„Fumetti“ kämpfen gegen das Vergessen: Ungewöhnliches Projekt im „Museo Storico della Liberazione di Roma“

Von Ulrich Nersinger

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WÜRZBURG, 3. Juli 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Comic-Hefte, die sich mit den Gräueln der Nazizeit befassen, kann man sich in Deutschland und Österreich nur schwer vorstellen. Folterszenen in Gestapokellern, Darstellungen von Erschießungen oder gar Bilder von Abtransporten in Konzentrationslager: In Italien ist das anders. Vielleicht hängt dies auch ein wenig damit zusammen, dass die Hefte dort „fumetti“ genannt werden und ihnen nicht automatisch das Attribut „komisch“ anhaftet. Italiener kennen schon seit Jahrzehnten „fumetti“ mit historischem, kulturellem oder religiösem Inhalt.



Das „Museo Storico della Liberazione di Roma“ hat ein Projekt gewagt, das auch für italienische Verhältnisse außergewöhnlich ist und von Mut zeugt. Es hat ein Comic zu den Ereignissen der Okkupation Roms durch deutsche Truppen herausgebracht. Das Museum, untergebracht in der Via Tasso Nr. 145, ist eine historische Stätte, deren Erwähnung in keinem italienischen Schulbuch der Nachkriegszeit fehlt. Hier befand sich ursprünglich eine Dependance der Botschaft des Deutschen Reiches. Während der Monate der deutschen Besatzung Roms vom September 1943 bis Juni 1944 war es der von SS und Gestapo geführten Sicherheitspolizei überstellt worden: die SS ließ das Haus zu einem Kerker und einer Folterzentrale umbauen.

Alle Fenster des Gebäudes waren von innen vermauert. Über den Zellentüren hatte man eine winzige Öffnung geschaffen, um ein klein wenig Licht und Luft hereinzulassen. Als Schlafgelegenheit befanden sich in den Gefängnisräumen primitive Holzpritschen. Die Pritschen reichten jedoch nicht für alle Gefangenen aus; viele mussten auf der Erde schlafen.

Jeden Morgen um 7 Uhr wurden die Häftlinge geweckt. Zwei Minuten gestand man ihnen zu, um sich zu waschen, in Gruppen und völlig unbekleidet. In den Bädern waren die Türen entfernt worden, um die Gefangenen besser zu kontrollieren – und zu erniedrigen. Dann wurde die einzige Mahlzeit des Tages ausgeteilt: eine dünne, ungesalzene Brühe mit Kartoffel- und Gemüsestücken und zwei kleine Brotlaibe, zusammen etwa zweihundert Gramm schwer. Wer sich zur Zeit der Essensausteilung nicht in den Zellen befand, ging leer aus.

Um 20 Uhr wurde das Licht in den Zellen gelöscht und „Ruhe“ befohlen. Auf jedes Wort, das nun fiel, folgte eine Bestrafung. Während der Nacht wurden die Zellen nur geöffnet, um Inhaftierte zu vernehmen. Die oft stundenlangen Verhöre wurden von brutalen Misshandlungen begleitet. Die SS brachte die Gefolterten in die Zellen zurück, blutüberströmt, um die Mitgefangenen einzuschüchtern.

An den Zellenwänden sind noch heute erschütternde Zeugnisse zu entdecken. Botschaften, die von den Häftlingen auf den Verputz geschrieben oder hineingeritzt wurden. Mitteilungen an die Eltern, an den Ehemann oder die Ehefrau, an die Kinder, an Freunde und Weggefährten: Religiöse Symbole, jüdische und christliche. An manchen Stellen in den Zellen bemerkt der Besucher blasse Flecken – „eingetrocknetes Blut“, erklärt der Kustode des Museums mit leiser Stimme.

Am 3. Juni 1944, als sich die alliierten Streitkräfte vor den Toren Roms befanden, verließen die Männer der SS und Gestapo fluchtartig die Via Tasso. Die Gefangenen wurden erst befreit, als die römische Bevölkerung das Gebäude am folgenden Tag erstürmte. Schon kurze Zeit später setzte Roberto Rossellini den Opfern dieser grausamen Stätte durch „Roma, città aperta“ (Rom, offene Stadt) ein filmisches Gedenken.

„In Italien werden Fumetti von allen Alters- und Bildungsklassen gelesen; warum sollen wir diese Chance vertun“, argumentieren die Herausgeber des Comics. Das Heft beschönigt nichts. Die Zeichner haben die Vorfälle in der Folterzentrale der SS drastisch dargestellt. Das Geschehene dürfe nicht aus einer falsch verstandenen Pädagogik heraus verharmlost werden, heißt es zur Erklärung, man würde sonst die Gräuel relativieren, sie zu einer Fußnote in der Geschichte verkommen lassen.

Das „Historische Museum der Befreiung Roms“ (Via Tasso 145, 00185 Roma) ist dienstags, mittwochs und freitags von 16 bis 19 Uhr geöffnet, samstags und sonntags von 9.30 bis 12 Uhr – es sollte dem Besucher der Ewigen Stadt, ob Pilger oder Tourist, einen Besuch wert sein.

[© Die Tagespost vom 30.06.2007]