott und untereinander zu leisten, der die Debatten um die Sozialgestalt der Kirche in eine neue Weite stellt. Pastoral und Seelsorge werden sich – im Sinne des 2. Vatikanum – von der Communio des ganzen Volkes Gottes her bestimmen, von dort her wieder mehr den Menschen in den Blick nehmen und über die vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeiten der Frauen die Fülle der Lebenswelten des Menschen in ihre Mitte stellen, damit seine Ängste und Nöte, den Kampf um die Existenz bei Verlust von Arbeit und Geld, seine Sorgen in Krankheit und Leid. Die letzte Vollversammlung des lateinamerikanischen Episkopats in Aparecida (2007) hat in ihr Zentrum die evangelisierende Pastoral gestellt und die neuen „Subjekte“ in der Kirche – die Träger und Trägerinnen der Evangelisierung – in den Blick genommen. Wenn wir diesen Spuren der Subjektwerdung in der Kirche weiter folgen, dann werden wir vielleicht den Beitrag leisten, um den es mir hier gegangen ist: ein Beitrag zum „Ankommen der Kirche in der Moderne“, in dessen Verantwortung gerade auch Frauen und Theologinnen stehen.